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EM-Qualifikation

Da war auch viel Schatten!

Deutschland - Spanien 5:0 (1:0)

Text von Tom Schlimme, Bilder von Roland Baumann und Tom Schlimme

01.04.2012  Im für die Qualifikation zur Europameisterschaft 2013 in Schweden wohl vorentscheidenden Spiel gegen das in der Gruppe punktgleiche Team aus Spanien gelang der deutschen Nationalelf ein klarer 5:0-Erfolg. Damit ist die Tür zur EM-Endrunde weit aufgestoßen. Doch der hohe Sieg, zu dem eine glänzend aufgelegte Celia Okoyino da Mbabi vier Treffer beisteuerte, sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass im deutschen Spiel neben dem Licht der fünf Tore auch viel Schatten zu sehen war.

Celia Okoyino da Mbabi

Typische Szene: Celia Okyino da Mbabi mit dem Ball am Fuß auf dem Weg zum Tor, verfolgt von Miriam. In diesem Fall kam es zum Foul durch Keeperin Ainhoa kurz vor dem Strafraum, die Spanierin sah dafür gelb am Rande der Notbremse. (Foto: Tom Schlimme)

Sicher spielt es auch eine Rolle, dass die Bundestrainerin mit den verletzt ausfallenden Spielerinnen eine komplette Mannschaft hätte aufstellen können. Doch dies darf keine Entschuldigung für die Mängel im deutschen Spiel sein, denn die Spielerinnen, die auf dem Platz standen, gehören zum guten Teil seit langem zur Elite des deutschen Frauenfußballs und müssten zu besserem in der Lage sein. „Wir sind desillusioniert, wir wollten hier etwas holen”, meinte Spaniens Trainer Ignacio Quereda, „aber Deutschland war am Ende einfach stärker und cleverer als wir. In Spanien haben wir nur 26.000 Spielerinnen, in Deutschland ist es eine Million, wir mussten erkennen, dass wir doch noch nicht so weit sind, wie wir dachten zu sein”, rief Quereda die Kräfteverhältnisse in Erinnerung. Seine Spanierinnen hatten dem deutschen Team mit agressivem Pressing, hoher Laufbereitschaft und immer wieder aufkeimendem Offensivdrang das Leben vor allem in der ersten Halbzeit sehr schwer gemacht. „Die Spanierinnen ließen uns kaum Zeit zur Ballkontrolle, dazu leisteten wir uns noch unnötige Fehlpässe, fanden zuerst gar nicht ins Spiel”, meinte Silvia Neid hinterher. „Aber dann haben wir aus einer Chance ein Tor gemacht, wir waren sehr effektiv. In der zweiten Halbzeit haben wir dann im Mittelfeld unser Pressing weiter nach vorne geschoben, das hat dann besser geklappt, und mit den Toren ist dann auch die Sicherheit in unser Spiel zurück gekommen”, zog Neid ein insgesamt positives Resumee. Auch wenn sie es selber nicht hervor hob, mit ihren Einwechselungen trug Neid zum Erfolg bei, wobei man aber auch sehen muss, dass die mit der Anfangsformation gewählte Taktik nicht aufging. Im folgenden möchte ich vor allem zwei Probleme der deutschen Elf benennen, ohne dabei die Leistung des deutschen Teams komplett schlecht reden zu wollen. Natürlich ist ein 5:0 gegen den stärksten Gruppengegner eine auch lobenswerte Leistung, doch zum Lob komme ich später.



Problem 1: die Flügel, insbesondere der rechte. Der rechte Flügel ist seit dem Rückzug von Kerstin Garefrekes verwaist. Auf dieser Position wurde seitdem meist Linda Bresonik eingesetzt, die aber bisher nur ein einziges wirklich gutes Spiel als Rechtsaußen im deutschen Team machte. Gegen Spanien gelang ihr wieder einmal wenig. Bresonik hat auch in den Vereinen nie als rechte Mittelfeldspielerin gespielt, sie hatte ihre Positionen zentral, links hinten, rechts hinten, aber nie als Rechtsaußen. Das deutsche Spiel erlebte einen Qualitätssprung als Alexandra Popp für Bresonik eingewechselt wurde. Damit kam deutlich mehr Schwung in die Angriffe, weil jetzt eine gelernte Stürmerin mehr auf dem Platz stand. Allerdings, weder Popp noch die aus der Spitze dann in Richtung rechts verschobene Anja Mittag füllten wirklich eine echte rechte Außenposition aus. Kann das sein, dass wir in Deutschland keine Spielerin haben, die auf Nationalelf-Niveau auf der rechten Seite eine klassische Flügelrolle einnehmen kann wie früher Kerstin Garefrekes? Ich würde jedenfalls das Experiment Linda Bresonik auf dieser Position beenden und andere Spielerinnen ausprobieren.
Auf dem linken Flügel sah es zunächst genauso mau aus. Melanie Behringer, seit Wochen am Knie angeschlagen, bekam schon nach zwei Minuten einen Ellenbogen heftig ins Gesicht. Vielleicht lag es daran, vielleicht auch nicht, auf jeden Fall war es nicht Behringers Tag, und die Bundestrainerin tat gut daran, sie bereits nach 25 Minuten gegen Lira Bajramaj auszuwechseln. Das brachte den ersten Qualitätssprung ins deutsche Spiel. Bajramaj hat sich ganz offensichtlich wieder gefangen und sie ist auch in der Lage, das Flügelproblem im deutschen Spiel zu lösen, das zeigten etliche schöne Flankenläufe von ihr auf der linken Seite. Ab ihrer Einwechselung spielte das deutsche Team dann immerhin mit wenigstens einem Flügel.

Problem 2: Das Spiel aus der Abwehr. Annike Krahn und Josephine Henning gemeinsam in der Innenverteidigung, damit kann man das Aufbauspiel aus dieser Position heraus vergessen. Nach hinten ließen die beiden wenig anbrennen, und damit erfüllten sie auch ihre wichtigste Aufgabe, aber nach vorne waren das einfach zu viele Fehlpässe. Besonders Annike Krahn wird einfach keine Spielerin mehr werden, von der man mehr erwarten kann als den auf die Tribüne weggeschlagenen Ball. Josephine Henning hat sicher noch Potential, hier dazu zu lernen, aber beide, Krahn und Henning, brauchen derzeit im Nationalteam eine Spielerin neben sich, die das Spiel eröffnen kann. Immerhin, in diesem Punkt war das Spiel gegen Spanien wohl eine Ausnahme, denn mit Saskia Bartusiak, die gesperrt und zudem angeschlagen fehlte, und Babett Peter, die für die verletzte Verena Faißt auf der linken Abwehrseite aushelfen musste, gibt es zwei Spielerinnen im Kader, die dieses Problem lösen könnten.

Nun aber zum Lob: Celia Okoyino da Mbabi hat beim Algarve Cup gegen Schweden drei Tore geschossen, gegen Japan waren es wieder drei, und nun also vier gegen Spanien. Dabei verwertete die Stürmerin des SC 07 Bad Neuenahr gegen Spanien mehr als die Hälfte ihrer Chancen. Celia ist in einer Bombenform, einfach nur klasse! Positiv möchte ich aber auch Viola Odebrecht heraus heben, die mit guten Pässen in die Spitze glänzen konnte, etliche Balleroberungen hatte, mit denen sie sofort deutsche Angriffe einleitete. So entstand auch das so wichtige erste Tor: Spaniens Keeperin Ainhoa schlug einen Abschlag genau auf den Mittelpunkt, wo Odebrecht das Kopfballduell gewann und den Ball zu Mittag weiter leitete, die verlängerte mit dem Kopf auf Celia, und aus dem Nichts heraus stand es 1:0 für Deutschland. Mittag war übrigens auch am zweiten Tor beteiligt, als sie bei einem schnellen Konter Bajramaj anspielte, die mit genialem Diagonalpass Popp ins Spiel brachte, die wiederum zu Celia weiter gab. Eine der schönsten Ballstaffetten des Spiels, gekrönt mit Celias 2:0! Das 3:0 besorgte dann Popp selber, wieder von Bajramaj super angespielt, und auch bei Alexandra Popp frage ich mich, ob man sie nicht von Beginn an bringen sollte. Beim 4:0 war es die andere zentrale Mittelfeldspielerin, Lena Goeßling, die den Ball abfing, die gab weiter auf Popp, und diesmal war es wieder Celia, die den Abschluss besorgte. Das 5:0 resultierte dann wieder aus einem steilen Pass von Odebrecht auf Celia.

So gewann das deutsche Team nach schwacher erster Halbzeit am Ende dann doch noch verdient. Doch es wird noch lange dauern, bis nach der Rückkehr der vielen verletzten Spielerinnen wieder ein stabiler Kader und eine eingespielte, bewährte Taktik gefunden sein werden. Bis dahin werden wohl noch einige Halbzeiten wie diese erste gegen Spanien folgen. Doch man muss der Bundestrainerin und den Spielerinnen diese Zeit einfach zugestehen. Der Umbruch im deutschen Team nach dem Rücktritt etlicher Stammkräfte und nach der vergeigten WM ist größer, als dies auf den ersten Blick erscheinen mag!


Ersatzbank Veronica Boquete Giadans Lira Bajramaj


Startformation Deutschland (Foto: Roland Baumann) Jubel Alexandra Popp Endergebnis 5:0! (Foto: Roland Baumann)



Deutschland:
Schult - Schmidt, Krahn, Henning, Peter - Bresonik (56. Popp), Odebrecht, Goeßling (84. Marozsan), Behringer (25. Bajramaj) - Okoyino da Mbabi, Mittag

Spanien:
Ainhoa - Marta Torrejon, Miriam, Ruth (76. Paredes), Mely - Marta Corredera, Sandra (80. Landa), Silvia, Adriana (65. Borja) - Sonia, Vero

Tore:
1:0 Okoyino da Mbabi (24.)
2:0 Okoyino da Mbabi (58.)
3:0 Popp (61.)
4:0 Okoyino da Mbabi (68.)
5:0 Okoyino da Mbabi (86.)

Gelbe Karten: Schmidt / Ainhoa, Ruth, Miriam

Schiedsrichterin: Thalia Mitsi mit Chrysoula Kourompylia und Panagiota Koutsoumpou (alle Griechenland)

Zuschauer: 11.517 (ausverkauft)



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