A-Nationalmannschaft

Deutschland besteht vorletzten EM-Test

Deutschland - Kanada 3:1 (1:1)

21.04.2005

Von Katja Öhlschläger

Die deutsche Nationalmannschaft kehrte zurück – nach Osnabrück, den Ort des EM-Triumphes von 1989, der vor einem ausgelassenen Publikum und live im Fernsehen stattfand. Ein Meilenstein in der Geschichte des deutschen Frauenfußballs, da kommt man natürlich gerne zurück.
Auch diesmal war das weite Rund prächtig gefüllt – erst recht für die Anstoßzeit von 15 Uhr an einem Werktag. Knapp 7000 Zuschauer verbreiteten von Beginn an eine tolle Stimmung.

Das deutsche Team lief mit Silke Rottenberg im Tor auf. In der Abwehr fehlte Kerstin Stegemann aufgrund einer Kniereizung (sie selber wollte nahe ihrer Heimat Rheine allerdings unbedingt spielen). Für sie spielte Sonja Fuss neben den etablierten Steffi Jones, Ariane Hingst und Sandra Minnert auf der rechten Verteidigerposition. Das Mittelfeld bildeten zentral defensiv Renate Lingor und Navina Omilade, auf den Flügeln sollten Conny Pohlers (links) und Kerstin Garefrekes (rechts) für Wirbel sorgen. Die Sturmspitze bestand aus Sandra Smisek und Birgit Prinz.

Von Beginn an entwickelte sich ein abwechslungsreiches Spiel mit leichter Feldüberlegenheit für Deutschland. Insbesondere Fuss setzte sofort viele offensive Akzente. Die erste gefährliche Chance hatten allerdings die Gäste. Christine Sinclair kam nach einer Flanke von Amber Allen zum Kopfball, doch Rottenberg konnte mit einem Hechtsprung ins linke untere Eck klären.

In der Folge ergaben sich Torchancen auf beiden Seiten. Auf deutscher Seite vergaben Smisek und Prinz ihre Chancen – Amber Allen für die Gäste machte es dann in der 14. Minute besser. Jones und Minnert verloren das Kopfballduell gegen Amy Walsh und dann schaltetete Amber Allen schneller als Hingst und Fuss, bei denen in diesem Moment die Abstimmung nicht passte. So musste die Kanadierin nur noch einschieben – Rottenberg war zwar noch dran, konnte den Rückstand aber nicht mehr verhindern.

Sofort nach dem Rückstand versuchte Deutschland, zum Ausgleich zu kommen. Erst ging ein Kopfball von Jones rechts vorbei, wenige Minuten später verpasste wieder Jones knapp nach einer maßgenauen Hereingabe von Pohlers.

Hatte die deutsche Mannschaft zu Beginn und auch direkt nach dem Gegentor noch offensiv ausgerichtet und weit vorne gestanden – mitunter war sogar Pressing erkennbar -, zog sich das Team von Bundestrainerin Tina Theune-Meyer dann eine gute Viertelstunde unerklärlicher Weise viel zu weit zurück. Die alten Fehler im System, die zu Beginn weitestgehend ausgemerzt schienen („TTM“ hatte im Training besonders das Herausspielen von Torchancen üben lassen), traten nun wieder zutage. Die Offensivspielerinnen griffen nicht mehr so früh an, das gesamte Mittelfeld ließ sich wieder weiter nach hinten fallen, was logischerweise zu vielen weiten Pässen nach vorne führte, um die Lücke zwischen Abwehr und Angriff zu überbrücken. Gegen die kopfballstarken Kanadierinnen allerdings ein hoffnungsloses Unterfangen.

Spielte eine sehr starke Partie: Sonja Fuss

Bild: Nora Kruse

Erst kurz vor dem Pausenpfiff verlagerten sich dann alle Mannschaftsteile wieder mehr nach vorne. In der 39. Minute setzte sich Pohlers auf links toll durch, lief in den Strafraum und passte dann – anstatt selbst aus mehr als aussichtsreicher Position zu schießen – auf Birgit Prinz. Eine nette Geste, um dieser auf ihrem Weg zum Torrekord in der Nationalmannschaft zu helfen, doch die Spielführerin stand einige Schritte im Abseits, sodass dem Treffer die Gültigkeit aberkannt werden musste.
Der Gastgeber war nun am Drücker. Sekundenbruchteile vor der Pause nahm sich denn Fuss fast von der Eckfahne aus ein Herz und zog aufs Tor ab. Damit erwischte sie die kanadische Torfrau Tarya Swiatik eiskalt, denn die hatte das kurze Eck nicht


Das deutsche Team bedankt sich bei seinen Fans

Bild: Silvia Schmidt

abgesichert und kam für den straffen Schuss der Potsdamerin, die damit ihre tolle Leistung krönen konnte, zu spät.

Insgesamt eine erste Halbzeit, in der sich der Weltmeister engagiert und im Kombinationsspiel deutlich verbessert zeigte. Leider gelang dies aber nicht über die gesamte Spieldauer, weshalb hier noch an der Ausgeglichenheit gearbeitet werden muss. Im Abschluss fehlten Glück und Cleverness. Kanada hatte zwei kurze Drangphasen, spielte sehr effektiv und stellte die deutsche Abwehr insbesondere bei Kopfballduellen wiederholt vor Probleme.

Für die zweite Halbzeit wechselte Theune-Meyer dann gleich dreimal aus und signalisierte damit, dass sie den Sinn der Testspiele darin zu sehen scheint, möglichst vielen Spielerinnen noch einmal die Chance zu geben, um sich zu beweisen. Ein festes Team kann sich so freilich nicht einspielen.

Anja Mittag kam für die emsige Sandra Smisek (im Angriff hat „TTM“ wirklich die Qual der Wahl – auf der Bank saßen auch noch Müller und Wimbersky), Viola Odebrecht für Navina Omilade, bei der sich gute und schlechte Phasen die Waage hielten, und Inka Grings für Sonja Fuss. Während die beiden zuerst genannten Wechsel positionsbezogen waren, ist der dritte Wechsel aufgrund der Leistungen in der ersten Hälfte nur sehr schwer nachzuvollziehen. Mittag rückte auf rechts und Grings in die Spitze, doch anstatt die blass gebliebene Garefrekes auszuwechseln, beorderte die Trainerin diese auf die rechte Verteidigerposition und ließ Fuss auf der Bank Platz nehmen, obwohl diese mit ihrem couragierten Angriffsspiel die überragende deutsche Akteurin war.

Der Weltmeister nach getaner Arbeit: Sarah Günther, Kerstin Garefrekes, Viola Odebrecht, Renate Lingor und Inka Grings (v.l.n.r.)

Bild: Silvia Schmidt

Nach den vielen Wechseln schien der Spielfluss dann auch erst einmal zerstört. Das Kombinationsspiel wirkte sehr zerfahren und war mit zu vielen Fehlpässen behaftet.

Für den ersten Aufreger sorgte Odebrecht, die mit einem brillanten 40-Meter-Pass Conny Pohlers in Szene setzte, der im Abschluss allerdings erneut die Ruhe und Abgeklärtheit fehlte. Torhüterin Swiatik musste das Schüsschen nur noch in Empfang nehmen.

In der Folge zeigten sich die Kanadierinnen ein ums andere Mal von ihrer etwas robusteren Seite und sorgten mit unnötig hartem Zweikampfverhalten für einige Spielunterbrechungen. Erst erwischte es Prinz nach einem Ellbogencheck, kurz darauf stieg eine Kanadierin völlig unnötig gegen Rottenberg ein, obwohl die Szene bereits geklärt war. Unschöne Szenen in einem Freundschaftsspiel, das noch dazu auf eine Kooperation des DFB mit dem kanadischen Fußballverband zurückgeht.

Nach 69 Minute kam dann Sarah Günther, über die im Vorfeld des Spiels bekannt wurde, dass sie den HSV zum Saisonende in Richtung 1. FFC Frankfurt verlässt, für Minnert. Minnert, die ohnehin noch an den Folgen ihres beim Algarve-Cup zugezogenen Nasenbeinbruchs laboriert, hatte erneut einen Schlag auf die Nase bekommen.

Nach einem gefährlichen Fernschuss der sehr agilen Odebrecht erfolgte dann in der 76. Minute mit Isabell Bachor für Pohlers der letzte Wechsel. Vielleicht etwas spät, hatte Pohlers zwar emsig geackert, agierte im Abschluss aber glücklos und war den robusten Kanadierinnen auch ein ums


andere Mal körperlich unterlegen.

Die frisch Eingewechselte fügte sich dann auch gleich mit einer tollen Flanke auf Mittag ein – diese nahm den Ball gekonnt an, traf das runde Leder dann allerdings beim Torschuss nicht richtig und vergab so diese Großchance. Der deutsche Druck nahm nun deutlich zu, Kanada konnte sich kaum noch befreien, das 2:1 war so die verdiente Folge. In der 79. Minute zeigte Lingor eine Eckballvariante mit Grings und flankte nach kurzem Doppelpass aus halbrechter Position auf ihre Vereinskameradin Birgit Prinz, die die Kugel mit einem Hechtkopfball unhaltbar ins Tor wuchtete. Für Prinz war es ihr 83. Länderspieltor – damit stellte sie den Torrekord von Heidi Mohr ein.

Beobachtete die deutsche Mannschaft im Auftrag der schwedischen Nationaltrainerin Marika Domanski-Lyfors: Pia Sundhage, derzeit in Diensten von KIF Örebro

Bild: Nora Kruse

Einer weiteren deutschen Chance durch Grings folgte ein fataler Fehlpass der sehr unsicher wirkenden Günther, und allein Christine Sinclair, die den Ball verstolperte, ist es zu verdanken, dass es vorerst beim 2:1 blieb.

Für die Entscheidung sorgte dann in der 86. Minute Inka Grings. Prinz demonstrierte, dass sie nicht nur Tore schießen, sondern auch Tore vorbereiten kann, und flankte schön auf die Duisburger Torjägerin Inka Grings, die in sehr abgeklärter Art und Weise zum 3:1 vollendete. Ein astreiner, schnell und schnörkellos gespielter Angriff.

Mit dieser tollen Schlussphase entschädigte das Weltmeisterteam das sehr aktive und lautstarke Publikum (mehrmals rauschte die LaOla-Welle durch das Stadion an der Bremer Brücke) für die weitgehend zerfahrene zweite Halbzeit.
Ein gutes Ergebnis, mit dem sich der Frauenfußball mal wieder von seiner besseren Seite - und das auch live im Fernsehen - präsentieren konnte. Doch dürfen die zwei Tore am Ende nicht darüber hinwegtäuschen, dass die defensive Ausrichtung – bis auf die Ausnahmen, wenn sich die Spielerinnen auf eigene Faust vorne einschalten – des zentralen Mittelfelds weiterhin für eine zu große Lücke zwischen Defensive und Offensive sorgt, die Stürmerinnen zwingt, sich sehr weit zurückfallen zu lassen, um Bälle zu kommen und das Offensivspiel an sich somit massiv behindert.

Bundestrainerin Tina Theune-Meyer zeigte sich nach dem Spiel zufrieden mit dem Ergebnis, bemängelte allerdings die Chancenverwertung („die Ruhe hat gefehlt“) und die Probleme im Spielaufbau.

Statistik:

Deutschland
Rottenberg – Fuss (46. Grings), Jones, Hingst, Minnert (69. Günther) – Garefrekes, Lingor, Omilade (46. Odebrecht), Pohlers (76. Bachor), Smisek (46. Mittag), Prinz

Kanada
Swiatek - Schmidt, Andrews, Hermus, Morneau - Matheson, Walsh, Neil (68.Cicchini) - Timko, Sinclair (88.Robinson), Allen (56.Thorlakson)

Tore:
0:1 Allen (14.)
1:1 Fuss (45.)
2:1 Prinz (79.)
3:1 Grings (86.)

Schiedsrichterin: Steinhaus (Hannover)

Gelbe Karten: Minnert

Zuschauer: 6825

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