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300. Länderspiel von Kristine Lilly

Rekord für die Geschichtsbücher

Die U.S.-Spielführerin wird beim Vier-Nationen-Turnier in China eine historische Marke erreichen

Text von Markus Juchem, Fotos von Jan Kuppert

15.01.2006    Zu China hat Kristine Lilly eine ganz besondere Beziehung. Im Reich der Mitte bestritt sie am 3. August 1987 ihr erstes Länderspiel, schoss zehn Tage später gegen den Gastgeber ihr erstes Länderspiel-Tor und wurde am 30. November 1991 erstmals Weltmeisterin. Doch damit nicht genug.

Im WM-Finale 1999 gegen China war sie es, die in der Verlängerung einen Kopfball der Chinesinnen auf der Linie klärte und ihr Team somit ins Elfmeterschießen rettete, in dem die USA die Oberhand behielten. Und nun schickt sich die Spielführerin der U.S.-Nationalmannschaft an, einen Rekord zu brechen, den wohl so schnell niemand mehr knacken dürfte. Gegen Norwegen wird sie im Rahmen des Vier-Nationen-Turniers in China nicht nur zum 30. Mal auf den ewigen Rivalen aus Skandinavien treffen, sondern ihr 300. Länderspiel bestreiten.

Inzwischen weiß die 34-Jährige, wo China liegt. Das war nicht immer so. Lilly erinnert sich lachend: „Als ich 1987 dorthin geflogen bin, musste ich vorher erstmal im Atlas nachschauen, wo das überhaupt liegt. Der Fußball

Kristine Lilly

Kristine Lilly - Kapitän der US-Natio

war damals noch ganz anders, wir spielten vor Freunden und Verwandten auf kleinen Sportplätzen und es gab noch keine Übertragungen der Spiele im Fernsehen.“

19 Jahre später ist alles ganz anders. Sie und ihre Weggefährtinnen von einst - Mia Hamm, Julie Foudy, Brandi Chastain und Joy Fawcett - sind zu Idolen des U.S.-Sports geworden.

352 Länderspiele hat die U.S.-Frauen-Nationalmannschaft in ihrer Geschichte bisher bestritten, 299 Mal war Lilly mit von der Partie (288 Mal in der Startformation). Das entspricht einer Quote von rund 85 Prozent. In ihrer außergewöhnlichen Karriere spielte sie bisher gegen 39 verschiedene Länder, erzielte Tore gegen 30 Länder, spielte in 21 Ländern und traf in 15 Ländern. Fast 24.000 Minuten stand sie auf dem Feld, das sind nur etwa 2.000 Minuten weniger, als die großen U.S.-Spielerinnen April Heinrichs, Shannon Higgins, Carin Gabarra und Michelle Akers zusammen zu verzeichnen haben.


Kristine Lilly, Christie Welsh

Jubilarin Kritine Lilly (l.) mit ihrer Teamkollegin Christie Welsh

Was bewegt eine Spielerin nach fast 20 Jahren, sich immer wieder zu motivieren? „Ich liebe immer noch das Spiel und das Gefühl, ein Fußballfeld zu betreten und auch die Unterstützung meiner Freunde und meiner Familie. Das treibt mich immer wieder an“, so Lilly. Und ihre Energie und ihr Selbstvertrauen sind ungebrochen. „Wenn wir unser ganzes Potenzial abrufen, sind wir immer noch die beste Mannschaft der Welt. Aber heute hat jede Mannschaft ihre Chance, das ist ja gerade das Interessante.“

Lilly freut sich darüber, die 300-er Marke zu knacken, obwohl sie auf individuelle Rekorde normalerweise wenig Wert legt. „Ich freue mich schon, weil es einfach beweist, dass man über eine lange Zeit seine Leistung gebracht hat. Das erfüllt mich mit Stolz.“ Ein Geheimrezept sieht sie in ihrem Erfolg nicht. „Vielleicht liegt es an den Genen. Meine Großmutter ist 92 Jahre alt geworden.“

Kristine Lilly

Kristine Lilly spielte in der letzten Saison einige Monate bei KIF Örebo in Schweden

Foto: KIF Örebro

Als bedeutendstes Ereignis sieht sie noch immer die Weltmeisterschaft 1999 in den USA an. „Das war eine Art Wendepunkt für den Frauenfußball. Zum ersten Mal spielten wir in


großen Stadien, die Zuschauerzahlen und die Einschaltquoten im Fernsehen waren gewaltig“, erinnert sie sich. „Da schauten sich viele Leute unsere Spiele an, die vorher noch nie eine Partie verfolgt hatten.“

Kristine Lilly

Kristine stürmt ihrem 300. Länderspiel entgegen

Ein Jahr später musste sie allerdings ihre schmerzlichste Niederlage einstecken. Gegen Norwegen im Finale des Olympischen Fußballturniers in Sydney 2000. „Wir haben sehr gut gespielt und hatten die Partie im Griff, aber wir haben den Sack nicht zugemacht. Diese Niederlage war nur schwer zu verdauen.“

Heute beschleicht sie gelegentlich ein seltsames Gefühl, wenn auf dem Platz Spielerinnen wie Mia Hamm, Julie Foudy und Joy Fawcett fehlen. „Manchmal vermisse ich sie schon“, räumt sie ein. „Aber ich freue mich auch, die jungen Spielerinnen kennen zu lernen. Wenn ich mir zum Beispiel Heather O’Reilly ansehe, meine ich, mich selbst zu sehen, als ich so jung war.“

Wie viele Länderspiele es noch werden in Zukunft? „Ich denke nicht in Länderspielen, sondern in Jahren. Ich will auf jeden Fall noch einmal an einer Weltmeisterschaft teilnehmen.“ Wo diese stattfindet? Ganz klar: 2007 in China!

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