Frauenfußball im Fernsehen Interview mit Dr. Theo Zwanziger DFB über Medien



 

Frauenfußball in den Medien

"Der DFB muss jede Sendeminute nutzen, um Frauenfußball zu promoten."

Interview mit DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger

Von Nora Kruse

02.08.2005

Zunächst herzlichen Glückwunsch zum erhaltenen Bundesverdienstkreuz und auch zum bestandenen Fußballabzeichen bei Ihrem Heimatverein, dem VfL Altendiez. Gibt es dort eigentlich eine Frauenfußball-Abteilung?
Vielen Dank. Und eine Frauenfußball-Abteilung gibt es beim VfL Altendiez auch seit Neuestem. Nachdem in der Zeitung stand, dass ich Interesse am Frauenfußball habe, hat mich ein junges Mädchen, 16 Jahre alt, angeschrieben und gefragt, warum wir im Verein keine Mädchenfußball-Abteilung hätten. Daraufhin bin ich zu unserem Vorsitzenden gegangen und habe gesagt, da müssten wir etwas unternehmen. Es wurden zuerst Flyer ausgelegt und ein Probetraining in der Zeitung angekündigt. Zu meinem Erstaunen meldeten sich 70 Mädchen. Das hat dazu geführt, dass jetzt regelmäßig trainiert wird und für die nächste Saison einige Mannschaften gemeldet werden.

Das ist ja auch ein schöner Gedanke: Frauen, Männer, Jugendliche unter einem Fußballdach. In der Praxis sieht es jedoch eher so aus, dass die Frauen – obwohl teilweise erfolgreicher – benachteiligt sind. Wie kann der DFB hier helfen?
Das hängt von den Strukturen in den Vereinen und von der Aufgeschlossenheit der dortigen Entscheidungsgremien ab. Es ist nun einmal so, dass die Aufmerksamkeit für Frauen- und Mädchenfußball nicht in allen Klubs so ausgeprägt ist, dass man dort Bereitschaft und sogar offensive Werbeaktionen hat. Das sollte sich ändern. Ich hoffe, dass unser Mädchenfußball-Konzept dazu einen Beitrag leisten kann, weil es auf die Strukturen, auf Kreis- und Vereinsebene großen Wert legt. Die Kreise sind die zentralen Stellen, um Botschaften in die Tat umzusetzen. Auf der Kreisebene wird ein Konzept befördert oder blockiert. Diese sind jedoch überwiegend von Männern dominiert, die bisher Erfahrungen nur in ihrem Bereich gesammelt haben. Somit haben wir dort einen Nachhol-Bedarf. Die Veränderung der Strukturen ist das Allerwichtigste, was man tun muss.

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Dr. Theo Zwanziger bei der Übergabe des Meisterpokals am 16. Mai in Frankfurt.

Foto: Volker Lieberum

Die drei erfolgreichsten Klubs im deutschen Frauenfußball sind reine Frauenfußball-Vereine. Ist das für Sie eine Lösung?
Ich halte immer etwas von Integration. Ein attraktiver Verein muss heute, so meine ich, Mädchenfußball anbieten. Wenn er dies tut, wird er es auch mit Erfolg tun können, wobei dieser Erfolg ja nicht nur an der Leistung gemessen werden darf, sondern darin, dass Mädchen die Möglichkeit gegeben wird, auch im Freizeit- und Breitensport Fußball zu spielen. Wenn ich den Mädchen aber diese Möglichkeit biete, muss ich auch etwas für ihre Betreuung tun. Und besonders dann, wenn es oben in die Spitze geht, kann ich mir durchaus vorstellen, dass bei der Finanzverteilung eine Frauenfußball-Abteilung noch immer nicht so behandelt wird, wie das vielleicht bei der ersten Mannschaft in der A-Klasse getan wird. Wenn dies wirklich so ist, kann ich verstehen, dass Frauenfußball-Vereine entstanden sind.

Schaut man sich die Vereine in Deutschland an, so sieht man sehr professionell organisierte, wie Frankfurt oder Potsdam, aber auch andere, die ihre Möglichkeiten nicht in diesem Maße ausschöpfen. Wo sehen Sie Defizite?
Ich nenne diese Professionalität gerne Attraktivität. Wir müssen versuchen, sie im sportlichen Bereich und im Management herzustellen. Wenn Sie Potsdam und Frankfurt einmal vergleichen, stellt man fest, dass die beiden auf unterschiedlicher Ebene organisiert sind. Potsdam lebt von einer starken Nachwuchsförderung, die durch die sportbetonte Schule und den Olympia-Stützpunkt gekommen ist und verbindet dies mit einer sehr klugen gesellschaftlichen Einbindung.
Frankfurt ist das Wirtschafts- und Marketingmodell. Das heißt: ein Manager, der dort einen attraktiven Markt gesehen hat und den jetzt versucht, mit unseren Möglichkeiten zu professionalisieren. Also liegt hier das Augenmerk des Managements auf geordneten Finanzen und einer klar marktwirtschaftlichen Ausrichtung.
Beide Modelle haben etwas für sich und in der Kombination liegt vielleicht die Erfolgsspur.
Es muss eine Verkaufsstrategie entwickelt werden. Verkaufen kann ich ein gutes Produkt und das ist der Frauen- und Mädchenfußball. Somit brauchen wir die Typen, attraktive Frauen und Mädchen, die dieses Produkt auch mit weiblichem Charme noch stärker als bisher in der Öffentlichkeit ins Gespräch zu bringen.

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Seit einiger Zeit fällt der Frauenfußball in den Zuständigkeitsbereich von Theo Zwanziger und er möchte den Sport voranbringen.

Foto: Nora Kruse

Der DFB muss jede Sendeminute nutzen, um Frauenfußball zu promoten. Auf der anderen Seite brauchen wir Nachwuchskonzeptionen. Leistungszentren, wie in Potsdam oder Sportbetonte Schulen, sind an mehreren Stellen in Deutschland wichtig. Wenn dies alles gelingt, werden auch Fernsehen und Sponsoren reagieren.

Seit einem Jahr gibt es jetzt die zweite Liga. Wie würden Sie diese beurteilen?
Sie ist mit Skepsis betrachtet worden, aber nach einem Jahr glaube ich sagen zu können, dass die zweite Liga auf jeden Fall dazu dient, eine Reihe von Klubs weiterzubringen. Zum Beispiel weil sie zum Teil durch zweite Mannschaften dort ihre Basis stabilisieren oder sich umgekehrt mit diesen Mannschaften messen können. Allerdings merke ich, dass die dort handelnden Personen noch einen hohen Qualifizierungsbedarf haben. Es muss viel gearbeitet werden; das sind kleine Pflänzchen, die dort blühen. Es ist auch eine Aufgabe des DFB, sich mit den Zweitligisten zu befassen und sie zu unterstützen.

Der Spielplan wurde veröffentlicht und es war schnell klar, dass es auch in der kommenden Saison wieder zu vielen Überschneidungen kommen wird. Wie kann man hier ansetzen, um für die Zukunft einen verlässlicheren und klaren Spielplan zu erstellen?
Der Spielplan ist in der Regel in Selbstverwaltung zwischen Vereinen und DFB entstanden und dort spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Einmal der Rahmenterminkalender von der FIFA, aber auch die individuellen Bedürfnisse. Aber eines ist klar: Für die Attraktivität der Liga braucht man zwei Dinge. Einmal fünf bis sechs Mannschaften, die Meister werden können, und zweitens einen Spielplan, auf den sich Sponsoren und Medien einstellen können.

Aber genau das ist derzeit überhaupt nicht gegeben.
Völlig richtig, aber das kann man erst in Angriff nehmen, wenn das Produkt noch stärker ist, sonst kann man sich auch verheben. Man muss Entwicklungsarbeit hineinstecken. Doch das werden wir verstärkt und geschlossen in Zusammenarbeit mit den Vereinen tun.

Zum Thema Bundesliga konnte man in letzter Zeit von angeblichen Bemühungen hören, die Liga vermehrt ins Fernsehen zu bringen. Welche Fortschritte konnten hier erzielt werden?
Man muss einen Schritt nach dem anderen machen. Die Rechte sind klar, ARD und ZDF können übertragen. Zunächst müssen wir aber darauf achten, dass die Frauen-Nationalmannschaft, und vielleicht auch schon die U19, bessere Sendezeiten bekommen. Unsere Vorstellungen passen ARD und ZDF nicht immer, aber da müssen wir die Stärke des DFB ausspielen. Außerdem müssen wir überhaupt mehr Frauenfußball ins Fernsehen bringen, um Aufmerksamkeit zu wecken. Das habe ich zum Beispiel bei der DFB-Pokalauslosung durchgesetzt, wo in Zukunft immer eine Nationalspielerin die Partien ziehen wird. Sie wird etwas zum Frauen- und Mädchenfußball sagen, damit die Botschaft rüberkommt und das Interesse geweckt wird. Als drittes muss der Versuch unternommen werden, dass ZDF und ARD, dort zunächst vielleicht nur über die dritten Programme, mehr von Frauen-Bundesligaspielen berichten.

Neben dem Fernsehen sind auch die Print-Medien wichtig. Wie kann der DFB an dieser Stelle helfen, eine größere Berichterstattung zu ermöglichen?
Der Weg zu den Print-Medien ist schwieriger als der zum Fernsehen, weil wir mit ARD und ZDF selbst einen Vertrag haben. Aus diesem Vertrag heraus haben wir auch eine Position, die es uns ermöglicht, durch sanften Druck Aufmerksamkeit bei öffentlich-rechtlichen Sendern zu wecken. Die Print-Medien sind Verlage, die vom Preis des Produktes und von den Anzeigen abhängig sind. Es wird also noch stärker geschaut, wer zur Leserschaft gehört. Der Versuch des Gewinns einer größeren Leserschaft, die sich für den Frauenfußball interessiert, wäre eine Investition der Verlage in die Zukunft, die meiner Ansicht nach gewagt werden müsste. Der DFB hat hier aber nur die Möglichkeit, Überzeugungsarbeit zu leisten.

Wie sieht das Feedback der Vereine aus, das Sie für Ihre Arbeit bekommen?
Ich bin sehr glücklich über die Reaktionen, die ich bekomme, auch weil ich merke, dass die Leute ein Stück Vertrauen haben und sehen, dass wir die Sache wirklich ernst nehmen.


Es kann niemand widerlegen, dass wir die Mädchen zum Fußball bringen müssen, wenn wir das Fundament der Vereine für die Zukunft stärken wollen. Hier im DFB ist mit mir, mit unserem Vizepräsidenten Engelbert Nelle, Direktor Willi Hink, der Abteilungsleiterin für Frauenfußball, Heike Ullrich, und Doris Fitschen aus der Marketingabteilung ein Team entstanden, das wirklich engagiert arbeitet. Ich bekomme mittlerweile fast täglich eMails von den Bundesliga-Klubs, mir werden Konzepte vorgelegt – wie jetzt beispielsweise die sportbetonte Schule in Bad Neuenahr – und wir unterstützen diese Vorhaben natürlich.

Sie sprechen gerade die Schule in Bad Neuenahr an. Der Verein hat Ihnen das Konzept vorgestellt – wie sieht die Unterstützung des DFB hier aus?
Wir haben eine Gesamtkonzeption, Elite-Schulen in Deutschland nach dem ostdeutschen Modell einzurichten. Wir haben in Ostdeutschland insgesamt 15 sportbetonte Schulen, die exzellente Arbeit leisten. Jetzt brauchen wir für die Mädchen sechs oder sieben Standorte und deshalb schaue ich, abgesehen von Potsdam, nach Duisburg, wo die Perspektiven nicht so schlecht sind, und nach Bad Neuenahr, wo man in der Planung sehr weit ist. Wenn es uns gelingen würde, sechs neue Schulen im Westen zu realisieren – ich denke an Großstädte wie Frankfurt, Freiburg, Hamburg und München – wären wir einen großen Schritt weiter. Dann hätten wir eine Basis für nachhaltige Nachwuchsarbeit gelegt. Das ist auch entscheidend für die Zukunft der Nationalmannschaft, die mit der jetzigen Nachwuchsarbeit vielleicht irgendwann nicht mehr so konkurrenzfähig ist.

Das Aushängeschild des DFB ist natürlich derzeit die Nationalmannschaft. Dennoch wurde die EM von den öffentlich/rechtlichen Sendern nicht übertragen. Wie sehen Sie diese Situation, auch in Anbetracht weiterer Fernsehübertragungen?
Die UEFA hatte die Rechte der EM an Eurosport vergeben. Die Sportrechte-Agentur SportA hat für ARD und ZDF über die Rechte mit Eurosport verhandelt, leider konnte auf wirtschaftlicher Basis keine Einigung erzielt werden. Ich habe das erst zu einem Zeitpunkt erfahren, als die Intendanten sich schon definitiv gegen die Übertragung der Frauen-EM im öffentlich-rechtlichen Fernsehen entschieden hatten, sonst wäre mit einem entsprechenden Einsatz vielleicht noch ein anderes Ergebnis möglich gewesen. Gleichzeitig aber hat die Eurosport-Übertragung gute Einschaltquoten gebracht. Von daher war diese Übertragung vielleicht gar nicht schlecht, um das Potenzial des Frauenfußballs und das der Interessenten einmal zu zeigen. Aber wir werden immer mit Nachdruck bei den Sendern dafür plädieren, dass sie sich die Rechte für die Nationalmannschaft sichern und diese an prominenter Stelle begleiten.

Frauenfußball in den Medien Bild Zwanziger Interview

Vom Turnier in Flaesheim am 23. Juli war Theo Zwanziger begeistert und gab sich fan-nah.

Foto: Jens Ufer

Zum Schluss würde uns angesichts der Erfolge der Nationalmannschaften natürlich interessieren, ob man auf kurze oder lange Sicht mit einer WM-Bewerbung rechnen kann?
Zuerst steht das Groß-Ereignis Weltmeisterschaft 2006 vor der Tür. Aber danach werden wir uns nicht zurück ziehen. Für das Jahr 2007 haben wir uns bereits um die Europameisterschafts-Endrunde der U 17-Junioren beworben. Wir werden uns im Sinne einer weiteren Erfolgsorientierung unseres Frauenfußballs solchen Bewerbungen für Großereignisse nicht verschließen. Aber das ist nicht so einfach. Schließlich wollen auch andere Nationalverbände ihren Beitrag zur Entwicklung des Frauenfußballs leisten. Wir haben eine tolle Nationalmannschaft und arbeiten im Nachwuchs-Bereich. Wenn wir eine realistische Chance haben, warum sollten wir uns dann nicht bewerben? Wir werden uns immer wieder um die Ausrichtung von Großereignissen bewerben. Aber wir müssen auch eine realistische Chance haben, den Zuschlag zu erhalten.

Das Interview führte Nora Kruse

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