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U20 Weltmeisterschaft 2010, Halbfinale

Mit afrikanischen Rythmen ins Finale

Kolumbien - Nigeria 0:1 (0:1)

Text und Bilder von Tom Schlimme

30.07.2010   Trotz schlechten Wetters war die Stimmung einfach klasse beim Halbfinale in Bielefeld zwischen Kolumbien und Nigeria. Afrikanische Musik, vorgetragen von einer kleinen, aber lauten Fangruppe mit Trommeln und Trompeten, und Sambarythmen aus dem deutlich größeren kolumbianischen Fanblock sorgten für eine begeisternde Atmosphäre im mit gut 7000 Zuschauern für ein Spiel ohne deutsche Beteiligung einigermaßen gut besuchten Stadion. Gegen Ende des Spiels waren dann aber nur noch die Trommeln aus Afrika zu hören, denn das Team aus Nigeria hielt die Führung durch ein einziges, früh gefallenes Tor bis zum Schluss.

Damit können sich die deutschen Spielerinnen schon mal auf afrikanische Trommeln im Finale am Sonntag ebenfalls hier in Bielefeld einstellen - und darauf, auf den stärkeren der beiden möglichen Halbfinalgegner zu treffen, denn der Sieg von Nigeria war verdient, das Team eindeutig die bessere Mannschaft. Deutschland wird sich mit einem starken und unbequemen Gegner messen müssen.

Fanblock Kolumbien

Der Fanblock aus Kolumbien beim Einzug der Teams ins Stadion von Bielefeld

Fanblock Nigeria

Die Fans aus Nigeria waren dagegen deutlich in der Unterzahl, sorgten aber mit ihren Musikinstrumenten für Feststimmung

Es wurde nun auch deutlich, dass der Sieg von Nigeria gegen die USA keine Eintagsfliege gewesen ist. Die Mannschaft spielt taktisch starken, hochmodernen Fußball, die Spielerinnen vereinen alles in sich, worauf es heutzutage ankommt. Körperlich robust und voll austrainiert hatten die Spielerinnen Nigerias trotz der um einen Tag kürzeren Pause im Vergleich mit Kolumbien und trotz der kräftezehrenden Verlängerung gegen die USA keine Mühe, bis zum Schluss voll durchzuhalten und die kleineren kolumbianischen Spielerinnen mit ihrer körperlichen Präsenz in Schach zu halten. Ganz stark dabei die nigerianische Innenverteidigung mit Osinachi Ohale und Joy Legede.

Osinachi Ohale gegen Ingrid Vidal

Nigerias Innenverteidigerin Osinachi Ohale spielte ihre körperliche Überlegenheit gut aus, hier sieht Ingrid Vidal geradezu schmächtig aus im Vergleich mit der 1,74m großen Abwehrspielerin

Aber auch technisch sind die Spielerinnen aus Afrika gut ausgebildet. Ballsicher und dribbelstark standen sie den als am Ball stark bekannten Kolumbianerinnen in nichts nach. Einzige mögliche Schwachstelle bei Nigeria: die Torgefährlichkeit ist noch ausbaufähig. Im Strafraum fehlte es manchmal noch an Effizienz. Ansonsten hätte Nigeria auch höher gewonnen, denn die höheren Spielanteile mit deutlich mehr Ballbesitz hätten dies durchaus gerechtfertigt. Beeindruckend, wie gut der nasse Ball auf dem rutschigen Rasen durch die Reihen der Nigerianierinnen lief.

Kolumbiens Trainer Ricardo Rozo sah in dem nassen Rasen einen Grund dafür, dass sein Team seine Stärken nicht voll habe ausspielen können. Der Ball sei dadurch schnell geworden und oft unkalkulierbar, sein Team habe deswegen nicht so gut kombinieren können wie gewohnt. Auch habe natürlich die Sperrung der bis dahin in diesem Turnier ganz starken Lady Andrade wegen der in den Schlusssekunden des Viertelfinales eingefangenen zweiten gelben Karte eine Schwächung seines Teams bedeutet. Dazu noch das frühe Gegentor, durch das man das Spiel praktisch schon als Verlierer angefangen habe... aber Nigeria spiele einfach auch einen richtig guten Ball, schloss Rozo seine Einschätzung auf der Pressekonferenz nach dem Spiel ab.


Sieg Nigeria

Glory Iroka reckt die Arme stolz in den Himmel, die meisten anderen Spielerinnen sind erst einmal einfach nur erschöpft. Nach einem von beiden Seiten mit großem Einsatz geführten Spiel steht Nigeria im Finale, Kolumbien spielt um den dritten Platz bei dieser Weltmeisterschaft

Ja, dieses frühe Gegentor... es war schon eines von der kuriosen Sorte. Es waren noch keine 100 Sekunden gespielt, da flog ein hoher Ball aus großer Entfernung scheinbar harmlos auf das Tor von Kolumbien zu. Keeperin Paula Foreno verschätzte sich aber, denn der Ball sprang vor ihr auf dem zu diesem Zeitpunkt übrigens noch trockenen Boden auf und prallte über der sich streckenden Keeperin an die Latte. Von dieser sprang das Leder zurück ins Feld, und zwar genau auf Ebere Orji, die als einzige Spielerin weit und breit die Gefahr gerochen hatte und zum Tor durch gelaufen war. Selten hat eine Stürmerin so einfach ein Tor erzielen können, wie die folgenden Bilder zeigen:

Tor Ebere Orji
Tor Ebere Orji

Wenn Toreschießen immer so einfach wäre wie hier für Ebere Orji, würde es fast schon langweilig...

Dieses Tor sollte letztlich das Spiel entscheiden. Dabei prägte das Tor aber keineswegs den Spielverlauf, denn es war nun nicht so, dass Nigeria sich danach fallen ließ und nur noch auf Konter beschränkte, wie es häufig so ist, wenn ein Team in Führung liegt und mauert, während der Gegner wütend gegen eine massierte Deckung anrennt. Nein, Nigeria behielt die Initiative, spielte weiter nach vorne und ließ einen kolumbianischen Sturmlauf gar nicht erst aufkommen. Man hätte bei Betrachtung des Spiels ohne den Spielstand zu kennen eher geglaubt, es stünde noch unentschieden oder Kolumbien führe.

Katerin Castro

Die eingewechselte Katerin Castro sorgte in der zweiten Hälfte für etwas mehr Druck im Angriff von Kolumbien - doch das kam zu spät

Wie schon geschildert, hapert es bei allen Qualitäten Nigerias aber noch etwas an der Effizienz in Tornähe, und so blieben Strafraumszenen dann auch relativ selten. In der zweiten Halbzeit hätte Desiree Oparanozie alles klar machen können, doch frei vor dem Tor zielte sie aus kurzer Entfernung über den Kasten.

Yorely Rincon

Yorely Rincon hatte im Turnierverlauf bereits zwei Tore erzielt. Gegen Nigeria traf sie nur die Latte

Erst gegen Ende des Spiels wurde es noch einmal eng. Kolumbien setzte jetzt alles auf eine Karte und kam schon noch zu einigen Torszenen. Meist zielten die Spielerinnen aus Südamerika aber knapp über die Latte, einmal trafen sie auch genau die Latte, als ein Schuss von Rincon dort die Regentropfen


herunterschüttelte, aber keine weitere Gefahr verursachte. Letztlich brachten die Nigerianierinnen den Sieg aber verdient über die Zeit.

Nigerias Trainer Ndem Egan war hinterher nicht ganz zufrieden mit dem Spiel seiner Mannschaft. „Wir können besser spielen, als wir heute gezeigt haben”, erklärte er. Die Mannschaft habe seine taktischen Anweisungen nicht richtig befolgt, und Kolumbien hätte bis zum Schluss noch ausgleichen können. Aber es sei ein interessantes Spiel gegen einen starken Gegner gewesen. „Unser Ziel war es, ins Finale zu kommen, das haben wir heute erreicht”!

Lattentreffer

Das sah Nigerias Trainer Ndem Egan richtig: Kolumbien hatte die Chancen zum Ausgleich, wie hier, als ein Schuss von Rincon nur die Regentropfen von der Latte schüttelt. Mit etwas mehr Schussglück hätte das Spiel noch einmal eine Wende nehmen können!

Beide Trainer zeigten sich sehr dankbar dafür, diese WM in Deutschland spielen zu können und am Halbfinale teilgenommen zu haben. Es sei eine großartige Veranstaltung, die in ihren Heimatländern hoch geschätzt würde. „Unser Land Kolumbien ist stolz auf uns, auch nach dieser Niederlage” erklärte Ricardo Rozo, und in Nigeria hat Fußball sowieso einen ganz hohen Stellenwert. Ich sprach auf der Heimfahrt mit Fans aus Nigeria, und die erzählten mir, dass Fußball in Nigeria die wichtigste Sportart sei, egal ob Männer- oder Frauenfußball. Es gäbe eine ganz steile Entwicklung, und die Welt werde noch viel mehr vom nigerianischen Fußball sehen. Nun denn, die U20 Frauen aus Nigeria sind jedenfalls ganz oben an der Weltspitze angekommen!

U20 Nigeria
U20 Kolumbien

Ich war nah dran und fand es sehr auffällig: Die Spielerinnen aus Kolumbien wirkten vor dem Spiel deutlich optimistischer als die aus Nigeria - Gegner unterschätzt? Das sollte dem deutschen Team nicht passieren!

Kolumbien:
Forero - Gaitan, N. Ariza, D. Montoya (43. Castro), Vidal, Sanchez (57. A. Montoya), Rincon, Salazar, Dominguez, T. Ariza, Arias (86. Ortiz)

Nigeria:
Jonathan - Nku, E. Sunday (38. Adule), Orji, Oparanozie, Kalu, Irkoka, Jegede, Okoronkwo (67. Adekwagh), Ukaonu, Ohale

Tore:
0:1 Orji (2.)


Gelbe Karten: Okoronkwo, Orji, Ukaonu / Gaitan

Schiedsrichterin: Christina Pedersen (NOR)
mit Hege Steinlund (NOR) und Lada Rojc (CRO)

Zuschauer: 7040


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