21.10.2005
Von Katja Öhlschläger (Text) und Nora Kruse (Fotos)
Nach dem klaren, spielerisch aber nicht vollends überzeugenden 5:1-Auftaktsieg in der WM-Qualifikation gegen Russland stellte sich am gestrigen Donnerstag im Bayreuther Hans-Walter-Wild-Stadion die Mannschaft Schottlands vor. Schottland, das seit März diesen Jahres von der Schwedin Anna Signeul trainiert wird, musste auf Stürmerstar Julie Fleeting verzichten und hatte in den bisherigen Spielen (0:6 in Russland, 0:0 gegen Irland) nicht für sich werben können.
So erwarteten die meisten, dies war auch Grundtenor in den Gazetten, einen klaren Sieg der Mannschaft von Silvia Neid. Zu erwarten war aber auch eine defensiv eingestellte schottische Mannschaft, die möglichst lange ohne Gegentor bleiben wollte – so wurde es in der Tat ein zunächst hart erkämpfter, dann locker ausgebauter 4:0-Sieg ohne spielerischen Glanz. Ein paar Highlights gab es dennoch.
 Elke Günthner wurde gestern von DFB-Vizepräsident Engelbert Nelle für ihre Wahl zur "Schiedsrichterin des Jahres 2005" ausgezeichnet
Das größte Highlight war zweifelsohne die Zuschauerzahl. 15.504 Zuschauer hatten werktags um 15 Uhr den Weg ins Stadion gefunden – beeindruckend! Diese machten von Beginn an lautstark Stimmung und sahen von der ersten Minute an sehr defensiv eingestellte Gäste, gegen die sich die deutsche Mannschaft, die verletzungsbedingt auf Steffi Jones (wurde nach Absprache geschont), Sandra Smisek (Zerrung) und Petra Wimbersky (Anfang der Woche ärztliche Untersuchung wegen einer Hauterkrankung, die erfreulicherweise schon stark zurückgegangen ist) verzichten musste, lange schwer tat. Die Gastgeber erarbeiteten sich zwar ein klares optisches Übergewicht, Schottland zeigte nahezu keine Offensivbemühungen, doch die massiv stehende schottische Abwehr verlangte den Deutschen ein hohes Laufpensum ab, um zu Torchancen zu kommen.
Zumeist liefen die deutschen Angriffe über die linke Seite, auf der die sehr aktive Anja Mittag – für Petra Wimbersky,

Über weite Strecken die beste deutsche Spielerin: Anja Mittag, hier verfolgt von Julie Smith
im Vergleich zum Russland-Spiel die einzige Veränderung – gemeinsam mit der bisher erfolgreichsten Bundesliga-Torschützin Inka Grings für viel Wirbel sorgte. So auch in der 6. Minute, als Mittag sich auf der linken Seite durchsetzte, Renate Lingor schickte, Julie Smith ihr aber noch zuvorkam. In der 14. Minute führte Lingor eine Ecke schnell aus, Grings kam zur Flanke, die Torfrau Emma Fay nur unsauber klärte, doch ihre Abwehr konnte die Situation bereinigen. So blieb es weiterhin beim 0:0 – auch nach Lingors Fernschuss nach Doppelpass mit Prinz in der 15. Minute und Mittags Fernschuss nach Querpass von Garefrekes in der 16. Minute. Rausgespielte Chancen waren Mangelware – auch die bis dato größte Torchance ergab sich aus einer Standardsituation: Die von Prinz präzise auf Kerstin Garefrekes’ Kopf gezirkelte Ecke blieb jedoch ohne Torerfolg, weil Garefrekes’ Kopfball knapp über die Latte strich.
Das schottische Abwehrbollwerk zu durchbrechen, gelang dann erstmals in der 24. Minute. Mit einer trickreichen Freistoßvariante legte Lingor zunächst Grings auf, diese spielte der für ihre wuchtigen Fernschüsse bekannten Sandra Minnert in den Lauf, deren Kracher aus 20 Metern allerdings nur an die Latte donnerte. Der Ball sprang zurück in den Strafraum, Garefrekes scheiterte an Fay, aber Grings konnte im Fünfmeterraum souverän zur 1:0-Führung abstauben. Eine starke Szene von Grings, die zunächst an der Freistoß-Variante beteiligt war und sich dann schnell in die richtige Position schlich.
 Inka Grings schoss ein Tor uns sorgte auf den Außenbahnen für viel Schwung
Nun schwappte zum ersten Mal die LaOla-Welle durchs weite Rund. Doch der Funke sprang noch nicht auf das deutsche Spiel über. Zu statisch war das deutsche Spiel, die zuletzt oft beobachteten Seitenwechsel zwischen den Flügelspielerinnen blieben aus, durch die Mitte gab es kein Durchkommen. So plätscherte das Spiel vor sich dahin, ehe das deutsche Team in der 35. Minute zu einer nächsten guten Chance kam. Die mangels Beschäftigung in der Defensive diesmal sehr angriffslustige Kerstin Stegemann lief zum Strafraum durch, passte in die Lücke zu Lingor in den Strafraum, doch diese wartete gegen die herauseilende Fay zu
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Kerstin Stegemann (l.), hier im Zweikampf mit Suzanne Malone, zeigte sich gestern von ihrer offensiven Seite
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lange, verkürzte sich damit selber den Winkel und scheiterte folgerichtig an der schottischen Torfrau.
Kurz vor der Pause ergaben sich für die deutsche Mannschaft dann noch einmal zwei große Chancen durch die grippegeschwächte und bis dahin blass gebliebene Spielführerin Birgit Prinz. In der 44. Minute kam sie nach einem gelungenen Doppelpass zwischen Grings und Britta Carlson aus Nahdistanz zum Abschluss, geriet zu sehr in Rücklage und beförderte den Ball so über das Tor. Eine Minute später fehlten jedoch nur Zentimeter. Sarah Günther, in der Defensive ebenfalls beschäftigungslos, bediente nach einer schönen Einzelaktion Grings, diese ließ für Prinz abtropfen, aber der wuchtige Schuss der Weltfußballerin traf nur das Torkreuz.
Insgesamt eine mehr als durchwachsene erste Halbzeit, in der die Ideen und die Laufbereitschaft fehlten, die nötig gewesen wären, um eine so massiv stehende Abwehr wie die schottische auszuhebeln. Eine Steigerung in der zweiten Halbzeit, nicht zuletzt aus Respekt vor den zahlreich gekommenen Zuschauern, musste also das Ziel sein.

Martina Müller feierte auch als Zweitligistin ihr Comeback in der Nationalmannschaft - hier im Zweikampf mit Ifeoma Dieke
In den ersten Minuten der zweiten Hälfte gelang dies noch nicht. Erst in der 55. Minute brannte es im schottischen Strafraum. Garefrekes hatte zu Mittag abgelenkt, die schnell zu Grings weiterleitete, doch die Duisburgerin zielte über das Tor. So war es in der 58. Minute, auch ein Highlight des Tages, ausgerechnet Abwehrspielerin Kerstin Stegemann vorbehalten, mit dem 2:0 den Knoten platzen zu lassen. Die für Carlson eingewechselte Celia Okoyino da Mbabi erkämpfte sich im Mittelfeld den Ball, passte zu Prinz und diese bediente mit einem öffnenden Pass in den Strafraum die 28-jährige Stegemann, die das Leder in Stürmermanier links an der Torfrau vorbei ins Tor schoss. Für Stegemann war es im 136. Länderspiel erst der vierte Treffer.
Die Rheinenserin drehte nun richtig auf. Nachdem das 2:0 eigentlich noch „verkehrte Welt“ war – zuletzt bei Olympia hatte mehrfach Stegemann Prinz per Flanke bedient -, drehte sie den Spieß drei Minuten später wieder um. In der Nähe des Grundlinie kam Stegemann zur Flanke, die mustergültig erst auf Prinz’ Kopf und dann im schottischen Tor landete. Angetrieben vom engagierten Stadionsprecher feierten die Zuschauer nun begeistert jede Torschützin in großer Lautstärke. Beinahe wäre diese Ehre in der 64. Minute auch Anja Mittag zuteil geworden, doch die von Garefrekes weitergeleitete Lingor-Ecke konnte die beste Spielerin des Tages nicht im Tor unterbringen – Fay klärte zur Ecke.

Die Duisburgerin Fatmire Bajramaj ist die erste Debütantin in der Amtszeit von Silvia Neid
Wenn man so will, war auch die 65. Minute ein Highlight, denn mit der Einwechslung Martina Müllers für Inka Grings kam erstmals eine Zweitliga-Spielerin in der Nationalmannschaft zum Einsatz. Doch Müller war bereits mehrere Male (zuletzt bei der WM 2003 und Olympia 2004) mit der Nationalmannschaft bei großen Turnieren dabei. Dass sie nun für ihre Solidarität mit dem Bundesliga-Absteiger VfL Wolfsburg, dem sie in die 2. Liga folgte, nicht bestraft wurde, sondern sich mit guten Leistungen ebenso wie ihre Kolleginnen aus der ersten Liga einen Platz im Kader verdiente, sollte nur ein Schritt zur selbstverständlichen Anerkennung herausragender Leistungen in der noch jungen 2. Liga werden.
Der Sieg war nun gesichert, die deutsche Mannschaft schaltete wieder einige Gänge zurück. Die Potsdamer und Frankfurter Spielerinnen waren am Wochenende im UEFA-Cup im Einsatz, am Sonntag steht das Spitzenspiel zwischen Duisburg und Potsdam an, der November hält weitere wichtige Spiele bereit – natürlich schade für die Zuschauer, aber auch verständlich, dass in dieser Situation keine Spielerin das Risiko eingehen wollte, sich zu verletzen. Doch ein viertes Mal durften die Zuschauer noch jubeln - in der
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79. Minute beförderte Lingor einen der vielen Eckbälle auf den Kopf ihrer Frankfurter Mannschaftskameradin Birgit Prinz, die mit ihrem zweiten Kopfballtor – auch nicht alltäglich, beweist aber, dass sie an dieser Schwäche gearbeitet hat – den 4:0-Endstand markierte. Zu weiteren Toren kam es nämlich nicht. Schottland kam zwar in der 82. Minute zum ersten Torschuss, als sich Pamela Liddell bis in den Strafraum durchsetzte, Silke Rottenberg aber geschickt die Ecke verkürzen und abwehren konnte.
Das letzte Highlight des Tages war dann in der 84. Minute zu verzeichnen, als mit der Duisburgerin Fatmire Bajramaj die erste Debütantin unter Silvia Neid eingewechselt wurde. Der Anlass war jedoch weniger erfreulich, denn da Mbabi musste mit einer Zerrung ausscheiden. Das Nachwuchstalent war dann auch gleich an der nächsten deutschen Chance beteiligt, als sie die fast schon als Stürmerin agierende Stegemann bediente, deren Schuss aber zur Ecke geklärt werden konnte. Diese kam auf den Kopf von Müller, die sich emsig bemühte, aber ohne Torerfolg blieb.
Ein 4:0-Pflichtsieg, für den die deutsche Mannschaft nicht mehr tat, als nötig war. Zwanzig starke Minuten in der zweiten Halbzeit reichten aus, um auch in der Höhe einen klaren Sieg einzufahren. In der ersten Halbzeit konnten vor allem Mittag und Grings gefallen, in der zweiten Halbzeit verlagerte sich das deutsche Spiel mehr auf die rechte Seite, über die dann – angetrieben von der nach ihrem Tor wie aufgedreht spielenden Stegemann - die letzten drei Tore fielen. Ein höherer Sieg wäre angesichts der optischen Überlegenheit möglich und verdient gewesen, doch die Chancenausbeute ließ mangels letzter Konzentration noch zu wünschen übrig. Dass die Schottinnen sich allein auf ihre Abwehrarbeit konzentrierten, machte das Spiel sicherlich nicht attraktiver – verdenken kann man es ihnen angesichts der Kantersiege, für die Deutschland immer wieder gut ist, und angesichts des Ausfalls ihrer Spitzenstürmerin Julie Fleeting allerdings gewiss nicht. Deutschland liegt nun mit einem Spiel weniger nur noch drei Punkte hinter Tabellenführer Russland und kann mit einem Sieg gegen die Schweiz am 12. November um 17 Uhr in Ulm (live im ZDF) die Tabellenführung übernehmen.
 Gesprächspartner bei der Pressekonferenz: Bundestrainerin Silvia Neid, Pressesprecher Niels Barnhofer, Schottlands Trainerin Anna Signeul
Stimmen zum Spiel:
Anna Signeul (Schottland):
Ich hatte das Spiel so schwer erwartet. Wir haben gegeben, was wir konnten. Wir mussten so defensiv spielen, alles andere wäre ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen. Das Ergebnis ist keine Überraschung und ich bin auch nicht traurig darüber, denn wir sind noch nicht so weit. Schottland hinkt dem deutschen Frauenfußball mindestens 10 Jahre hinterher und da die meisten unserer Spielerinnen im Ausland spielen, sind das auch keine optimalen Bedingungen für die Nationalmannschaft. Aber ich habe den Job übernommen, um etwas zu bewegen und Potenzial ist vorhanden.
Die Kulisse hier war super, da darf man keine Angst haben, sondern muss es einfach genießen. Ich habe es genossen.
Silvia Neid (Deutschland):
Kompliment an Anna, sie hat ihre Mannschaft gut eingestellt und es uns schwer gemacht. Für uns war es vor allem in der ersten Halbzeit schwer, Wege zu finden. Jede war etwas zu lange am Ball, das Kombinationsspiel kam nicht in Gang. Dennoch bin ich sehr zufrieden, weil wir zu Null gespielt haben und die Mannschaft nie aufgegeben hat, sich weitere Tore zu erarbeiten. Das war Werbung für den Frauenfußball. Aber einfach war es nicht, denn die Abwehr von Schottland stand gut.
Die Kulisse hat mich begeistert, wir kommen gerne wieder. Wenn 13.000 Zuschauer garantiert werden, dann auch gerne Mittwoch morgens.
Wer noch mehr über die schottische Mannschaft und den schottischen Frauenfußball erfahren möchte, sollte in der nächsten Zeit wieder bei uns reinschauen.
Statistik:
Deutschland
Rottenberg, Stegemann, Hingst, Minnert, Günther, Garefrekes, Carlson (54. Okoyino da Mbabi /84. Bajramaj), Lingor, Mittag, Grings (66. M. Müller), Prinz
Schottland
Fay, Smith, Kerr, Dieke, Barr, Jones, Grant (76. Ferguson), Cook, Love, Malone (86. McDonald)
Hamill (71. Liddell)
Tore:
1:0 Grings (24.)
2:0 Stegemann (57.)
3:0 Prinz (60.)
4:0 Prinz (79.)
Schiedsrichterin: Anni Hänrinen (Finnland)
Gelbe Karte: Jones
Zuschauer: 15.504
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