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Olympische Spiele 2008, Gruppe F

Holpriger Sieg

Deutschland - Nordkorea 1:0 (0:0)

Text von Tom Schlimme
Archivbilder von Nora Kruse

12.08.2008   Genauso holprig wie der Platz präsentierte sich auch das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Nordkorea. Offensiv ging beim deutschen Team wenig, Fehlpässe unterbachen immer wieder den Spielaufbau. Die Defensive stand besser, aber keineswegs unbezwingbar. Der mangelnden Schusstechnik der Nordkoreanerinnen und einer wieder einmal glänzend aufgelegten Nadine Angerer ist es vor allem zu verdanken, dass das deutsche Team nun ohne Gegentreffer ins Viertelfinale einziehen kann.

Die Nordkoreanerinnen, bei der WM 2007 noch als Überraschungsmannschaft zu bezeichnen, sind inzwischen noch stärker geworden. Zu ihren fast schon als traditionell zu bezeichnenden athletischen Tugenden kommt inzwischen eine fußballerische Technik hinzu, die in der Weltklasse allemal mithalten kann. Allein die Chancenauswertung ist aufgrund mangelnder Schusstechnik noch ein Manko - und Torhüterin Jon Myong Hui stellt nach wie vor eine Schwachstelle in der nordkoreanischen Elf dar.

Auf deutscher Seite zeigten sich Licht und Schatten: Einzig Nadine Angerer machte ein wirklich gutes, fehlerfreies Spiel. Die Abwehr stand weitgehend sicher, mußte aber ein zahlenmäßiges Chancenplus der Nordkoreanrinnen zulassen, wobei aber wirkliche Großchancen die Ausnahme blieben, so in der 32. Minute, als Kim Yong Ae aus aussichtsreicher Position hoch über das Tor schoss. Typisch für das deutsche Spiel Linda Bresonik, die links in der Viererkette defensiv fast unbezwingbar war, sich nach vorne aber etliche teilweise haarsträubende Fehlpässe leistete.

Im Mittelfeld hat sich Renate Lingor weiter verbessert, ihre Freistöße und Eckbälle waren brandgefährlich, und auch in Punkto Zweikampfstärke hat Lingor aufgeholt. Allerdings kamen immer noch sehr viele ihrer Pässe nach vorne nicht an. Vorne war Sandra Smisek praktisch kaltgestellt. Anja Mittag brachte dann nach ihrer Einwechselung in der 63. Minute deutlich mehr Druck zustande als Smisek vorher. Kerstin Garefrekes spielte für meinen Geschmack viel zu lange auf der linken Seite statt ihrer gewohnten rechten und blieb weitgehend wirkungslos. Melanie Behringer rieb sich in Zweikämpfen auf, konnte sich aber selten entscheidend durchsetzen.

So kam es mal wieder auf Birgit Prinz an, die wie so häufig mehrere Gegenspielerinnen auf sich zog und im Verlaufe der Partie meist auch wenig bewegen konnte, aber im entscheidenden Moment einfach die Brechstange auspackte. In der 86. Minute ging Prinz mit dem Ball an zwei Abwehrspielerinnen vorbei, an denen sie eigentlich niemals hätte vorbeikommen dürfen, und schoss hart aufs Tor. Keeperin Jon Myong Hui konnte den Ball nur


abklatschen und Anja Mittag hatte keine Mühe, den Abpraller aus kurzer Distanz ins Tor zu befördern. Damit waren der zweite Gruppenplatz für Deutschland und der Einzug ins Viertelfinale besiegelt.

Birgit Prinz

Birgit Prinz bereitete in der 86. Minute das Tor des Tages durch einen Alleingang vor

Prinz war es auch, die in der 26. Minute die erste große Chance für Deutschland gehabt hatte, als sie sich auf der linken Seite durchsetzen konnte. Doch Jon Myong Hui hielt mit gutem Reflex. Wenig später verpasste Behringer eine Flanke von Lingor in guter Position nur knapp. Doch kurzen deutschen Drangphasen folgten starke Phasen der Nordkoreanerinnen, die das deutsche Team öfter über Minuten in der eigenen Hälfte einschnüren konnten. Hätten die Spielerinnen Nordkoreas besseres Zielwasser getrunken, sie hätten leicht in Führung gehen können.

So ging ein wuchtiger Fernschuss in der 33. Minute genau auf Angerer. Wäre der Ball in eine Ecke gegangen, wäre er unhaltbar gewesen. Meist aber trafen die Stürmerinnen Nordkoreas das Tor erst gar nicht, obwohl sie öfter auch aus kurzer Entfernung zum Schuss oder zum Kopfball kamen. Die besten Chancen hatte aber ganz klar Deutschland, so Ende der ersten Hälfte, als Simone Laudehr einen Freistoß von Lingor mit Karacho an die Latte köpfte - mag sein, dass die koreanische Keeperin noch eine Hand am Ball hatte, aber dieser schöne Kopfball hätte allemal ein Tor verdient gehabt.

Insgesamt kann man also von einem verdienten, aber trotzdem auch glücklichen Sieg für das deutsche Team sprechen. Es ist gut möglich, dass der Ball auf einem besseren Platz auch besser rollt, es ist gut möglich, dass es bei den für unsere Verhältnisse extremen Temperaturen auch darum gegangen war, nicht unnötig Kräfte zu vergeuden. Die wahre Leistungsstärke dieser Mannschaft ist momentan schwer einzuschätzen. Klar ist aber, in den folgenden KO-Spielen muss eine deutliche Steigerung her!

Ein Wort noch zum ZDF: Entgegen den Ankündigungen zeigte das ZDF in der ersten Halbzeit andere


Sportarten, zum Glück konnte ich auf den digitalen ZDF-Info-Kanal ausweichen. Nach der Pause wurde dann die zweite Halbzeit im ZDF übertragen - bis von der 54. bis 66. Spielminute mal eben die Siegerehrung für die erste deutsche Goldmedaille (Alexander Grimm, ein Kanut) eingeschoben wurde. Nach kurzem Übertragungsloch sprang dann wieder ZDF-Info ein, was ich nur durch Zappen zufällig bemerkte. Entsprechende Informationen an die Zuschauer wären sicher auch des Service zu viel gewesen. Ich habe das Spiel dann auch auf ZDF-Info zu Ende gesehen, der Kommentar dort gefiel mir deutlich besser. Nach dem Spiel wurde dann zeitversetzt jene Siegerehrung gezeigt. In meinen Augen die vernünftigere Reihenfolge. Leider kann ich mich zunehmend des Eindrucks nicht erwehren, dass es in der Sportredaktion des ZDF Verantwortliche gibt, die Frauenfußball nur äußerst widerwillig übertragen...

Anja Mittag

Anja Mittag staubte zum 1:0 für Deutschland ab. Nicht ihr einziger Verdienst heute, schon vorher hatte sie nach ihrer Einwechselung für frischen Wind gesorgt!

Deutschland:
Angerer - Stegemann, Krahn, Hingst, Bresonik - Laudehr, Lingor, Garefrekes, Prinz, Behringer (69. Bajramaj), Smisek (63. Mittag)

Nordkorea:
JON Myong Hui - KIM Kyong Hwa (64. KIM Ok Sim), OM Jong Ran, SONG Jong Sun, KIL Son Hui, RI Un Suk, RI Kum Suk, RI Un Gyong, SONU Kyong Sun, KONG Hye Ok, KIM Yong Ae (51. HO Sun Hui )

Tor:
Mittag (86.)

Gelbe Karten: KIL Son Hui (PRK), SONU Kyong Sun, JON Myong Hui

Schiedsrichterin: Dianne Ferreira-James (Guyana)

Zuschauer: 15.000


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