Projekt zur Förderung des Schiedsrichterwesens / Algarve-Workshop
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Projekt zur Förderung des Schiedsrichterwesens

Bildungsurlaub in der Sonne

Schiedsrichter-Workshop an der Algarve

Von Nora Kruse (Text u. Fotos)

24.05.2006

Vergeht eigentlich ein Bundesliga-Spieltag, an dem nicht irgendein Schiedsrichter-Gespann im Auge der Fans oder der Vereine eine Partie angeblich total verpfiffen habe? Eher nicht. Doch bei aller Kritik an der Leistung der Unparteiischen fehlt auch mal der ein oder andere Blick auf die Situation der Schiedsrichterinnen, die sämtliche Arbeit in Form von geleiteten Spielen oder Förderung, auch noch mit ihrem Hauptberuf verbinden müssen.

„Kritik an Schiedsrichtern gab es schon immer, und wird es auch immer geben solange der Ball rollt. Sachliche Kritik nehmen wir auch gerne an und versuchen aus unseren Fehlern zu lernen, um so unsere Qualität zu steigern“, meint FIFA-Schiedsrichterin Christine Beck. Sie gehörte, gemeinsam mit den Assistentinnen Miriam Dräger und Inka Müller, zu den drei deutschen Teilnehmerinnen am Schiedsrichterinnen-Workshop der FIFA, der in diesem Jahr zum zweiten Mal im Rahmen des Algarve Cups ausgetragen wurde. Insgesamt waren 45 Schiedsrichterinnen und Assistentinnen geladen.
Die Leitung der zweiwöchigen Trainingseinheiten übernahmen die ehemaligen Schiedsrichterinnen Sonia Denoncourt, die seit Dezember 2005 das „Projekt zur Förderung des Schiedsrichterwesens“ bei der FIFA leitet, Sandra Hunt und Katriina Elovirta.

Die Kritik an den Leistungen der Schiedsrichterinnen ist dabei kein rein deutsches Problem. Auch Frankreichs Nationaltrainerin Elisabeth Loisel haderte bei der Europameisterschaft im vergangen Jahr mit dem ihrer Meinung nach zu niedrigen Niveau der Unparteiischen. „Aber keiner hat ernsthaft etwas unternommen. Kritik gab es immer, aber keine Unterstützung“, beschrieb Sonia Denoncourt das Problem.

Die Leitung unter sich: Sonia Denoncourt, Sandra Hunt und Katriina Elovirta (v. l.)

Die Zeit war also reif, die weltbesten Schiedsrichterinnen mal ordentlich durch Hindernisse, Regeln und Ernährungsfragen zu jagen. „Morgens steht die Fitness auf dem Programm, nachmittags die Theorie“, so Denoncourt, „gefolgt vom Analysieren der Spiele.“ Pickepackevoll mit Fußball waren diese zwei Wochen. „Wir haben aber auch richtig Spaß“, wie Miriam Dräger nach über zwei Stunden Fitnesstraining im Stadion von Albufeira erklärte. Hat man dieses Training gesehen, würde man daran auch überhaupt nicht zweifeln.

Sämtliche Schiedsrichterinnen mit Rang und Namen, unter ihnen auch Kari Seitz, Tammy Ogston, Jenny Palmqvist oder Dagmar Damkova, versammelten sich zum Training. Das konnte zum einen bedeuten, um ein lachendes, Grimasse schneidendes, kneifendes, wild gestikulierendes Hindernis (= Sonia Denoncourt) herumzulaufen – oder eben auch mal die Perspektive zu
Aus allen Kontinenten zum zweiwöchigen Training an der Sonne - die Teilnehmerinnen des Algarve-Workshops.

Foto: Sonia Denoncourt
wechseln und selbst gegen den Ball zu treten.

Am Ball genauso sicher wie an Pfeife und Fahne: die Schwedin Susanne Borg.

Solch ein Trainingsspiel musste neben dem ganzen Gerenne auch nicht von der völlig ersten Seite angegangen werden. Denn zweifelhaft ist es ja schon, wenn beim Torerfolg einer Spielerin sich nicht nur die eigene Mannschaft freut, sondern auch die Gegnerinnen die Welle machen. Weiter stellte sich heraus, dass die Schiris eigentlich keinen Deut besser sind, als die Spielerinnen: In einem „Zweikampf“ fiel eine Schiedsrichterin hin – und sofort ging’s los: Hände nach oben, „Ich hab nichts gemacht, wirklich!“ Das stimmte in diesem Fall sogar...

Wie wichtig die Fitness ist, zeigte erst kürzlich die Französin Nelly Viennot, die als Schiedsrichter-Assistentin an der Männer WM in diesem Jahr teilnehmen wollte – und im Fitnesstest scheiterte. „Sind Frauen beim DFB oder der FIFA im Herrenbereich im Einsatz, so sind auch die Herrennormen zu erfüllen“, erklärt Christine Beck. Dabei steht beim Fitnesstest in Kürze eine Änderung zu einem Intervalllauf an: Die Schiedsrichter müssen sechs Vierzigmetersprints absolvieren. Dem folgen abwechselnd 150 Meter im Sprinttempo und dann 50 Meter im Gehen – was sich mindestens zwanzigmal wiederholt. Dieser Test findet bei Männern und Frauen, national und international Anwendung. Die jeweils einzuhaltenden Zeiten differieren entsprechend.

Gelebtes Fair Play: Wenn sich die Spielerinnen in der Bundesliga bei einer Umrundung durch die Gegnerin auch so freuen würden, wie hier Romina Santuari, gäbe es mit Sicherheit weniger Gelbe Karten...

Doch auch aus einem anderen Grund wurde dieser Workshop
ernst genommen: Alle 45 Schiedsrichterinnen standen in der engeren Auswahl für die U20-Weltmeisterschaft in diesem und die große Weltmeisterschaft im nächsten Jahr. „Der Kreis der Schiedsrichterinnen wird bis zur Weltmeisterschaft im nächsten Jahr kleiner werden, sodass wir dann wirklich ein Top-Schiedsrichterteam nach China schicken können“, so Denoncourt. Sie betonte auch, dass eine Nicht-Einladung zu diesem Workshop, der nur ein Bestandteil des großen Förderprojektes der FIFA sei, nicht bedeute, für die Weltmeisterschaft 2007 nicht berücksichtigt zu werden. Ursprünglich wurde dieses Projekt als Vorbereitung für die WM angekündigt, ein Fortbestand darüber hinaus sei jedoch sicher, wie Denoncourt deutlich machte.

Inka Müller (l.), hier beim Dehnen mit Katriina Elovirta, ist als Assistentin für die U20-WM in Russland nominiert worden.

Die Workshopleiterinnen sprechen für die Nominierung zu den Großereignissen ihre Empfehlungen aus, die endgültige Entscheidung trifft jedoch der Schiedsrichterausschuss der FIFA. Und dabei gilt natürlich nicht nur ein Workshop an der Algarve. „Dort hat sicherlich jede Schiedsrichterin bei den Spielleitungen und dem Training ihr Bestes gegeben. Grundsätzlich sind jedoch für das Weiterkommen konstante und gute Leistungen auf allen Ebenen erforderlich“, so Christine Beck.

Sonia Denoncourt bedankt sich für die gute Mitarbeit bei allen Teilnehmern - und die signalisieren, dass sie es wohl nicht bereuen, privaten Urlaub für den Workshop "geopfert" zu haben.

Diese konstanten Leistungen bei ihr und Inka Müller wurden nun auch mit der Nominierung für die U20-Weltmeisterschaft in Russland belohnt, wo sie als Vierte Offizielle bzw. Assistentin an dem Turnier teilnehmen werden. Dann heißt es für beide wieder, genau wie an der Algarve, Urlaub in ihrem Hauptberuf zu nehmen. Denn als Profi-Schiedsrichterin zu arbeiten, wie es Sonia Denoncourt in den letzten Jahren ihrer aktiven Karriere machte, ist die Ausnahme.

>> Nachgefragt bei Christine Beck

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