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Leserbrief

Herz statt Commerz?

Meinungen zu einem Fanplakat

Von Tom Schlimme

20.05.2008   Spiele zwischen den alten Rivalen 1. FFC Frankfurt und 1. FFC Turbine Potsdam sind immer wieder etwas besonderes und von einer Menge Emotionen geprägt. So auch am 17. Spieltag der 1. Bundesliga, als die Turbinen zu Gast in Frankfurt waren. Turbinefans präsentierten dabei ein Plakat, das ich in einer Bildunterschrift kritisierte. Rechts ist das Plakat und die zugehörige Bildunterschrift zu sehen. Nun erreichte uns ein Leserbrief von Mark Köhler, dem 1. Vorsitzenden des Fanclubs von Turbine Potsdam, den wir hier ungekürzt abdrucken:

Liebe Fansoccer – Redaktion,

zuerst einmal finde ich es gut, dass Ihr mit Bild über unsere Aktion in Frankfurt berichtet habt. Aber leider ist Euch die Bildunterschrift missglückt und zwar aus folgenden Gründen:

1. Was soll der Verweis auf Turbine´s Trikotsponsor, Chevrolet? Dies ist umso unverständlicher, wenn der Trikotsponsor von Frankfurt in den USA aus Profitgier Millionen Euros versenkt, die man dann als Verluste abschreibt.

2. Es ist der Manager des 1.FFC Frankfurt, der durch Deutschland reist und lauthals verkündet, dass es das Halbprofi(t)tum im Frauenfussball einführen will. Was das bedeutet, ist doch wohl klar! Nicht mehr das Herz, sondern der Kommerz wird dann entscheidend sein.

3. Der Hinweis auf den zweithöchsten Etat mag richtig sein, aber er liegt deutlich unter dem Etat vom 1. FFC Frankfurt, womit in Frankfurt deutlich mehr Kommerz ist als in Potsdam!

4. Außerdem ist nicht zu bestreiten, dass bei Turbine Potsdam auch Kommerz gibt. Dies stand auch nicht auf dem Spruchband, sondern in Potsdam gibt es noch Herz und Leidenschaft für und in unserem Verein, und nicht nur Kommerz. Denn wie ist es so zu erklären, dass wir, Turbine-Fans, trotz 0:4-Rückstand im Auswärtsspiel in Frankfurt den hörbaren Support machen, während im Frankfurter Block Beerdigungsstimmung ist.

Trotzdem macht Ihr mit Fansoccer einen guten Job!

Viele Grüße

Mark Koehler

Vorsitzender des Fanclubs „Turbineadler“



Fanplakat 2008

Die Original-Bildunterschrift in dem Spielbericht hierzu lautete:

„Fand ich nicht gut: einige Turbine Fans meinen, anderen das Herz absprechen und Commerz unterstellen zu können. Liebe Turbinen, ihr habt den zweithöchsten Etat der Liga, einen Autokonzern auf der Brust und dass wir hier in Frankfurt, sowohl die Spielerinnen als auch die Fans, genauso viel Herz haben wir ihr, solltet ihr heute gemerkt haben!”

Bildunterschrift: Tom Schlimme
Bild: Volker Lieberum

Lieber Mark, vielen Dank für deinen Leserbrief! Es lag mir fern, euch mit meinem Kommentar zu eurem Plakat angreifen zu wollen. Ich finde es prima, wie ihr eure Turbinen unterstützt, und ich halte euch mit für die engagiertesten Fans der Liga. Auch eure Plakate finde ich in der Regel sehr gelungen, wie ich an zwei Beispielen zeigen möchte:

Fanplakat 2005

Ein Bild vom Uefa-Cup-Finale 2005: Die Riesenfahne des Turbinefanclubs, dazu ein mutiger und origineller Spruch über künftige Heldinnen - fand ich klasse!

Bild: Tom Schlimme

Fanplakat 2005

Supersympathisch fand ich diesen Spruch: „Spiele könnt ihr verlieren, unsere Herzen nie!”

Bild: Tom Schlimme

Da werden die eigenen Spielerinnen motiviert und unterstützt, da wird Zusammenhalt demonstriert, ohne andere anzugreifen, diese Plakate fand ich einfach klasse. Aber ist es wirklich nötig, anderen das Herz abzusprechen und reines Profitdenken zu unterstellen?


Die Fans der Turbinen sind doch nicht die einzigen, die mit Herzblut mit ihren Spielerinnen mitfiebern! Da habe ich mich einfach persönlich angegriffen gefühlt, denn ich bin, wie viele Fans des 1. FFC Frankfurt, mit Herz und Leidenschaft dabei, und ich weiß, dass das auch für die Spielerinnen gilt. Auch wir Frankfurter haben Trommeln, und ich habe unsere Seite von meinem Platz aus naturgemäß lauter gehört, war ja auch näher am Fanblock. Aber vor allem, wer am lautesten schreit, hat Herz, und der andere nicht???

Ob Halbprofitum schon Commerz ist und ob Turbine Potsdam vom Halbprofitum so viel weiter weg ist als Frankfurt, will ich jetzt gar nicht groß diskutieren. Ich finde, unsere Spielerinnen - in allen Vereinen! - erhalten eigentlich noch viel zu wenig Geld für ihre Leistung und den Aufwand, den sie betreiben.

Zu den positiven Besonderheiten des Frauenfußballs gehört für mich nicht nur der Idealismus, mit dem Spielerinnen aller Vereine ihren Sport leben, ich finde es auch toll, dass es zwischen den Fans nicht nur friedlich, sondern in der Regel sogar ausgesprochen freundschaftlich zugeht. Und so wünsche ich es mir auch weiterhin, in diesem Sinne war meine Kritik an eurem Plakat gemeint. Ich möchte nicht, dass Feindbilder aufgebaut werden, die einfach unnötig und falsch sind. Ich hoffe sehr, euch in der nächsten Saison wieder in Frankfurt sehen zu können, und vielleicht sogar mit dem schönen Riesenbanner von 2005!

Viele Grüße nach Potsdam!

Tom Schlimme


Zum Spielbericht 1. FFC Frankfurt - 1. FFC Turbine Potsdam

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