A-Nationalmannschaft - WM-Qualifikation

Gelungenes Heimdebüt für Silvia Neid

Deutschland - Russland 5:1 (3:0)

26.09.2005

Von Katja Öhlschläger

Im Siegener Leimbachstadion begann für den amtierenden Weltmeister Deutschland gestern das „Unternehmen Titelverteidigung“. In ihrem ersten WM-Qualifikationsspiel, gleichzeitig das Heimdebüt an alter Wirkungsstätte für die neue Trainerin Silvia Neid, empfingen die Gastgeber die Mannschaft Russlands, die mit drei Siegen in drei Spielen in der Qualifikationsgruppe 4 bereits erfolgreich vorgelegt hatte.

Nach den zwei Anfang September in Kanada gewonnenen Testspielen wartete auf die deutsche Mannschaft also gleich zu Beginn der WM-Qualifikation der vermeintlich stärkste Gegner. Nachdem die U19 Russlands im Juli den EM-Titel bejubeln konnte, möchte die A-Mannschaft ihrem Nachwuchs natürlich in nichts nachstehen – die erneute Qualifikation für die WM ist folglich die klare Vorgabe.

Die neue Bundestrainerin Silvia Neid gab gestern an alter Wirkungsstätte in Siegen ihr Heimdebüt

Bild: Volker Lieberum

Das deutsche Team musste mit Steffi Jones (Knieprobleme) und Conny Pohlers (Kapselverletzung) auf zwei Leistungsträgerinnen verzichten, konnte aber dennoch eine eingespielte Mannschaft aufs Feld schicken. Sandra Minnert nahm die Innenverteidigerposition von Steffi Jones ein, Sarah Günther bekleidete die linke Position in der Viererabwehrkette. Diese Aufgabe hatte sie auch bei den beiden Spielen in Kanada, bei denen Minnert verletzungsbedingt fehlte, übernommen. Auf der linken Seite im Mittelfeld bekam die Potsdamerin Petra Wimbersky nach dem Ausfall ihrer Mannschaftskameradin Pohlers die Gelegenheit, sich von Anfang an zu beweisen.

Ehe es dann losgehen konnte, wurden mehreren deutschen Spielerinnen verschiedenste Ehrungen zuteil. Birgit Prinz wurde für ihre Wahl zur „Fußballerin des Jahres“, Pia Wunderlich und Sandra Smisek für ihr jeweils 100. Länderspiel, das sie während der EM absolvierten, geehrt, und Inka Grings, Silke Rottenberg sowie Kerstin Stegemann mit der Sportehrenmedaille des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.
Unerfreulich: Vor der Hymne der russischen Gäste zeigten einige Zuschauer mit Buh-Rufen, dass sie das Motto der FIFA, „Fair-Play“, noch nicht richtig verstanden hatten.

Elena Morozova hätte die russische Mannschaft in der 4. Minute beinahe in Führung gebracht

Bild: Volker Lieberum

Punkt 13 Uhr ertönte dann der Anpfiff von Schiedsrichterin Snjezana Focic aus Kroatien im gut gefüllten Leimbachstadion. Beide Teams begannen schwungvoll, die deutsche Mannschaft agierte von Beginn an offensiv. Gleich nach wenigen Augenblicken deutete sich an, dass Wimbersky und Kerstin Garefrekes auf den Außenbahnen sowie Prinz im Angriff die Aufgabe hatten, ständig zu rochieren, um den Gegner damit zu irritieren. Eine Variante, die auch schon in den letzten Spielen der ehemaligen Trainerin Tina Theune-Meyer verstärkt zu beobachten war.

Renate Lingor verwandelte den Elfmeter zum 1:0

Bild: Volker Lieberum

Gleich in der ersten Spielminute setzte sich die Duisburgerin Inka Grings auf der linken Seite durch, kam nach geglücktem Doppelpass mit Renate Lingor wieder an den Ball, doch ihr Schuss war eine leichte Beute für die U19-Europameisterin Elvira Todua im russischen Tor. Nur drei Minuten waren vergangen, kam es zur einer Schrecksekunde, die durch einen Abstimmungsfehler zwischen der ungewohnt unsicheren Kerstin Stegemann und Wimbersky zustande kam. Keine griff Elena Morozova, ebenfalls U19-Europameisterin, an, diese zielte vor bzw. auf das Tor, der Ball senkte sich gefährlich ab, doch Silke Rottenberg reagierte blitzschnell und lenkte den Ball mit einer Glanzparade noch an die Latte.

Diese Szene schien gleichzeitig das Startsignal für die Gastgeberinnen zu sein, denn im direkten Gegenzug setzte sich Garefrekes, nun auf der linken Außenbahn angelangt, bis in den Strafraum dynamisch durch und konnte dort nur noch durch ein Foul von Oxana Shmachkova gebremst werden. Den fälligen Elfmeter verwandelte Lingor sicher ins linke untere Eck zum 1:0 für den Titelverteidiger. Gleichzeitig war es das 25. Länderspieltor für Lingor. Zwei Minuten später war es dann erneut die diesmal sehr agile und immer anspielbereite Garefrekes, die an der russischen Strafraumgrenze nachsetzte, gegen Shmachkova den Ball eroberte und zügig zur freistehenden Grings weiterleitete, die in souveräner Manier zum 2:0 abschloss. Ein echter Paukenschlag, bereits 2:0 nach sieben Spielminuten.

Vieles deutete nun auf einen Kantersieg hin, doch der Mannschaft von Silvia Neid gelang es nicht, mit dem 2:0 in Rücken zu einem geordneten Spielaufbau zu kommen. Das Team erarbeitete sich zwar ein deutliches Übergewicht, das Feuer der Anfangsminuten allerdings war weg. Erst in der 16. Minute setzte die unermüdlich kämpfende Wimbersky ein Zeichen, als sie einen schier unerreichbaren


Gruppenbild nach dem Spiel mit den "Stelzengängern"

Bild: Nora Kruse

Ball noch vor der Außenlinie erobert und sofort präzise auf Grings flankte, doch deren Kopfball fiel Todua direkt in die Arme. Chancenlos wäre Todua vermutlich zwei Minuten später gewesen, wenn der wuchtige Weitschuss aus etwa 22 Metern von Britta Carlson nur wenige Zentimeter weiter nach rechts gekommen wäre. Das war ganz knapp. Doch so blieb es erst einmal beim 2:0, das Spiel verflachte in der Folgezeit zunehmend.

Nur phasenweise konnte die deutsche Mannschaft Druck aufbauen, so auch nach knapp 25 Minuten. Nach zwei Eckbällen in kurzem Abstand wurde Prinz auf Strafraumhöhe gefoult, doch der darauf folgende Freistoß wurde von Lingor über das Tor gesetzt. Drei Minuten später leitete Torfrau Rottenberg mit einem weiten Abschlag die nächste Chance ein. Wimbersky kam an den Ball, gab auf den rechten Flügel zu Garefrekes, die umgehend abschloss, doch ihr Schuss ging knapp am rechten Torpfosten vorbei.

Bis zur Pause passierte dann nicht mehr viel. Deutschland hatte das Spiel im Griff, ohne dabei wirklich zu überzeugen. Das russische Team kam nur zu seltenen Entlastungsangriffen, die allerdings ohne Torgefahr blieben. Olesya Kurochkina war im Sturmzentrum zu sehr auf sich allein gestellt, was es der deutschen Abwehr leicht machte, die russischen Angriffe immer wieder ins Abseits laufen zu lassen.

Für die Vorentscheidung sorgte dann Sandra Minnert in der 44. Minute mit einem eingesprungenen Volleyschuss aus Nahdistanz nach Eckball von Prinz. Mehrere gute

Inka Grings nimmt Maß zum 2:0 - lautstark angefeuert von Birgit Prinz

Bild: Volker Lieberum

Phasen bei ansonsten durchschnittlichem Niveau reichten, um mit einem beruhigenden 3:0-Vorsprung in die Pause zu gehen. Insbesondere Garefrekes und in der Anfangsphase Grings schoben das deutsche Spiel an, Sarah Günther wusste in der Abwehr zu gefallen. Ariane Hingst und Kerstin Stegemann zeigten ungewohnte Schwächen, doch die Russinnen konnten daraus kein Kapital schlagen. Das deutsche zentrale Mittelfeld blieb blass, war mit dafür verantwortlich, dass die Mannschaft einen geordneten Spielaufbau vermissen ließ.

In den ersten Minuten des zweiten Spielabschnitts agierte das deutsche Team wieder schwungvoll. Celia Okoyino da Mbabi feierte nach ihrer Einwechslung für Britta Carlson ihr Heimdebüt in der A-Nationalmannschaft. Viel hätte in der 48. Minute nicht gefehlt, da hätte das deutsche Team wieder zu Beginn einer Halbzeit den Ball im Netz untergebracht. Garefrekes setzte sich erneut auf der rechten Seite durch, Todua konnte den Ball nur abblocken, doch Lingor – sichtlich überrascht von dieser Gelegenheit - brachte das Kunststück fertig, aus zwei Metern Torentfernung am leeren Tor vorbeizuschießen.

Aufregung dann erst wieder in der 57. Minute. Valentina Savchenkova wurde an der Eckfahne von Sarah Günther gefoult - als sich Günther wegbewegte, trat sie der am Boden liegenden Savchenkova unglücklich auf die Hand, was diese lautstark reklamierte. Wenige Augenblicke später kam Günther auf der linken Außenbahn an den Ball, die wütende Savchenkova kam angestürmt und grätschte auf übelste Art voll in die Beine von Günther, sodass der Knall bis unter das Stadiondach zu hören war. Glücklicherweise konnte Günther gleich weiter spielen und Savchenkova konnte sich glücklich schätzen, dass ihre Attacke nur mit der gelben Karte geahndet wurde.

Die deutsche Mannschaft agierte nun zu passiv, ließ den Gegner ins Spiel kommen. Dass Galina Komarova in der 60. Minute nach Vorlage der Torschützenkönigin der U19-EM, Elena Danilova, dann der Anschlusstreffer gelang, kann nicht als unverdient bezeichnet werden. Das deutsche Team spielte zu unpräzise, systematischer Spielaufbau war Fehlanzeige und die Flanken kamen oftmals nicht an. So waren es über weite Strecken Einzelaktionen, mit denen das Team von Silvia Neid für Torgefahr sorgte. So auch in der 66. Minute, als Prinz nach dynamischem Antritt aus 18 Metern abzog und Todua den wuchtigen Schuss mit einer tollen Parade noch zur Ecke klären konnte.

Olesya Kurochkina war im russischen Angriff zu sehr auf sich alleine gestellt

Bild: Nora Kruse

Erst in der Schlussviertelstunde kombinierte die deutsche Mannschaft wieder flüssiger, die Hereinnahme von Sandra Smisek beflügelte das Angriffsspiel. Zudem gelang es Smisek, mit ihrem


wuseligen Spiel die Abwehrspielerinnen auf sich und somit weg von Prinz zu ziehen, denn die Weltfußballerin war zuvor immer von mehreren Spielerinnen in Deckung genommen worden. In der 77. Minute gelang dem deutschen Team ein sehr gelungener Spielzug, bei dem nur der krönende Abschluss fehlte: Rottenberg schlug einen weiten Ball auf Prinz, diese leitete auf Wimbersky weiter, die wiederum mit einem Lupfer Smisek in Szene setzte, doch die aufmerksame Todua kam der deutschen Angreiferin um einen Moment zuvor. Kurz darauf legte Smisek der sich freilaufenden Prinz auf, diese wäre in ausgezeichneter Position zum Torschuss gekommen, doch Schiedsrichterin Focic entschied – eine Fehlentscheidung, wie die Fernsehbilder zeigen – auf Abseits.

Galina Komarova erzielt den Anschlusstreffer für Russland. Silke Rottenberg kann das Gegentor nicht verhindern

Bild: Volker Lieberum

Nachdem da Mbabi in den ersten Minuten nach ihrer Einwechslung noch sehr nervös agierte, öfter den Ball verlor und die Passgenauigkeit noch fehlte, konnte sie sich in der Schlussphase dann doch auszeichnen, indem sie das 4:1 und das 5:1 der der deutschen Mannschaft einleitete. In der 87. Minute setzte sie Prinz in Szene, die schnell reagierte, sich den Ball auf den rechten Fuß legte und mit einem satten Schuss aus etwa 18 Metern in rechte Toreck der russischen Torfrau keine Abwehrchance ließ. Das 5:1 war dann ein Kraftakt der gesamten Offensivabteilung. Da Mbabi erkannte die Lücke in der russischen Abwehr und bediente mustergültig die freistehende Smisek, doch Todua konnte vorerst noch mal abblocken. Der Nachschuss von Prinz allerdings war so hart, dass Todua den Ball nur noch nach oben fausten konnte, worauf Smisek schon lauerte, um sogleich mit einem wuchtigen Abstauber unter die Torlatte für den 5:1-Endstand zu sorgen.

Die deutsche Mannschaft bedankt sich bei ihren Fans

Bild: Volker Lieberum

Insgesamt eine durchwachsene Leistung der deutschen Mannschaft, bei der Licht und Schatten sich ständig abwechselten. Gute Schlussminuten in der zweiten Hälfte reichten aus, um mit einem 5:1-Sieg souverän in die WM-Qualifikation zu starten. So war denn auch Trainerin Silvia Neid nach dem Spiel vor allem mit dem Ergebnis, nicht aber mit der Leistung ihrer Mannschaft zufrieden:
„Es war gut, dass wir so früh zwei Tore erzielen konnten. Danach hätten wir eigentlich frei aufspielen können, es lief aber nie so richtig rund. Der letzte Pass kam nicht an, oftmals sind die Spielerinnen schon zu früh oder zu spät losgelaufen. Mit dem Engagement bin ich aber sehr zufrieden. Obwohl die Spielerinnen gemerkt haben, dass es nicht so läuft, haben sie sich sehr bemüht, weshalb die zwei Tore zum Schluss auch die verdiente Belohnung waren.“

Der russische Trainer Yury Bystritskiy bei der Pressekonferenz

Bild: Volker Lieberum

Russlands Trainer Yury Bystritskiy gratulierte der deutschen Mannschaft und erkannte die deutliche Überlegenheit an. In dieser Form sei er sich sicher, dass die deutsche Mannschaft auch bei der WM 2007 wieder ein absoluter Topfavorit ist.

Statistik:

Deutschland
Rottenberg – Stegemann, Hingst, Minnert, Günther – Garefrekes, Carlson (46. da Mbabi), Lingor, Wimbersky (78. P. Wunderlich) – Grings (59. Smisek), Prinz

Russland
Todua - Poriadina, Sergaeva, Shmachkova, Skotnikova - Komarova, Barbashina, Mokshanova (46. Danilova), Morozova - Kurochkina (84. Kremleva), Savtchenkova

Tore:
1:0 Lingor (6./FE)
2:0 Grings (7.)
3:0 Minnert (43.)
3:1 Komarova (60.)
4:1 Prinz (87.)
5:1 Smisek (90.)

Schiedsrichterin: Snjezana Focic (Kroatien)

Gelbe Karten: Minnert – Komarova, Shmachkova, Savchenkova

Zuschauer: 7382

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