Interview mit Annike Krahn

"Ich bin jetzt auch kein anderer Mensch als vorher, nur weil ich Weltmeisterin bin"

Die U 19-Weltmeisterin im Gespräch

12.02.2005   

Annike Krahn (19) wurde als Spielführerin mit der deutschen U19-Nationalmannschaft im vergangenen November Weltmeisterin in Thailand. Im Gespräch mit „Fansoccer“ blickt sie noch einmal auf diese WM zurück und spricht über ihre sportlichen Ziele mit ihrem Verein, dem FCR Duisburg, sowie ihren Weg in die A-Nationalmannschaft.

Fansoccer:
Bei der U 19-Europameisterschaft im Sommer habt ihr ein großartiges Turnier gespielt, die Leistung aber ausgerechnet im Finale gegen Spanien nicht abrufen können. Jetzt hatte ich den Eindruck, dass ihr euch deutlich weiterentwickelt habt, wenn ich die beiden Finalspiele miteinander vergleiche. Siehst du das auch so und wenn ja, wer/was hat euch dabei vor allem geholfen?

Annike Krahn:
Wir haben uns mit dieser Mannschaft kontinuierlich weiterentwickelt und sind innerhalb des letzten Jahres zusammen gewachsen. Diese Erfahrung des verlorenen EM-Endspiels hat uns, glaube ich, hinsichtlich des WM-Finales sehr geholfen. Auch wenn es bei der EM vor dem Endspiel eine schwierigere Ausgangssituation war - denn dort haben wir zum 2.Mal während eines Turniers gegen den gleichen Gegner gespielt und das 1.Spiel hatten wir deutlich gewonnen, so was bleibt natürlich im Hinterkopf.

Eure Trainerin Silvia Neid hatte bei der EM in den meisten Spielen mit identischem Kader gespielt, diesmal wurden häufig Spielerinnen geschont bzw. schon zur Halbzeit ausgewechselt. Lag das nur an der Hitze in Thailand oder siehst du darin auch einen Schlüssel zum Erfolg, weil ihr dadurch noch frisch genug wart fürs Finale?

Es war sicherlich wichtig, dass gerade unsere Mittelfeldspielerinnen zwischendurch geschont wurden, denn die Belastung von 6 Spielen innerhalb von 3 Wochen und dann auch noch bei der Hitze war sehr hoch und Kräfte zehrend.

Wer war für dich die beste Spielerin bei der WM in Thailand und warum?

Ich glaube, man kann keine Spielerin richtig hervorheben.

Wenn ihr als U 19-Weltmeisterinnen gefragt wurdet, was euch während des Turniers ausgezeichnet hat, dann hieß es meistens, dass euch euer Teamgeist so stark gemacht hat. Bei der A-Nationalmannschaft galt bei der WM 2003 der Teamgeist auch als entscheidender Faktor. Wie bekommt ihr das hin, dass ihr den anderen Teams da einen Schritt Voraus zu sein scheint?

Ich weiß nicht, ob wir den anderen Mannschaften da immer einen Schritt voraus sind, aber unsere Stärke ist es, dass wir im Kollektiv eine gute Mannschaft haben und einige sehr gute Einzelspielerinnen dazu. Bei anderen Nationen gibt es vielleicht drei bis vier gute Individualisten, aber sie bilden mit den anderen Spielerinnen keine Mannschaft.

Der TV-Sender Eurosport hat viele WM-Spiele übertragen, die deutschen Spiele sogar alle in voller Länge. Die Printmedien wurden vor allem ab dem Halbfinale auf euch aufmerksam. Habt ihr davon etwas mitbekommen in Thailand?



Annike Krahn
Foto: Volker Lieberum

Nur teilweise, es gab nach dem Finaleinzug mehr Interviewanfragen für Spielerinnen. Ansonsten haben wir von Familie und Freunden ein bisschen was gehört, aber insgesamt haben wir es nicht so sehr mitbekommen.

Was hat sich für dich seit der WM verändert? Wirst du jetzt öfter angesprochen? Wie reagierst du darauf?

Viel hat sich für mich nicht unbedingt geändert, außer dass ab und zu mal gesagt wird: „das ist doch die Weltmeisterin!“. Ich bin eigentlich ganz froh, dass sich nicht zu viel dadurch verändert hat, denn ich bin jetzt auch kein anderer Mensch als vorher, nur weil ich Weltmeisterin bin.

Wie haben dich deine Kommilitonen nach der WM empfangen?

Da ich bis kurz nach der WM eigentlich bisher aufgrund der Vorbereitung auf das Turnier kaum an der Uni war, kannte ich noch nicht so viele Kommilitonen. Aber ich war dennoch überrascht, wie viele Kommilitonen von mir die Spiele gesehen haben. In der Uni wurde mir zum Gewinn gratuliert und ich habe für die Uni-Zeitung ein Interview gegeben.

Viele starke Spielerinnen der U 19-Mannschaft, darunter auch du, verlassen nun altersbedingt die Mannschaft. Was meinst du, kann die „neue“ U 19 alles erreichen? Wird sie bald so stark sein, wie die „alte“?

Ich finde, dass ist sehr schwer zu sagen, denn ich weiß nicht, welche neuen Spielertypen zu dieser Mannschaft hinzustoßen. Bei uns spielte ein Großteil der Mannschaft schon fast zwei Jahre zusammen und wir sind in dieser Zeit als Mannschaft zusammen gewachsen. Man muss der neuen U19 eine gewisse Zeit geben, auch wenn diese Mannschaft durch unsere Erfolge natürlich unter Druck steht.

Ich sprach es an, mit dem Ende der U 19-WM ist auch deine Zeit bei der U 19-Nationalmannschaft zu Ende gegangen. Die U 21 genießt keine mit der U 19 vergleichbare Aufmerksamkeit. Deine ganze Konzentration gilt folglich nun der Etablierung im A-Team?

Meine Konzentration gilt erstmal der Bundesliga-Saison beim FCR und dann der Nationalmannschaft. Nur über gute Leistungen in der Liga kann man den ganz großen Sprung schaffen. Bei der China-Reise konnte ich bei der A-Nationalmannschaft reinschnuppern, natürlich ist mein Ziel irgendwann fester Bestandteil der Mannschaft zu sein, aber ich setze mich da nicht unter Druck. Ich möchte einen Schritt nach dem anderen machen. Wenn ich eine Chance bekomme, möchte ich versuchen, sie so gut wie möglich für mich zu nutzen.

Beim Vier-Nationen-Turnier warst du bei der A-Nationalmannschaft dabei und bist in allen drei Spielen zum Einsatz


gekommen – wie waren deine Eindrücke?

Für mich war es sportlich gesehen eine gute Sache. Ich bin in allen 3 Spielen zum Einsatz gekommen und habe ganz ordentliche Spiele gezeigt. Auch wenn ich natürlich von der zwischenzeitlichen Verletzung von Sandra Minnert profitiert habe. Insgesamt wird bei den Frauen ein höheres Tempo gespielt, an das man sich erst einmal gewöhnen muss. Meine Eindrücke waren ganz positiv, wobei die Trainerin vor allem den jungen Spielerinnen eine Chance gegeben hat, sich zu zeigen.

Wo siehst du die Unterschiede zwischen U 19 und A-Mannschaft?

Bei der A-Nationalmannschaft sind das Tempo und die technischen Anforderungen höher als bei der U19. Außerhalb des Platzes ist die Atmosphäre auch ein wenig anders, da dort die Altersunterschiede größer sind als im Juniorenbereich.


Annike Krahn (r.) im Trikot des FCR Duisburg (neben Elena Hauer)

Foto: Volker Lieberum

Momentan gibt es in der A-Natio Blöcke aus Potsdam und Frankurt – bei der U 19-WM dominierte dein Verein, der FCR Duisburg. Was denkst du, werden wir jetzt einige von euch auch bald bei der A-Mannschaft sehen? Und wer ist deiner Meinung nach schon am nächsten dran?

Wir haben einige Spielerinnen, die schon bei der Frauen Nationalmannschaft gespielt haben, z.B Silke Rottenberg, Inka Grings, Linda Bresonik. Shelley Thompson hat auch schon zweimal reingeschnuppert. Von den U19-Spielerinnen dieses Jahres sind für mich Patricia Hanebeck und Elena Hauer mit am nächsten dran. Elena Hauer war immerhin beim Spiel gegen Tschechien schon auf der Bank.

Damit sind wir bei deinem Verein angekommen: Der FCR Duisburg hat eine sensationelle Vorrunde gespielt und macht aus dem Zweikampf der letzten Jahre zwischen Potsdam und Frankfurt bisher einen Dreikampf. Was rechnest du dir für die Rückrunde noch aus und was ist dein Ziel?

Wir möchten weiterhin so lange wie möglich oben mitspielen. Da unser erstes Spiel dieses Jahr das Nachholspiel gegen den FFC Frankfurt am 13.2. ist, konzentriert sich unsere Vorbereitung auf diesen Termin. Wir hoffen, gegen Frankfurt gut mitspielen zu können, wobei wir sicherlich nicht so eine erfahrene Mannschaft haben wie die Frankfurterinnen. Ich persönlich möchte meinen Stammplatz behalten und gute Leistungen zeigen.

Das Interview führte Katja Öhlschläger

Mehr Informationen sowie den zweiten Teil dieses Interviews findet ihr auf der
Annike-Krahn-Fanpage


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