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Olympische Spiele 2008, Halbfinale

Das tat weh!

Brasilien - Deutschland 4:1 (1:1)

Text von Tom Schlimme

18.08.2008   Aua, das war hart! 1:4 gegen Brasilianerinnen, denen man allein schon wegen ihrer in diesem Spiel wieder einmal öfter gezeigten Überhärte und etlicher Meckereien eine weitere Niederlage gegen Deutschland in einem entscheidenden Spiel gegönnt hätte. Doch dazu fehlte es dem deutschen Team letztlich an mehr als nur etwas Glück, es fehlten sowohl die spielerische Klasse als auch die athletische Überlegenheit, die deutsche Mannschaften in der Vergangenheit oft vor Niederlagen bewahrt hat.

Ein Beispiel für die Überhärte der Brasilianerinnen: in der achten Minute versuchte Daniela, einen Ball vor Deutschlands Keeperin Nadine Angerer zu erwischen, doch Angerer war klar schneller. Daniela zog trotzdem voll durch und traf Angerer mit den Stollen voll am Oberkörper. Angerer konnte nach Behandlungspause weiterspielen, und das deutsche Team gab die bestmögliche Antwort auf diese Szene: Weiter Ball nach vorne, Birgit Prinz nahm der jungen Brasilianerin Erika den Ball einfach ab, ging alleine aufs Tor, umspielte die herauseilende Keeperin Barbara und versenkte eiskalt an Renata Costa vorbei zur deutschen Führung. Da waren 10 Minuten gespielt, und in der 12. hatte Melanie Behringer eine weitere Chance.

In der 18. Minute dann eine ganz entscheidende Szene: Anja Mittag ging, freigespielt von Prinz, genauso alleine aufs Tor wie Prinz zum 1:0, doch Mittag zeigte, wieso sie in 49 Länderspielen erst 6 Tore gemacht hat: überhastet schoss sie, völlig ungestört, viel zu früh schon von der Strafraumgrenze aus, und dann auch noch flach auf die brasilianische Torfrau, so dass Barbara keine große Mühe mit ihrem Schuss hatte. Damit war eine absolut hundertprozentige Gelegenheit vertan. Deutschland blieb überlegen, Brasilien wirkte nervös, bei einem Rückstand von zwei Toren wäre einiges anders gekommen.

Birgit Prinz

Birgit Prinz brachte Deutschland mit einer tollen Einzelaktion in Führung. Doch es reichte nicht...

Archivbild: Nora Kruse

Etwa ab der 30. Minute baute das deutsche Team, das anfangs eine enorme Laufbereitschaft gezeigt hatte, dann langsam ab. Diese erste halbe Stunde war die stärkste des bisherigen Turniers gewesen, doch dies sollte nicht reichen. Marta kämpfte verbissen, sprang mit Wucht in Kerstin Stegemann hinein, ohne dafür eine Karte zu kassieren, noch wirkten die brasilianischen Aktionen verkrampft und mehr gewollt als gekonnt, doch es war absehbar, dass die Brasilianerinnen sich noch lange nicht mit einer Niederlage abgefunden hatten. Wieso auch!

So nach und nach kam Brasilien dann zu Chancen, ein Kopfball von Cristiane nach Zuspiel von Marta ging nur knapp vorbei. Ein Fernschuss von Daniela stellte kein Problem für Angerer dar, aber die Chancen häuften sich. Dann gab es gelb für Simone Laudehr, die gegen Marta einfach zu langsam war und nur noch deren Beine erwischte. Berechtigt, aber wo war die Karte auf der anderen Seite geblieben? 41. Minute, Kerstin Garefrekes rettete vor Simone, die offensive Mittelfeldspielerin mußte also gegen die Verteidigerin verteidigen! Es wirkte, als habe Deutschland einen Gang zurückgeschaltet, war man gedanklich schon dabei, Kräfte zu sparen?

Wenn, wurde dies in der 44. Minute jedenfalls bestraft: Cristiane umspielte Stegemann, passte von links nach


Marta und Kerstin Garefrekes

Ebenso engagiert wie hier in Uefa-Cup-Finalspiel gegen Kerstin Garefrekes ging Marta auch in diesem olympischen Halbfinale zu Werke. Manchmal übertrieb Marta die Agressivität, doch es war nicht zuletzt auch ihrer großen Leistung zu verdanken, dass die Brasilianerinnen am Ende als Sieger vom Platz gehen konnten

Archivbild: Volker Lieberum

innen, Marta kam nicht an den Ball, war auch gut gedeckt, doch hinter ihr stand Formiga völlig frei und ließ Angerer keine Chance mit einem fulminanten Schuss ins Eck. Fast wäre Brasilien sogar noch in Führung gegangen, ein Fernschuss von Marta senkte sich gefährlich, doch Angerer bekam noch die Hand an den Ball. Klasseleistung der deutschen Keeperin, an der es heute jedenfalls nicht gelegen hat! So ging es dann also mit einem gerechten 1:1 in die Kabinen.

Nach der Pause ging es dann ganz schnell... Ecke Deutschland, schneller Konter, Marta zieht mit dem Ball Hingst und Stegemann auf sich, passt zur völlig freistehenden Cristiane, 2:1 Brasilien, 49. Spielminute. Da waren deutsche Abwehrspielerinnen nicht schnell genug zurück gelaufen, man kann nicht zwei gegen zwei gegen Marta und Cristiane spielen! Aber genau so fiel auch das nächste Tor: wieder Ecke für Deutschland, wieder Konter über Marta, Hingst und Stegemann können nicht entscheidend stören, Marta mit dem Außenrist aus spitzem Winkel, Weltklasseleistung der Weltfußballerin!

Noch war nichts verloren, doch das deutsche Team spielte zwar bemüht, aber wie in den schlechteren Spielen zuvor in diesem Turnier wieder zu unpräzise beim Passspiel. So konnte man keinen Zwei-Tore-Rückstand aufholen! Marta war es statt dessen, die frei vor dem Tor verzog und damit eine weitere gute Chance der Brasilianerinnen vergab. Den Schlusspunkt setzte dann Cristiane, die mit dem Ball vor dem Strafraum auftauchte, sah, dass Marta im Abseits war, und notgedrungen alleine weiter ging. Vorbei an Babett Peter, Ariane Hingst, Annike Krahn und Simone Laudehr fand Cristiane ihren Weg zum vierten brasilianischen Tor!

Cristiane

Nicht zu verstehen, dass Cristiane in der Bundesliga, hier ein Bild aus ihrer Zeit in Wolfsburg, nie richtig Fuß fassen konnte. In der brasilianischen Nationalmannschaft beweist sie Weltklasse und schießt Tor um Tor!

Archivbild: Roland Baumann


Das war es dann ungefähr, zwingende deutsche Chancen blieben aus. Es bleibt die Hoffnung auf Bronze im kleinen Finale gegen Japan, und es bleiben offene Fragen an Bundestrainerin Silvia Neid: Wieso wurde für Anja Mittag mit Celia Okoyino da Mbabi eine Mittelfeldspielerin auf die Stürmerposition eingewechselt, obwohl mit Conny Pohlers noch eine echte Goalgetterin auf der Bank saß? Wieso wurde bei den heißen, kräftezehrenden Temperaturen überhaupt nur zweimal gewechselt, Pohlers bis zum Schluss auf der Bank gelassen? Wieso wurden, obwohl Neid zuvor laute Klage geführt hatte, dass ein Kader von 18 Spielerinnen viel zu klein sei für solch ein kräftezehrendes Turnier, bei dem unter extrem anstrengenden klimatischen Bedingungen alle drei Tage schwere Spiele anstanden, überhaupt so wenig rotiert, so dass die allermeisten Spielerinnen durchweg auf dem Platz ackerten, als bestünde der Kader überhaupt nur aus 14 Spielerinnen?

Allerdings möchte ich auch betonen, dass die brasilianische Mannschaft wirklich sehr stark ist. Nicht umsonst hat Brasilien bei der WM 2007 im Halbfinale 4:0 gegen die USA gewonnen. Es ist also eigentlich keine Schande, gegen dieses Team zu verlieren. Trotzdem werde ich momentan das Gefühl nicht los, dass da für Deutschland mehr drin gewesen wäre.



Brasilien:
Barbara - Simone, Tania, Renata Costa, Erika, Maycon, Daniela (77. Francielle), Formiga, Ester, Marta, Cristiane (86. Fabiana)

Deutschland
Angerer - Stegemann, Krahn, Hingst, Peter - Laudehr, Lingor, Garefrekes, Prinz, Behringer (60. Bajramaj), Mittag (59. Okoyino da Mbabi)

Tore:
0:1 Prinz (10.)
1:1 Formiga (43.)
2:1 Cristiane (49.)
3:1 Marta (53.)
4:1 Cristiane (76.)

Gelbe Karten: Renata Costa, Formiga, Marta/ Laudehr, Prinz

Schiedsrichterin: Eun Ah Hong (Südkorea)

Zuschauer: 20.000


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