Von Nora Kruse (Text u. Fotos)
27.10.2006
Nach den letzten Spielen der deutschen Nationalmannschaft zeigte sich Silvia Neid jedes Mal „insgesamt zufrieden“. Gegen England war es anders, die
Bundestrainerin war „sehr zufrieden“. Grund war ein souveräner und eindrucksvoller 5:1-Sieg, bei dem die Deutschen „vor Spielfreude strotzten“, wie Neid es
formulierte. Im Zählen der englischen Chancen verschätzte sich die Bundestrainerin jedoch, kam sie doch nur auf eine einzige – eine Zahl, die dem Spiel der
Engländerinnen nicht gerecht wurde.
Die Partie im ausverkauften Aalener Waldstadion hatte noch gar nicht richtig begonnen, da setzte sich Rachel Yankey auch schon gegen die deutsche Abwehr
durch, zog aus halblinker Position ab und verfehlte den Kasten von Ulrike Schmetz nur knapp. Man staunte nicht schlecht und bekam einen Eindruck, warum
England seit Juni 2005 ungeschlagen ist: die Mannschaft, die mit Rachel Unitt und Katie Chapman wichtige Spielerinnen ersetzen musste, zeigte sich
geschlossen, motiviert und offensiv. Letzteres war bei den deutschen Gegnern in diesem Jahr nicht an der Tagesordnung, viele beschränkten sich nahezu
ausschließlich auf das Zerstören der deutschen Angriffe.
Ein Gegner, der mitspielt, kommt dem Spiel des Weltmeisters immer entgegen und das zeigte er auch in Aalen. Englands offensive Einstellung bot Lücken, die
von Renate Lingor und Kerstin Garefrekes auch direkt aufgezeigt wurden. Lingor versuchte es in der 13. Minute aus halblinker Position, verfehlte das
englische Tor jedoch. An Englands Torhüterin Rachel Brown scheiterte Garefrekes etwa zehn Minuten später, ihr Schuss wurde von Englands Nummer Eins an den
Pfosten gelenkt.
Alex Scott (r.) mit ihrer direkten Gegenspielerin Isabell Bachor. Dennoch fand die Engländerin den Raum für ein Tor.
England ließ sich von den deutschen Chancen jedoch wenig beeindrucken. Die linke Flügelflitzerin Yankey gab der leicht grippegeschwächten Kerstin Stegemann
ordentlich zu tun und ihr Team zeigte sich „gut organisiert und zweikampfstark“, so Silvia Neid. Folgerichtig fiel in der 26. Minute das 1:0 für die Gäste.
Einen Ballverlust im deutschen Mittelfeld nutzte Alex Scott und machte sich zielsicher auf den Weg in Richtung Schmetz’sches Tor. Weder Ariane Hingst noch
Annike Krahn konnten den Weg der rechten Abwehrspielerin kreuzen, profitieren konnte Scott allerdings auch von der Unerfahrenheit des Neulings im deutschen
Tor: Als „übermotiviert und hungrig“ beschrieb die Bundestrainerin das Herauslaufen der Torhüterin, die schließlich mit einem wunderschönen Heber überwunden
wurde.
Deutschland ist jedoch nicht Frankreich, das sich vor knapp vier Wochen durch das 1:0 von England schocken ließ und danach konfus über den Platz lief. Der
Weltmeister blieb cool und erarbeitete sich weiter seine Chancen. Genutzt wurden sie nur drei Minuten später. Nach einem Freistoß von Renate Lingor nahm
Stegemann den Abpraller von Brown volley – Ausgleich. Und wenn Deutschland erst mal spielt, dann spielen sie: nur acht Minuten später erzielte Sandra
Smisek nach einem Gemenge im englischen Strafraum die Führung. Mit diesem 2:1 ging es in die Halbzeit, obwohl beide Mannschaften noch die Chancen
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Voller Einsatz, um England zu stoppen: So eng war es nur in der ersten Halbzeit.
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hatten, daran zu drehen.
In der 42. Minute zwang Kelly Smith, von Hollands Nationaltrainerin Vera Pauw letztens als beste Spielerin der Welt bezeichnet, Schmetz zu
einer Glanzparade. Doch auch Birgit Prinz enteilte noch vor dem Pausenpfiff der englischen Abwehr – zwischen ihr und ihrem Geburtstagstreffer stand jedoch
noch Brown. Eine erfrischend anzusehendes und ausgeglichenes Spiel ging in die Halbzeit.
Hopeless
Nach dem Wiederanpfiff war es mit dem englischen Spiel vorbei. Die Gäste, deren Trainerin Hope Powell nach einer Hüftoperation nicht mit nach Aalen reisen
konnte, brachten kaum noch einen sinnvollen Spielzug zustande, und bekamen eine Lehrstunde von Deutschland.
Bereits nach drei Minuten flankte Garefrekes in den Strafraum, wo Smisek wartete und einköpfen wollte. Browns Faustabwehr kam ihr jedoch um wenige
Zehntelsekunden zuvor. Eine Minute später startete Smisek einen zweiten Versuch, aber auch hier war Englands Torfrau im Weg. Deutschland kombinierte sich
durch das hoffnungslos überforderte englische Mittelfeld und machte den Engländerinnen klar, was bei der Weltmeisterschaft im nächsten Jahr auf sie
zukommt. Die Einwechselspielerinnen fügten sich nahtlos in das Spiel ein und insbesondere Célia Okoyino da Mbabi zeigte, warum sie von Pia Sundhage während
des Algarve Cups als eines der größten Fußballtalente der Welt bezeichnet wurde. Nach 63 Minuten versuchte es die Mittelfeldspielerin mit einem Schuss aus
halbrechter Position, der jedoch um ein paar Zentimeter zu hoch war. Sie läutete damit ihre Glanzminuten ein, denn nur drei Minuten später legte sie Prinz
einen wunderschönen Ball auf, den diese mitnahm, sich an allen Engländerinnen vorbeispielte und aufs Tor zielte: Innenpfosten und drin. „Normalerweise
spiele ich in dieser Situation voll auf den Torwart, hier wollte ich es mal anders machen“, so die Weltfußballerin. Rekordnationalspielerin mit dem 100.
Tor am 29. Geburtstag – das nennt sich Timing. Und weil’s so schön war, wurde sie auch noch ausgewechselt, „sie sollte die Standing Ovations genießen“, wie
Silvia Neid erklärte.
Jubilarin Birgit Prinz (r.) ließ Abwehrspielerin Mary Philipp auch gelegentlich mal stehen
England war längst geschlagen. Bemüht, aber stehend k.o. Um nicht völlig unter die Räder zu geraten, reizten sie die Zeit voll aus. Casey Stoney blieb nach
einem „Foul“ am Boden, Schiedsrichterin Christine Beck wollte sie zur Behandlung außerhalb des Spielfeldes überreden. Stoney gab vor, restlos
bewegungsunfähig zu sein, Beck holte die Männer mit der Trage. Bei dieser Ankündigung erfuhr Stoney eine wundersame Heilung und war wieder auf den Beinen.
Wer so auffällig auf Zeit spielt, darf sich über eine Gelbe Karte
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nicht wundern – und genau die gab es von Christine Beck.
Deutschland juckten diese Spielchen überhaupt nicht, in der 75. Minute jubelten sie zum vierten Mal. Zunächst konnte Siobhan Chamberlain einen Schuss von Stegemann
abwehren, Garefrekes traf beim Nachschuss nur den Pfosten – aber es gab ja auch noch Martina Müller. Die war zur Stelle und zeigte mit einem Fallrückzieher
ihre Fähigkeiten. Elf Minuten später schaffte auch da Mbabi ihren verdienten Treffer: Flachschuss aus der zweiten Reihe.
Und weg... Célia Okoyino da Mbabi erzielte ihr zweites Länderspieltor.
Silvia Neid zeigte sich glücklich über den Sieg, „weil wir gegen einen guten Gegner gewonnen haben.“ Ihre Mannschaft habe ein gutes Pressing gezeigt, sei
kaum zu stoppen gewesen und habe sich viele Chancen erarbeitet. Und England? Die „Three Lions“ haben in der ersten Halbzeit gezeigt, was in ihnen steckt,
hatten jedoch mit zunehmendem Spielverlauf konditionell keine Chance mehr. Das Potenzial ist ohne Zweifel vorhanden, die Mannschaft hat sich kontinuierlich
nach oben gearbeitet und braucht bis zur Weltmeisterschaft Spielpraxis auf hohem Niveau – kein Wunder, dass man auf der Insel bemüht ist, ins Teilnehmerfeld
des Algarve Cups im nächsten Jahr zu rücken. „Das wichtigste ist, für die Weltmeisterschaft zu lernen“, so Vertretungs-Trainer Brent Hills. „Ich bin
natürlich enttäuscht über das Resultat, sehe aber auch die positiven Seiten unseres Spiels: wir haben uns Chancen herausspielen können und zeitweise guten
Fußball gezeigt.“ 45 Minuten lang – bleibt abzuwarten, ob die Leistung im nächsten Jahr auch über die volle Spielzeit abrufbar ist.
Aufstellungen
Deutschland
Schmetz, Stegemann (73. Peter), Krahn, Hingst, Minnert, Garefrekes, Carlson (46. Wimbersky), Lingor (68. M. Müller), Bachor (46. Okoyino da Mbabi),
Prinz (83. Pohlers), Smisek
England
Brown (56. Chamberlain), A. Scott, Stoney, Williams (77. Aluko), Asante, Philip, Carney (45. Johnson), Exley, Handley, K. Smith (61. J. Scott), Yankey
(68 S. Smith)
Tore
0:1 Scott (26.)
1:1 Stegemann (29.)
2:1 Smisek (37.)
3:1 Prinz (66.)
4:1 Müller (75.)
5:1 Okoyino da Mbabi
Gelbe Karten
Smisek, Scott, Stoney
Schiedsrichterin
Christine Beck (Magstadt)
Zuschauer 11.160 (ausverkauft)
Nationalmannschaft
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