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FIFA U-20-Frauenfussball-Weltmeisterschaft Russland 2006

Außenseiter wollen aufmucken

Vorstellung Gruppe A:

Von Markus Juchem

10.08.2006   Die Gruppe A bei der FIFA U-20-Frauenfussball-
Weltmeisterschaft Russland 2006 verspricht gleich aus mehreren Gründen eine heiße Angelegenheit zu werden. Gastgeber Russland mit seiner Starspielerin Elena Danilova hat sich eine ganze Menge vorgenommen und will dem aller Voraussicht nach ohne seine Topstürmerin Marta anreisenden Favoriten Brasilien gleich im direkten Aufeinandertreffen am ersten Spieltag ein Bein stellen. Nicht weniger pikant ist die Situation bei den beiden anderen Gruppengegnern Australien und Neuseeland. Erst der Wechsel Australiens in den Asiatischen Fußballverband (AFC) Anfang 2006 machte es möglich, dass die beiden ehemaligen Rivalen Ozeaniens in einer Gruppe bei einer Weltmeisterschaft aufeinander treffen können. Und beide wollen im Kampf um den zweiten Gruppenplatz ein Wörtchen mitreden und zeigen, welche Fortschritte der Frauenfußball in der Region gemacht hat.

Der Aufschwung der russischen Juniorenteams in den vergangenen Jahren ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Elena Danilova. Die 19-jährige Stürmerin wird inzwischen von Topclubs aus aller Welt gejagt und gilt als eines der hoffnungsvollsten Nachwuchstalente im Frauenfußball. Im vergangenen Jahr hatte Danilova bei der U-19-Europameisterschaft in Ungarn mit ihren neun Treffern maßgeblichen Anteil daran, dass ihr Team überraschend den Europameistertitel holte und zum ersten Mal einen internationalen Titel erobern konnte. Auf dem Weg ins Finale besiegte Danilova mit einem Hattrick beim 3:1-Sieg im Halbfinale das deutsche Team im Alleingang. Seitdem ist ein Jahr vergangen und Danilova hat von ihrem Torinstinkt nichts eingebüßt, wie sie vor wenigen Wochen bei der U-19-EM in der Schweiz eindrucksvoll unter Beweis stellte. Sie erzielte sieben Treffer, konnte allerdings die 0:4-Halbfinalniederlage gegen Deutschland nicht verhindern.

Russland

Elena Morozova

Eine aus dem "Elena-Trio": Elena Morozova, die auch schon über reichlich Erfahrung mit dem A-Team des WM-Gastgebers verfügt.

Foto: Volker Lieberum

Mit dem Heimvorteil im Rücken und einigen zusätzlichen Spielern im Vergleich zum EM-Kader in der Schweiz sollte das Team bei der WM erneut ein gute Rolle spielen können. „Meine Mannschaft wird viel stärker sein, unsere Leistung wird eine ganz andere sein“, verspricht Trainer Valery Grishin.

Mit systematischer und beharrlicher Arbeit hat Grishin seit 1991 Juniorenmannschaften in Russland betreut und die Qualität nach und nach verbessert. 1998 erreichte er mit der russischen U-19-Nationalmannschaft erstmals das Viertelfinale einer Europameisterschaft. 2004 qualifizierte sich Grishin mit seinem Team für die FIFA U-19-Weltmeisterschaft in Thailand, wo man im Viertelfinale an Brasilien scheiterte. Im ersten Gruppenspiel der WM 2006 bietet sich nun gegen die Südamerikanerinnen Gelegenheit zur Revanche. Viele der heute im Kader stehenden Spielerinnen konnte bereits damals wertvolle internationale Erfahrung sammeln, die den Spielerinnen beim Turnier im eigenen Land zugute kommen sollte.

Ein Großteil des Erfolgs ruht auf dem russischen System der Fußballschulen, die Talente sowohl bei den Jungen als auch bei den Mädchen frühzeitig sichten und in den großen Städten ausbilden und fördern. So trafen etwa Elena Danilova und Elena Terkhova bereits im Alter von zehn Jahren aufeinander.

Ksenia Tsybutovich, Elvira Todua

Als Gastgeber waren sie ohnehin qualifiziert, dies hielt die jungen Russinnen jedoch nicht davon ab, die U-19-EM 2005 in Ungarn, bei der sich die anderen vier europäischen Teilnehmer qualifizierten, für sich zu entscheiden. Hier Kapitänin Ksenia Tsybutovich und Torfrau Elvira Todua mit dem Pokal.

Foto: Martin Kochem

Schlüsselspielerinnen

Stürmerin Elena Danilova landete 1998 eher durch Zufall beim Fußball. „Ich drehte im Stadion gerade meine Runden, als mich ein Trainer sah und mich bat, in seiner Mannschaft mitzuspielen, von der ich gar nichts wusste“ – der Anfang einer der viel versprechendsten Karrieren im Frauenfußball in den vergangenen Jahren. Neben Danilova gilt es eine ganze Reihe weiterer Spielerinnen im Auge zu behalten, etwa zwei weitere Spielerinnen mit Vornamen Elena, die dem Team ihren Stempel aufdrücken. Elena Terekhova und Elena Morozova stehen Danilova an Durchschlagskraft nur in wenig nach. Hinzu kommt die routinierte Torhüterin Elvira Todua, die ihrer Hintermannschaft und dem gesamten Team Ruhe und Sicherheit gibt. Auch Oxana Titova, Olga Petrova und Victoria Afanasova, die bei der EM in der Schweiz wegen des Alterslimits fehlten, werden dem U-20-Team weitere Stabilität geben.

Stärken/Schwächen

Die größten Stärken des Teams liegen neben der individuellen Klasse von Elena Danilova und einiger weiterer Spielerinnen in der mannschaftlichen Geschlossenheit. Der Kader ist in der Breite auf allen Positionen sehr gut besetzt, das kompakte Team kann nur sehr schwer ausgehebelt werden, indem permanent Druck auf die Hintermannschaft ausgeübt wird. Gegen körperlich robuste Teams hat die Elf jedoch oftmals Schwierigkeiten, ihr eigenes Spiel aufzuziehen, bei einem Rückstand lassen die Spielerinnen gelegentlich die Köpfe hängen und verlieren dann vor allem in der Defensive die Konzentration.

Brasilien

Spielt sie oder spielt sie nicht? Nur eine Frage bewegt derzeit die Gemüter der brasilianischen U-20-Nationalmannschaft. Die Rede ist von Topspielerin Marta, die von ihrem Verein Umeå IK keine Freigabe für die U-20-Weltmeisterschaft erhalten hat, da zeitgleich in Schweden Liga- und Pokalspiele stattfinden. Doch die brasilianischen Verantwortlichen wollen sich nicht


Marta

Brasiliens Starspielerin Marta im Trikot von Umeå IK. Wird sie während der WM dieses oder das Trikot ihrer Nationalmannschaft tragen?

Foto: Kalle Prorok

so leicht geschlagen geben. „Die Juristen des brasilianischen Verbandes versuchen dringend, mit ihrem Verein Umeå Kontakt aufzunehmen. Marta ist sehr traurig, denn sie möchte natürlich für ihr Land spielen“, so Brasiliens Technischer Koordinator Paulo Dutra.

Während hinter den Kulissen um die Teilnahme der Vize-Weltfußballerin des Jahres gerungen wird, hat sich der WM-Kader in einem abschließenden Trainingslager auf die Titelkämpfe in Russland vorbereitet. In Granja Comary bekam das Team seit dem 17. Juli mit Hochdruck von Trainer Jorge Barcelos den Feinschliff verpasst, der die Elf befähigen soll, bei der WM eine gute Rolle zu spielen. Denn eines ist klar: Für eine brasilianische Nationalelf zählt immer nur der Titel.

Noch immer hat der brasilianische Frauenfußball mit der Anerkennung im eigenen Verband zu kämpfen, nur weitere Erfolge können wohl den Weg in eine bessere Zukunft ebnen. Ein Titelgewinn in Russland könnte helfen, ein wenig aus dem Schatten der Männer herauszutreten. In Südamerika ist das Team nahezu konkurrenzlos, doch in Russland wird man sich mit den weltweit besten messen, und die Konkurrenz schläft nicht.

Schlüsselspielerinnen

Sollte es dem brasilianischen Verband doch noch gelingen, die Freigabe für Marta zu erhalten, wäre sie Star und Führungsfigur in einem. Doch auch anderen Spielen im U-20-Kader kommt eine Schlüsselfunktion zu, wie etwa Renata Costa, die ihren Torriecher zuletzt erst wieder in einem Testspiel während des Trainingslagers mit zwei Treffern unter Beweis stellte. Neben der routinierten Costa darf man auch auf Youngster wie Erika vom FC Santos gespannt sein. Auch Stürmerin Fabiana vom FC America gehört zu den tragenden Säulen im Team.

Stärken/Schwächen

Die individuelle Klasse des Teams sucht weltweit seinesgleichen. In wohl keiner anderen Mannschaft verfügen sämtliche Spielerinnen über derart große technische Fähigkeiten. Das Team besticht durch seine Kompaktheit, und auch im mentalen Bereich hat man sich in den vergangenen Monaten verbessert. An Selbstbewusstsein hat es brasilianischen Nationalmannschaften noch nie gemangelt. Doch bereits in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass individuelle Klasse alleine keine Turniere gewinnt. Bei der U-19-Weltmeisterschaft in Kanada 2002 belegte Brasilien den vierten Platz. In Thailand 2004 landete man auf dem gleichen Rang, nachdem man das Spiel um Platz drei 0:3 gegen die USA verlor. So versucht das Team nicht nur an seiner mannschaftlichen Geschlossenheit zu arbeiten, sondern auch im physischen und vor allem taktischen Bereich Bereich Fortschritte zu machen. Dass die Mannschaft lernfähig ist, hat sie bereits bewiesen. So wurde im April zunächst ein Testspiel gegen die USA mit 0:1 verloren, im zweiten behielt man mit 2:1 die Oberhand.

Australien

Nach dem Wechsel von der Ozeanischen (OFC) in die Asiatische Fußballkonföderation (AFC) steht das Team Australiens vor seiner ersten großen internationalen Bewährungsprobe als AFC-Mitglied. Sportlich gesehen sollte diese Veränderung dem Team langfristig Vorteile verschaffen, muss man sich jetzt doch in allen Qualifikationsbewerben mit in der Breite stärkeren Gegnern auseinander setzen, als dies in der Vergangenheit der Fall war, wo man in Ozeanien nahezu konkurrenzlos war. Was das heißt, bekamen die Spielerinnen von Alistair Edwards bereits in der WM-Qualifikation zu spüren, als man im Halbfinale gegen Nordkorea schnell zwei Gegentreffer kassierte und das Spiel nicht mehr drehen konnte. „Diese Art von harten und umkämpften Partien gehört für uns nun dazu“, so das Fazit von Edwards.

Edwards übernahm das Amt im Juli 2005 von Adrian Santrac, als dessen Assistent er zuvor gearbeitet hatte. „Es werden jetzt rasch immer mehr Talente auf der Bildfläche erscheinen, der Sport wird in unserem Land immer beliebter“, prophezeit er. Der 37-Jährige ehemalige 19-fache australische Nationalspieler spielte als Aktiver unter anderem für Glasgow Rangers. Bereits in Russland will man zeigen, dass die Australierinnen in der Zukunft ein nicht zu unterschätzender Gegner sein werden.

Tammy Ogston

Ist diese Frau für Australien im Einsatz? Jein. Tammy Ogston vertritt bei der WM die australische Schiedsrichtergilde.

Foto: Nora Kruse

Schlüsselspielerinnen

Mit einer Mischung aus erfahrenen und jungen Spielerinnen will Australien in Russland erfolgreich sein. Eine der herausragenden Figuren ist Spielführerin Sally Shipard, die zusammen mit den Routiniers Collette McCallum oder Jenna Tristam sowie Kim Carroll und Torhüterin Lydia Williams, die bereits in der A-Nationalmannschaft zum Einsatz kamen, zu den wichtigsten Spielerinnen im Team gehört. "Wir fangen an, mit einer ganzen Reihe äußerst talentierter Spielerinnen großen Fussball zu spielen. Viele befinden sich auf dem Sprung in die A-Nationalelf, einige waren ja sogar schon dabei", erklärt Edwards nicht ohne Stolz.

Stärken/Schwächen

Auch wenn es im individuellen Bereich sicherlich sowohl technisch wie auch taktisch und physisch noch einiges zu verbessern gilt, besticht das Team doch in jedem Spiel durch seinen Kampfgeist und seine Einstellung. Auch durch Rückstände lässt sich die Elf nicht


aus der Ruhe bringen, bis zur letzten Minute ist Kampf das oberste Gebot. Im Spiel nach vorne mangelt es gelegentlich noch an der Durchschlagskraft, das Umschalten von Abwehr auf Angriff klappt noch nicht reibungslos und an der Chancenverwertung muss ebenfalls noch gearbeitet werden.

A-Nationalmannschaft Neuseeland

Da möchten sie alle mal hin und sich möglichst bei der U-20-WM dafür empfehlen - die A-Nationalmannschaft Neuseelands.

Foto: Laura Messina

Australien musste hart kämpfen, um die Teilnahme an der WM-Endrunde in Russland sicher zu stellen. Denn nach den mühelosen Erfolgen in den Gruppenspielen gegen China, Jordanien und Malaysia mit einem Torverhältnis von 24:0, wurde das Team im Halbfinale überraschend von Nordkorea gestoppt. Nach dem schnellen 0:2-Rückstand kämpfte sich das Team zwar noch einmal heran, doch am Ende stand eine 2:4-Niederlage zu Buche und das Team musste im Spiel um Platz drei einen Erfolg landen, um doch noch die WM-Fahrkarte zu sichern. Im Spiel gegen Japan bewiesen die Australierinnen dann, dass sie Nerven wie Drahtseile haben, denn ein zweimaliger Rückstand warf sie nicht aus der Bahn, am Ende sorgte Collette McCallum mit ihrem Treffer zum 3:2-Erfolg für die viel umjubelte Qualifikation.

Bilanz bei früheren U-19-Weltmeisterschaften

Bei der ersten U-19-Weltmeisterschaft 2002 in Kanada belegte Australien einen beachtlichen fünften Platz. Zwei Jahre später erwiesen sich die USA bei der 0:2-Niederlage im Viertelfinale noch als eine Nummer zu groß.

Neuseeland

Rebecca Smith

Die 24-jährige Rebecca Smith hat den Sprung in die europäischen Topligen geschafft. Nach ihrem Gastspiel bei beiden Frankfurter Vereinen ist sie nun in Schweden bei Sunnana SK gelandet. Wer aus dem aktuellen U-20-Kader wird es ihr nachtun?

Foto: Jochen Ditschler

Für Trainer John Herdman und seine U-20-Mannschaft ist mit der WM-Teilnahme ein Traum in Erfüllung gegangen. Neuseeland nimmt zum ersten Mal an einer Weltmeisterschaft dieser Altersklasse teil, und so konnte es Spielführerin Kirsty Yallop kaum fassen: „Russland war unser Traum und unser absolutes Ziel. Wir sind alle begeistert und können es kaum erwarten. Jetzt müssen wir zusehen, dass wir auch mithalten können. Das wird noch ein hartes Stück Arbeit“, so Yallops Reaktion nach der gelungenen Qualifikation. Für die junge und unerfahrene Mannschaft dürfte die Reise nach Russland zu einem Abenteuertrip werden. Herdmans WM-Truppe wird voraussichtlich nicht einmal einen Altersschnitt von 17 Jahren aufweisen. Sogar einige 15-jährige Spielerinnen werden im WM-Kader stehen.

Seit Januar hat Herdman seine Mädchen zunächst auf die Qualifikation und nun auf die Endrunde vorbereitet. Als Ziel hat man sich die Viertelfinalteilnahme gesetzt, bei der Konkurrenz sicherlich kein leichtes Unterfangen. Auf einer einwöchigen Argentinien-Reise versuchte das Team, vor dem großen Kräftemessen weitere Erfahrung zu sammeln. Und das Selbstvertrauen ist durch einen Sieg gegen River Plate, zwei Unentschieden (argentinische Nationalauswahl und U-20-Nationalmannschaft) und eine knappe Niederlage in einem weiteren Spiel gegen die U-20 Argentiniens (Neuseeland trat nur mit zehn Spielerinnen an) gewachsen. "Ich würde sagen, dass wir auf dem richtigen Weg sind und dass die Mannschaft beginnt, zu verstehen, was es bedeutet, für Neuseeland zu spielen", so Herdman bei seiner Rückkehr aus Argentinien. "Das Tempo und die technischen Fertigkeiten der Spielerinnen waren für unsere Frauen ungewohnt." Kurz vor der WM wird man in den Niederlanden noch zwei Vorbereitungsspiele austragen.

Schlüsselspielerinnen

Spielführerin Kirsty Yallop bewies beim Qualifikationsturnier mit sechs Treffern in fünf Spielen, wie wichtig sie für ihr Team ist. Doch neben Yallop wusste auf Samoa auch Mittelfeldspielerin Ria Percival zu gefallen. Auf der Argentinien-Reise spielte sich die erst 15-jährige Stürmerin Sarah Gregorius ins Rampenlicht, die in vier Spielen drei Treffer erzielte und von ihrem Trainer ein Sonderlob erhielt.

Stärken/Schwächen

Selbstbewusstsein und Zusammenhalt sind wohl die größten Stärken im Team der neuseeländischen Mannschaft. „Keine einzige Spielerin denkt, dass wir Australien, Russland oder Brasilien nicht schlagen könnten", so Trainer Herdman. Vor allem in punkto Schnelligkeit, Taktik und Technik hat das Team sicherlich noch einiges zu lernen. Neuseeland wird in Russland mit einem der jüngsten Kader antreten, die Unerfahrenheit könnte sich für die jungen Spielerinnen bei ihrem ersten großen internationalen Turnier als Nachteil erweisen im Duell mit nominell stärker eingeschätzten Teams und routinierteren Spielerinnen.


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