Von Nora Kruse
10.11.2006
Deine Arbeit bei der FIFA ist keine, über die viel geschrieben wird. Was beinhaltet sie?
Strukturell gesehen bin ich die einzige bei der FIFA, die ausschließlich für den Frauenfußball zuständig ist. Momentan betreibe ich vor allem
Entwicklungsarbeit mit Nationalverbänden, wie zum Beispiel die Organisation von Seminaren. Wir haben in diesem Jahr Seminare für 80 Länder angeboten – fast
die Hälfte unserer Mitgliedsverbände –, wo wir drei Tage nur über Frauenfußball diskutieren.
In zwei Wochen laden wir alle Spanisch sprechenden Länder der CONCACAF nach Panama ein. Wie können die Länder die Strukturen verändern, was haben sie für
Wettbewerbe, wie ist der Verband organisiert, was machen sie im Marketing? Es wird diskutiert, Meinungen werden ausgetauscht und am letzten Tag müssen sie
konkret sagen, was sie umsetzen wollen und wie sie es erreichen wollen.
Denkst du, dass die Anzahl der Seminare und auch das zur Verfügung gestellte Geld ausreichend sind?
Ausbaufähig ist es immer. Die FIFA zahlt jedem Verband 250.000 Dollar pro Jahr, wovon zehn Prozent in den Frauenfußball investiert werden müssen, was enorm
geholfen hat. Auch wenn die Summe von 25.000 Dollar nicht immer genügend ist, musste sich dennoch jeder Verband überlegen, was damit gemacht werden kann.
Viele haben sich vorher überhaupt nicht mit dem Frauenfußball auseinander gesetzt und jetzt müssen sie mit FIFA-Mitarbeitern diskutieren, einen Plan
ausarbeiten und sich überlegen, wie und wo sie das Geld ausgeben wollen. Die Abrechnungen der Verbände werden übrigens auch von Buchhaltern und Revisoren
geprüft.
Es kann also immer mehr gemacht werden und man sollte versuchen, das zu vertiefen.
Tatjana Haenni ist seit 1999 für die FIFA tätig.
Foto: Tatjana Haenni
Gibt es konkrete Dinge, die von eurer Seite aus verbessert werden können?
Man ist bei der FIFA, und auch bei vielen anderen Verbänden, noch nicht so weit, dass man dem Frauenfußball wirklich verbunden ist. Im Bereich des
Frauenfußballs musst du frauenfußballverantwortliche Leute haben. Es geht langsamer voran, wenn du in deiner technischen Abteilung sagst: „So, jetzt macht
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In diesem Jahr wurden insgesamt fast 80 Länder zu Frauenfußball-Seminaren geladen. Im Frühjahr leitete Tatjana Haenni (vorne 2. v. r.) eines für den
Karibischen Fußballverband (CFU).
Foto: Tatjana Haenni
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ihr auch noch Frauenfußball.“ Dann machen die das zwar, aber nicht mit der gleichen Motivation.
Wenn wir 15 Verbände in den nächsten zwei Jahren dazu bekommen, dass sie eine Person für den Frauenfußball einstellen – was für viele Verbände mit den
25.000 Dollar zu finanzieren ist –, dann haben wir viel erreicht.
Du hast das Seminar in Panama angesprochen, was sich ja eher an „Entwicklungsländer“ im Frauenfußball richtet.
Vera Pauw hat letztens FanSoccer
gegenüber erklärt, dass sie, allerdings ins erster Linie von der Uefa, Engagement für Länder im Mittelfeld vermissen lässt. Wie stehst du dazu?
Ich denke schon, dass die Länder in der Mitte ein Problem haben. Wir bieten für alle die gleiche Hilfe an, aber bei den „Kleinen“ kann man mit weniger viel
schneller etwas bewegen. Bei den „Großen“, Deutschland oder Amerika, läuft es von alleine, da braucht man uns nicht. Bei der Mitte habe ich eher das
Gefühl, dass ein Denkprozess innerhalb des Verbandes einsetzen muss. Die Verbände haben so große Budgets, da können wir gar nicht mehr helfen. 50.000 Dollar
mehr wären bei denen noch immer ein Tropfen auf den heißen Stein.
Also siehst du die Verbände in der Verantwortung?
Ja. Ein Verband muss sich sagen: wir haben Frauenfußball, der ist Teil unserer Gesellschaft, wo wollen wir mit dem Sport hin, welche Ziele haben wir, was
kostet uns das und wo können wir Geld einnehmen. Die Verbände müssen sich ernsthaft mit dem Sport beschäftigen und viele tun das noch nicht. Das Geld, das
ein Verband einnimmt, muss auch den Frauenfußball finanzieren. Dies führt in vielen Verbänden zu Diskussionen und Meinungen, dass der Frauenfußball nur
kostet! Diese Verbände müssten sich überlegen, was der Frauenfußball der Gesellschaft sowie den Frauen bietet und auch wo Geld oder Einnahmen nicht
finanzieller Art für den Frauenfußball getätigt werden können.
Wir versuchen an dieser Stelle zu helfen und bieten während der WM im nächsten Jahr in China ein Symposium an, zu dem wir gezielt die Generalsekretäre und
Präsidenten der Verbände einladen wollen. Wir wollen nicht die Menschen ansprechen, die im Frauenfußball tätig sind, sondern
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die, die Entscheidungen
beeinflussen. Denen soll an guten Beispielen gezeigt werden, was im Frauenfußball möglich ist. Ich hoffe, wir können helfen, dass Strukturen im Verband
geändert werden.
Vera Pauw spricht sich auch schon seit längerer Zeit für eine Vergrößerung des Teilnehmerfeldes bei der WM aus...
Ich verstehe sie und ihre Meinung, aber die Argumentation ist politisch, weniger sportlich. Wenn ein Land langfristig plant, weiß man, dass es nicht nur
von einer Qualifikation abhängt. Für die FIFA ist das ein Fass ohne Boden. Bei 24 Teams hätten wir acht mehr, was weltweit gesehen nicht viel ist. Viele
Mannschaften, die in der Qualifikation auf dem vierten oder fünften Rang gelandet sind, würden wahrscheinlich auch sagen, dass ihre Verbände sie stärker
unterstützen würden, wenn sie mal zu einer WM könnten. Sportlich kann man so nicht argumentieren.
Erfolg ist kurzfristig. Ein Verband muss sich so strukturieren, dass Mädchenfußball intensiviert wird, dass es Ligen und regionale Zentren gibt. Wenn das
alles passt, dann stimmt es auch oben und die Mannschaften mit den besten Strukturen qualifizieren sich.
Also betrachtest du eine Vergrößerung derzeit eher kritisch?
Kritisch nicht, aber das Argument muss ein anderes sein. Man muss sagen können, dass sich das Niveau im Frauenfußball so weit entwickelt hat, dass es
sportlich gerechtfertigt ist.
Siehst du diese Situation derzeit?
Nach China kann man diskutieren - ob für 2011 weiß ich nicht. Aber in Amerika 2003 hat man noch deutliche Unterschiede zwischen den Teams gesehen. Ich gehe
davon aus, dass es in China enger sein wird und man dann diskutieren kann. Aber das ist auch sehr politisch und ich kann überhaupt nicht abschätzen, ob das
eine Chance hätte. Rein sportlich gesehen gibt es genug Teams, um eine Vergrößerung in Angriff zu nehmen.
Zweiter Teil
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