Von Nora Kruse
06.08.2007
Sie erleben derzeit ereignisreiche Wochen mit der englischen U19 und Everton im Uefa Cup. Dominiert der Stress der Doppelbelastung oder die Freude
über zwei hochkarätige Wettbewerbe?
Absolut. Ich bin seit 20 Jahren in Everton. Als wir 1997/98 die Liga gewannen, gab es noch keinen Uefa Cup, daher hatten wir bislang nicht die Chance,
teilzunehmen. Jetzt haben wir durch den Sieg von Arsenal die Gelegenheit bekommen und jeder im Verein ist voller Vorfreude. Es ist eine erfreuliche
Überraschung und eine Gelegenheit, die die Doppelbelastung wert ist.
Mit der U19 haben Sie gerade den zweiten Platz bei der EM belegt, wie schätzen Sie die Jugendarbeit innerhalb der letzten Jahre ein?
Wir sind sehr zufrieden. Viele unserer U19-Spielerinnen sind durch unsere U17- und U15-Strukturen aufgebaut worden. Wir freuen uns, dass der Übergang so
erfolgreich verläuft. In den jüngeren Nationalmannschaften hat sich England gegen die „großen“ Verbände außergewöhnlich gut geschlagen. Unsere U17 ist erst
kürzlich mit einer sehr, sehr jungen Mannschaft nach Finnland gereist und hat dort gegen Norwegen und Finnland gespielt. Sie konnten mithalten und das
Turnier am Ende gewinnen. Auch wenn das durch Elfmeterschießen erreicht wurde, war es eine große Leistung und die Mannschaft war etwa 12 Monate jünger als
die anderen Teams.
Wirft man einen Blick auf die A-Nationalmannschaft, so denke ich, dass mit Ausnahme von vielleicht vier Spielerinnen, jedes andere Teammitglied über die
U19 aufgebaut wurde.
Platz zwei bei der EM, Qualifikation für die WM und erfolgreiches Ausbildungslager für die A-Nationalmannschaft: Englands U19
Foto: Martin Kochem
Fast unmittelbar nach der EM steht jetzt der Uefa Cup an. Es ist das erste Mal für Ihr Team, auf diesem Niveau spielen zu können. Wie wichtig war die
Qualifikation für Everton?
Zunächst können wir neue Spielerinnen locken, weil sie jetzt die Chance bekommen, an einem europäischen Wettbewerb teilzunehmen. Wir sind noch immer
Amateure in Everton, die Spielerinnen werden nicht bezahlt. Einige der großen Vereine, wie Arsenal, Leeds oder Chelsea bezahlen ihre Spielerinnen.
Wir sind sehr stark von Spielerinnen aus der Umgebung abhängig, was an unserer Vereinsstruktur liegt. Wir sind aufgrund der finanziellen Konsequenzen
eingeschränkt, neue Spielerinnen von außerhalb zu verpflichten. Aber das gesamte Profil des Uefa Cups hat natürlich unser eigenes aufgewertet – auch auf
nationaler Ebene. Wir waren in den letzten Jahren konstant das zweitbeste Team hinter Arsenal, aber der Unterschied zu Arsenal ist, dass sie größere
Spielerinnen – auch aus dem Ausland – verpflichten können, weil sie die Strukturen haben, ihre Spielerinnen finanziell abzusichern. Die Qualifikation zum
Uefa Cup hat die Erwartungen aller wachsen lassen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Spielerinnen Amateure sind.
Dennoch sind die Politik und die Ideale des Vereins fantastisch, wir hoffen, dass der Uefa Cup uns nochmals mehr Aufmerksamkeit bringt und wir dadurch mehr
Einkommen und Sponsoren erwirken können. Wir müssen sicherstellen, dass wir regelmäßig in der Liga und dem Pokal oben mitspielen und dass Everton Ladies
nun auch auf der europäischen Karte zu finden sind.
Wie war die Reaktion in Ihrer Stadt?
Im letzten Spiel der Premier League haben wir zu Hause gegen Chelsea gespielt. Die Unterstützung der Zuschauer war fantastisch, jeder wusste, wie wichtig
es für uns war, unser letztes Spiel zu gewinnen, um uns für den Uefa Cup qualifizieren zu
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Sie haben allen Grund zum Jubeln: Everton LFC greift zum ersten Mal ins europäische Geschehen ein.
Foto: www.jamesprickett.co.uk
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können. Die lokalen Medien und die von Everton waren vor Ort. Es war fantastisch und die Atmosphäre phänomenal.
Jetzt reisen Sie nach Litauen, wie viel wissen Sie über Ihre Gegner?
Um ehrlich zu sein, wissen wir nicht viel, über Litauen wissen wir gar nichts. Wir haben ein wenig über das Schweizer Team recherchiert, aber im
ersten Spiel wird es allein um uns gehen: wie können wir aufspielen, wie wird uns das Turnier beeinflussen. Im zweiten und dritten Spiel werden wir schon
mehr über die Gegner wissen und ein Verständnis von ihren Stärken und Schwächen haben – genau wie sie von unseren. Aber wir sind sehr zuversichtlich. Wir
konnten die Spielerinnen verpflichten, die wir haben wollten und können mit dem kompletten Kader zum Uefa Cup reisen.
Wenn Sie sagen, dass es in erster Linie um Ihr Team geht, ist es dann wichtiger für Sie zu sehen, dass Ihre Mannschaft gut spielt oder haben Sie
konkrete Ziele?
Ich glaube, dass es, wenn wir auf unserem Maximum spielen, eine sehr gute Mannschaft braucht, um uns zu schlagen. Wir haben eine Mannschaft voller
internationaler Spielerinnen, in erster Linie U19 und U23. Wir haben ein sehr starkes Team mit viel Selbstvertrauen. Das Ziel muss es sein, sich für die
zweite Runde zu qualifizieren. Wir wissen, dass wir mit Arsenal mithalten können. Als wir im Mai das letzte Mal gegen sie spielten, haben wir 2:3 verloren
und sie haben erst in den letzten fünf Minuten getroffen. Wenn wir mit dem Titelverteidiger mithalten können, wissen wir, dass wir eine sehr gute Figur in
diesem Wettbewerb abgeben können.
2007 ist ihr Jahr: Mit der U19 schaffte Mo Marley die WM-Qualifikation, Everton führte sie in den Uefa-Cup.
Foto: www.jamesprickett.co.uk
Sie erwähnen Arsenal. Wie ist die Situation, immer hinter ihnen zu stehen, wie schwer ist es, gute Spielerinnen zu verpflichten, sich zu entwickeln und
konkurrenzfähig zu bleiben?
Wir machen das jetzt seit 20 Jahren. Es ist die Philosophie unseres Vereins: Wir stellen die Ausbildung unserer Kinder sicher. Wir beginnen mit der
Ausbildung ab einem Alter von sechs Jahren. Die Spielerinnen in unserem Verein kommen in erster Linie durch unsere Jugendarbeit. Das muss unsere Politik
sein: die Spielerinnen auszubilden und sie an die ersten Mannschaft heranzuführen. Wir sind nicht in der finanziellen Position, die absoluten
Spitzenspielerinnen zu verpflichten. Wir konnten einige Leistungsträgerinnen, wie Rachel
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Unitt, Fara Williams oder Rachel Brown verpflichten und ihnen einen Job innerhalb des Vereins geben, damit sie sich finanzieren können. Wir möchten Spielerinnen, die für den Verein
spielen wollen, sich mit ihm identifizieren.
Das war schon immer der Unterschied. Aber wir konnten langsam ein Team aufbauen, was ein langer Prozess ist. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, aber in
vier bis fünf Jahren werden wir mit diesen Spielerinnen Top-Fußball zeigen können. Bis dahin müssen wir sicher stellen, konkurrenzfähig zu bleiben und
Erfahrungen in allen wichtigen Turnieren zu sammeln.
Arsenal konnte in der letzten Saison alle Spiele gewinnen. Denken Sie, dass die Lücke zwischen ihnen und dem Rest der Liga kleiner wird?
Es gibt durchaus eine Lücke, auch wenn die Spiele umkämpft und eng sind. Aber es gibt einen Qualitätsunterschied zwischen den Mannschaften. In England haben wir
vier oder fünf Mannschaften, die alle Nationalspielerinnen stellen. Für mich ist der Unterschied zwischen Everton und Arsenal, dass Arsenal 18
Top-Spielerinnen hat, wir vielleicht 14. Geht es darum, in einem engen Spiel auszuwechseln, haben sie mehr Alternativen und Stärke.
Durch Arsenal und die Nationalmannschaft präsentiert sich der englische Frauenfußball auf der einen Seite sehr erfolgreich, auf der anderen kann man
von vielen Problemen, auch finanzieller Natur, hören...
Aus diesem Grund haben wir nie das Gewicht auf die finanzielle Unterstützung innerhalb des Vereins gelegt. Wir haben es den Spielerinnen immer klar
gemacht, dass wir nicht in der Position sind, professionell arbeiten zu können. Das ist einer der Gründe, warum Everton nun beginnt, etwas erfolgreicher
zu sein. Jeder hat eine klare Vorstellung von dem, was wir leisten können und erwarten.
In welche Richtung bewegt sich der englische Frauenfußball?
Das Jahr 2005 war fantastisch. In England liegt so viel Potenzial im Frauenfußball: der Erfolg der Nationalmannschaft, die Unterstützung – es ist einfach
alles positiv. Wir bewegen uns in die richtige Richtung, das Fundament ist brillant. Jetzt geht es darum, wie wir daraus Kapital schlagen können. Wir sind
in einem Beratungsprozess: Gespräche mit den Vereinen, schauen, was sie wollen und wohin wir uns bewegen. Mit der Nationalmannschaft und Arsenal sind wir
auf allen Ebenen mit dabei. Jetzt müssen wir nur ein bisschen vorsichtig sein, wie wir die Professionalisierung der Vereinsmanagements umsetzen. Für mich
ist das der nächste Schritt.
Wie sieht es mit Ihrem eigenen Verein aus, haben Sie das Gefühl, dass er voll hinter Ihnen steht?
Ja. Everton Football Club finanziert unsere Ligaspiele und unsere Möglichkeit, nun im Uefa Cup spielen zu können. Das ist ein Teil unseres
Wirtschaftsplans. Sie unterstützen uns in allen Möglichkeiten, die wir haben. Wir haben uns realistische Ziele gesetzt und sie wollen uns helfen, dieses
eine Prozent zu bekommen, um vom Verfolger zum Meister in der Premier League zu werden, den FA Cup zu holen und im Uefa Cup konkurrenzfähig zu sein.
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