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OFFSIDE KAMBODSCHA – Die „SALT Academy“

Ein Hilfsprojekt der besonderen Art

Reportage und Interview von Fritz Schmid und Marion Kehren

04.12.2010 Das Königreich Kambodscha, ein Land in Südasien zwischen Thailand, Laos und Vietnam ist die Heimat von Samuel (Sam) Schweingruber geworden. Der Schweizer betreibt in Kambodscha eine Fußballschule für Straßenkinder und junge Frauen, die sich mit der Unterstützung seines Hilfsprojektes SALT Academy aus den Fängen von Menschenhändlern befreien konnten.

Die Nationalflagge Kambodschas - ihr sieht man nicht an in welcher schwierigen Phase sich das Land befindet.

Aber wie kommt ein Schweizer in so eine verwegene Gegend? Mit gerade einmal 23 Jahren hängte er seinen Lehrerjob an den Nagel und ging in der Entwicklungshilfe nach Hawaii. Später wurde er über diese Schiene nach Kambodscha entsandt. Einige Leser kennen die Geschichte dieses Landes bestimmt noch aus den Geschichtsbüchern. In den Jahren von 1975 bis 1979 brachten die Roten Khmer Leid und Elend über das Land. Die Regierung Pol Pots forderte Millionen von Opfern und zerschlug die bestehenden Gesellschaftsstrukturen. In vielen Vernichtungslagern wurden Menschen gefoltert und hingerichtet. Das Trauma dieser Zeit prägt die Menschen auch heute noch, auch wenn inzwischen Frieden herrscht.

Egal ob klein oder groß, Zielschiessen will gelernt sein ;-)

Bild: SALT-Academy

„Ich kam zum ersten Mal nach Kambodscha im Jahre 2003. Damals wusste ich nicht so richtig was ich mit meinem Leben anfangen sollte und weil mir Kambodscha sehr gut gefiel hab ich mich dann mal für 2 Monate, 6 Monate und schließlich für 2 Jahre etc. niedergelassen. Mittlerweile bin ich mit einer Kambodschanerin verheiratet und habe auch einen Sohn - sieht also so aus als ob ich noch länger bleiben…, “ so der zurückhaltende Schweizer.

Kambodscha gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Obwohl die politische Lage mittlerweile als stabil bezeichnet werden kann, präsentiert sich die Lage für die 14,3 Millionen Kambodschaner alles andere als rosig. Der Mann von der Strasse muss mit 1800 Riel am Tag auskommen, das entspricht knapp 50US Cents. Auch die Bildung in der Bevölkerung lässt zu wünschen übrig. Zwar wurde mit der Neuschaffung des Bildungssystem und dem Bau von Schulen in den neunziger Jahren die bildungspolitische Lage langsam verbessert und eine kostenlose, mindestens neunjährige Schulbildung garantiert, aber der Mangel an qualifizierten Lehrkräften und die niedrigen Löhne (ein Lehrer verdient zwischen 30-60US$/Monat) führen dazu, dass Korruption und Begünstigung auch vor den Klassenzimmern nicht Halt machen. Es gehört zur Tagesordnung, dass Lehrer von Schülern Geld verlangen, damit diese am Unterricht teilnehmen können.



Srey Lin spielte seit 2009 bei SALT Fussball und gewann im Sommer 09 mit dem Mädchenteam von Battambang das Streetfootball Turnier. Im letzten April musste sie das Heim, in dem sie lebte, verlassen – ihre Mutter holte sie zurück nach Hause, gegen den Willen ihrer Tochter. Wenige Tage später wurde sie nach Thailand geschickt. Seither hat sich ihre Spur sich verloren, niemand etwas von ihr gehört.

Bild: SALT-Academy

Nicht alle Eltern sind in der Lage zu bezahlen; denn schon 10 oder 20 Cent können ein Familienbudget übers Maß strapazieren. Vor allem in ländlichen Gegenden ist der Schulbesuch deshalb begrenzt und die Bildung für Mädchen wird kaum gefördert. Weil es nie genügend Arbeit gibt werden die Kinder auf die Strasse geschickt, um als fliegende Händler, Gelegenheitsarbeiter oder Bettler zu arbeiten. Oder sie werden an zwielichtige „Arbeitsvermittler“ vermittelt, bei denen es sich in der Regel um Menschenhändler handelt. Nicht wenige werden von ihren Eltern verkauft – die 16jährige Sophak in Battambang landete so in einem Nachtclub, weil ihre spielsüchtige Mutter ihre Spielschulden nicht mehr decken konnte.

Tausender Mädchen landen so nach wenigen Wochen in der Zwangsprostitution. Sie werden von Schleppern über die Grenze verfrachtet und enden in den Bordellen von Thailand und Vietnam, wo die Nachfrage nach jungen Frauen am größten ist. Nur wenige Mädchen, die sich einmal in den Fängen der Menschenhändler begeben haben, finden einen Ausweg aus ihrem Elend. Denn die Angst nach Hause zurückzukehren ist groß - aus Scham versagt zu haben oder weil sie fürchten, noch einmal verkauft zu werden. Letzte Zuflucht bieten die Hilfsorganisationen, welche Opfer des Menschenhandels in ihren Zentren aufnehmen und versuchen die oft schwer traumatisierten jungen Frauen behutsam wieder ins Leben einzugliedern.


Egal ob auf dem Rasen oder in den Städten, die SALT-Academy organisiert und veranstaltet diverse Fußballturniere. Sinn und Zweck ist es den Straßenkindern eine Aufgabe zu geben und sie von der Straße zu holen.

Bild: SALT-Academy



Kinder, die wieder lachen können, kann es was Schöneres geben?

Bild: SALT-Academy

In einem Rehabilitationszentrum für Opfer des Mädchenhandels werden die Mädchen in Battambang (West-Kambodscha) zu Haushaltshilfen, Kosmetikerinnen oder Schneiderinnen ausgebildet. Die Ausbildung bietet ihnen später die Möglichkeit als selbständige Arbeitskraft ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Einige solcher Mädchen sind es auch, die auf dem Trainingsgelände beim Institute of Technology mit dem Schweizer Trainer einfache Balltechnik und Spielformen trainieren. Unter ihnen befinden sich auch die Schwestern Nin und Vesna, die sich als blutjunge Teenager einem Arbeitsvermittler anvertrauten und nach Thailand gingen, um sich als Haushalthilfen Geld zu verdienen. Ausgebeutet und missbraucht fassten die Schwestern den Mut zur Flucht und landeten in diesem Rehabilitationszentrum und bei SALT, im Hilfsprojekt von Sam Schweingruber.



Von November bis Mai  wird die Saison ausgetragen und die Kinder und Jugendlichen gehen auf Punktejagd.  Mittlerweile sind es über 1500 Spieler und Spielerinnen in annähernd 100 Mannschaften. 500 Spiele organisiert SALT pro Saison.

Bild: SALT-Academy

Der 32jährige Sam Schweinguber aus Pfyn am Bodensee ist gelernter Primarlehrer und besitzt ein B-Trainerdiplom des Schweizerischen Fußballverbandes. Als er vor rund sieben Jahren im Auftrag einer Organisation für Entwicklungshilfe erstmals nach Kambodscha reiste, betreute er Freiwillige einer Hilfsorganisation. Nebenbei kickte der Thurgauer als kopfballstarker Verteidiger in Kambodschas Premier League. „Anfangs, im Sommer 2003, für Mild Seven...“, erzählt er verschmitzt, „...genau, die Zigaretten! Das Unternehmen war der Klubsponsor.“ Ein Jahr darauf folgt ein Wechsel zum Navy Team, der Militärmannschaft. „Für kambodschanische Verhältnisse war ich ein guter Fußballer, und natürlich war ich bald als Spielertrainer engagiert.“

„Aber es war ein mühsames Jahr, weil der Sportchef den Lohn nie bezahlte und ich meinen kleinen Verdienst regelmäßig an Spielergehälter verlor – die anderen Spieler haben sich immer von mir Geld geborgt. Der Hammer war dann, dass ich im Meisterschaftsfinale gar nicht spielen durfte, weil sie kurzfristig die Regeln änderten und plötzlich keine Ausländer mehr mitspielen durften.“ An einer Straßeecke unweit des Olympiastadions, auf dem Heimweg vom Training, gründet Schweingruber eines abends im Juni 2004 seine erste Mannschaft mit Straßekids. Trainiert wird spätabends, nach dem Training mit dem Navy Team – ohne Support seines Klubpräsidenten. In dieser Zeit lernt Schweingruber die junge Makara kennen, sie lehrt ihn Khmer, im Oktober 2006 heiraten sie.



Coaches from Human Trafficking - Vier der Frauentrainerinnen aus dem Staff der Salt Academy (v.l.n.r.: Assistenztrainer Phirum, Peakdaday, Nin, Rotanak, Thera, Nait und Vesna) haben nach unterschiedlich langen Aufenthalten in Thailand den Weg zurück nach Battambang und leben heute in Rehabilitationsheimen – Nin hat mit ihrer Arbeit als Fußballtrainerin bereits ihr eigenes Geld verdient!!!

Bild: SALT-Academy

Die Hochzeitsfeier findet bereits in Battambang statt, nachdem Schweingruber mit seinem nächsten Verein, den Phnom Penh Crown, aus dem Titelrennen ausgeschieden ist und innerhalb einer Woche beschließt, in den Nordwesten zu ziehen. Schweingruber will sein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen: soziale Veränderung und Erziehung durch den Fußball.



Samuel (Sam) Schweingruber hat seinen Lebensmittelpunkt gefunden und lebt nun mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn in Battambang.

Bild: Privatarchiv


2006 gründet er die „SALT Academy“– die vier Buchstaben stehen für „Sport and Leadership Training“. Er beginnt eine Wochenend-Liga aufzubauen: Fußball für Straßenkinder, Obdachlose und Heimkinder. Fünfzehn U17-Teams bestreiten die erste Meisterschaft in der Saison 2006/07, ein Jahr später treten zum ersten Mal auch Mädchen an. Mittlerweile sind es über 1500 Spieler und Spielerinnen in annähernd 100 Mannschaften. 500 Spiele organisiert SALT pro Saison, in zwei Nachbarprovinzen laufen seit zwei Jahren parallel Meisterschaften mit 50 weiteren Teams. „Leider ist der Frauenfussball in Kambodscha immer noch recht verachtet - die Leute sagen zwar sie finden es gut, aber so wirklich steht niemand dahinter - ausser mir und ein paar Nicht-Regierungs-Organisationen.“



Vor jeder Partie werden den Kindern in Leadership Lessons sogenannte ‚Life-Skills’ vermittelt. U.a. lernen die Kinder und Jugendlichen mehr über Teamwork, Ehrlichkeit, Verantwortung, Aufklärung zur Prävention von Drogen und Alkohl.

Bild: SALT-Academy

Vom November bis Mai wird jeden Sonntag gespielt. Vor jeder Partie werden den Kindern in Leadership Lessons sogenannte ‚Life-Skills’ vermittelt: Lebensschule, Aufklärung zur Prävention von Alkoholproblemen, Drogensucht und Kleinkriminalität. 75 freiwillige Leiter und Leiterinnen wurden zu diesem Zweck zu Trainern und Schiedsrichtern ausgebildet. 25 Mitarbeiter sind mittlerweile bei SALT, in Voll- oder Teilzeit, angestellt.

Sechs Personen im Staff sind Frauen. Zwei von ihnen sind Nin und Vesna, die nach ihrer Rückkehr aus Thailand bei SALT mit Fußballspielen begannen und im Spiel mit Freunden das Lachen und ihre Selbstsicherheit wiedergefunden haben. Sie spielten so gut, dass sie sich rasch einen Platz in Battambongs Provinzauswahl sicherten - ein Erfolgserlebnis, das sie sich nie zugetraut hätten. Nin steht heute sogar im Nationalteam. In Trainer-Workshops folgten die ersten Schritte zur Ausbildung als Übungsleiterinnen, bald verdiente sie ihr erstes Geld als Fußballtrainerin.



Chet (vorne), einer der Vollzeit-Angestellten im SALT Team, als Schiedsrichter. Angeführt von SALT Trainerin Nin (links) bestreitet eine Mädchen- Auswahl aus dem Distrikt Battambang ein ‚Qualifikationsspiel’ gegen eine Repräsentation aus dem Banan Distrikt. Vor 300 Zuschauern gewinnt Battambang 10:0 und qualifiziert sich damit für die Finalspiele der Schulmeisterschaft.

Bild: SALT-Academy

Nach dem Fußballspiel stehen Englisch, Geschichte und Informatik auf dem morgendlichen Stundenplan. Die Verpflegung zum Mittag bleibt bescheiden, pro Kind können knapp 4000 Riel (= 1 Dollar)  ausgegeben werden. Am Nachmittag folgt weiterer Unterricht, wieder am Computer, Allgemeinbildung und Englisch für Fortgeschrittene. „Der Stellenwert der Frauen in der Gesellschaft ist nach wie vor gering – vielen Frauen wird immer noch das Recht verwehrt, sich frei zu entfalten und ihren eigenen Weg im Leben zu gehen, so wie wir das kennen,“ erklärt Schweingruber sein Engagement für den kambodschanischen Mädchenfußball. „Meine Motivation geht deshalb über den Fußball hinaus, mit unserer Arbeit  können wir aufzeigen, dass auch junge Frauen Respekt verdienen.“

Wohin SALT’s nächster Entwicklungsschritt gehen soll, bleibt noch offen. Eines der Zentren, wo die Spielerinnen leben, ist vom Konkurs bedroht. Um die Mädchen unterzubringen müssten entsprechende Einrichtungen gemietet werden. Auch die Kooperation mit Schulen wäre voranzutreiben, um eine vernünftige Ausbildung zu gewährleisten. Viel Geld steht Schweingruber nicht zur Verfügung. Ein Spendenkonto in der Heimat bringt gerade einmal genug ein die größten Kosten zu decken: sämtliche Transporte, die Jahresmiete für den Platz, Trikots für die Spielerinnen, neue Bälle usw. „Es braucht halt alles seine Zeit“, sagt er gelassen, „ aber Warten lernt man in Kambodscha. Und wenn ich sehe was wir mit den spärlichen Mitteln erreicht haben, dann zahlt sich die Geduld schlussendlich aus. Schließlich geht es darum, dass die jungen Mädchen auf etwas aufbauen können und sich ihre eigene Zukunft gestalten.“

Wer gerne die SALT-Academy unterstützen möchte kann dies gerne tun und zwar unter Spendenkonto:

SALT Academy
Raiffeisenbank Wängi-Matzingen
Aadorferstrasse 1
9545 Wängi
Schweiz
Bankenclearing 81416
Vereinskonto Nr.: CH9581416000004199134

Weitere Infos zu diesem Projekt findet ihr bei SALT!

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