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FIFA U-20-Frauenfussball-Weltmeisterschaft Russland 2006

Die Shchelkovo-Gruppe

Vorstellung Gruppe B:

Text von Christian Heidler

14.8.2006   Nur eine der vier Vorrundengruppen trägt seine Spiele allesamt in Moskau aus, die Gruppe B. Genauer gesagt wird den vier Mannschaften dieser Gruppe die Moskauer Vorstadt Shchelkovo mit dem Podmoskovie-Stadion zur spielerischen Heimstatt werden. Die 1928 errichtete 5.000 Zuschauer fassende Arena ist eines der ältesten Stadien Rußlands, allerdings runderneuert. Nur für die Begegnung zwischen Kanada und China wird ins 1971 eingeweihten Torpedo-Stadion ausgewichen, da die beiden Gruppenspiele des letzten Wettkampftages zeitgleich bestritten werden müssen.

Chima Nwosu und Birgit Prinz

Auf Deutschland könnte ein Vertreter der Gruppe B frühestens im Halbfinale stoßen. Vielleicht treffen Nigeria und Deutschland dann aufeinander? Im Bild Chima Nwosu im Zweikampf mit Birgit Prinz beim A-Länderspiel in Offenbach 2004

Bild: Jan Kuppert

Volksrepublik China:
Viel Erfahrung und hohe Erwartungen

Die Erwartungen der Chinesen an ihr eigenes Abschneiden sind nicht gering. Und dies aus gutem Grund: Bei der U 19 WM 2004 in Thailand wurden die Chinesinnen nur von Deutschland geschlagen und Vizemeister, die asiatische U 19 Meisterschaft 2006 beendete China gar als Titelgewinner. Zudem findet kommendes Jahr die Frauenweltmeisterschaft in China statt und ein Jahr darauf auch das olympische Frauenfußballturnier. Da ist die U 20-Auswahl ein wichtiger Grundstein für eine starke A-Auswahl.

Ein Plus für das chinesische Team ist seine Erfahrung. Die meiste Erfahrung bringt dabei Trainer Shang Ruihua ein. Der inzwischen 61 Jährige ehemalige Spieler führte Chinas Frauen als A-Trainer zur Silbermedaille bei Olympia 1996 und auf Platz 2 bei der WM 1999. Zudem gewann China in seiner Zeit zwei Asienmeisterschaften und 1990 Gold bei den Asien-Spielen.

Sun Wen

Chinas Jungstar Ma Xiaoxu wird bereits als neue Sun Wen gefeiert. Hier das „Original“ und Vorbild beim A-Länderspiel in Homburg 2006

Bild: Nora Kruse

Einen großen Erfahrungsschatz bringt aber auch die Mannschaft mit. So gehörten sieben Spielerinnen, unter ihnen auch die starke Torfrau Zhang Yanru, bereits dem Erfolgsteam von Thailand 2005 an. Dazu kommen noch Einsätze in der A-Natio. Hier ist neben Zhang vor allem Ma Xiaoxu zu nennen, die bei der kürzlich beendeten Asien- meisterschaft in Australien China mit ihrem Tor gegen Nordkorea ins Finale schoß und dann im Endspiel gegen die Gastgeber mit ihrem Ausgleichstreffer die Verlängerung herbeiführte. Auch beim finalen Elfmeterschießen war sie erfolgreich und am Ende wurde Ma Xiaoxu auch noch zur Besten Spielerin des Turniers gewählt.

Mit 10 Treffern bewies Ma auch bei der AFC U 19-Meisterschaft ihre Treffsicherheit und sicherte sich die Torjägerkanone. Zudem erzielte sie das siegbringende 1:0 im Endspiel gegen Nordkorea. Ganz so leicht lief es für China aber nicht bei diesem im April in Malaysia ausgetragenen Turnier, das gleichzeitig als Qualifikation zur U 20 WM diente. Im Auftaktmatch mußte sich Favorit China überraschend der Auswahl Australiens mit 1:0 geschlagen geben und für den Halbfinalsieg gegen Japan benötigte das Reich der Mitte ein Elfmeterschießen und eine gehörige Portion Glück. Gegen Nordkorea erkämpfte sich das verletzungsbedingt geschwächte chinesische Team mit einer Mauer- und Kontertaktik den Titel gegen zeitweise drückend überlegene Gegnerinnen.

In der großen mannschaftlichen Geschlossenheit sah Trainer Shang einen wesentlichen Schlüssel für das erfolgreiche Abschneiden seiner Schützlinge. Generell sieht er sein Team aufgrund der regelmäßigen Trainingslager und vieler Erfahrung bringender Freundschaftsspiele im Vorteil gegenüber der asiatischen Konkurrenz. Damit China auch den außerasiatischen Gegnern Paroli bieten kann, befand sich der Kader bereits seit April im Vorbereitungstrainingslager für die WM in Rußland, wohin das Team am 6. August abreiste.

Kanada:
Ohne Kara Lang endlich zum großen Triumph?

Zwischen Kanada und China gibt es einige Parallelen. Auch Kanada gehört zu den Großen des Juniorinnenfußballs. Bei der U 19 WM 2002 im eigenen Lande belegte Kanada den 2. Platz hinter dem großen Nachbar USA. Damals schoß Lindsay Tarpley die US-Girls vor einer beeindruckenden Kulisse von fast 48.000 Zuschauern per Golden Goal zum Titelgewinn, Kanada stellte mit Christine Sinclair aber die treffsicherste und zugleich beste Spielerin. Auch die seinerzeit erst 15-jährige Kara Lang ließ da schon aufhorchen. Das Mittelfeldas führte zwei Jahre später ihr Team auch ins Viertelfinale der WM in Thailand, wo ihre Landsfrau Brittany Timko zur besten Torschützin des Turniers avancierte. Lang verhalf Kanada auch zur WM-Qualifikation bei der CONCACAF-Meisterschaft in Mexiko. Aufgrund einer schweren Knieverletzung wird die junge Ausnahmespielerin, die längst auch in der A-Nationalmannschaft spielt und 2003 bei der WM in den USA dabei war, Team Canada aber leider nicht in Rußland anführen können.


Essi Sainio, Britta Carlson und Aferdita Pdvorica

Eine Internationale im doppelten Sinne: Essi Sainio spielt nicht nur in Finnlands Dreß sondern künftig auch für den deutschen Top-Verein Turbine Potsdam. Im Bild wird sie eingerahmt von ihren neuen Vereinskameradinnen Britta Carlson (links) und Aferdita Podvorica

Bild: Nadine Bieneck

Um so gefragter nach diesem herben Verlust sind die Führungsqualitäten der übrigen Thailand-Erfahrenen wie Captain Sophie Schmidt und Stürmerin Aysha Jamani. 10 Spielerinnen des aktuellen Teams waren bereits bei der WM in Thailand dabei. Ein Drittel der Spielerinnen schnürt seine Schuhe für Universitätsmannschaften in den USA, sechs U 20-Aktive erhielten bereits Berufungen in die Frauenauswahl Kanadas.

Sophie Schmidt

Sophie Schmidt. Der Captain von Team Canada hat auch schon Erfahrung in Kanadas A-Nationalmannschaft sammeln können

Bild: Beate Wolter

Gefragt werden aber auch die Ideen von Trainerfuchs Ian Bridge sein. Wie sein chinesischer Kollege Shang war Bridge früher selbst aktiv, nahm sogar 1984 an der Olympiade und 1986 an der WM in Mexiko teil. Als Coach ist er bereits seit 2001 für Kanadas U 19-Juniorinnen verantwortlich und in der A-Nationalmannschaft fungiert er als Assistent von Even Pellerud.

Im Januar 2001 riß eine außerordentliche Erfolgsserie der Ahornblatt-Trägerinnen. Kanada hatte bis dahin noch kein einziges Qualifikationsspiel im U 19-Bereich verloren und alle CONCACAF-Meisterschaften dieser Altersklasse gewonnen. Doch im diesjährigen Endspiel konnten die USA diese Serie beenden und mit einem 3:2 Sieg Kanada den Titel entreißen. Schon vorher wurden Schwächen sichtbar. In der Gruppenphase gelang Kanada nur ein knappes 3:2 gegen Gastgeber Mexiko und im Halbfinale wurde es beim 2:1 gegen Jamaika ebenfalls eng.

Auch die WM-Vorbereitung der U 20 verläuft nicht optimal. Sowohl gegen Mexiko als auch gegen WM-Gegner China konnte sie im Juli je zweimal auf heimischen Boden nicht gewinnen, wobei es zu drei Niederlagen und lediglich einer Punkteteilung (2:2 gegen Mexiko) kam. Gegen Finnland, einem weiteren Gruppengegner in Moskau, schaffte Kanada im Juni immerhin zwei Auswärtssiege.

Ab 8. August wird ein abschließendes Trainingslagen in St. Petersburg abgehalten in dessen Rahmen noch ein letztes Testspiel am 11. August mit Australien als Gegner stattfinden soll.

Finnland:
Stetig voran

Sichtbarstes Zeichen für die gute Entwicklung des finnischen Frauenfußballs war vergangenes Jahr die erstmalige Teilnahme der A-Auswahl an einer Europameisterschaft. Bei der EM in England schaffte Finnland überraschenderweise den Einzug in das Viertelfinale und schied erst gegen den Titelverteidiger Deutschland aus. Der Erfolg der Frauen gründet aber nicht zuletzt auf einer guten Jugendarbeit.

Im Bereich der U 19-Juniorinnen kann Finnland zwei EM-Teilnahmen vorweisen. 2005 war Finnland als Ausrichter automatisch dabei. Die Gastgeber gewannen zwar keines ihrer Spiele, dafür aber einiges an Erfahrung. Zur Euro 2006 in der Schweiz schaffte es Finnland schon aus eigener Kraft. Ein Unentschieden gegen Wales und Siege gegen Portugal, die Slowakei, Serbien und Montenegro, die Niederlande und Griechenland ebneten den Weg zum Finalturnier. Dort gewann Finnland zwei von drei Vorrundenspielen (gegen die Schweiz und Ungarn bei einer Niederlage gegen den späteren Turniersieger Deutschland) und unterlag erst im Halbfinale gegen Frankreich. Diesmal hatten die finnischen Nachwuchsspielerinnen nicht nur erste Punkte und weitere Erfahrung gesammelt sondern auch die Qualifikation für die U 20 WM geschafft.

Vor diesem Hintergrund ist für den Weltmeisterschaftsneuling die Erwartungshaltung gering und die Freude am Dabeisein groß. Die Finninnen gehen die Vorrunde recht unbekümmert an, wollen von den Großen des Frauenfußballs viel Lernen und nach Möglichkeit wieder für positive Überraschungen sorgen.

Ein toller Mannschaftsgeist und eine gute Mischung aus talentierten und erfahrenen Spielerinnen sollen auch in Moskau Erfolgsparameter für das finnische Team sein. So hofft jedenfalls Jarmo Matikainen, früherer Fußballprofi und seit 2003 für die weibliche U 19 bzw. U 20 seines Landes verantwortlich. Da er zahlreiche Spielerinnen bereits schon länger unter seiner Obhut hat, spricht er auch stolz von „seinen“ Mädchen.

Zu diesen gehören beispielsweise die erfolgreiche Stürmerin Linda Sällström von TiPS oder Taru Laihanen vom FC Honka für die rechte Seite. Gespannt darf man aus deutscher Sicht auf die schnelle Essi Sainio sein, die bekanntlich diese Saison zu Turbine Potsdam gewechselt ist. Sie ist auch die einzige im Kader, die schon Einsätze für die A-Auswahl hatte.


Nigeria:
Schwierige Vorbereitung bei Afrikas Aushängeschild

Robust, schnell, technisch sehr gut, das sind die Attribute, mit denen die Trainer der Kontrahenten die Spielerinnen Nigerias beschreiben. Dabei beruhen die Einschätzungen von Bridge und Matikainen wohl weniger auf eigenen Erfahrungen. China kennt die nigerianische Spielweise hingegen recht gut, sind oder waren doch einige Frauennationalspielerinnen wie Perpetua Nkwocha, Rita Nwadike oder Stella Mbachu in der chinesischen Frauenliga aktiv. Grundsätzlich ist es aber nicht so einfach ein aktuell gültiges Bild von afrikanischen Teams zu haben. Vornehmlich wird es gespeist von den Vorstellungen auf der Weltbühne, sprich Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Insofern bietet Nigeria doch einiges an Informationen, war es doch bisher als einziger Vertreter Afrikas bei U 19-Weltmeisterschaften vertreten. In Kanada 2002 wurden die Westafrikanerinnen noch Gruppenletzte, in Thailand 2004 gelang schon der Sprung ins Viertelfinale, wo sich der spätere Weltmeister Deutschland erst im Elfmeterschießen durchsetzen konnte.

In Afrika sind Nigerias Juniorinnen das Maß aller Dinge, wenngleich die Vormachtstellung etwas zu bröckeln scheint. In der WM-Qualifikation gelang in Kenia nur ein knapper 2:1 Sieg und in Liberia lediglich ein schmeichelhaftes Unentschieden. Die Heimspiele konnten mit 8:0 bzw. 9:1 allerdings klar für sich entschieden werden. Nach diesen vier Begegnungen hatte Nigeria die Fahrkarte für Moskau bereits in der Tasche.

Faith Ikidi und Kerstin Garefrekes

Faith Ikidi gehört zu den Erfahrenen in Nigerias Kader. Hier ist sie im Duell mit Kerstin Garefrekes zu sehen

Bild: Volker Lieberum

Auch Nigerias Übungsleiter ist ein Mann: Emmanuel Tetteh Okonkwo heißt er und setzt mit einem 4-4-2 System auf Offensivfußball. Seit Mitte Juli bereitet er sein Team auf das Turnier vor. Um sich den klimatischen Verhältnissen im WM-Land anzupassen, wurde ein zweiwöchiges Trainingslager in der Ukraine geplant, wo sich die Falconets in Freundschaftsspielen gegen die Ukraine und voraussichtlich auch Rußland den letzten Schliff holen wollen. Allerdings hat sich die Abreise verschoben, was angeblich an der Visa-Bearbeitung durch das ukrainische Konsulat liegen soll. Nicht auszuschließen, daß Okonkwo´s Team somit die Anreise direkt nach Rußland vornehmen wird. Zuvor hatte es schon Meldungen über unbezahlte Rechnungen für Hotel und Trainingscamp sowie Transportschwierigkeiten gegeben. Optimal scheint die Vorbereitung der Afrikanerinnen nicht zu laufen.

Im erweiterten Kader finden sich auch 11 Spielerinnen, die schon unter Trainer Felix Ibe an der WM in Thailand teilgenommen haben. Unter ihnen ist auch Mittelfeldmotor Stella Godwin, die damals von FIFA.com als eine der Spielerinnen genannt wurde, deren Stern in Thailand aufgegangen sei. Stella Godwin spielte seinerzeit als eine von zwei Akteurinnen Nigerias im Ausland, nämlich bei Odense BK in Dänemark.

Zuletzt spielten mit Cynthia Uwuak und Rita Chikelu (beide Finnland, mittlerweile heimgekehrt), Faith Ikidi (QBIK, Schweden, vorher Klepp IL, Norwegen) und Funso Alake (Aserbaidschan) vier Aktive im Ausland. Rosemary Okozie soll ebenfalls nach Odense wechseln, zählt aber genauso wie Alake nicht mehr zum endgültigen Aufgebot Nigerias.

Einige Spielerinnen können auch schon Einsätze in der A-Nationalmannschaft vorweisen. Faith Ikidi, Akudo Sabi und Stella Godwin gehörten z.B. schon zu Nigerias Kader bei den Olympischen Spielen von Athen 2004.

Ausblick

Es liegt wohl nahe, den Chinesinnen die Favoritenrolle zuzuweisen. Nigeria und Kanada werden vermutlich die Kontrahenten im Kampf um den zweiten Gruppenplatz sein. Nicht auszuschließen aber, daß diese Teams schwächeln und Außenseiter Finnland davon profitieren kann.

Amanda Cicchini und Kerstin Stegemann

Mit großem Kämpferherz will Kanada ins Viertelfinale und noch weiter. Amanda Cicchini, hier im Zweikampf mit Kerstin Stegemann, wird ihre jüngeren Teammitglieder mit solch einer Einstellung sicherlich mitreißen können

Bild: Nora Kruse

Spannend auch zu sehen, welche Spielerinnen bei diesem Turnier besonders auf sich aufmerksam machen können. Ma Xiaoxu aus China, die Finnin Essi Sainio oder vielleicht Nigerias Faith Ikidi? Und wird Kanada wieder die Torschützenkönigin stellen? Warten wir es ab!


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