Fansoccer-Logo

Olympische Spiele 2008, Spiel um Bronze

Magerkost zum Abschluss

Deutschland - Japan 2:0 (0:0)

Text von Tom Schlimme

21.08.2008   Bronze bei einem derart hochkarätig besetzten Turnier wie diesen Olympischen Spielen 2008 ist kein richtig schlechtes Ergebnis. Doch die deutsche Mannschaft hat in keinem ihrer sechs Spiele wirklich überzeugen können. So wurde im letzten Spiel gegen Japan die Chance vertan, sich für die Niederlage gegen Brasilien im Halbfinale adäquat zu rehabilitieren. In der ersten Halbzeit war das deutsche Spiel sogar so schlecht, dass man wohl von der schlechtesten deutschen Halbzeit in diesem Turnier sprechen muss.

Das deutsche Team begann mit einer Fehlpassorgie, die dazu führte, dass der Ball kaum einmal über die Mittellinie gebracht werden konnte, das Spiel fand in den ersten fünf Minuten fast nur in der deutschen Hälfte statt. Danach wurde es etwas ausgeglichener, aber die Japanerinnen, aktuell zehnte der Fifa-Weltrangliste, blieben überlegen. In der 13. Minute kam Shinobu Ohno an der Strafraumgrenze zu einem Schuss auf das deutsche Tor, indem sie sich gegen Ariane Hingst und Kerstin Stegemann durchsetzte. Der Schuss ging drüber, zeigte aber, wie leicht sich die „alten Häsinnen” in der deutschen Abwehr derzeit ausspielen lassen.

Vor allem Stegemann begann schlicht unterirdisch. In der 14. Minute hatte sie es bereits auf drei krasse Fehlpässe gebracht, und es sollten viele weitere folgen. Aber auch Sandra Smisek, die heute im Sturm wieder den Vorzug vor Anja Mittag bekommen hatte, gelang praktisch gar nichts. Eine Flanke von Melanie Behringer brachte dann in der 15. Minute wenigstens einen Hauch von Gefahr vor das japanische Tor, doch Keeperin Miho Fukomolo holte sich den hohen Ball im Strafraum knapp vor dem Kopf von Kerstin Garefrekes.

Renate Lingor

149 Länderspiele für Deutschland: Renate Lingor wird ihre große Karriere beenden, das Spiel gegen Japan war ihr letztes Fußballspiel unter Wettkampfbedingungen überhaupt. Lingors Wunsch, zum Abschluss olympisches Gold zu holen, hat sich nicht erfüllt, doch die Leistung, sich nach der schweren Schulterverletzung im DFB-Pokalfinale Ende April überhaupt noch einmal so heranzukämpfen, ist aller Ehren wert.

Archivbild: Nora Kruse

Aber die Fehlpässe der deutschen Spielerinnen prägten weiter das Spiel. Renate Lingor, die eine der beiden Doppelsechser, in ihrem letzten Spiel überhaupt, war schwach, Simone Laudehr, die andere Doppelsechs, schwächer. Linksverteidigerin Babett Peter brachte Japan in der 20. Minute mit einem Fehlpass in Ballbesitz, der zu einem Schuss von Aya Miyama durch die Beine von Hingst führte, den Nadine Angerer im deutschen Tor aber super parieren konnte. Angerer war klar die beste deutsche Spielerin dieser Halbzeit. Dabei ging sie angeschlagen ins Spiel, der derbe Tritt von Daniela im Halbfinale gegen ihrern Oberköprer hatte Spuren hinterlassen.

So parierte Angerer auch einen Fernschuss von Kyoko Yano eine Minute später. Der Ball flatterte gefährlich, aber Angerer konnte zur Ecke abwehren. Diese führte zur nächsten japanischen Chance, Angerer und Behringer mußten auf der Linie


Lira Bajramaj

Lira Bajramaj kam erst in der 62. Minute auf den Platz, schoss Deutschland dann aber mit ihren beiden Toren zur Bronzemedaille

Archivbild: Beate Wolter

gemeinsam klären, zu diesem Zeitpunkt war das 0:0 ein für Deutschland glücklicher Spielstand!

In der 27. Minute bekam Laudehr die gelbe Karte, weil sie eine Gegenspielerin so am Trikot festhielt, dass sich dieses eine Armlänge weit zu dehnen schien. Der fällige Freistoß führte prompt zu einer guten Gelegenheit für Mizuho Sakaguchi, doch etwa sieben Meter vor dem Tor bekam die Japanerin den Ball nicht unter Kontrolle und vergab. Danach wurde Deutschland dann endlich etwas stärker und das Spiel ausgeglichener, doch ohne weitere Torgelegenheiten ging es dann torlos in die Pause.

Die zweite Hälfte begann mit einer Überraschung: Bundestrainerin Silvia Neid brachte tatsächlich Conny Pohlers für Sandra Smisek! Wer hätte gedacht, dass die angeblich trainingsschwache Pohlers, deren Torjägerqualitäten wesentlich zu den drei Titeln des 1. FFC Frankfurt in der abgelaufenen Saison beigetragen hatten, überhaupt noch einmal in China zum Einsatz kommen würde! Sicher nicht nur deswegen, aber auch deswegen, wurde das deutsche Spiel nun besser, ohne freilich wirklich überzeugen zu können.

Conny Pohlers

Torriecher, wuselig und brandgefährlich: Conny Pohlers. Leider konnte sie ihre Fähigkeiten bei diesen Olympischen Spielen fünfeinhalb Spiele lang nicht zeigen, weil sie die Ersatzbank unter sich festhalten mußte

Archivbild: Nora Kruse


Pohlers war es dann auch, die in der 68. Minute eine Flanke von rechts hereingab, Garefrekes köpfte aufs Tor, Fukomolo wehrte nur schlecht ab, und die inzwischen eingewechselte Lira Bajramaj konnte zum 1:0 einschießen. Bajramaj war es dann auch, die in der 87. Minute das 2:0 erzielen und damit Bronze klar machen konnte.

Es ist verständlich, dass der DFB in seiner Außendarstellung die positiven Seiten des Turniers betont und die Bronzemedaille letztlich als Erfolg darstellt, die sie ja auch ist. Ich will jetzt auch nicht in den Chor derer einstimmen, die momentan am liebsten die halbe Mannschaft samt Bundestrainerin auswechseln würden. Weder haben die Spielerinnen in relativ kurzer Zeit das Fußballspielen verlernt noch die Bundestrainerin das Trainieren. Aber ich hoffe doch sehr, dass intern eine kritische Reflexion erfolgt, welche Ursachen dem insgesamt doch enttäuschenden Auftritt der deutschen Mannschaft zugrunde liegen. Der größte Fehler, den man machen könnte, wäre jetzt, alles schön zu reden und keine Fehler zu finden.



Deutschland
Angerer - Stegemann, Krahn, Hingst, Peter - Laudehr (64. Okoyino da Mbabi), Lingor, Garefrekes, Prinz, Behringer (62. Bajramaj), Smisek (46. Pohlers)

Japan
Fukomolo - Kanga, Ikeda, Iwashimizu, Miyama, Sawa, Ohno (68. Maruyama), Hara (75. Arakawa), Yano (88. Utsugi), Skaguchi, Nagasato

Tore:
1:0 Bajramaj (68.)
2:0 Bajramaj (87.)

Gelbe Karten: Laudehr/Kinga

Schiedsrichterin: Estela Alvarez (Argentinien)

Zuschauer: 49.000


Zur Olympia-Sonderseite

Zur FanSoccer-Startseite