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Vier-Nationen-Turnier 2006 in China

Déjà-Vu, Comeback und Jubiläum

Top-Besetzung beim ersten großen Turnier des Jahres

Von Katja Öhlschläger

17.01.2006    Von Mittwoch ab messen sich beim Vier-Nationen-Turnier im chinesischen Guangzhou vier der weltbesten Teams, um den Sieger der 6. Auflage des ersten bedeutenden Turniers des Jahres zu ermitteln. Nachdem das Turnier schon im letzten Jahr mit Deutschland, Russland, Australien und Gastgeber China nicht schlecht besetzt war, konnten die Veranstalter das Teilnehmerfeld für den diesjährigen Wettbewerb noch hochkarätiger gestalten. Alle vier Teilnehmer – USA (2), Norwegen (3), Frankreich (7) und China (9) – sind in den Top 10 der FIFA-Weltrangliste platziert. Gelegenheit für die Trainer also, junge Spielerinnen in Spielen auf hohem Niveau, aber ohne den Erfolgsdruck einer Europa- oder Weltmeisterschaft zu testen.

Insbesondere bei den Gastgeberinnen wird jedes Turnier, in dem sich die nach den Rücktritten von Mittelfeldmotor Liu Ailing, Spielgestalterin Zhao Lihong, Fan Yunjie und Bai Jie stark verjüngte Mannschaft mit der internationalen Spitzenklasse messen kann, dankbar angenommen, denn es bleiben nur noch anderthalb, respektive

Guangzhou

Unsere Korrespondentin Alice Xu schickte uns dieses Bild ihrer Heimatstadt Guangzhou, in der die Spiele des Vier-Nationen-Turnier ausgetragen werden

zweieinhalb Jahre, um sich bis zur WM und den Olympischen Spiele im eigenen Land wieder an die absolute Weltspitze heranzuarbeiten. Eine Aufgabe, die im Dezember Ma Liangxing übernommen hat, der das Team auch bei der WM 2003 – man schied im Viertelfinale gegen Kanada aus – coachte und danach abtrat. In der Zwischenzeit saß er bei Shanghai Zhonghang in der chinesischen Super League auf der Trainerbank, doch als im November Pei Encai aufgab, entschloss sich Liangxing, sich erneut der Frauen-Nationalmannschaft anzunehmen. Wissend, dass der Job nicht leichter geworden ist: „Es ist noch schwerer als vor zwei Jahren“, macht sich Liangxing keine Illusionen.

Hoffnung sollte da, auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel war, der 1:0-Sieg gegen die USA am Samstag geben. Das Team von Greg Ryan hatte sich bereits am vergangenen Dienstag gen China aufgemacht, sodass sich ein gemeinsames Vorbereitungsspiel auf das Vier-Nationen-Turnier einrichten ließ. Ma Xiaoxu erzielte das entscheidende Tor in einem Spiel, das für die chinesische Frauenfußball-Ikone und FIFA-Fußballerin des Jahrhunderts Sun Wen ihr Comeback im chinesischen Nationaltrikot bedeutete, nachdem sie nach der WM 2003 ihre Fußballschuhe vorerst an den Nagel gehängt hatte. Doch ebenso wie ihren Trainer, der sich vehement für eine Rückkehr seiner Führungskraft eingesetzt hatte, packte sie doch noch mal der Ehrgeiz, die Mannschaft im Hinblick auf die wichtigen Heimturniere zu unterstützen.

Nationalmannschaft China

Die Nationalmannschafts von China auf dem Weg zurück an die Weltspitze?

Foto: Beate Wolter

Doch die 32-jährige Sun Wen, die in der WUSA gemeinsam mit Conny Pohlers und den Augustyniak-Zwillingen bei Atlanta Beat spielte und zuletzt in den USA ein sechsmonatiges Englisch-Studium absolvierte, wird aller Voraussicht nach auch beim Vier-Nationen-Turnier nur die Rolle der Edeljokerin zukommen. Den offensiven Part in der Startelf wird stattdessen Han Duan übernehmen, die noch bei der WM Ersatz der zehn Jahre älteren Sun Wen war. Im Mittelfeld wirbeln Qu Feifei, die junge Zhang Ying und Liangxing’s Favoritin Pan Lina. Die Abwehraufgaben übernehmen Libera Li Jie, Han Wenxia und Xiao Zhen.

Am letzten Spieltag werden sich die Gastgeberinnen dann mit dem Weltranglistenzweiten USA messen – ein echtes Déjà-Vu-Spiel, denn exakt in Guangzhou wurde 1991 im Finale USA – China der erste Frauen-Weltmeister ermittelt. Während das Ergebnis – 2:1 für die USA – auch das diesjährige Ergebnis werden könnte, wird die damalige Zuschauerzahl von 65.000 wohl unerreicht bleiben.

Dabei wäre nicht nur diese Neuauflage des 91er WM-Finals Grund genug, bei diesem Turnier in die Stadien zu strömen. Neben dem Comeback von Sun Wen steht noch ein weiteres Highlight an, das alle anderen um Längen übertrifft. Die US-Spielführerin Kristine Lilly wird gleich im ersten Spiel des Turniers, am 18. Januar um 6.30 Uhr (MEZ) gegen Norwegen, ihr 300. Länderspiel bestreiten (siehe Porträt) und dabei den Statistik-Freaks gleich noch eine weitere Zahl liefern. Es wird ihr 30. Spiel gegen Norwegen werden – gegen kein anderes Team hat sie dann öfter gespielt. Eine Marke allerdings, die vier Tage später gegen China eingestellt werden dürfte.

Dagny Mellgren

Dagny Mellgren beendete unlängst ihre Karriere

Foto: Beate Wolter

Bei allem Jubiläums-Trubel sollte allerdings nicht untergehen, welche Zeichen Coach Greg Ryan mit der Nominierung seines 28-köpfigen Kaders gesetzt hat. Dass die Rückkehr der erfahrenen Torfrau Briana Scurry auf Länderspielebene noch ausbleibt, lässt sich vermutlich mit der Notwendigkeit erklären, die nachkommenden Torhüterinnen – an erster Stelle Hope Solo – gegen die Top-Teams zu testen. Sollte Scurry wieder zu ihrer alten Form zurückfinden, ist aber damit zu rechnen, dass sie noch ausreichend Gelegenheit bekommen wird, sich mit der Abwehr in Richtung WM 2007 einzuspielen. In der Frage, wie das Gesicht der Mannschaft abseits der Torhüterthematik aussehen wird, dürften allerdings sowohl vom Vier-Nationen-Turnier als auch vom Algarve-Cup im März nicht unbedeutende


Marianne Paulsen, Conny Pohlers

Norwegens Marianne Paulsen (r.) - hier bei der EM im Zweikampf mit Conny Pohlers

Quelle: Eurosport

Weichenstellungen zu erwarten sein.

Nachdem Ryan vom 3.-9. Januar mit dem erweiterten Kader im Home Depot Centre zu Carson trainiert hatte, richtete er bei der Auswahl seines sage und schreibe 28 Spielerinnen umfassenden Aufgebots klar den Blick in die Zukunft. Amy LePeilbet, Stephanie Lopez, Tina Frimpong, Leslie Osborne und India Trotter sind die Namen, denen die Zukunft im US-Frauenfußball gehören soll. Trotter übrigens spielt gemeinsam mit Viola Odebrecht an der Florida State University und überragte in der vergangenen Saison, sodass ihr wie auch der Deutschen und Teamkollegin Sel Kuralay die Ehre der Berufung ins "2005 All-ACC First Team“ (ACC = Atlantic Coast Conference) zuteil wurde.

Doch bei aller zukunftsweisenden Verjüngung bleibt den US-Girls die Erfahrung erhalten, die einen schrittweisen Umbau der Mannschaft – ähnlich wie bei der deutschen Natio – möglich machen sollte. Erfahrung pur verkörpert dabei nicht zuletzt Christie Rampone (ehemals Pearce), die nach ihrer Babypause ins Team zurückkehrt. Mit Shannon Boxx (3.) und Christie Welsh (9.) sind zudem zwei Spielerinnen dabei, die bei der FIFA-Weltfußballer-Wahl in die Endausscheidung kamen. Nicht zu vergessen natürlich Mittelfeldmotor Angie Woznuk oder Stürmerstar Abby Wambach, die nicht nur bei den Olympischen Spielen in Athen die Frau für die wichtigen Tore war.

Lindsay Tarpley, Britta Carlson

Lindsay Tarpley wirbelt im Mittelfeld der USA - hier beim Finale des letztjährigen Algarve-Cups gegen Deutschland (rechts Britta Carlson)

Foto: Jan Kuppert

Die Frau für die wichtigen Tore war bei Norwegen nicht selten Dagny Mellgren – „war“, denn Mellgren beendete vor wenigen Wochen ihre Karriere und hinterlässt im norwegischen Offensivspiel eine Lücke, die vorerst schwer geschlossen werden dürfte, da mit Solvei Gulbrandsen eine weitere absolute Führungsspielerin für die nächsten Monate ausfallen wird. Gulbrandsen, deren spielentscheidende Treffer im EM-Halbfinalkrimi gegen Schweden wohl noch allen in Erinnerung sind, erwartet im Juni ihr erstes Kind.

Shannon Boxx

Shannon Boxx wurde Dritte bei der Wahl zur Weltfußballerin des Jahres

Foto: Jan Kuppert

Doch grämen muss sich Trainer Bjarne Berntsen deswegen nicht, denn starke Spielerinnen drängen nach. Schon bei der EM ging der Stern von Isabell Herlovsen (siehe FanSoccer-Interview auf, auch Lise Klaveness sprüht vor Spielfreude und Torgefährlichkeit. Schlecht stehen die Chancen also nicht, dass die Norwegerinnen, die mit dem Silberrang bei der EM nach einer Durststrecke endlich wieder bei einem großen Turnier den Sprung aufs Podest geschafft hatten, ihren Aufwärtstrend fortsetzen und sich auf Rang drei der Weltrangliste auch 2006 festsetzen können.

Gunhild Følstad, Louisa Necib

Neuauflage beim Vier-Nationen-Turnier: Gunhild Følstad (Norwegen/l.) gegen Frankreichs Louisa Necib

Foto: Eurosport

Was alle Teams verbindet, der Umbruch zur jüngeren Generation, ist auch Thema bei Frankreichs Nationalmannschaft. Stéphanie Mugneret-Beghe und Corinne Diacre haben mittlerweile ihre Nationalmannschaftskarriere beendet. Torjägerin Marinette Pichon wird aus familiären Gründen nicht mit nach China reisen. Gelegenheit also für die hoffnungsvollen Nachwuchsstürmerinnen wie Elodie Thomis, Hoda Lattaf oder Ludivine Diguelman, die allesamt im November bei den UEFA-Cup-Duellen gegen den FFC Frankfurt von sich reden machten – ob durch Tore (Diguelman), temporeiche Flügelläufe (Thomis) oder Trikot-Reißfestigkeitstests (Lattaf).

Im Vergleich zu den letzten Länderspielen gegen Ungarn und Österreich in der WM-Qualifikation blieb das Team, dessen größtes Spielerinnenkontingent Montpellier HSC mit sieben Spielerinnen stellt, weitestgehend unverändert. Marie-Ange Kramo ist wieder mit von der Partie, Lilas Traikia steht vor ihrem Debüt in der Natio.

Es steht also ein Turnier an, das noch viel mehr als Comebacks, Jubiläen und Neuauflagen erwarten lässt – hochkarätigen Frauenfußball nämlich, von dem wir in Deutschland im Fernsehen allerdings leider wenig mitbekommen werden. Eurosport 2 überträgtn die Spiele zwar live – doch Eurosport 2 können wohl nur die wenigsten empfangen. Doch auch der chinesische Sender CCTV Channel 5 überträgt die Spiele live – und dieser ist im Internet empfangbar: http://wwitv.com/television/44.htm


Norwegen:

Tor: Ingrid Hjelmseth (Trondheims-Ørn), Bente Nordby (Djurgarden/Älvsjö)

Abwehr: Toril H. Akerhaugen, (Asker), Gunhild Følstad (Tr.Ørn), Maritha Kaufmann (Team Strømmen), Siri Nordby (Røa), Marianne Paulsen (Tr. Ørn), Ane Stangeland (Kolbotn)

Isabell Herlovsen, Elena Ficarelli

Der Stern von Isabell Herlovsen (r.) ging bei der EM auf - hier im Zweikampf mit Italiens Elena Ficarelli

Foto: Eurosport

Mittelfeld Gunilla Forseth (Kattem), Tonje Hansen (Kolbotn), Camilla H.Huse (Kolbotn IL), Marie Knutsen (Kattem), Unni Lehn (Tr.Ørn), Trine Rønning (Kolbotn), Ingvild Stensland (Kolbotn)

Sturm: Kristin Blystad Bjerke (Kolbotn), Isabell Herlovsen (Kolbotn), Leni L. Kaurin (Asker), Lise Klaveness (Asker), Lene Storløkken (Team Strømmen)

USA:

Tor: Jenni Branam (North Carolina), Hope Solo (Washington)

Abwehr: Lori Chalupny (North Carolina), Tina Frimpong (Washington), Amy LePeilbet (Arizona State), Stephanie Lopez (Portland), Heather Mitts (Florida), Christie Rampone (Monmouth)

Mittelfeld: Shannon Boxx (Notre Dame), Carli Lloyd (Rutgers), Kristine Lilly (North Carolina), Marci Miller (SMU), Leslie Osborne (Santa Clara), Lindsay Tarpley (North Carolina), Aly Wagner (Santa Clara), Angie Woznuk (Portland)

Sturm: Heather O’Reilly (North Carolina), India Trotter (Florida), Abby Wambach (Florida), Christie Welsh (Penn State)

Frankreich:

Tor: Sarah Bouhaddi (Toulouse FC), Céline Deville (Montpellier HSC)

Abwehr: Anne-Laure Casseleux (FCF Juvisy), Sandrine Dusang (Olympique Lyonnais), Laura Georges (University of Boston/USA), Laure Lapailleur (Montpellier HSC), Peggy Provost (FCF Juvisy), Sabrina Viguier (Toulouse FC)

Mittelfeld: Camille Abily (Montpellier HSC), Sonia Bompastor (Montpellier HSC), Elisa Bussaglia (FCF Juvisy), Amélie Coquet (FCF Juvisy), Marie-Ange Kramo (Toulouse FC), Louisa Necib (CNFE FF), Sandrina Soubeyrand (FCF Juvisy)

Pia Wunderlich, Elodie Thomis

Elodie Thomis (r.) zeigte beim Gastspiel des HSC Montpellier beim FFC Frankfurt (hier Pia Wunderlich) ihre Klasse

Foto: Nora Kruse

Sturm : Ludivine Diguelman (Montpellier HSC), Hoda Lattaf (Montpellier HSC), Elodie Thomis (Montpellier HSC), Laetitia Tonazzi (FCF Juvisy), Lilas Traikia (Toulouse FC)

China:

Tor: Han Wenxia (Dalian), Shi Xuewen (Shanghai), Xiao Zhen (Sichuan), Yanru Zhang (Jiangsu)

Abwehr: Bi Shuai (Dalian), Ge Yang (Jiangsu), Li Jie (Beijing), Liu Huana (Shanxi), Liu Yali (Hebei), Sun Yongxia (Tianjin), Yuan Fan (Shanghai), Wang Kun (Hebei)

Mittelfeld: Bai Lili (Shanghai), Bi Yan (Dalian), Chen Yanhong (Beijing), Jin Xiaomei (Shandong), Meng Jun (Army Bayi), Pan Lina (Shanghai), Qu Feifei (Army Bayi), Ren Liping (Beijing), Shi Mengyu (Beijing), Su Chaozhen (Sichuan), Yu Weimin (Jiangsu), Zhang Na (Hebei), Zhang Ying (Shanghai), Zhao Xiaoyan (Henan)

Sturm: Han Duan (Dalian), Guo Yue (Changchun), Ma Xiaoxu (Dalian), Sun Wen (Shanghai)

Montpellier HSC

Der französische Meister Montpellier HSC - hier beim Spiel in Frankfurt - stellt den größten Teil der Nationalmannschaft

Foto: Volker Lieberum

Spielplan (alle Zeiten MEZ):

18. Januar:
6.30 Uhr: Norwegen – USA
9.00 Uhr: China – Frankreich

20. Januar:
6.30 Uhr: USA – Frankreich
9.00 Uhr: China – Norwegen

22. Januar:
6.30 Uhr: Frankreich – Norwegen
9.00 Uhr: China – USA


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