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FilmkritikViele Chancen vergebenDer Film "Fußballgöttinen" | ||
Text von Tom Schlimme26.4.2006 Mit großer Spannung und hohen, vielleicht zu hohen Erwartungen habe ich mir den Film „Fußballgöttinen“ angesehen. Leider muss ich sagen, am Ende war ich doch etwas enttäuscht. Was hätte man zu diesem Thema einen guten Film machen können, doch die meisten Chancen dazu wurden von den Autorinnen vergeben. Auf der Website zum Film heißt es zum Inhalt: "Fußballgöttinen taucht ein in den Alltag von Frauen und ihrer Leidenschaft für den Fußball. Der Dokumentarfilm geht weit über das Spielgeschehen auf dem Platz hinaus. Vier Frauen stehen in ihrem Umfeld in einem ganz besonderen Licht. Nach den unzähligen Titeln der deutschen Fußballfrauen und der anstehenden WM der Männer im eigenen Land, sollte auf dem Fußballfeld nicht neu verhandelt werden? "Frauen und Fußball" - wie paßt das zusammen? Klischees behaupten sich eben nicht immer" ![]() Beatrix Nieder ist mit 16 Jahren eine der jüngsten Schiedsrichterinnen Deutschlands
Diese vier Frauen sind durchaus hochkarätig besetzt. Da ist für mich zuallererst natürlich Viola Odebrecht, gefilmt in der Saison, in der sie mit Potsdam den Uefa-Cup holte. Mit ihr gibt es Szenen vom Training bei Potsdam, mit ihren Mitspielerinnen, mit ihrem Bruder, ein paar Spielszenen und viele Statements. ![]() Trautchen Ziegert, Platzwartin mit Berliner Schnauze Dann ist da noch Trautchen Ziegert, Anfang 60 und Platzwartin in Berlin. Dort führt sie laut Film das Regiment, man sieht wie sie die Trikots der Spielerinnen einsammelt, erfährt, dass sie sich ihre Berliner Schnauze erst so richtig als Platzwartin angeeignet hat, weil man sich hier halt durchsetzen müsse. So ganz richtig raus hat sie das mit dem Durchsetzen aber nicht, denn sie bedient ihren 23-jährigen Enkelsohn, den sie als Ersatzmutter aufgezogen hat, samt dessen Freundin von vorne bis hinten und entledigt sich dieses Nesthockers dadurch, dass sie einfach selber wegzieht, ins Seniorenheim. Clever, aber nicht unbedingt der Ausbund an Emanzipation... Die mittlere Generation wird von der 37-jährigen Tina Hennemann repräsentiert, leidenschaftlicher Fan der Offenbacher Kickers, ein Männerverein, der in der im Film gezeigten Saison gerade den Wiederaufstieg in die zweite Bundesliga schafft. Von ihr gibt es Szenen während des Spiels, wie wir sie als Fans natürlich selber gut kennen, von den Fahrten zu den Spielen, okay, da geht es bei uns etwas ruhiger zu, hauptsächlich wird aber auch hier das Privatleben samt Bullterrier beleuchtet. Der Film arbeitet mit einem einfachen Stilmittel. Man hört praktisch nur die Stimmen der vier Hauptpersonen, die an sie gestellten Fragen wurden weggeschnitten, dazu gibt es noch abgefilmte Szenen aus dem Alltag der Personen, die natürlich teilweise nicht wirklich authentisch wirken. Wer verhält sich in Gegenwart einer Filmkamera schon genau so, wie sonst auch. |
Viola Odebrecht, hier mit Karolin Thomas (links hinten) und Peggy Kuznik (rechts) ist ein Mensch, über den ich gerne mehr erfahren würde. Leider bleiben aber die meisten Fragen, die ich gehabt hätte, im Film unbeantwortet. | |
Interessant immerhin, ein paar Sätze von Potsdams Trainer Bernd Schröder in der Kabine zu hören beim Spiel von Turbine beim FSV Frankfurt, als in der letzten Saison die Meisterschaft endgültig vergeigt wurde. Oder wie Schröder Odebrecht nach ihrem letzten Training vor ihrem Aufbruch in die USA verabschiedet hat. Da schlägt das Herz des Frauenfußballfans mal etwas höher. Aber meist nervt einfach das Herumgezappe zwischen den vier Prota- gonistinnen. Die Schnitte sind übergangslos, ohne Zusammen- hang, meist genau an der Stelle, an der man gerade anfing, sich für die gerade gezeigte Person zu interessieren. ![]() Tina Hennemann, Fan der Offenbacher Kickers Irgendwann fing ich dann an, mir die Frage zu stellen, was die Autorinnen mit dem Film eigentlich wollen. Über den Frauenfußball erfährt man praktisch gar nichts. Von irgendwelchen Verhandlungen zwischen den Geschlechtern ist auch nicht wirklich die Rede. Probleme werden hin und wieder angerissen und dann mit einem Achselzucken abgetan. Odebrecht erwähnt, dass sie nach ihrer Karriere gleich Kinder kriegen will. Eine Nachfrage, wieso eigentlich erst danach, unterbleibt. Ein Vergleich der Situation der erstligaspielenden Männer, die ja häufig Kinder haben, die brav von ihren Frauen versorgt werden, wird nicht gezogen. Es wird nicht erwähnt, dass eine Reihe von Spielerinnen wegen des Wunsches, Kinder gleich zu bekommen, ihre Karriere beendet haben, genauso wenig wird erwähnt, dass es Spielerinnen gibt, die beides unter einen Hut bringen. Wie eigentlich, welche Hilfen müßten dazu von außen und von den Männern kommen, das wäre für mich ein spannendes Thema gewesen. Die unterschiedliche Bezahlung - kann man das überhaupt so nennen, bei den Dimensionen, die dazwischen liegen? - zwischen Männern und Frauen im Fußball wird angedeutet und dann abgehakt. Die Spielerinnen müssen nebenher arbeiten bzw. studieren, ist halt so. War früher ja noch schlechter. Die junge Schiedsrichterin erzählt, dass ein Mann schon mal durch sein Auftreten und seine Figur Autorität bei den Spielern hätte, während sie sich Autorität durch kompetente Entscheidungen erarbeiten müsse. Kann ich mir vorstellen, und da ich weiß, wie schon männliche Schiedsrichter bei Männerspielen vom Publikum zusammengepfiffen werden, frage ich mich schon, wie sich das dann auf dem Platz im Ernstfall anfühlt. Wird aber nicht gezeigt und auch nicht weiter angesprochen. |
Ich hatte einen Film erwartet, der irgendwie was mit Emanzipation zu tun hat. Ich komme aus einer Zeit, in der Emanzipation noch so verstanden wurde, dass Frau sowohl sich verändert, als auch ihr persönliches Umfeld verändert, als auch auf die Rahmenbedingungen, die die Gesellschaft bietet, Einfluss nimmt. Die vier Frauen im Film sind bestimmt alle auf ihre Art emanzipiert, aber nur noch in der Form, dass sie ihren eigenen Weg gehen und sich dabei nicht beirren lassen. Das Außenrum wird als gegeben akzeptiert und nicht in Frage gestellt. Vielleicht waren die Autorinnen allein davon schon so begeistert, dass sie der Meinung waren, daraus einen tragfähigen Film basteln zu können. Ich bin jedoch der Meinung, entweder es gibt keine Probleme in unserer Gesellschaft für Frauen, die Bock haben, Fußball zu spielen, zu schiedsrichtern, Platzwart zu machen oder Fan zu sein, dann braucht man aber auch keinen Film darüber zu machen, dann ist das einfach banal. ![]() Die Autorinnen: links Frederique Veith, rechts Nina Erfle, beide Buch und Regie
Oder es ist eben doch nicht alles so selbstverständlich, so leicht, so vorgegeben, dann gehören die Probleme aber auch benannt und auf den Tisch, und zwar so, dass es kracht, dass die Schwierigkeiten deutlich werden. Da gehört dann auch ein pöbelnder Männerfan ins Bild, ein Vater, der sich weigert, seine Tochter spielen zu lassen, ein Lehrer, der meint, Fußball sei ja ganz nett, aber doch nix für Mädchen... nur als Beispiel. So hätte ich den Film gemacht, deshalb meine ich, das Thema gibt viel her, aber die Chancen wurden nicht genutzt. Ich habe versucht, deutlich zu machen, aus welchem persönlichen Blickwinkel ich an den Film heran gegangen bin, weil ich ihn nicht einfach als misslungen darstellen will. Wer aus anderen Blickwinkeln, mit anderen Erwartungen in den Film geht, wird den Film möglicherweise sehr gut finden. | |