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FIFA U-20-Frauenfussball-Weltmeisterschaft Russland 2006

Asien katapultiert sich an die Spitze

Für den europäischen Frauenfußball und die UEFA war die WM ein Fiasko

Ein Kommentar von Katja Öhlschläger, Fotos von Martin Kochem

06.09.2006   Mit einem großen Erfolg für den asiatischen Frauenfußball ist am Sonntag die erste U-20-Weltmeisterschaft in Russland zu Ende gegangen. Nordkorea sicherte sich gegen China den Titel, und auch bei den Spielerinnenehrungen sahnten die beiden asiatischen Erfolgsteams mächtig ab. Für den europäischen Frauenfußball und die UEFA hingegen glich die WM einem Debakel.

Vor dem Turnier hätten vermutlich nicht viele auf die Finalpaarung Nordkorea - China getippt. China wurde durchaus hoch gehandelt, Nordkorea zumindest als stärkster Gruppengegner der Deutschen angesehen. Doch der Erfolg kommt nicht von ungefähr - beide Mannschaften hatten ihre Gruppen überlegen mit neun Punkten für sich entschieden, Nordkorea dabei nicht zuletzt Titelverteidiger Deutschland mit 2:0 in die Schranken gewiesen und damit gleich zu Beginn eine Duftmarke hinterlassen. Generell blieb wenig dem Glück überlassen bei diesen Titelkämpfen, setzten sich die zu diesem Zeitpunkt stärksten Mannschaften durch. Denn allen vier Gruppenersten gelang später auch der Halbfinaleinzug. Vier Halbfinalisten, die es verdient hatten, so weit zu kommen - ein europäisches Team war jedoch nicht darunter. Dazu später mehr.

Elvira Todua

Für den Gastgeber um Torjägerin Elena Danilova kam im Viertelfinale das Aus.

Allgemein scheint der Abstand zwischen den Teams geringer geworden zu sein, hat sich die Aufstockung der Teilnehmerzahl von 12 auf 16 bewährt. Kantersiege waren die Ausnahme, auch der Überraschungsqualifikant DR Kongo zog sich gegen die Turnierfavoriten aus Frankreich und den USA mehr als respektabel aus der Affäre. In der K.O.-Runde boten vor allem die Halbfinals Dramatik und Spannung bis zum Abpfiff. Und es gab eben einen Turniersieger, den kaum jemand erwartet hatte. Der nach den bitteren, weil denkbar knappen Niederlagen bei den Asien-Meisterschaften der letzten Jahre zum wohl passendsten Zeitpunkt endlich den Spieß umdrehen konnte und die Chinesinnen hinter sich ließ. Ein gutes Zeichen, werden doch Überraschungsmo-
mente dem Frauenfußball oftmals abgesprochen.

Pia Hess, Bettina Wiegmann, Maren Meinert

Die drei deutschen Musketiere (v.l.n.r).: Teammanagerin Pia Hess, Trainerin Maren Meinert und Co-Trainerin Bettina Wiegmann. Nach dem Viertelfinale mussten sie die Heimreise antreten.

Spielerinnen wie Ma Xiaoxu, Kim Song Hui, Danesha Adams, Charlyn Corral, Marie-Laure Delie, Ludmila Manicler und Fabiana, um nur Beispiele zu nennen, wird man sich merken müssen. Einige von ihnen werden wir voraussichtlich schon im nächsten Jahr bei der A-Weltmeisterschaft in China wiedersehen.

Klarer Verlierer der WM war nicht allein Titelverteidiger Deutschland mit seinem Viertelfinal-Aus, sondern waren alle europäischen Vertreter und der europäische Fußballverband UEFA. Deutschland, Frankreich und Russland kamen über das Viertelfinale nicht hinaus, verloren mit Ausnahme von Frankreich ihre Halbfinals sogar recht deutlich gegen die USA (1:4) respektive China (0:4). Finnland und die Schweiz landeten in ihren Gruppen abgeschlagen und mit zweistelliger Gegentorezahl auf dem letzten Platz. Ein Abschneiden, das den Erwartungen und den Ansprüchen, mit denen europäische Teams gewöhnlich zu Weltmeisterschaften fahren, zweifelsfrei nicht gerecht wird.


Ma Xiaoxu

Zum WM-Titel reichte es für China nicht ganz. Dafür wurde Ma Xiaoxu (hier beim Torjubel gegen Nigeria) zur besten Spielerin und zur besten Torschützin des Turniers geehrt.

Zwangsläufig stellt sich hier die Frage nach Gründen.

Bei allen individuellen Problemen und Verletzungen, mit denen die einzelnen Mannschaften zu kämpfen hatten, und bei aller Zurückhaltung, nicht nur Titelgewinne als Erfolg zu werten, erfordert diese kollektive Enttäuschung eine genauere Analyse. Erste Befürchtungen konnten schon jedem kommen, dem im Frühjahr 2005 der veränderte Qualifikationsmodus zur U-19-EM ins Auge fiel (siehe Nur der Erste kommt weiter).

Damals hatte sich die UEFA zugunsten der schwächeren bzw. aufstrebenden Länder entschieden, statt wie zuvor in fünf Gruppen, aus denen sich die Gruppenersten sowie die beiden besten Gruppenzweiten qualifizierten, die 2. Qualifikations-Runde in sieben Gruppen auszutragen, in denen nur der Gruppenerste das WM-Ticket lösen kann. Zudem wurde die Zahl der bei der Auslosung zur 2. Quali-Runde gesetzten Teams auf zwei reduziert. Lediglich Deutschland und Norwegen kamen in diesen Genuss. So trafen sich also Deutschland, Schweden und Dänemark bereits im Vorfeld des Endturniers zum Ausscheid und musste der Europameister aus dem Jahr 2004, Spanien, in eine Gruppe mit Frankreich gelost, schon im April 2005 jegliche Hoffnungen auf eine WM-Teilnahme in Russland begraben. Schließlich diente die EM-Endrunde 2005 als europäische Qualifikation für die U-20-WM 2006.

Folgerichtig fehlte der EM in Ungarn die Ausgeglichenheit und Qualität. Nicht eben förderlich für das EM-Turnier selber, aber vor allem eine schlechte Ausgangsbasis für die WM-Qualifikation. Bei einem achtköpfigen Teilnehmerfeld, dem der automatisch qualifizierte WM-Gastgeber Russland angehörte, und bei weiteren vier zu vergebenden WM-Fahrkarten war es also selbst dem Fünften vergönnt, zur WM zu reisen. Was für sich alleine der normale Ablauf wäre, wegen des schwachen Teilnehmerfeldes die europäische Vertretung in Russland aber signifikant schwächte. Größere Fluktuation bei den EM-Teilnehmern und eine gute europäische Repräsentanz bei der WM waren hier nicht vereinbar, die Prioritätensetzung mehr als fragwürdig. So waren denn auch der EM-Fünfte Schweiz und der EM-Halbfinalist Finnland bei den Weltmeisterschaften ohne jede Chance.

Deutsche U-19 vor dem Spiel gegen Mexiko

Die deutsche Startelf gegen Mexiko - in dieser Zusammensetzung fast ohne Spielpraxis.
Oben: Monique Kerschowski (U-19), Simone Laudehr (U-21), Babett Peter (U-19), Janina Haye (U-21), Nadine Kessler (U-19).
Unten: Anna Blässe (U-19), Fatmire Bajramaj (U-19), Celia Okoyino da Mbabi (kein Jugendturnier im Sommer), Romina Holz (U-19), Lena Goeßling (U-19), Juliane Maier (U-19).

Dazu kommt der ungünstige Termin der U-19-EM. Während die U-21-Nationalmannschaften beim Nordic-Cup in Norwegen weilten, lag das Finale der U-19-EM nicht einmal einen Monat vor WM-Beginn. An der Aufgabe, binnen weniger Wochen und auf der Grundlage von Testspielen, die man problemlos an einer Hand abzählen konnte, eine spielerisch harmonierende Truppe zu formen,


scheiterten dann nicht nur die Deutschen. Ohne jeden Zweifel, über Termine lässt sich leicht klagen, die freien Wochen sind rar gesät und eine EM kann nicht einfach einem Jahrgang genommen werden, um Zeit für die Vorbereitung der U-20-Teams gewinnen - zumal dies nur fünf europäische Teams betraf. Doch schon zwei Wochen mehr Vorbereitung hätten das Handicap der mangelnden Eingespielheit deutlich reduzieren können, waren doch vor der U-19-EM Testspiele auf U-20-Ebene unmöglich.

Gewiss, dies hätte den U-19-Teams Vorbereitungszeit genommen, doch wäre dies leichter zu verschmerzen gewesen, da auf U-19-Ebene ohnehin über das Jahr verteilt weitaus mehr Länderspiele stattfinden. Die deutsche U-20 hingegen hat beispielsweise überhaupt nur zwei Testspiele seit Bestehen dieser Altersklasse absolviert gehabt, ehe sie nach Russland aufbrach - im November gegen Dänemark und Anfang August gegen den FFC Frankfurt.

Wirft man einen Blick auf die anderen Konföderationen, so waren die Qualifikationsturniere auf U-19-Ebene - nur in Afrika fand eine U-20-Meisterschaft statt - spätestens im April beendet und konnte im Anschluss gezielt mit der Vorbereitung für die WM begonnen werden. Während beispielsweise China und die USA Anfang Juli unter Wettkampfbedingungen gegeneinander testeten, lief für die europäischen Teams die Vorbereitung zur U-19-EM.

Danesha Adams

US-Torjägerin Danesha Adams hinterließ einen guten Eindruck und wurde mit dem Bronzenen Ball in der Kategorie "Beste Spielerin" ausgezeichnet.

Foto: Heinz Günter Sporkel

Vorbereitung und vor allem Qualifikationsmodus - zwei Dinge, über die nachzudenken die WM Anlass genug sein sollte. Soll das Teilnehmerfeld der Europameisterschaften abwechs-
lungsreicher werden - ein durchaus unterstützenswertes Anliegen -, scheint der Weg der Aufstockung der Teilnehmerzahl sinnvoller als eine Schwächung des wichtigsten Turniers dieser Altersklasse auf UEFA-Ebene, plus der angesprochenen Folgen für das europäische Abschneiden bei den kommenden U-20-Weltmeisterschaften. Vor diesem Hintergrund bleibt es äußerst spannend abzuwarten, wie die Qualifikation zur 2008 erstmals ausgetragenen U-17-WM angegangen wird.

Goldener Ball (Beste Spielerin):

1. Ma Xiaoxu (China)
2. Zhang Yanru (China)
3. Danesha Adams (USA)

Goldener Schuh (Beste Torschützin):

1. Ma Xiaoxu (China/ 5 Tore, 2 Vorlagen)
2. Kim Song Hui (Nordkorea/ 5 Tore, 1 Vorlage)
3. Anna Blässe (Deutschland/ 4 Treffer, 2 Vorlagen)


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