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Frauenfußball bei der FIFA

"Man sollte keine Stimme abgeben, wenn man es nicht weiß"

Tatjana Haenni im Gespräch

erster Teil

Von Nora Kruse und Katja Öhlschläger

17.11.2006

Die Nominierungen für die Wahl zur Weltfußballerin wurden bekannt gegeben. Wie wurden die zwanzig Fußballerinnen ausgewählt?
Es wurde eine externe Expertengruppe konsultiert, die die Möglichkeit hatte, die Namen einzureichen. Anhand dieser Namen wurde eine Liste gemacht, die an die Kommission für Frauenfußball und an Spezialisten für Frauenfußball anderer Kommissionen weitergeleitet wurde. Mit Hilfe des Feedbacks wurden schließlich die zwanzig Namen zusammengestellt.

Wie setzt sich die Expertengruppe, die die Vorauswahl trifft, zusammen?
Das sind Kommissionsmitglieder oder Leute, die für uns Kurse leiten, also Instruktoren oder Trainer. Es ist keine offizielle Gruppe, sondern ein Netzwerk, auf das wir häufiger zurückgreifen. Alles SpezialistInnen im Frauenfußball.

Eine Wahl ist natürlich immer subjektiv. Im Frauenfußball liegen aber weit weniger Informationen, TV-Bilder oder Medienberichte, vor. Siehst du darin ein Problem?
Auf jeden Fall. Dennoch denke ich, dass das Hauptproblem weniger darin besteht, dass weniger Bildmaterial vorliegt, sondern dass sich die Leute das nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit ansehen. Man sollte eher keine Stimme abgeben, wenn man es nicht weiß.

Die Trainer und Spielführerinnen sollten sich enthalten, wenn der Überblick fehlt?
Eher ja. Das Gute an dieser Wahl ist, dass man am Ende Fakten hat, wie abgestimmt wurde und daher weiß, warum die Rangliste ist wie sie ist. Aber es sind dort Leute dabei, bei denen ich nicht weiß, wie viel sie wirklich wissen und das beeinflusst eine solche Wahl natürlich.

Tatjana Haenni

Früher im schweizer Nationaldress, heute hauptamtlich bei der FIFA für den Frauenfußball im Einsatz: Tatjana Haenni

Foto: Tatjana Haenni

In Deutschland hat die Nicht-Nominierung von Birgit Prinz für Diskussionen gesorgt. Dreimal gewonnen, bitte nicht wiederwählen?
Nein, auf gar keinen Fall. Grundsätzlich ist jeder wählbar und egal wie oft. Ich habe auch häufiger gehört ‚Bei den besten zwanzig der Welt ist sie doch dabei!’ Da würde ich auch zustimmen. Wir wollen aber eine weltweite Auswahl von Spielerinnen, bei der jede Konföderation und verschiedene Ländern vertreten sind – mit nicht mehr als ein bis zwei Spielerinnen. Daher heißt diese Nominierung für Birgit Prinz nicht, dass sie nicht zu den besten zwanzig gehört,


TSG Russland 2006

Tina Theune-Meyer (hinten, 3. v. l.) und Marika Domanski-Lyfors (vorne, 2. v. l.) waren die prominentesten Gesichter in der Technischen Studiengruppe bei der U20-Weltmeisterschaft in Russland in diesem Jahr.

Foto: Tatjana Haenni

sondern dass sie nicht die Beste in Deutschland war.

Ein Schlenker zur U20-WM. Es war die erste, die Jahr stattgefunden hat – wie sieht dein Fazit aus?
Unterm Strich fällt die mehrheitliche Meinung positiv aus. Ich habe mehr mit der Entwicklung, mit dem Sportlichen zu tun, was ich sogar als sehr gut bewerten würde. Die Teams waren wesentlich stärker und besser als noch in Thailand, obwohl das Durchschnittsalter mit 18 Jahren und elf Monaten fast identisch war. Auch waren die Mannschaften intern ausgeglichener, es gab nicht mehr nur vielleicht eine Top-Spielerin, wie vor zwei Jahren.

Denkst du, dass Europa verloren hat? Das Endspiel war rein asiatisch und hoch gesetzte europäische Teams, wie Frankreich oder Deutschland, konnten die Erwartungen nicht erfüllen.
Wir waren uns in der Technischen Studiengruppe einig, dass die Teams, die im Viertel- oder Halbfinale waren, alle sehr stark waren und wahrscheinlich jedes hätte gewinnen können. Die Amerikanerinnen haben zweimal unglücklich im Elfmeterschießen verloren und die Französinnen sind in der letzten Spielminute im Halbfinale gegen Korea ausgeschieden. Die Teams waren wirklich eng beieinander. Trotzdem denke ich, dass Asien gezeigt hat, dass sie viel gearbeitet haben und näher an der Spitze sind. Man muss natürlich Fragen stellen und da müssen sich die europäischen Teams überlegen, ob die Vorbereitung ideal war. Die Qualifikation war ein Jahr zuvor und nur einen Monat vor der WM-Endrunde war die Europameisterschaft, an der auch nahezu alle Spielerinnen beteiligt waren. Hier hatten die Asiatinnen ein halbes Jahr zur Vorbereitung.

Du sprichst die Technische Studiengruppe an. Aus wem bestand sie?
Tina Theune-Meyer, Marika Domanski-Lyfors, Fran Hilton-Smith, Sylvie Beliveau, Junko Imai, Shuk-Chi Chan sowie Connie Selby.

Die Gruppenzusammensetzung ändert sich aber auch von Turnier zu Turnier...
In der Vergangenheit waren es häufig die gleichen Leute. Wir versuchen vermehrt, die Gruppe zu vergrößern. Wir möchten, dass jeder Kontinent vertreten ist und dass die Expertinnen zum Turnier passen. Bei der U20 sollten es daher Expertinnen sein, die sich in der Jugendarbeit engagieren, bei


der Frauen-WM entsprechend welche mit Erfahrungen auf diesem Gebiet.

Wir haben von den sehr strengen Sicherheitskontrollen in Russland gehört. Womit waren die gerechtfertigt?
Das kann ich nicht beurteilen, ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht, auch wenn ich die ganz normalen Eingänge mit allen Sicherheitskontrollen passieren musste. Bezüglich der Organisation allgemein hat der Russische Verband eine super Arbeit gemacht. Es hat alles gepasst und da gehört die Sicherheit dazu. Russland hat das sehr professionell organisiert, sie wollten zeigen, dass sie in der Lage sind, größere Turniere auszurichten. Sicherlich mag es einzelne Personen oder Stadien gegeben haben, wo nicht alles perfekt war, aber im Großen und Ganzen waren wir zufrieden.

Die nächste Juniorinnen-WM wirft auch schon ihre Schatten voraus. Wie laufen die Planungen für die U17-WM-Premiere an?
Neuseeland hat, genau wie Chile, die die nächste U20-WM ausrichten werden, schon längere Zeit kein großes Turnier mehr organisiert. Man ist mit ihnen die nächsten Schritte durchgegangen, intern wurden bei der FIFA die Leute benannt, die für die Turniere zuständig sein werden. Bisher ist alles gut im Plan und ich hoffe, wir können bald die Zeitrahmen für beide Turniere klären.

In Europa denkt man über eine Europameisterschaft als Qualifikationsgrundlage nach, wie sieht es bei anderen Konföderationen aus?
Genaues kann man noch nicht sagen, aber die anderen Konföderationen sind anders organisiert. Bei der Uefa werden jährliche Turniere mit Hin- und Rückspielen gespielt, die anderen sind wesentlich flexibler und können eine Qualifikation schneller ansetzen, da sie nur ein Turnier austragen, welches als Qualifikation dient. Das Turnier dauert in der Regel circa zwei Wochen und kann innerhalb von ein paar Monaten angesetzt und durchgeführt werden. Es liegt in der Verantwortung der Kontinentalverbände, wie sie es organisieren. Wir schauen, dass möglichst viele Teams mitmachen, dass die Strukturen stimmen, aber alles weitere liegt in deren Zuständigkeit.

erster Teil des Interviews

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