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Frauenfußball im Iran

Aus den Hallen ins Freie

Text von Christian Heidler

05.05.2008   Fußball ist der beliebteste Mannschaftssport der Welt. So ist es auch im Iran. Über englische Seemänner und Arbeiter gelangte der Fußballsport zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nach Persien. Bereits 1920 gründete sich der Iranische Fußballverband und 1941 liefen erstmals 11 Männer für den Iran zu einem Länderspiel auf. Eine erste Blütezeit erlebte der iranische Männerfußball von 1968 bis 1978. In dieser Dekade wurden u.a. drei Asien- meisterschaften gewonnen, zwei Olympiateilnahmen erreicht und 1978 gelang auch erstmals die Qualifikation zu einer Fußballweltmeisterschaft.

Auch vor den Frauen machte die Fußballbegeisterung nicht Halt. Bereits 1970 wurden An- strengungen unternommen, Rahmenbedingungen für Frauenfußball zu schaffen. Dem Vorbild des Teheraner Vereins Taj folgend, wurden auch bei anderen Vereinen Frauenteams gegründet und Wettbewerbe organisiert. Im Mai 1971 besuchte die Nationalelf Italiens den Iran und trug in Teheran zwei Spiele gegen iranische Auswahlmannschaften aus. Die Gastgeber unterlagen mit 0:2 bzw. 0:5. Mit der Iranischen Revolution 1979 nahm die Entwicklung des Frauenfußballs ein jähes Ende. Frauen war Fußballspielen fortan nicht mehr gestattet.

Flagge Iran

Bedingt auch durch den Ersten Golfkrieg 1980 – 1988 gegen den Irak erlebte auch der Männerfußball im Iran einen Niedergang. Spätestens 1998 hatte sich der Iran aber wieder auf der Fußballweltbühne zurück gemeldet und feierte sowohl den Gewinn der Asienspiele als auch seine erneute WM-Teilnahme. Auch durch seine Ausnahmespieler macht das Land auf sich aufmerksam: Versehen mit der Auszeichnung „Asiens Fußballer des Jahres“ bereicherten Khodadad Azizi (1996), Ali Daei (1999), Mehdi Mahdavikia (2003) und Ali Karimi (2004) auch unsere deutsche Bundesliga. Vorläufig letzter Höhepunkt war Irans Teilnahme an der Fußball- weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

Von einer WM-Teilnahme können Irans Fußballerinnen derzeit nur träumen. Dass überhaupt Frauen im Iran Fußball spielen, ist keine Selbstverständlichkeit. Ihnen ist ja schon der Stadionbesuch bei Männerspielen untersagt, was Jafar Panehi 2005 auch auf humorvolle Art mit seinem Film „Offside“ dokumentierte. Ausgangspunkt der neueren Frauenfußballbewegung ist die Alzahra Universität, eine staatliche Hochschule nur für Frauen. Seit 1993 üben Studentinnen dort den Fußball in seiner Hallenvariante Futsal aus. Was anfangs wenig gelitten war, wurde bald gefördert und fand Nachahmung an anderen Universitäten des Landes. 1997 folgte die Gründung eines Komitees für Frauenfußball, 2001 wurde die erste offizielle Studentinnen- meisterschaft mit 12 Teams aus verschiedenen Hochschulen ausgespielt.

Erste Länderspiele bestritten Irans Frauen wieder im Jahre 2005. Bei der Westasienmeisterschaft 2005 in Jordanien belegte die Auswahl Irans sogleich den 2. Platz unter 5 Mannschaften. Nach deutlichen Siegen über Syrien, Bahrein und Palästina mußte sich der Iran lediglich Gastgeber Jordanien geschlagen geben.

Am 18.05.2006 gab es den bislang einzigen Vergleich mit einem


Frauenfußball Publikum im Iran

Auch Frauen sind im Iran begeisterte Fußballfans. Sie dürfen aber grundsätzlich nicht bei Spielen der Männer zuschauen. Bei der Begegnung der Frauen-Nationalelf mit dem Berliner Klub Al-Dersimspor war es dafür umgekehrt, Männer waren vom Spiel ausgeschlossen und die Frauen somit unter sich

Pressefoto zum Dokumentarfilm „Football Under Cover“

europäischen Gegner seit 1979. Im Teheraner Ararat-Stadion trennte sich der Iran vor einem ausschließlich weiblichen Publikum mit einem 2:2 vom Berliner Bezirksligisten BSV Al-Dersimspor. Dokumentiert wurde das Ereignis mit dem Film „Football Under Cover.“ Zum Rückspiel in Berlin, das für den 01.06.2007 angesetzt war, trat der Iran nicht an – angeblich aus „technischen Gründen.“

Die Länderspielgeschichte wurde im August 2007 mit zwei Testspielen gegen Jordanien fortgesetzt. Beide Begegnungen wurden in Teheran mit 3:2 gewonnen. Bei der 2. Westasienmeisterschaft Anfang September 2007 traf der Iran dann in Amman schon wieder auf Jordanien, verlor 1:2 und belegte somit nach klaren Siegen über Syrien und dem Libanon erneut den 2. Platz hinter dem Gastgeberland. Im Oktober verlies die Nationalelf erstmals Westasien um im Rahmen der Asienmeisterschaft die 1. Runde gegen Indien zu spielen. Vor einer Kulisse von 5.000 Besuchern in Neu Dehli verlor der Iran unter seiner chinesischen Trainerin Xinfeng Zhou mit 1:3. Das Rückspiel im Teheraner Ararat-Stadion verfolgten 200 Besucher. Bis zur 90. Minute stand es 3:1 ehe Bayan Mahmoudi in der Nachspielzeit das 4:1 gelang.

Im Auftrag der FIFA und auf Einladung des Iranischen Verbandes besuchte Monika Staab im November 2007 das Land. Die frühere Trainerin des 1. FFC Frankfurt hatte zuvor schon Entwicklungshilfe in Bahrein, Pakistan und Sri Lanka geleistet und fand im Iran vergleichsweise gute Bedingungen für den Frauenfußball vor. Staab erhielt sogar das Angebot, Nachfolgerin von Zhou zu werden, entschied sich aber, ihre Tätigkeit für die FIFA in Asien fortzusetzen.

Die zweite Runde der Asien- meisterschaft wurde im März 2008 in einem Viernationenturnier in Vietnam ausgetragen. Neuer Coach war inzwischen Nader Arabi. Der Auftaktniederlage gegen den späteren Turniersieger Vietnam (1:4) folge eine Niederlage gegen Myanmar (1:2). Zum Abschluß gelang dann ein 3:2 Sieg über Taiwan. Matchwinnerin war wieder Stürmerin Mahmoudi, die alle drei Treffer ihrer Mannschaft erzielte. Bei Punktgleichheit hatte allerdings Taiwan aufgrund des besseren Torverhältnisses die Nase vorne und schaffte den Einzug in die Endrunde. Spielführerin Niloofar Ardallani und ihre Mitspielerinnen schlossen das Turnier auf Rang 3 ab.

Im Rahmen des Entwicklungs- programms der FIFA wurden bereits 2 GOAL-Projekte (2001 und 2004) mit dem Iranischen Fußballverband durchgeführt. Sie beinhalteten u.a. Trainer- und Schiedsrichterkurse auch für Frauen und ein Seminar zum Frauenfußball. Zudem bezieht der Iran auch finanzielle Mittel von der FIFA, die zu mindestens 10% für den Frauenfußball verwendet werden müssen. Nach FIFA-


Angaben gab es 2005 58 Teams mit Spielerinnen ab 15 Jahren, Universitäts-, Schüler- und Futsal-Wettbewerbe sowie neben der A-Nationalmannschaft auch eine U 18 Auswahl. 2004 vermeldete das englische Frauenfußballmagazin fairgame es gäbe 1.260 Aktive und 950 Trainerinnen im Iran. Neueren Angaben zufolge soll es derzeit 30.000 Fußball spielende Frauen im Iran geben sowie mehr als 1.000 weibliche Futsal-Mannschaften.

Auswahlspielerin Narmila Fathi

Eigentlich ist Frauen das Fußballspielen in der Öffentlichkeit verboten. Im Bild die ehemalige Auswahlspielerin Narmila Fathi

Pressefoto zum Dokumentarfilm „Football Under Cover“

Neue Heimstatt der Nationalmannschaft könnte das Azadiye Stadion in Teheran werden. Die 40.000 Zuschauer fassende Arena soll 2009 für die Women's Islamic Games fertig gestellt werden und auch darüber hinaus Spielstätte für Frauensportveranstaltungen sein.

Trotz oder gerade wegen der erfreulichen Entwicklung des Frauenfußballs im Iran bleibt es spannend, den weiteren Werdegang zu verfolgen. Die strenge Vorgabe bei Heimspielen, wo nur Frauen als Zuschauer erwünscht sind, läßt sich bereits bei Spielen außerhalb der arabischen Welt nicht einfordern. Schwerwiegender ist die Frage der Kleiderordnung, da es den Frauen im Iran unter Berufung auf die Scharia nur bei Ganzkörper- verhüllung erlaubt ist, Sport zu treiben. Der Asiatische Fußball- verband (AFC) läßt es zu, daß Fußballspielerinnen in weiten, beinlangen Hosen und mit Kopftuch kicken, die Bestimmungen der FIFA stehen dem aber entgegen. Da bereits die Qualifikationsspiele zur WM nach FIFA-Normen auszu- tragen sind, wäre der Frauenauswahl des Iran bereits die Teilnahme an der Asienaus- scheidung verwehrt. Ein WM-Eröffnungsspiel 2011 zwischen Deutschland und dem Iran im Berliner Olympiastadion – nur eine Utopie oder doch ein verwirklichbarer Traum?


Zum Film „Football under cover”

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