. . . .

FanSoccer

Das Frauenfußball-Magazin



Nationalmannschaft

Gelungenes Event

Deutschland - Brasilien 1:1 (1:1)

Text und Bilder von Tom Schlimme

23.04.2009   Das Aufeinandertreffen der beiden großen Frauenfußball-Nationen Deutschland und Brasilien war sportlich von großem Interesse und die Begegnung wurde mit entsprechendem Ehrgeiz von beiden Seiten sehr intensiv geführt. Daneben war aber auch die Frage der Präsentation des Frauenfußballs in der Öffentlichkeit mit Blick auf die WM 2011 von mindestens ebenso großer Bedeutung. Im folgenden sollen beide Aspekte beleuchtet werden, statt eines Spielberichtes im üblichen Sinn - das Spiel werden die meisten sowieso live oder im Fernsehen gesehen haben - möchte ich mich mit zwei Fragen auseinandersetzen: was hat das Spiel für sportliche Erkenntnisse gebracht und was hat es für die Darstellung des Frauenfußballs in Deutschland gebracht. Durch viele Bilder möchte ich dabei möglichst viel von der Stimmung und dem Flair der Begegnung vermitteln:

Schon in den Tagen vor dem Spiel war ja klar geworden, dass ein neuer Rekord in Europa aufgestellt werden würde. Noch nie waren in Europa auch nur annähernd so viele Zuschauer bei einem Frauenfußballspiel in einem Stadion gewesen. Die Frage war jetzt, würde es gelingen, die geweckten Erwartungen zu erfüllen, würden die Zuschauer zufrieden nach Hause gehen, würde die Vorfreude auf die WM 2011 weiter verstärkt werden. Mein Eindruck: Das Event hat von vorne bis hinten funktioniert, die Stimmung war prächtig und die Zuschauer begeistert.

Brasilianischer Fanblock

Die Sambatrommeln des brasilianischen Fanblocks sorgten das ganze Spiel hindurch für stimmungsvolle Atmosphäre

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, in einem Stadion dabei zu sein, wo über 40.000 Menschen klatschen und anfeuern. Die Gegentribüne war praktisch vollständig gefüllt, auf der Hauptribüne wäre noch etwas Platz gewesen, aber auch hier war es voll, einfach gigantisch. Dabei ging es vollkommen entspannt zu, sowohl an den Eingängen wie auch in den übrigen Bereichen, überall habe ich nur freudig gespannte Gesichter gesehen, es gab, jedenfalls, so weit ich es mitbekam, wenig Staus, wenig Gedränge, es waren viele Kinder zu sehen, und der Frauenfußball dürfte seinen Ruf, gerade für Familien bestens geeignet zu sein, weiter gefestigt haben.

Vor dem Spiel

Frauenfußball hat Familienpotential, das wurde rund um das Spiel eindrücklich bewiesen

Das Ganze hätte natürlich ordentlich in die Hose gehen können, hätte die deutsche Nationalmannschaft einen Grottenkick abgeliefert. Leider hat die Vergangenheit ja gezeigt, dass das deutsche Team dazu prinzipiell durchaus in der Lage ist. Doch in wichtigen Spielen ist die DFB-Auswahl dann doch meist voll da, und dies war ein wichtiges Spiel, obwohl es nur um die Ehre, nicht um Punkte ging. Anders als noch im Halbfinale bei Olympia 2008 gelang es dem deutschen Team, Brasilien über weite Strecken der Partie deutlich zu dominieren. Dass es dann doch nur 1:1 ausging, ist wirklich Pech und wird den Spielanteilen nicht gerecht. Die Zuschauer sahen ein vor allem von der deutschen Mannschaft hochklassiges Spiel, temporeich, mit viel Kampf, und entsprechend gut war die Stimmung im Publikum während der ganzen 90 Minuten.

Die Welle

Mitmachen gehört dazu: Jeder einzelne im Publikum war Teil eines großen Fußballfestes, und so wogte die Welle ein um das andere Mal durch das weite Rund

Nach dem Spiel gab es dann Standing Ovations, die Gegentribüne stand geschlossen auf und feierte die deutsche Mannschaft. Ich habe in viele Gesichter geblickt und bin sicher, die Leute waren begeistert, obwohl das deutsche Team nicht gewonnen hatte, honorierten die gute Leistung im Spiel und wer so ein Erlebnis mit nach Hause nimmt, müßte eigentlich gerne wiederkommen.

Kerstin Garefrekes, Bianca Schmidt und Marta

Kerstin Garefrekes und Bianca Schmidt sind hier vor Marta am Ball. Das deutsche Publikum sah es gerne!


name

Auch das ist eine Stärke des Frauenfußballs: im Spiel ging es mit großem Ehrgeiz und manchmal ruppig zur Sache, doch nach dem Spiel umarmten sich viele Spielerinnen freundschaftlich, wobei sich Nadine Angerer und Cristiane natürlich auch aus ihrer gemeinsamen Zeit in Potsdam besonders gut kennen.

Brasilien war wirklich mit der A-Mannschaft angereist, in die allerdings derzeit einige junge Spielerinnen eingebaut werden, die auch schon bei der U20 WM aufgefallen sind. Diesen Umbruch wollte dann nach dem Spiel Brasiliens neuer Trainer Kleiton Lima als Begründung anführen, wieso seine Elf nicht so stark gespielt hatte. Doch Bundestrainerin Silvia Neid konnte cool konternd darauf verweisen, ebenfalls junge Spielerinnen in die Mannschaft einzubauen. Dabei boten die deutschen Youngsters Bianca Schmidt und Kim Kulig eine Klasseleistung, gehörten mit zu den stärksten auf dem Platz.

Kim Kulig

Kim Kulig gewann wohl jedes Kopfballduell und war mit ihrer Dynamik eine der treibenden Figuren im deutschen Spiel

Das deutsche Team drängte die Brasilianerinnen von Anfang an tief in deren Hälfte zurück und erspielte sich Chancen. Doch diese wurden, wie Neid später sagte, nicht gut genug ausgespielt, und so kam halt nicht mehr dabei heraus als das Tor von Anja Mittag in der 24. Minute. Linda Bresonik flankte von rechts in den Strafraum, Mittag hielt den Fuß hin, so einfach kann Fußball sein. Schön, dass die Natio-Torflaute von Mittag, die in der Liga immerhin mit 15 Treffern auf Platz drei der Torschützenliste liegt, endlich beendet ist.

Brasilien kam im ganzen Spiel praktisch nur zu einer einzigen Chance, die sehr glücklich zum Ausgleichstreffer genutzt wurde. Das kam so:

Marta gegen Babett Peter

Marta konnte auf links von der insgesamt aber sehr starken Babett Peter nur durch ein Foul gestoppt werden, ließ sich ziemlich theatralisch fallen und schindete damit eine gelbe Karte gegen Peter. Ich stand direkt daneben, würde es sonst nicht so hart formulieren.

Marta und Jenny Palmqvist

Die Betreuer Brasiliens kamen auf den Platz gelaufen, obwohl die Schiedsrichterin sie noch gar nicht herbeigewunken hatte. Regelkonform schickte Schiedsrichterin Jenny Palmqvist daraufhin Marta hinter die Seitenauslinie. Betreut heißt raus und neu anmelden, aber nicht, wenn der Ball gerade in der Nähe ist. Marta, die den Freistoß eigentlich treten wollte, reagierte stinksauer.

Tor durch Maurine

Den Freistoß trat dann schließlich Grazielle, der Ball kam zu Maurine, die nahm ihn nicht eng genug bewacht von Birgit Prinz einfach direkt und erwischte das Leder so gut, dass Nadine Angerer keine Chance hatte.

Das besondere Pech der deutschen Elf in dieser Szene war, dass Prinz einige Minuten vorher mit Melanie Behringer zusammengestoßen war und behandelt werden mußte. Prinz versuchte es nach dieser Behandlungspause zwar noch einmal, war aber erheblich angeschlagen. Das Tor fiel, als Prinz gerade auf den Platz zurück gekommen war. Wenig später mußte sie dann aufgeben, und die Verletzung stellte sich als Rippenbruch heraus, so dass die Saison für Prinz vorzeitig beendet ist. Gute Besserung von dieser Stelle aus! Unglücklicher kann man ein Tor kaum kassieren...


Für Prinz kam dann Martina Müller, und das deutsche Team blieb hochüberlegen, konnte den entscheidenden Siegtreffer aber wie gesagt nicht setzen. Welche sportlichen Erkenntnisse hat das Spiel nun letztlich gebracht?
Zunächst einmal finde ich es bemerkenswert, dass Trainer Lima später auf der Pressekonferenz auf meine Frage, ob Brasilien so defensiv spielen wollte oder durch die deutsche Mannschaft so weit zurückgedrängt wurde, zugab, dass man eigentlich offensiver auftreten wollte. Man habe vorgehabt, über die Flügel zu stürmen und von dort aus die deutsche Abwehr aufzureißen. Dies sei jedoch durch die starke deutsche Mannschaft unmöglich gemacht worden, so dass man dann zu einer defensiveren Taktik umgeschwenkt hätte.

Kleiton Lima

Kleiton Lima, der neue Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft, mußte die Stärke und Überlegenheit des deutschen Teams anerkennen

Es will schon etwas heißen, wenn es gelingt, die starke brasilianische Nationalmannschaft dermaßen zurückzudrängen, wie dies dem deutschen Team gelungen ist! Dabei war das deutsche Team insgesamt sehr defensivstark, nicht nur die Abwehr stand gut, auch im Mittelfeld wurde gut verteidigt, und die Vorgabe der Bundestrainerin, Marta immer mit mehreren Spielerinnen anzugreifen, wurde sehr gut umgesetzt. Auch Cristiane sah sich meist mehreren Gegenspielerinnen gegenüber, die ihr schnell den Zahn zogen. Also, Defensivleistung sehr gut, junge Spielerinnen sehr gut, verbesserungsfähig bleibt das Spiel nach vorne, die Torgefährlichkeit im Strafraum. Insgesamt läßt die Bewährungsprobe gegen den Hochkaräter also durchaus Hoffnungen für eine erfolgreiche Europameisterschaft 2009 zu.

Marta gegen Kerstin Garefrekes

Marta hatte es fast immer mit mehreren deutschen Spielerinnen zu tun, hier klärt Kerstin Garefrekes die Situation, so dass Biance Schmidt und Linda Bresonik (v.l.) nicht einzugreifen brauchen

Formiga gegen Melanie Behringer

Die brasilianischen Zauberfußballerinnen kamen kaum zur Geltung, weil die deutschen Spielerinnen ihnen einfach keinen Raum ließen, hier stört Melanie Behringer die Kreise von Formiga

Linda Bresonik gegen Formiga und Maurine

Auch Linda Bresonik, hier zwischen der Torschützin Maurine (links) und Formiga, bot eine gute Leistung

Deutschland:
Angerer - Schmidt, Bartusiak, Krahn (85. Fuss), Peter - Garefrekes (71. Laudehr), Kulig, Bresonik, Behringer - Prinz (40. Müller), Mittag (71. Bajramaj)

Brasilien:
Barbara - Grazielle (88. Daniele), Aline, Erika, Renata Costa, Maurine, Francielle (71. Elaine), Fomiga, Ester, Marta, Cristiane

Tore:
1:0 Mittag (24.)
1:1 Maurine (36.)

Gelbe Karten:Peter Maurine, Renata Costa

Schiedsrichterin: Jenny Palmqvist (Schweden)

Assistentinnen: Moiken Reichert und Marina Wozniak (Deutschland)

Zuschauer:44.825


Zu den Nationalmannschaften

Zur FanSoccer-Startseite