Hollands Nationaltrainerin Vera Pauw im Gespräch
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"Die führenden Nationen spekulieren nur auf den Algarve Cup"

Hollands Nationaltrainerin Vera Pauw im Gespräch

Von Nora Kruse

12.06.2006

Auf der einen Seite sagten Sie einmal, eine WM-Qualifikation sei für Ihre Mannschaft in dieser Gruppe unrealistisch. Auf der anderen Seite spielen Sie eine sehr gute Qualifikation, haben aber nach dem Spiel gegen Frankreich wohl kaum noch eine Chance. Wie groß ist die Enttäuschung?
Eine Qualifikation ist noch nicht unmöglich. Wenn wir gegen England, Ungarn und Österreich gewinnen, und England und Frankreich unentschieden spielen, sind wir qualifiziert. Aber es ist sehr schwierig, England zu schlagen. Wir brauchen einen sehr guten Tag, um eine Chance auf ein gutes Ergebnis zu haben. Und wir sind realistisch – das wird schwer.

Also ist für Sie an dieser Stelle wichtiger, zu sehen, dass Ihre Mannschaft bisher gut gespielt hat und sich weiterentwickelt?
Absolut. Es ist fantastisch, dass wir das erste Spiel gegen Frankreich gewonnen haben. Vielleicht haben sie uns auch unterschätzt. Ich denke, sie dachten, es sei ein guter Anfang für sie, gegen Holland zu spielen. Aber das französische Team, was wir dann im zweiten Spiel sahen, war dafür ein anderes.

Nach der Niederlage gegen Frankreich hat die holländische Nationalmannschaft nur noch eine minimale Chance auf die WM-Qualifikation.

Foto: Nora Kruse

Um bei der WM zu bleiben: Sie haben sich schon häufiger für mehr Teilnehmer ausgesprochen. Welche Chancen sehen Sie da?
Die FIFA ist der Meinung, das Niveau der WM würde sinken, wenn die Teilnehmerzahl erhöht würde. Mein Vorschlag ist dagegen, die 16 Mannschaften beizubehalten. Zusätzlich werden aber noch acht Plätze in Playoff-Spielen zwischen den Kontinenten ausgespielt. Dann hat man bessere Teams bei der WM und ich denke, das Niveau würde nicht sinken, sondern steigen.

Die Niederlande trainieren Sie nun seit anderthalb Jahren. Wie beurteilen Sie den Fortschritt Ihres Teams?
Ich denke, der Fortschritt ist unglaublich. Aber unser Hauptproblem in Holland ist, dass wir innerhalb des Frauenfußballs keine Strukturen für Leistungssport haben, wir uns aber dennoch auf dieser Ebene entwickeln müssen. Das ist nicht jedem klar. Der Holländische Fußballverband ist da sehr hilfreich, sie sehen die Probleme und wollen etwas dagegen tun. Aber es ist schwer, unsere Ideen in diesen Strukturen zu etablieren.

Wie sehen diese Strukturen aus?
Das Problem ist, dass wir zur Amateur-Seite im holländischen Fußball gehören. Die Frauen spielen für Amateurvereine und somit muss sich der Frauenfußball in einer Umgebung entwickeln, die nicht mit dem Leistungssport verbunden ist.

Und was denken Sie muss getan werden, um die Situation zu verbessern?
Es wäre fantastisch, wenn wir einen Weg fänden, den Frauenfußball mit den professionellen Vereinen der Männer zu verbinden. Das ist eines der größten Vorhaben, das wir zur Zeit entwickeln. Wenn uns das gelingt, wäre unsere Situation perfekt, weil Mädchen schon von klein auf überall spielen könnten. Und ab einem Alter, in dem sie auf hohem Niveau in einem Frauenverein spielen, würden sie sich in einer Umgebung entwickeln, in der es um Leistung geht, und nicht etwa um soziale Aspekte, wie im Amateursport.

Um diese Situation zu verbessern, brauchen Sie die Unterstützung des Holländischen Fußballverbandes. Sind Sie zufrieden mit dessen Arbeit?
Ja, das bin ich. Das einzige Problem ist, dass die Struktur des Verbandes an den Männerfußball angelehnt ist. Es ist in eine professionelle und eine Amateurseite aufgeteilt. Der Frauenfußball gehört zur Amateurseite. Das ist ein strukturelles Problem und hat nichts mit Unterstützung zu tun, weil jeder im Verband sich dieses Problems bewusst ist. Wir versuchen auf allen Wegen, die Situation zu verbessern, aber es geht nicht über Nacht.
Wir versuchen ebenfalls einen Kongress zu organisieren, um die
Vera Pauw steht der Presse Rede und Antwort.

Foto: Nora Kruse

Situation der Liga zu verbessern, und haben ausländische Experten, wie Pia Sundhage und Tina Theune-Meyer, eingeladen. Wir hoffen, durch deren Erfahrung Hilfe und Ideen zu bekommen. Wir kennen die Probleme und wissen, in welche Richtung wir wollen. Jetzt geht es darum, wie es durchgeführt werden kann.

Wie glauben Sie, kann eine Europameisterschaft im eigenen Land dem holländischen Frauenfußball helfen?
Für uns ist die EM der wichtigste Aspekt. Wenn wir den Zuschlag bekommen, werden wir als Leistungssport wahrgenommen. Das bedeutet Übertragungen im Fernsehen, Sponsoren und Interesse der professionellen Männerseite. Ohne die EM wird es schwierig für uns, die Situation in Holland zu verbessern und die Lücke zwischen uns und der internationalen Spitze zu schließen.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
Schwer zu sagen. Wir haben alles in unserer Macht stehende getan. Für uns ist die Bewerbung perfekt und wir sehen keine Lücken. Aber Finnland hat natürlich das gleiche gemacht, und so ist es nun an der Uefa zu entscheiden, welches Land die beste EM ausrichten würde. Wir kennen auch die politischen Aspekte hinter einer solchen Entscheidung nicht und auch nicht die Basis, auf der sie gefällt wird. Finnland hat bereits eine U19-EM ausgetragen und in England im letzten Jahr das Halbfinale erreicht.

Seit mittlerweile gut anderthalb Jahren engagiert sich Vera Pauw an Hollands Seitenlinie.

Foto: Nora Kruse

Sie arbeiten auch für die FIFA, wie sieht Ihre Arbeit dort aus? Zum einen bin ich Mitglied in der Entwicklungskommission, dem Platini-Ausschuss sozusagen. Ich bin aber auch eine der Instruktoren für die sogenannten technischen FUTURO-Kurse. Die sind fantastisch und eine große Herausforderung. Als technische Beobachterin habe ich außerdem die WMs 1999 und 2003 analysiert, genau wie die EM 2005 und die U19-WM 2004.

Fair Play: Auch wenn die Niederlage gegen Frankreich schmerzhaft gewesen sein dürfte, wird Frankreichs Nationaltrainerin Elisabeth Loisel ehrlich gratuliert.

Foto: Nora Kruse

Was würden Sie über die Entwicklung des Frauenfußballs sagen, wenn Sie diese Turniere vergleichen?
Die Entwicklung war insbesondere in den letzten fünf, sechs Jahren herausragend. Es begann 1999 mit den USA als das Land, das aus Frauenfußball Fußball auf hochleistungsniveau machte. Meiner Meinung nach ist Deutschland mittlerweile führend in der Entwicklung. Das betrifft die Nationalmannschaft, aber auch die Ausbildung der Spielerinnen auf internationalem Niveau genau wie auf Vereinsebene. Deutschland ist das beste Beispiel, wie Leistung mit der Weiterentwicklung des Spiels verbunden werden kann.
Außerdem haben die Spielerinnen in der Vergangenheit eine Menge investiert. Jetzt bekommen sie den Preis dafür und man sollte diese Investitionen der deutschen Spielerinnen nicht vergessen, bevor sie dieses Niveau erreicht haben.

Was sind die nächsten Schritte, um die Situation und das Niveau weiterhin zu verbessern?
Mein Hauptanliegen ist die Vergrößerung des Teilnehmerfeldes bei den großen Turnieren. Die Uefa hat bereits auf zwölf Mannschaften erhöht. Das ist ein guter Schritt, denn wenn die Teams keine Chance zur Qualifikation haben, wird das Niveau sinken. Im Moment spielen nur etwa sieben Teams in Europa um die Qualifikation zur WM. Wenn es keine Fluktuation in der Spitze gibt und keine anderen Mannschaften dorthin vordringen können, werden die Menschen auch müde, sich die USA gegen Deutschland oder Schweden gegen Deutschland im Finale anzuschauen.
Auch muss es für die Spielerinnen eine Möglichkeit geben, in die Spitze vorzudringen. Im Moment können die sich fragen ‚Warum trainieren wir so hart? Wir haben eh keine Chance uns zu qualifizieren.’ Sie bleiben mehr oder weniger auf dem selben Niveau.
Ein weiterer Grund für die Erhöhung der Teilnehmerzahl ist die Haltung der Verbände, ihren Nationalmannschaften die Gelder zu kürzen, wenn Qualifikationen unrealistisch sind. Es gibt bereits Länder, die das Budget der A-Mannschaft genutzt haben, um ein Programm für die U19 aufzubauen. In manchen Fällen geschah das, um einen Neuaufbau zu schaffen. In vielen Fällen war es aber, weil die Frauen eh keine Chance hatten. Auf dem U19-Level ist dagegen eine Qualifikation mit einem guten Unentschieden, verbunden mit einem glücklichen Tag, möglich.
Die FIFA muss sich dessen bewusst sein. Wenn nicht, wird das Niveau sinken, unter anderem weil Investitionen gestoppt werden. Ist das erst der Fall, wird es sehr schwer, das Niveau wieder zu heben.

Somit ist häufiger Wettkampf zwischen den Mannschaften wichtig. Aber ist es dann genug, mit dem Algarve Cup nur ein Turnier im Jahr zu haben, bei dem sich die Mannschaften auf hohem Niveau messen können?
Es gibt noch das Viernationen-Turnier in China, aber es ist richtig, das ist zu wenig. Wir haben versucht, die Initiative zu übernehmen und ein Turnier zu organisieren, an dem Länder teilnehmen sollten, die nicht beim Algarve Cup mitmachten. Das sollte möglichst im selben Zeitraum stattfinden und wir sprachen die Teams aus England, Frankreich und Italien an. Ich habe das versucht, als ich Trainerin in Schottland war und ich habe es in Holland versucht, aber die anderen Mannschaften schauen zu sehr an die Algarve. Sie warten und warten auf eine Einladung und wenn wir fast ein Turnier organisiert haben, ziehen sie zurück, weil sie im letzten Augenblick ins Teilnehmerfeld gerutscht sind. Es ist unglaublich hart, ein anderes Turnier zu organisieren, weil die führenden Nationen nur auf den Algarve Cup spekulieren.

Wie sieht es dann mit einer eigenen Teilnahme an der Algarve aus?
Wir würden natürlich sofort zusagen, wenn wir die Chance bekämen. Aber ich kenne die Strukturen. Portugal müsste uns einladen und das tun sie nicht. Das ist eine Schande, weil jedes Jahr die gleichen Mannschaften teilnehmen. Eine Teilnahme wäre für uns eine Chance, unser Spiel zu verbessern. Ein Turnier, wie der Algarve Cup, ist sehr wichtig, um seine Leistung zu verbessern, weil man viele Spiele innerhalb kürzester Zeit gegen die Weltspitze absolvieren kann.
So warten die Teams auf eine Einladung, aber selbst wenn sie keine bekommen, schauen sie nicht nach weiteren Möglichkeiten. Es ist manchmal frustrierend, dass die Teams keine Eigeninitiative übernehmen, um ein anderes Turnier zu organisieren. Wir würden gerne, aber bekommen keine Mannschaften mit ins Boot.

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