Weltfußballerin 2005

Trio aus dem Fernen Osten

Die Nominierten aus Asien

Von Christian Heidler

30.11.2005

Beim Blick über den europäischen Tellerrand liegt Asien in unserer Wahrnehmung noch weit hinter Amerika zurück. Dass auch in Asien Teams hochklassigen Fußball zu spielen wissen, wird uns leider meist nur bei Großereignissen wie Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen bewußt, zumal mit dem Ende der WUSA ein „Fenster in den Welt-Frauenfußball“ geschlossen wurde.

Schon relativ früh verbreitete sich der moderne, nach englischen Regeln gespielte Fußball auch in Asien. Bereits 1913 wurde mit den Fernost-Spielen auf den Philippinen eine erste Asienmeisterschaft ausgetragen. Doch über viele Jahrzehnte hinweg stand der asiatische Männerfußball tief im Schatten der Fußballnationen aus Europa und Südamerika. Nur bei der WM in England 1966 konnte ein Vertreter Asiens ein Ausrufezeichen setzen als Nordkorea ein sensationeller Sieg über Italien gelang.

Auch die Anfänge des Frauenfußballs liegen schon erstaunlich lange zurück. Bereits 1965 wurde mit der Begegnung Hongkong gegen Malaysia das erste Länderspiels des Kontinents ausgetragen. Und ein Jahrzehnt später organisierte der Asiatische Kontinentalverband (AFC) die erste Meisterschaft. Thailand holte sich den ersten Titel eines Asienmeisters bei der unter Einschluß von Australien und Neuseeland ausgespielten Endrunde in Hongkong.

Viel Beachtung fand die Männerfußball-Weltmeisterschaft Korea/Japan 2002. Doch schon 1991 war Asien Gastgeber für eine Frauenfußball-Weltmeisterschaft in China. Die Volksrepublik China ist auch die erfolgreichste Nation aus dem Bereich des AFC: Vizeweltmeister 1999 und Olympiazweiter 1996, bei vier Endspielteilnahmen zweifacher Turniersieger des Algarve-Cups sowie vielfacher Gewinner der Asienmeisterschaft und der Asienspiele. Es verwundert somit kaum, dass in den ersten Jahren der Kür der FIFA-Weltfußballerin zahlreiche Spielerinnen aus China nominiert wurden, allen voran Superstar Sun Wen, Zweite hinter Mia Hamm bei der Wahl 2001, Dritte 2002.

Unter den 24 Nominierungen für die Weltfußballerin des Jahres 2005 findet sich jedoch wie schon im Vorjahr keine Spielerin aus dem Reich der Mitte mehr. Hier macht sich der Umbruch bei der chinesischen Nationalmannschaft bemerkbar. Nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der WM 2003 in den Vereinigten Staaten wurde der Kader stark verjüngt um sich gezielt auf die Weltmeisterschaft 2007 im eigenen Lande vorzubereiten.

Bei der Olympiade 2004 schieden die „eisernen Rosen“, wie sie seit der Olympiade 1996 in Atlanta genannt werden, bereits in der Vorrunde aus. In der aktuellen Weltrangliste liegt das Land nur noch auf Platz 9. Längst ist China auch nicht mehr die unumstrittene Nr. 1 Asiens. Die Demokratische Volksrepublik Korea, besser bekannt als Nordkorea, hat China inzwischen den Rang abgelaufen und stellt eine der drei Nominierten aus Asien.


Team China beim Algarve-Cup

Von Team China (hier beim Algarve-Cup) ist diesmal keine Spielerin nominiert

Foto: Beate Wolter

Sun Hui Ho

Geburtsdatum: 05.03.80
Position: Mittelfeld
Derzeitiger Verein: Amrokgang (Nordkorea)

Seinen Durchbruch in die asiatische Spitze schaffte Nordkorea 1993, als sich das Land erstmals für die Asienmeisterschaft qualifizieren konnte und dabei gleich bis ins Finale vordringen konnte. Fortan war die Mannschaft aus dem schwer zugänglichen Teil Koreas bei allen Turnieren in Asien erfolgreich dabei. Die alle zwei Jahre stattfindenden Asien-Meisterschaften vermochte Nordkorea endlich 2001 und erneut 2003 zu gewinnen, genauso wie das Finale des Frauenfußballturniers bei den im Vierjahresrhythmus ausgetragenen Asienspielen 2002.

Nationalflagge Nordkorea

Nach der WM 1999 qualifizierte sich das Land, dessen Bewohner als genauso fußballverrückt wie die Brasilianer gelten, auch für die zweiten in den USA stattfindenden Weltmeisterschaften 2003. Dabei feierte Sun Hui Ho ihre WM-Premiere. Im Alter von 23 Jahren und mit der Empfehlung von 16 Toren aus 30 Länderspielen angereist, war Ho kein junger Himmelstürmer mehr, erhielt aber lediglich bei zwei Einwechslungen Turnierpraxis. Weder ihre Auswahl noch sie selbst wußte bei diesem Championat so richtig zu überzeugen. So schied Nordkorea nach einem Sieg über Nigeria und Niederlagen gegen Schweden und die USA als Dritter seiner Vorrundengruppe aus.

Es ist schwer, den Weg der nordkoreanischen Nationalmannschaft und damit auch die Entwicklung von Sun Hui Ho zu verfolgen. Nur selten bestreitet Nordkorea Freundschaftsspiele, noch seltener gegen nichtasiatische Mannschaften wie voriges Jahr beim Australia-Cup, den Nordkorea vor den Gastgebern, China und Neuseeland siegreich beendete. Die Statistik der Veranstalter besagte für Ho übrigens, sie hätte vor Turnierbeginn 45 Länderspieleinsätze und 20 Länderspieltore vorzuweisen. Beim Albena-Turnier Anfang April 2005 zeigte sich das Team sogar wieder


mal in Europa und besiegte im bulgarischen Varna die ehemaligen Ostblock-Verbündeten Rumänien (6:1) und Bulgarien (5:1).

Keine Informationen ließen sich leider zur nationalen Meisterschaft in Nordkorea gewinnen. Bei der WM 2003 wurde Amrokgang, der nordkoreanische Name des Grenzflusses Yalu zu China, als Heimatverein von Sun Hui Ho angegeben. Dieser Klub, der wahrscheinlich in der Industrie- und Universitätsstadt Sinuiju beheimatet ist, stellte insgesamt 8 der 19 Spielerinnen von Nordkoreas WM-Team. Auf Vereinsebene wird Frauenfußball bereits seit Beginn der 80er Jahre betrieben. Nach dem Besuch eines Spiels soll der Diktator Kim Jong-Il 1986 die besondere Förderung des Frauenfußballs angeordnet haben. U.a. ist die Bildung von 12 Spitzenklubs, zu denen neben Rimyongsu und Wolmido eben auch Amrokgang gehört, eine Folge dieser Anweisung. Mit Lee Un Sim and Kim Gyong Ae spielten übrigens 2005 erstmals zwei Nordkoreanerinnen im Ausland, genauer gesagt beim schwedischen Zweitligisten Balinge IF.

Im August schließlich wurde die Endrunde um die Ostasiatische Fußballmeisterschaft im südlichen Nachbarland ausgetragen. Zwar mußte sich der aktuelle Weltranglistensiebte überraschend den Gastgeberinnen mit 0:1 geschlagen geben und trotz zweier 1:0 Siege über Japan und China den Turniersieg abgeben, für Sun Hui Ho persönlich war es dennoch ein äußerst erfolgreicher Wettbewerb. Ihre herausragenden Leistungen brachten der 1,60 Meter großen Mittelfeldspielerin den Titel der „wertvollsten Spielerin“ des Viernationen-Turniers ein. Diese Auszeichnung ist offenbar so hoch einzuschätzen, dass für Ho gleich eine Nominierung zur Weltfußballerin 2005 folgte.

Im Schatten der „großen Schwester“ steht der Frauenfußball in der Republik Korea. Doch dass auch in Südkorea mittlerweile Frauenfußball auf beachtlichem Niveau gespielt wird, beweist nicht zuletzt der Turniersieg bei der Ostasienmeisterschaft Anfang August 2005. Und aus diesem Land, derzeit Nr. 4 in Asien und Nr. 22 in der Welt, wurde denn auch eine Aktive für gut genug befunden, in die Liste der 24 weltbesten Spielerinnen 2005 aufgenommen zu werden.

 Eun Sun Park und Homare Sawa

Hier findet ihr unseren Einleitungstext zur FIFA-Wahl, über den wir alle weiteren Vorstellungen verlinken werden:

 Einleitungstext


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