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Weltfußballerin 2007

Bleibt Marta auf dem Thron?

Vera Pauw kritisiert mangelnde Kompetenz der Trainer

Von Nora Kruse

25.11.2007

Noch etwa drei Wochen müssen wir uns gedulden, bis am 17. Dezember in Zürich das Geheimnis um die neue Weltfußballerin des Jahres gelüftet wird. Oder wird Marta, die amtierende Titelträgerin, ihre Krone gar verteidigen? Denn auch wenn es bereits die siebte Auflage der World Player Gala im Frauenfußball ist, viel Abwechslung war unter den Titelträgerinnen bislang nicht.

Zweimal Mia Hamm, dreimal Birgit Prinz - und im vergangenen Jahr schließlich Marta. Alle haben sie ihre Krone mindestens einmal verteidigt, das Gesetz der Serie spricht also für die Brasilianerin, die für den schwedischen Meister Umeå IK aufläuft. Doch auch abseits solch wenig fundierter “Gesetzmäßigkeiten” hat die Vizeweltmeisterin die Fußballwelt in diesem Jahr beeindruckt und eine erneute Wahl der 21-jährigen Stürmerin käme nicht über- raschend.
Der Frauenfußballwelt ist die Brasilianerin wohl seit der U19-Weltmeisterschaft in Kanada ein Begriff, der breiten Öffentlichkeit spätestens seit den Titelkämpfen in China in diesem Jahr. Dort wählten die Zuschauer ihren Treffer im Halbfinale gegen die USA nicht nur zum schönsten Tor des Turniers, sie erhielt ebenfalls die Preise als beste Spielerin und beste Torjägerin der WM. Die Chancen für die junge Brasilianerin stehen also nicht schlecht - und wahrscheinlich besser als die der Spielerinnen, die sich auf dem Feld nicht im Sturm zu Hause fühlen.

Marta

Wird Marta ihr hervorragendes Jahr erneut mit dem Titel der Weltfußballerin krönen?

Foto: Kalle Prorok

Leistungsgerecht?

Nachdem im letzten Jahr der Italiener Fabio Cannavaro als erster Verteidiger nach über zehn Jahren den Titel des Weltfußballers gewonnen hatte, wurde auch manche Kritik laut: sein Spiel sei nicht unterhaltsam genug. Das dürfte wohl der Kern des Problems sein: ist es wirklich die Leistung, die zählt, oder eher der Unterhaltungsfaktor? Wer wird von den TrainerInnen, die die Auswahl treffen, wahrgenommen? Der Stürmer, der an seinen Toren gemessen wird, oder der Ver- teidiger, der eher ins Rampenlicht rückt, wenn er Fehler macht?
Zur Auswahl haben die knapp 150 TrainerInnen natürlich dennoch eine gesunde Mischung aus Spielerinnen jeder Position. Dort sehen wir viele altbekannte Gesichter, wie Birgit Prinz, Ane Horpestad, Bente Nordby und Kristine Lilly, aber auch junge Talente, wie die Australierin Lisa de Vanna, die in China als Jokerin ihres Teams erstmals auf sich aufmerksam machte und mit ihrer Leistung überzeugte - Publikum wie ExpertInnen. Diese haben de Vanna in ihre Liste aufgenommen, „die an die Kommission für Frauenfußball und an Spezialisten für Frauenfußball anderer Kommissionen weitergeleitet wurde“, erklärte Tatjana Haenni, Women‘s Football Manager bei der Fifa, bereits im vergangenen Jahr. Es sei keine offizielle Gruppe, die die Namen zusammen stelle, sondern vielmehr „ein Netzwerk, auf das wir häufiger zurückgreifen. Alles SpezialistInnen im Frauen-


fußball“, so Haenni weiter.
Die Mischung unter den Nominierten stimmt, jetzt liegt es an den TrainerInnen und Spielführerinnen der einzelnen Nationalmannschaften, die Top-3 zu wählen, die von der Fifa Anfang Dezember bekannt gegeben werden. Doch auch wenn die ein oder andere Spielerin eher zu den Favoriten auf den Titel zu zählen ist, als eine andere, bietet solch eine Wahl immer auch die Möglichkeit, sich mit den besten Spielerinnen anderer Nationen zu befassen. Welche Karrieren stecken hinter Namen wie Perpetua Nkwocha, Adjoa Bayor und Un Suk Ri? In mehreren Blöcken werden hier in den nächsten Tagen alle 26 Nominierten in unterschiedlicher Form präsentiert.

Vera Pauw

Sie möchte die TrainerInnen generell von der Wahl ausschließen: Vera Pauw.

Foto: Nora Kruse

Aber wie sieht es mit den Chancen von Spielerinnen abseits der Top-Nationen aus? Haben die TrainerInnen wirklich genug Wissen vom weltweiten Geschehen, um eine fundierte Wahl zu treffen? Fragen, die wir der niederländischen Nationaltrainerin Vera Pauw gestellt haben:

Einmal ganz generell gefragt: Was halten Sie von solchen Wahlen?
Ich mag sie nicht, denn Fußball ist ein Teamsport. Die Leistung einer Spielerin ist immer mit dem gesamten Team verbunden. Wahrgenommen wird jedoch nur diejenige, die die Tore schießt. Eine Stürmerin bekommt immer mehr Punkte als eine Verteidigerin, die ja nicht weniger leistet. Mit den Torhüterinnen ist es noch schlimmer: sie sind von der Wahl mehr oder weniger ausge- schlossen.

Öffentlichkeit ist natürlich stark mit solchen Wahlen assoziiert. Die Männerwahl bekommt die größte Aufmerksamkeit, inwieweit aber hilft es dem Frauenfußball?
Wenn man eine solche Wahl durchführt, ist es extrem wichtig, auch die Frauen einzubeziehen. So besteht die Chance, dass der Frauenfußball als ein Sport wahrgenommen wird, in dem ebenfalls auf dem höchsten Niveau gespielt wird.

Nominiert werden die Spielerinnen von einigen FrauenfußballexpertInnen. Denken Sie, die richtigen Personen sind in diesen Prozess involviert?
Ja, ich denke schon. Es ist sehr schwierig, dem internationalen Frauenfußball zu folgen, da einzig die Weltmeisterschaft weltweit übertragen wird.

Hat die Expertengruppe dennoch eine gute Wahl getroffen?
Insgesamt ja. Es ist das Jahr der Weltmeisterschaft, die besten Spielerinnen sollten dort gespielt haben oder etwas Außerge- wöhnliches geleistet haben.

Dennoch fällt auf, dass die Nominierten fast ausschließlich aus dem All Star Team der WM bestehen. Haben die Spielerinnen neben einem großen Turnier überhaupt genug Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen?
Nein, und genau da liegt das Problem. In den Jahren nach der WM werden weiterhin die gleichen


Spielerinnen ausgezeichnet. In diesem Jahr stimme ich absolut zu, dass die Nominierten diejenigen sein sollten, die auf dem absoluten Top-Level gespielt haben. Wer hat schließlich im WM-Jahr schon mal eine Spielerin des Jahres gesehen, die beim Topereignis nicht gespielt hat?
Insgesamt sehen die TrainerInnen und Spielerinnen, die schließlich wählen, jedoch nicht das Niveau der Spielerinnen außerhalb der WM-Mannschaften. Um das sicher zu stellen, sollte man diejenigen wählen lassen, die tatsächlich einen Einblick in das Weltgeschehen haben.

Was ist Ihr konkreter Vorschlag? Im Männerfußball kann so gut wie jedes Spiel verfolgt werden. Also gibt es definitiv ein Problem im Frauenfußball...
Ja, und wenn ich entscheiden könnte, würde ich nur die Frauenfußballexperten wählen lassen.

Sie würden die TrainerInnen generell ausschließen?
Ja, denn die TrainerInnen in den “schwächeren” Ländern sehen überhaupt nicht genug Frauenfußball. Die Top-Trainer haben Wissen und Übersicht, aber das sind vielleicht 15 oder 20. Die anderen 80 haben keinen Überblick, was in der Welt des Top-Frauenfußballs vor sich geht. Sie kennen nur ihre Gegner. Wann sehen die Länder in Afrika, Osteuropa, Südamerika oder in der OFC die Top-Spielerinnen? Während der WM, einmal in vier Jahren. Also wählen sie immer mit der Perspektive und dem Wissen, das sie dort gewonnen haben.

Was sollten die TrainerInnen tun, wenn ihnen der Überblick fehlt, sich der Stimme enthalten?
Ja, das wäre am besten.

Wen haben Sie gewählt?
Marta. Nicht weil ich denke, dass sie die beste Spielerin der Welt ist, aber sie hat dem Spitzenfußball etwas gegeben, das bislang noch nicht gezeigt wurde. Daher hat sie es in diesem Jahr verdient. Ihre Art Fußball zu spielen, hat unser Spiel bereichert. Ich bewundere Birgit Prinz aber genauso sehr wie Marta, da sie eine andere spezielle Fähigkeit hat, die einzigartig im Frauenfußball ist: Sie erzielt Tore, ohne überhaupt Chancen herausgespielt zu haben. Wie? Sie bestraft die Gegnerin sofort, wenn diese einen Fehler macht oder nicht 100%ig aufmerksam ist. Und wenn sie nicht selber trifft, dann stellt sie mit herausragenden Vorlagen sicher, dass es eine Mitspielerin tut.

Birgit Prinz

Bewunderung von Vera Pauw und eine tolle WM: Aber reicht es für Birgit Prinz zum vierten Titel?

Foto: Volker Lieberum


Die Nominierten aus:

Afrika
Asien
Australien & Neuseeland/ Lisa De Vanna
Dänemark & England
Deutschland
Nordamerika
Norwegen / R. Gulbrandsen
Südamerika; Marta


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