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FIFA U-20-Frauenfussball-Weltmeisterschaft Russland 2006

Was hat sich die FIFA dabei bloß gedacht ?

Ein Kommentar zu den Begleitumständen rund um das Turnier aus Sicht eines deutschen Touristen

Text und Bilder von Martin Kochem

9.9.2006   Russland – das klang zunächst einmal auf den ersten Blick abschreckend aber dann auch wiederum interessant und aufregend zugleich und ich war gespannt, was sich seit meinem ersten (und bislang letzten) Besuch im Jahre 1994 so getan hat. Bei den Austragungsorten hatten sich die FIFA-Funktionäre für die Spielorte Moskau, Shchelkovo und St. Petersburg entschieden. So weit - so gut, auch wenn man die Stadt Shchelkovo zunächst nicht genau lokalisieren konnte und man nur wusste, dass diese sich etwa 15 km außerhalb des Moskauer Sektors (und der ist nicht gerade klein) befinden sollte. Doch sich als ausländischer, der kyrillischen Schrift nicht mächtiger Tourist in diesen Städten zurecht zu finden, war durchaus eine Herausforderung der besonderen Art…

Der Kurzform halber hier einige Schlagworte mit entsprechenden Erläuterungen dazu:

Sprache

Einheimische, die der englischen (oder gar der deutschen) Sprache mächtig waren, traf man hier nur durch (großen) Zufall. Weder am Flughafen Domodedovo noch unter den Fahrern der Moskauer (Mini-)Busse wurde auch nur ein Wort englisch gesprochen oder wenigstens verstanden. Selbst in den bekannten Schnellrestaurants mit dem großen „M“ stieß man anlässlich der Bestellung bzw. der englischen Aussprache des Wortes „Big Mäc“ bei den zumeist jungen Verkäufern nur auf Fragezeichen im Gesicht – bis man mitkriegte, dass es hätte „bigmak“ ausgesprochen werden müssen… Mehr als unverständlich bzw. ärgerlich, dass sämtliches Ordnerpersonal rund um die Moskauer Stadien bzw. in Shchelkovo nicht ein Wort englisch sprach/verstand (bzw. man zumindest so tat), was sich bei diversen Anliegen (u.a. dem Aufhängen der Fahnen) als unvorteilhaft erwies.

Kassenhäuschen

Kassenhäuschen in Shchelkovo

Sicherheit

Sicherheit in den Stadien bzw. bei den Zugängen hierzu muss in der heutigen Zeit ganz gewiss groß geschrieben werden, doch bewiesen die Veranstalter nur allzu eindrucksvoll ihren Hang zur Übertreibung. Hatte man sich noch mit der Lichtschranke a la Flughafen schnell arrangiert (zumal es offensichtlich egal war, wenn es gehörig piepste), gingen einem die (sich daran anschließenden) nochmaligen sowie mehrfachen Kontrollen der Taschen / Rucksäcke etc. schon bald tierisch auf den Zeiger… Eine Erklärung dafür, wie man lediglich 5 Meter nach einer ausgiebig erfolgten Kontrolle etwa eine Bombe in den Rucksack hereinschmuggeln soll, blieb das stets grimmig dreinschauende Security-Personal nicht zuletzt aufgrund der bereits oben erwähnten Kommunikationsschwierigkeiten stets schuldig…Selbst wenn man – wohlgemerkt innerhalb des Stadions - nur 2 Minuten auf der Toilette war, musste man die gleiche Prozedur nochmals über sich ergehen lassen… Auch herrschte strenger Blockzwang und wehe man verirrte sich zwecks Foto-Shooting einmal in den entlegenen Block!

Eingangskontrolle

Sicherheitskontrolle im Fussballstadion (nicht am Flughafen)

Bei einem von mir sowie meinem mitreisenden Kollegen besuchten Erstligaspiel der Männer im großen Luzhniki-Stadion hätte ich (wohlgemerkt erst bei der 4. oder 5. Kontrolle !) sogar meine nicht gerade wertlose Digitalkamera „einfach so“ ganz vorne am Eingang abgeben sollen – wohl ein eindeutiger Fall von polizeilicher Willkür gegenüber einem Touristen / einem Deutschen….


Polizistinnen

Nach Ansicht von Martin Kochem prägt die Polizei das Bild in Moskau und in den Stadien

Auch innerhalb der Stadtgrenzen Moskaus selber konnte man sich dem Eindruck eines Polizeistaates nicht entziehen – wahrlich an jeder Ecke liefen 2-3 Polizeibeamte Patrouille, welche sich ersichtlich langweilten...

Negativer Höhepunkt stellte ein uns kontrollierender Polizeibeamter da, welcher immerhin zwei Worte des deutschen bzw. englischen Vokabulars mächtig war und ein eigentlich nicht vorhandenes bzw. uns eingeredetes „Problem“ mit „extra cash“ lösen wollte… Offensichtlich hatte der Polizist jedoch zumindest vor der Handlungsfähigkeit der „German embassy“ (der Deutschen Botschaft) etwas Respekt, entließ uns dieser doch nach dieser Ankündigung wieder in die Freiheit.

Tribüne

Nur wenig deutete bei diesem Turnier darauf hin, dass es sich um eine Weltmeisterschaft im Frauenfussball handelte..

Stadien / Anfahrt/ Eintrittspreise

Sämtliche von mir besuchte Stadien waren „Sommerstadien“, d.h. generell ohne jegliche Überdachung, was sich insbesondere beim Moskauer Torpedo-Stadion als unvorteilhaft erwies (man wurde aufgrund zweier kräftiger Regengüsse klatschnass). Lediglich die ViP-Gäste (fast ausschließlich Offizielle der FIFA) konnten aus der Not eine Tugend machen und sich in die streng abgeriegelten Räumlichkeiten flüchten.



Hotel

Das Hotel der Natio in St. Petersburg

Herberge

...das Godzillas-Hostel in Moskau...

Treppenaufgang

...und sein Treppenaufgang


Die Anfahrt zu den Stadien gestaltete sich in Moskau sowie St. Petersburg (mit der schellen U-Bahn) problemlos - lediglich in Shchelkovo war zunächst guter Rat teuer, da es weder einen Stadtplan noch eine Informationsstelle noch Fahrpläne etc. gab…Mit Händen und Füßen fand sich letztendlich ein Mini-Bus-Fahrer, der uns nach knapp 25minütiger Fahrt wenige 100 Meter vor dem Stadion absetzte…

Die Eintrittspreise waren dem Niveau bzw. dem (nicht vorhandenen) Komfort der Stadien angepasst und lagen umgerechnet zwischen 1,50 € und 4 € - für eine Doppelveranstaltung somit absolut passabel.

Zuschauerinteresse / Stimmung in den Stadien

Wie erwartet bzw. befürchtet hielt sich das Zuschauerinteresse in überschaubarem Rahmen, selbst bei Spielen der Gastgeberinnen verloren sich nicht mehr als 1000 – 2000 Beobachter auf den Rängen. Der nach dem EM-Titelgewinn der russischen U 19 im Jahre 2005 erhoffte Zuschauerboom blieb jedenfalls aus…

Die Fans der anderen Mannschaften rekonstruierten sich überwiegend aus in Moskau lebenden Gastarbeitern, wobei insbesondere Nordkoreaner und Chinesen eine doch stattliche Anzahl aufweisen konnten. Diese zeichneten sich dann auch ausschließlich für die akustische Unterhaltung in den Arenen verantwortlich, während es bei einigen anderen Spielen derart leise im Stadion war, dass man sogar das Brummen bzw. Summen der Lautsprecheranlage bzw. der Flutlichtmasten vernehmen konnte. Ansonsten bildeten Soldaten der Nationalen Armee, Polizisten, Ordner und sonstiges Security-Personal mindestens die Hälfte der Zuschaueranzahl, welche sich ersichtlich langweilten und – welch Überraschung - aber auch wirklich gar nichts zu tun bekamen…

Soldaten im Stadion

Soldaten der Nationalen Armee, Polizisten, Ordner und sonstiges Security-Personal bildeten mindestens die Hälfte der Zuschaueranzahl

Fazit:

Wie alle Frauenfussball- Entwicklungsländer kann Russland aus diesem FIFA-Geschenk nur lernen. Angesichts der dort nach wie vor sturen und starren Strukturen dürfte sich jedoch auf absehbare Zeit nur wenig ändern, was aber eher ein politisches bzw. gesellschaftliches Problem darstellen dürfte. Wer allerdings die Bürokratie in Deutschland verhöhnt und beschimpft, dem sei dringend „Urlaub“ in der Russischen Föderation empfohlen…

Und wie sagte Frankfurts Meike Weber doch so treffend: „Ich bin froh, wenn ich wieder zu Hause bin…“

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen!


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