von Nadine Bieneck
20.1.2005 Was im Männerfußball gang und gebe ist, überzieht zunehmend auch den europäischen Frauen- fußball – zahlreiche Clubs verpflichten ausländische Top- spielerinnen. Provokativ könnte man natürlich die Frage in den Raum stellen, ob die eigenen nationalen Ligen nicht genügend Topspielerinnen und Nachwuchs produzieren, oder ob es allein darum geht, die Ligen auf diese Weise auch gerade für die Zuschauer interessanter zu machen. Die Wahrheit dürfte sich aus beidem und noch ein bisschen mehr zusammensetzen. Werfen wir doch einen näheren Blick auf das, was sich derzeit so quer durch Europa hinweg tut…
Zukünftig Baguette statt Burger…
Als durchaus spektakulär darf man die Verpflichtung von einer ganzen Truppe amerikanischer National- spielerinnen durch den derzeitig Tabellendritten der französischen Liga, Olympique Lyon (OL), bezeichnen. Gleich fünf amerikanische Nationalspielerinnen unterzeichneten kürzlich Kontrakte mit dem französischen Club: Aly Wagner (Mittelfeld- spielerin, 80 Länderspiele für die USA, 18 Länderspieltore), Hope Solo (Tor, 12 Länderspiele), Christie Welsh (Angriff, 23 Länderspiele/13 Tore), Danielle Slaton (Abwehr, 43 Länderspiele/1 Tor) und Lorrie Fair (Mittelfeld, 114 Länderspiele/7 Tore). Slaton und Welsh sind mittlerweile in Lyon eingetroffen, ihr erster Einsatz für den neuen Verein wird im Heimspiel gegen Hénin-Beaumont am 23.Januar 2005 erwartet. Auch die anderen Spielerinnen werden in den nächsten Tagen in Lyon erwartet.

Der Montpellier HSC bekommt durch die Einkäufe von Lyon schwere Konkurrenz. Hier Montpelliers Spielführerin Sonia BompastorBild: Jan Kuppert
Zweifellos werten diese Ver- pflichtungen die französische Frauenfußballliga auf, die bis dato mehr oder weniger ein Schatten- dasein fristet und für wenig Aufmerksamkeit sorgt. Vermutet werden darf, dass die Finanzen für diesen umfangreichen „Einkauf“ aufgrund des finanziell starken Backgrounds der OL-Männer- abteilung gestemmt werden konnten – die Mannschaft spielt bekanntermaßen auch in der internationalen Clubszene eine nicht unbedeutende Rolle, in der französischen Liga steht sie auf Platz 1.
Auf der FIFA-Weltrangliste zwar immerhin auf Platz 7 stehend und mit Marinette Pichon auch eine Spielerin von internationaler Klasse aufzeigen könnend hat die französische Liga dennoch enormen Aufholbedarf. Der UEFA-Cup-Teilnehmer der aktuel- len Saison, der französische Meister 2004 Montpellier HSC, bot im Vorrundenturnier einen Eindruck dessen – als Gruppenletzter mit nur einem Treffer, 10 Gegentoren und Null Punkten wurde der französische Club durchweg ausgespielt. OLs Aktivitäten gehen durchaus in die richtige Richtung, man darf hoffen und abwarten, ob andere Clubs dem Beispiel folgen werden.
Die skandinavischen Ligen, und dabei ist die schwedische noch einmal gesondert hervorzuheben, gelten unbestritten als zu den besten der Welt gehörend. Die Saison abgeschlossen befinden sich alle Ligen derzeit in der Saisonpause (aufgrund der Klima- bedingungen wird die Liga von Frühjahr bis Herbst ausgetragen).
Der Norden wird kräftig durchgerüttelt…
In Norwegen machen insbesondere zwei Namen von sich reden. Eine ganz große Frau des norwegischen Frauenfußballs, Hege Riise, entschied sich - trotz vorheriger anderer Verlautbarungen – für eine weitere Liga-Saison und ver- längerte ihren Vertrag bei Team Strømmen, wo sie seit 2003 spielt. Der Club beendete die Saison 2004 mit einem sechsten Tabellenplatz. Riise erklärte, sie habe noch immer den “Fußball-Traum”, die “Topp- serien mit ihrem Team Strømmen zu gewinnen.“ Riise erhielt kürzlich eine ganz besondere Ehrung für ihre Verdienste für den nor- wegischen Frauenfußball: Ihr wurde der „Kniksen“-Preis
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verliehen – eine nationale Fußball-Trophäe, die nicht einmal jährlich, sondern nur bei ganz besonders zu würdigenden Anlässen vergeben wird.
Strømmens Gegner im Kampf um die Meisterschaft ist unter anderem der Club Klepp Idrettslag. Dort unterzeichnete Dagny Mellgren, Kennern sicher noch durch ihr Golden Goal gegen die USA im Olympischen Finale 2000 in Erinnerung, kürzlich einen Vertrag. Weitere Verstärkung erhofft sich Klepp auch durch die nigerianische Nationalspielerin Maureen Mmadu, die Verhandlungen mit ihr stehen kurz vor dem Abschluss. Klepp Idrettslag beendete die abge- schlossene Saison auf dem achten Tabellenplatz.
In Finnland kehrte Minna Mustonen (Mittelfeldspielerin), ehemals bei New York Power und Long Island Lady Riders aufspielend, nach sechsjährigem Aufenthalt in den USA in ihr Heimatland zurück. Sie unterzeichnete beim finnischen Meister FC United. Bemerkenswert ihr Grund für die Rückkehr nach Finnland. So gab Mustonen an, sie halte es für notwendig, sich mit Hilfe des starken, europäischen Fußballs auf die Europameister- schaft vorzubereiten, die dieses Jahr in England stattfindet. FC United verpflichtete darüber hinaus die finnische Nationaltorhüterin Satu Kunnas, die vorher beim norwegischen Club Fløya spielte, dem Dritten der norwegischen Liga „Toppserien“.
Erfahrungsgemäß das umfang- reichste Meldungsspektrum gibt es aus Schweden zu berichten. Nachdem der Stockholmer Club Djurgården/Älvsjö in der abge- schlossenen Saison alles abge- räumt hat, was abzuräumen war und Umeå IK damit die undankbare Rolle des umfassenden Vize zugewiesen hat, organisiert Umeå nun Verstärkungen. Doch nicht nur aus Umeå gibt es Interessantes zu berichten, auch andere Vereine warten mit großen Namen auf. Neu in der schwedischen Liga „Damalls- venskan“ sind 2005 übrigens die Vereine Allmänna Idrottsklubben (AIK) und QBIK.
Die absolute Topnachricht kommt aus Karlslund (KIF Örebrö). Trainerin Pia Sundhage denkt anscheinend ernsthaft über eine Verpflichtung von Amerikas Top- nationalspielerin Kristine Lilly nach, die erst bei den Olympischen Spielen wieder mit ihrer Genialität glänzte. Lilly ist laut eigener Aussage derzeit noch am Über- legen, ob sie nach Schweden geht, würde aber „gern wieder mit Pia Sundhage zusammenarbeiten“. Man darf abwarten, ob diese Über- legung tatsächlich umgesetzt wird. Anfang Januar gab es bereits Gerüchte, nach denen Umeå IK (UIK) mit Tiffeny Milbrett ver- handeln würde (199fache ameri- kanische Nationalspielerin, war Anfang 2004 nach Differenzen mit Trainerin April Heinrichs aus der amerikanischen Auswahl zurück- getreten). Dies erwies sich mittlerweile jedoch als Strohfeuer: „Wir haben bereits sechs Angreiferinnen. Wenn wir das Team verstärken, dann im Defensiv- bereich.“ so Umeås Sportdirektor Roland Arnqvist. Bislang hat UIK bereits einige Neuverpflichtungen getätigt. So wechseln U17-Aus- wahlspielerin Josefine Johansson von Piteå IF sowie Johanna Bäcklund zu UIK. Ebenfalls ver- pflichtet werden konnte Anne Mäkinen, Finnlands “Player of the Year 2004”. Hingegen wechselte Stürmerin Therese Kapstad von Umeå nach Själevad. Sie war während der letzten Saison nach Sunnanå ausgeliehen und sah Probleme, bei UIK noch einmal „Stammspielerin der Startelf zu werden“. Auch Hanna Marklund wechselt von UIK. Sie spielt 2005 bei Sunnanå, wo sie ihre Karriere begann und auch ihre zwei Schwestern spielen. Allerdings verletzte sie sich vor kurzem am Knie, weshalb sie jetzt erst einmal eine zweiwöchige Trainingspause zu absolvieren hat. Hanna Ljungberg, Malin Moström, Anna Sjöström, Sanna Valkonen, Jessica Julin, Sofia Lundgren und Frida Östberg haben ihre auslaufenden Verträge verlängert. National-Abwehrspielerin Sofia Eriksson, ebenfalls UIK, hat ihre Karriere mit 25 Jahren beendet. Für Aufregung in der schwedischen Fanszene sorgte Karolina West- bergs (Abwehr) Wechsel von Malmö FF zu UIK. Die Clubs gelten, zusammen mit dem Dritten im Bunde, Djurgården/Älvsjö, als größte Gegner im Kampf um Meisterschaft und Pokal, insbe- sondere die Fans von Malmö FF nahmen Westberg den Wechsel krumm. Die erklärt jedoch, sie wolle „nach zehn Jahren bei dem gleichen Club mal etwas Neues. Neue Gesichter, neue Taktik, neue Trainingsweise.“ Ihren Aufenthalt bei UIK sieht sie daher auch „nur“ als Gastspiel.
Während DIF für die kommende Saison Topscorerin Laura Kalmari von UIK verpflichtet, geht Katarina Wicksell, Ersatz- torhüterin, nach Hammarby. Dieser Weggang dürfte nicht allzu sehr schmerzen, sie war während der letzten Saison bereits ausgeliehen worden, konkret – nach Stattena.
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 Die Djurgardener Mannschaft (vorn Jane Törnqvist
(ganz links) und Victoria Svensson (vorn Mitte). Bild: Jan Kuppert
Malmö FF (MFF), den dritten starken Verein der Damallsvenskan, treiben derzeit nicht nur Personal- sorgen. Nachdem ein ganzer Schub Spielerinnen den Verein verlassen hat oder noch verlassen will, hat der Club auch mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Zukünftig sollen in der schwedischen Liga neue Zulassungsregeln eingeführt werden – kurz und knapp zusam- mengefasst ist oberstes Gebot für die Clubs Schuldenfreiheit, was auch Kredite einschließt. Die Vereine müssen wirtschaftliche Rentabilität nachweisen können. Ebendies könnte Malmö vor Probleme stellen, wurde letztlich von finanziellen Turbulenzen be- richtet. Während MFFs finnische Nationalspielerin Heidi Kackur zu Göteborg FC und Sara Larsson nach Linköpings FC wechselt, wird Mittelfeldspielerin Linda Blom (ehemals Bälinge) zukünftig für MFF aufspielen. Caroline Jönsson, schwedische Nationaltorhüterin, hat ihren Vertrag bei MFF verlängert, ebenso Malin Andersson und Therese Sjögran. Die isländische Nationalspielerin Asthil- dur Helgadottir hat ihre schwere Knieverletzung mittlerweile nahezu auskuriert, die sie sich im März 2004 in einem Länderspiel zuzog. Nachdem der komplizierte Heilungs- prozess nun fast abgeschlossen ist, ist Helgadottir zuversichtlich, bereits im nächsten Monat wieder spielen zu können. Damit kehrt eine wichtige Schlüsselspielerin aktiv ins Geschehen des Malmö FF zurück, was bei den Verantwortlichen des arg gebeutelten Vereins für großes Aufatmen sorgen dürfte. Nach eigener Aussage verhandelt Malmö derzeit sowohl mit der brasilianischen Silbermedaillen- gewinnerin und Mittelfeldspielerin Formiga als auch deren Lands- männin Monica. Sie sollen für die kommende Saison verpflichtet werden – man merkt, die Brasili- anerinnen stehen hoch im Kurs.
 Duelle auf höchstem
Maßstab gibt es, treffen zwei skandinavische Teams aufeinander. Hier
Victoria Svensson von Djurgården/Älvsjö (SWE) und Ingvild Stensland von Kolbotn
IL (NOR) beim letztjährigen Hallenturnier in Jöllenbeck (2004).Bild: Jan Kuppert
Mittelfeldspielerin Therese Sand- ström und Stürmerin Elin Hammarman, beide von Linköping FC, werden 2005 für den Damal- lsvenskan-Neuling AIK spielen. Nach Linköping FC wechselt hingegen Josefine Öqvist – sie sorgte im vergangenen Jahr in Schweden auch als „Pin-Up-Girl“ für Furore. Öqvist lag ebenfalls ein Angebot aus Göteborg vor, welches sie jedoch ablehnte.
Stürmerin Lotta Schelin unterschrieb einen Vertrag mit Kopparbergs/Göteborg, ebenso die U21-Torhüterin Maria Edman. Dieses Team wird zukünftig auch von einem neuen Trainer betreut – Martin Pringle übernahm das Amt.
Fazit
Dies ist natürlich keine umfassende Transferstatistik der europäischen Ligen. Beispielhaft soll vorgeführt werden, welche Bewegung es im europäischen Frauenfußball derzeit gibt. Nie zuvor war selbiger so attraktiv auch für Spielerinnen von anderen Frauenfußballnationen (USA, Brasilien, …) wie in diesen Zeiten. Einige der europäischen Ligen gelten mittlerweile als die besten der Welt. Dies bedeutet na- türlich auch gehobene Ansprüche an die einzelnen Clubs. Verstärkung und Glanz durch internationale Topspielerinnen sind dabei eine logische Schlussfolgerung. Darüber hinaus darf jedoch die Förderung und Ausbildung des eigenen Nach- wuchses nicht vernachlässigt werden. Denn auch in anderen Ländern streben Verbände zuneh- mend die Professionalisierung des Frauenfußballs an. Bestes Beispiel – Südamerika. Nicht nur Brasilien, auch Mexiko strebt schnellst- möglich eine professionelle Frauen- fußballiga an, um seinen großen Talenten zukünftig auch zu Hause die Möglichkeit geben zu können, ihren Sport professionell auszuüben.
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