Von Markus Juchem 28.10.2005
Zum ersten Mal in seiner Geschichte nimmt Österreichs Frauenfußball-Nationalmann- schaft derzeit an einer WM-Qualifikation teil, Beleg und Belohnung für die Fortschritte, die der Sport in den vergangenen Jahren in Österreich erzielt hat. Im Interview mit FanSoccer spricht A-Nationaltrainer Ernst Weber über seine Mannschaft, den Zustand des Sports in Österreich und die Ziele für die Zukunft.
FanSoccer: Österreich hat bisher zwei Spiele in der WM-Qualifikation bestritten, zuhause gegen England verloren und in Ungarn gewonnen. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?
Unser Fazit ist positiv. Wir wussten schon vorher, dass unsere Gruppe mit England und Frankreich schwer werden wird, denn diese beiden Teams sind Top-Nationen. Wir haben aber gegen England sehr gut gespielt und nur durch Eigenfehler unserer Torhüterin deutlich mit 1:4 verloren. Wir müssen aber dennoch anerkennen, dass England das technisch und taktisch bessere Team war. Die Niederlage geht in Ordnung, aber sie ist zu hoch ausgefallen. Der 3:0-Sieg in Ungarn war ein großer Schritt für uns. In den kommenden Spielen gegen die Niederlande und gegen Frankreich können wir nur lernen, wobei wir uns gegen die Niederlande schon etwas ausrechnen.

Rheines Jessica Torny (r., hier im Zweikampf mit Ivonne Baerthel vom FSV Frankfurt) trifft mit den Niederlanden auf Österreich
Foto: Nora Kruse
Unser Ziel ist es, aus den beiden Spielen gegen Ungarn sechs Punkte zu erzielen, so dass wir in der laufenden Qualifikation den 4. Platz erreichen, um uns die Relegation zu ersparen. In den anderen Spielen wollen wir auf höchstem Niveau Routine sammeln, damit wir in der nächsten Qualifikation schon besser aussehen können.
Worin ist der Aufschwung der vergangenen Jahre begründet?
Aufgrund unserer guten Nachwuchsarbeit in der U-19 gibt es viele junge Spielerinnen, die bereits in die Nationalmannschaft aufgerückt sind. Bei der U-19 erreichen wir regelmäßig die Zweite Runde in der EM-Qualifikation, das ist sozusagen der Grundstock. Hinzu kommt, dass wir in Melanie Fischer, Sonja Spieler und Nina Aigner drei Top-Legionärinnen haben, die bei Bayern München spielen. Unsere zweite Torhüterin Birgit Leitner spielt ebenfalls dort. Um diese Spielerinnen herum haben wir eine junge Mannschaft gebildet – mit Ausnahme von Spielführerin Gertrud Stallinger, die bereits 37 ist. Sie spielt schon sehr lange bei uns, aber immer noch auf einem hohen Niveau.
Die österreichische U19 am Toten Meer bei Kamel Johnny
Foto: Mario Bozana
Welche Erfolge sind mittelfristig für die U-19 und die A-Nationalmannschaft in der Zukunft möglich?
Wir werden über kurz oder lang mit der U-19 sicherlich einmal eine EM-Endrunde erreichen können. Da glaube ich schon, dass wir an die Top-Nationen herankommen können. Wir haben in Österreich sehr gute Einrichtungen, wie das Bundesnachwuchszentrum in St. Pölten. Dort gehen zehn bis 12 unserer Spielerinnen in die Schule und sie können dort trainieren. Das
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Die österreichische Nationalspielerin Melanie Fischer spielt beim FC Bayern München
Archivfoto: Volker Lieberum
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gilt leider nur für Niederösterreich und nicht für ganz Österreich. Bei der A-Nationalmannschaft wird das sicherlich sehr schwer werden, weil wir in der Breite einfach noch nicht gut genug besetzt sind und unsere nationale Liga nicht stark genug ist. Wir müssen uns deswegen auf unsere Legionärinnen verlassen. Unser mittelfristiges Ziel wird es sein, in Europa einen Platz zwischen 14 und 17 einzunehmen, um immer in der A-Gruppe mitzuspielen.
Was muss sich an den Rahmenbedingungen in Österreich ändern, um weitere Fortschritte zu erzielen?
Der Mädchenfußball in der Schule müsste an Bedeutung gewinnen und in der höchsten Liga müssten in allen Vereinen bessere Strukturen geschaffen werden. Jeder Bundesligaverein müsste auch zwei Jugendmannschaften haben. Ich habe nur sehr wenige Möglichkeiten, Spielerinnen für die Nationalmannschaften zu rekrutieren. Wenn ich ehrlich bin, kann ich gerade aus sechs, sieben Mannschaften Spielerinnen auswählen. Darüber hinaus müsste man den Frauenfußball auch medial besser aufbereiten, zumindest Spielberichte von der ersten Liga anbieten. Der Frauenfußball müsste von Fall zu Fall in den Sportsendungen vorkommen, das ist alles nicht gegeben.

Bayern Münchens Sonja Spieler, hier beim Spiel der 2. Hauptrunde im DFB-Pokal gegen Christina Nauesse von Lokomotive Leipzig
Foto: Sebastian Gille
Wie wichtig wäre es für die Entwicklung, selber einmal ein internationales Frauenfußball-Turnier in Österreich zu veranstalten?
Es gibt bereits Überlegungen, 2009 oder 2010 eine U-19-Europameisterschaft auszurichten. Das würde dem Frauenfußball in Österreich mit Sicherheit neuen Schwung bringen.

Österreichs Rekordnationalspielerin Gertrud Stallinger
Foto zur Verfügung gestellt von: www.wiener-frauenfussball.at.tf/
Profitiert Österreich denn auch von den Erfolgen im Nachbarland Deutschland?
Durch die Erfolge in Deutschland ist
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auch in Österreich das Interesse gewachsen. Unsere jungen Spielerinnen motiviert es sehr, wenn sie sehen, wie gut ihre bei Bayern München spielenden Teamkolleginnen ausgebildet sind. Das ist schon ein großes Plus.

Hollands Nationaltorfrau Marleen Wissink vom 1. FFC Frankfurt
Foto: Nora Kruse
Der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) ist auf der Suche nach einem Sponsor für die Frauen-Bundesliga. Wie laufen die Gespräche?
Wir können noch keinen Vollzug vermelden, aber es werden Gespräche darüber geführt, wie man die generelle Vermarktung aller zehn Bundesligavereine vorantreiben kann.
Bei der U20 gibt es im Männerbereich eine internationale Spielrunde mit Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien. Wäre so etwas auch für den Frauenfußball interessant?
Der Terminkalender ist bereits sehr dicht. Wir hätten in so einer Spielrunde wohl wegen Abstellungsproblemen bei keinem Spiel die gesamte Mannschaft zur Verfügung. Die Spielerinnen müssen schon jetzt rund 25 Tage Urlaub opfern, wenn sie acht Qualifikationsspiele in eineinhalb Jahren bestreiten. Sie bekommen zwar minimale Entschädigungen, aber wir können sie nicht so lange herausreißen. Ich könnte mir eine solche Spielrunde in einer Zeit vorstellen, in der keine WM- oder EM-Qualifikationsspiele stattfinden, da wäre das denkbar.

Österreichs Torfrau Bianca Reischer schrieb schon mehrfach für FanSoccer
Bild: Bianca Reischer
Die FanSoccer-Artikel von Bianca Reischer:
1. Qualifikationsrunde im UEFA-Cup mit dem SV Neulengbach
Qualifikationsrunde der österreichischen U19 in Israel
1. Spieltag österreichische Liga
2. Spieltag österreichische Liga
Übersicht WM-Qualifikation
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