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Jugendnationalmannschaften und Mädchenfußball

"Über Tina Theune-Meyer kam ich zum DFB"

Interview mit Jugendbundestrainer Ralf Peter

Von Katja Öhlschläger

03.03.2006
Ralf Peter ist seit 2001 Jugendbundestrainer beim DFB und hat dort unter anderem die U-15 und U-17 unter seinen Fittichen. Am Rande des U15-Lehrgangs in Leipzig in der vergangenen Woche stand er FanSoccer für ein ausführliches Interview zur Verfügung, in dem es nicht nur um seine Mannschaften, sondern auch den Mädchenbereich beim DFB im Allgemeinen, die Zusammenarbeit mit den Schulen, den Ablauf der Sichtungen, die internationale Konkurrenz im Jugendbereich, Vor- und Nachteile gemischter Mannschaften und vieles mehr geht.
Wir werden dieses Interview aufgrund seiner Länge in kurzen Abständen in mehreren Teilen veröffentlichen. Im ersten Teil geht es um die Entwicklungen im Mädchenfußball, die Trainerausbildung und die Zusammenarbeit mit den Schulen. Zunächst aber stellt sich Ralf Peter erstmal vor.

Mein Name ist Ralf Peter. Ich bin 44 Jahre alt und bin jetzt im fünften Dienstjahr beim DFB tätig. Ja, mein Werdegang: ich habe selber aktiv gespielt bis zur Amateur-Oberliga, Sport und Pädagogik studiert – komme also über diese Schiene -, war dann kurze Zeit auch im Schuldienst und habe dann nebenbei für den Fußballverband Westfalen als Honorartrainer gearbeitet. Dann habe ich Vereinsmannschaften trainiert – im Seniorenbereich, aber überwiegend im Juniorenbereich -, bin dann zu Borussia Mönchengladbach gewechselt, war dort vier Jahre Jugendcheftrainer und habe dort unter anderem auch für die A-Jugend mit Spielern wie Sebastian Deisler und Andrej Voronin die Verantwortung gehabt. Danach bin ich zum Fußballverband Niederrhein gewechselt, weil ich dort ein gutes Angebot bekommen hatte, war dort drei Jahre Verbandstrainer und hatte Spieler wie Marcel Jansen und Eugen Polanski – also auch ein paar bekannte Spieler.

Tina Theune-Meyer

Die ehemalige Bundestrainerin Tina Theune-Meyer stellte für Ralf Peter den Kontakt zum DFB-Frauenbereich her

Foto: Nora Kruse

In der Zeit habe ich Kontakt zu Tina Theune-Meyer bekommen und habe dort in den drei Jahren den „Stützpunkt West“ für die A-Nationalmannschaft der Frauen gemacht und es dort mit Spielerinnen wie Martina Voss und Inka Grings zu tun gehabt. Wir waren immer in Duisburg und die Spielerinnen haben dort dann einmal in der Woche unter meiner Anleitung trainiert. Das muss wohl ganz gut gewesen sein – jedenfalls bekam ich dann über diese Schiene, wieder über Tina Theune-Meyer, die Anfrage, zum DFB zu kommen. Michael Skibbe hat sich da dann auch reingehängt, weil eine Planstelle für jemanden eingerichtet werden sollte, der den Juniorinnenbereich macht und in der Trainerausbildung tätig ist. Und das ist jetzt auch konkret mein Aufgabenbereich. Ich mache also beim DFB die Trainerausbildung, die A-Lizenz-Ausbildung, habe es dort mit vielen Ex-Profis zu tun – natürlich eine sehr schöne Sache – und bin schwerpunktmäßig zuständig für die U-17- und U-15-Juniorinnennationalmann-
schaft. Natürlich auch mit Anbindung nach oben – wenn die Frauen-Nationalmannschaft sich auf Turniere vorbereitet, bin ich auch immer dabei, und bei der U-19 mache ich auch einiges mit.

Darüber hinaus bin ich so ein bisschen für den Medienbereich beim DFB zuständig. Ich schreibe Lehrbücher und mache Lehrfilme. Ich habe also ein sehr komplexes Aufgabenfeld und meine Woche müsste manchmal mehr als sieben Tage haben. Ist aber leider nicht so.

Der WM-Titel 2003 wird allgemein als Meilenstein im Frauenfußball betrachtet. Können Sie das mit ihren Erfahrungen im Mädchenbereich bestätigen?

Ja, ich denke, die Erfolge im Frauenbereich sind sehr wichtig – nicht nur die WM, die WM war natürlich ein Highlight, aber auch in den Jahren zuvor haben wir ja durch die Europameistertitel Erfolge erzielt. Ich glaube, mit jedem Titel war immer so ein kleiner Boom verbunden. 1989 mit dem ersten Titel ging das los. Ich kann das auch mal aus einigen Verbänden berichten – ich habe damals im Bereich Westfalen gearbeitet und da hatten wir 1994/95 150 Mädchenmannschaften. Mittlerweile hat Westfalen über 700, das hat sich also gewaltig gesteigert.

Diese sprunghafte Entwicklung ist immer im Zusammenhang mit den Titeln unserer Frauen-Nationalmannschaft zu sehen. Durch die WM ist das natürlich noch mal forciert worden, das hat noch mal einen absoluten Schwung gebracht und, wie ich glaube, auch bei vielen, die der Sportart Mädchen-/Frauenfußball noch skeptisch gegenüber standen, einen Umdenkprozess eingeleitet. Mittlerweile sind wir nicht mehr nur geduldet, sondern voll akzeptiert. Das sieht man ja auch an unserem neuen Präsidenten, Herrn Dr. Zwanziger.


Ralf Peter

Ralf Peter beim Interview

Bild: Katja Öhlschläger

Er unterstützt uns wirklich, wo er kann, und hat sich ja auch nicht nur als Freund, sondern als Fan des Frauenfußballs geoutet. Das ist natürlich für uns ein absoluter Glücksgriff, weil wir über diese Schiene noch mehr Unterstützung bekommen und unsere Arbeit noch intensivieren können.

2005 gab es im Vergleich zum Vorjaht im Bereich der Mädchen unter 16 einen Zuwachs von 20%. Erklären Sie sich das eher mit der gestiegenen Beachtung der Sportart oder mit der intensivierten Förderung des DFB, speziell auch durch das neu ins Leben gerufene Mädchenfußball-Programm?

Ich denke, die Ursache ist in beide Richtungen zu finden. Durch den Erfolg wird die Öffentlichkeit noch mehr aufmerksam auf den Mädchen- und Frauenfußball, aber sicherlich ist dieses Projekt, das ins Leben gerufen wurde und auch wirklich forciert wird, ein ganz wichtiger Bestandteil. Wir versuchen auch ständig, das noch weiterzuentwickeln, denn ich glaube, dass wir in dem Bereich noch sehr, sehr viel Potenzial haben.

Vor allen Dingen über die Schulen. Ich war selber zwei Jahre im Schuldienst und deswegen kann ich das auch ein bisschen beurteilen. Als ich im Gymnasium in Werne war, habe ich eine Schulfußball-AG gegründet und hatte dort dann ein, zwei Mädels, die da mitgekickt haben. Die haben die mich dann mal angesprochen, ob ich das nicht auch für die Mädchen machen könnte. Daraufhin habe ich das gemacht und ich hatte – und das ist jetzt wirklich nicht gelogen – innerhalb von drei, vier Monaten da 30 Mädels rumspringen. Dann habe ich irgendwann Kontakt zu den hiesigen Vereinen aufgenommen - da kam dann mal der Trainer, und von diesen 30 sind dann 20 direkt in den Verein. Vor kurzem habe ich noch jemanden getroffen, der noch da spielt und der mir auch berichtet hat, dass noch gut die Hälfte aktiv im Verein ist. Ich glaube, das ist ein Beweis dafür, dass wir da noch sehr, sehr viel Potenzial haben. Es liegt nur daran, dass wir Leute brauchen, die das umsetzen. Damit steht und fällt alles.

Wir sind hier in Leipzig und nicht nur deshalb habe ich mir die Mitgliederstatistik auch mit Blick auf die neuen Bundesländer angeschaut. Nur knapp 10.000 der 236.000 weiblichen Mitglieder unter 16 Jahren kommen aus dem Bereich des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Ich würde das nicht nur an den neuen Bundesländern festmachen, wir haben auch in den alten Bundesländern Landesverbände, wo die Tendenz nicht unbedingt so positiv ist. Es ist schwierig zu beurteilen, dazu müsste man die ganzen Strukturen hier mal aufarbeiten. Ich denke aber, dass gerade mit Potsdam und den sportbetonten Schulen hier eigentlich eine ideale Basis ist, um hier wirklich was auf die Beine zu stellen. Ich glaube, dass hier noch eine Menge Potenzial ist und wir müssen schauen, dass wir es wecken und noch forcieren. Wo aber genau die Ursache liegt, warum es hier jetzt nicht so positiv gelaufen ist in den letzten Jahren, ist schwierig zu beurteilen.

Wo sehen Sie die wichtigsten Ansatzpunkte, um die Entwicklung im Mädchenbereich noch weiter zu verbessern?

Silvia Neid, Theo Zwanziger

DFB-Präsident Theo Zwanziger (l., hier neben Bundestrainerin Silvia Neid) unterstützt den Frauenfußball, dessen Fan er ist, intensiv.

Foto: Nora Kruse

Eines habe ich eben schon angetippt, das ist die Schule. Da müssen wir versuchen, noch mehr Kontakte zu bekommen. Dass wir da versuchen, mit diesem Projekt, was der Präsident auch besonders fördert, nicht nur die Eliteschulen, sondern auch die „normalen“ Schulen zu unterstützen. Die Sportlehrerausbildung muss in diese Richtung gebracht werden – es gibt ja viele, viele Sportlehrer, die mit Fußball nichts zu tun haben wollen. Dass man auch da versucht, einen Umdenkprozess einzuleiten.

Und sicherlich auch immer durch Erfolge der Frauennationalmannschaft, das ist immer die beste Visitenkarte. Man hat das, glaube ich, auch ganz deutlich gesehen – ich gehe mal in


eine andere Sportart rein, ins Tennis -, als Boris Becker und Steffi Graf gespielt haben. In dieser Zeit hat man viele Kinder gesehen, die an den Häuserwänden mit einem Tennisball gespielt haben. Wenn wir solche Vorbilder haben, dann überträgt sich das auch auf andere Sportarten. Daher müssen wir schauen, dass wir in der Welt weiter an der Spitze bleiben und dass wir die Projekte in den Verbänden – und da ganz speziell in der Schule – forcieren.

Was auch ein ganz wichtiger Bestandteil ist, ist die Qualifizierungsoffensive, die wir derzeit haben, sprich die Trainerausbildung in den Landesverbänden, wo wir versuchen, an die Trainer ranzukommen. Auf der einen Seite die Trainer ausbilden, die im Mädchenbereich arbeiten, aber auch Trainer gewinnen, denn ich glaube, es ist noch ein großes Defizit, dass es noch viele Vereine gibt, die einen Trainer suchen. Es ist ja leider Gottes noch häufig so, dass die guten Trainer Geld verdienen wollen – dann gehen sie nicht in den Jugendbereich. Die etwas besseren Trainer gehen in den Jugendbereich, aber dann in den männlichen. Dann bleibt für den weiblichen Nachwuchsbereich nicht mehr allzu viel übrig. Da müssen wir auch Mittel und Wege finden.

Ich kenne auch jemanden, der jetzt gerade eine Mädchenmannschaft gegründet hat – ein sehr guter Trainer, und er hat jetzt mittlerweile zwei Mannschaften. Das spricht sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda rum, wie damals mit meiner Schulfußball-AG. Da kann man viel erreichen, aber es steht und fällt mit Personen, die sich engagieren.

Sie haben die Schulen bereits angesprochen – wie läuft da die Zusammenarbeit? Sind die höheren Belastungen durch den Sport und Fehlzeiten ein Problem?

Zum einen haben wir einen sehr guten Kontakt zu den Kultusministerien und im Präsidium Leute sitzen, die da so gut wie jeden kennen. Zum anderen ist natürlich die Schule bei uns sehr, sehr wichtig. Ich sehe das wirklich als sehr, sehr wichtig an. Ich lasse mir von meinen Nationalspielerinnen auch regelmäßig die Zeugnisse geben und wenn die Noten nicht stimmen, kann es durchaus passieren, dass ich eine Spielerin auch mal für ein halbes Jahr nicht nominiere und sage, dass die schulischen Leistungen zu schlecht sind und besser werden müssen.

Girlskick, Sarah Günther, Viola Odebrecht

Wo sich Menschen engagieren, ist der Zulauf der Mädchen groß. Hier ein Gruppenfoto der dritten Girlskick-Veranstaltung mit Sarah Günther (l.) und Viola Odebrecht (r.)

Foto: Nora Kruse

Bei längeren Fahrten, speziell ins Ausland, nehmen wir immer ein bis zwei Lehrer mit. Nächste Woche in den USA (U-17-Lehrgang, Anm.) sieht der Tagesablauf dann so aus: 8 Uhr Frühstück, 8.30 – 10.00 Uhr Schulunterricht, 10.00 – 12.00 Training, dann Mittagspause, wieder eine Schuleinheit und wieder Training. In diesem Rhythmus läuft das. Wir versuchen so dann die Fehlzeiten zu kompensieren. Auf der anderen Seite bieten wir unseren Nationalspielerinnen aber auch an – da gibt es einen gesonderten Topf, den der DFB mit zusätzlichen Geldern aufgebaut hat -, dass sie sich einen Privatlehrer nehmen und den Schulstoff dann nacharbeiten. Schule ist eben sehr wichtig und wir dokumentieren das auch nach außen. Wenn wir z.B. ins Ausland fahren, schreiben wir die Schulen an - die Schulen bekommen dann Übersichten, wo sie eintragen müssen, was im Unterricht durchgenommen wird. Ich denke, da sehen die Schulen dann auch: „aha, das ist nicht nur Fußball, sondern die kümmern sich auch um die schulischen Belange“ - das ist ein ganz wichtiger Ansatzpunkt.

Da haben wir auch in den letzten Jahren kaum Probleme gehabt. Es sei denn, dass eine Spielerin wirklich absolut schlecht in der Schule ist. Aber dann würde ich sie auch nicht mitnehmen.

Teil 2


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