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FIFA-Weltfußballerinnen-Wahl 2006

Hinter die Zahlen geschaut

Analyse des Wahlergebnisses

Von Katja Öhlschläger

24.12.2006

Am Montag wurde im Zürcher Opernhaus bei der "FIFA World Player Gala" erstmals die Brasilianerin Marta als Weltfußballerin geehrt. Sie machte mit 475 Punkten vor der US-Amerikanerin Kristine Lilly (388) und der Deutschen Renate Lingor (305) das Rennen. Das sind die oftmals kurz und knapp zusammengefassten Eckdaten zur Weltfußballerinnen-Wahl 2006. Gelegenheit für uns, sich mal die Voten der TrainerInnen und Spielführerinnen näher anzuschauen.

Seit es Personenwahlen im Sport gibt, sind subjektives Abstimmungsverhalten und fehlendes Vergleichsmaterial regelmäßig Diskussionsgegenstand im Vorfeld entsprechender Wahlen. So selbstverständlich auch bei der Wahl zur Weltfußballerin des Jahres, die wegen der seltenen Fernsehübertragungen und medialem Desinteresse in vielen Ländern mit zusätzlichen Problemen zu kämpfen hat (Vgl. das Interview mit Tatjana Haenni, FIFA Women's Managerin).

Probleme, die sich augenscheinlich auch in der Stimmabgabe niedergeschlagen haben. Von 146 an der Wahl beteiligten Ländern, von denen acht nicht von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht haben und die Wahlberechtigten von vier Ländern nur unvollständig votiert haben, haben nämlich allein in 28 Nationen Trainer und Spielführerin ein exakt identisches Votum abgegeben. In weiteren 11 Ländern waren ebenfalls die drei Namen, nicht allerdings die Reihenfolge die gleichen. Damit stimmten die Namen der ausgewählten Spielerinnen in 29,5 % bei Trainern und Kapitänen überein, in 21,2 % der Länder war das Trainervotum ein Duplikat des Spielführerinnenvotums und andersrum.

Renate Lingor

Renate Lingor wurde von den TrainerInnen und Spielführerinnen der besten 30 FF-Nationen am häufigsten auf Platz 1 gewählt.

Foto: Nora Kruse

Die meisten dieser Länder sind in der FIFA-Weltrangliste weit abgeschlagen jenseits der 100 zu finden und kommen mit den führenden Frauenfußball-Nationen nahezu überhaupt nicht in Kontakt, weil sie bei Vorausscheidungen zu großen Turnieren zumeist bereits in Vorrunden ohne Beteiligung der Spitzenmannschaften die Segel streichen müssen. So auch die Mannschaft Bahrains, für die der Deutsche Hans-Peter Briegel als Trainer der Männer-Nationalmannschaft abgestimmt hat, und die ab dem kommenden Jahr von der langjährigen Frankfurter Trainerin und Vereinsvorsitzenden Monika Staab betreut werden wird. Es lohnt sich daher, separate Statistiken für die Abstimmungen der führenden Frauenfußball-Nationen anzulegen, die aufgrund direkter Duelle über größere Vergleichsmöglichkeiten verfügen. Dazu weiter unten mehr.

Ingvild Stensland

Schneidet bei den Top-Nationen wesentlich besser ab als insgesamt und ist die zweite Wahl von Birgit Prinz und Silvia Neid: Ingvild Stensland aus Norwegen

Foto: Nora Kruse

Interessant ist aber auch das Votum aus Brasilien. Sowohl der Trainer Jorge Luiz Barcellos als auch Spielführerin Aline Pellegrino


Marta

Marta (l./ hier gegen Helen Fagerström) flog zum Weltfußballerinnen-Titel.

Foto: Erik Muskus

entschieden sich unisono für eine ausgefallene Kombination, nämlich Ma Xiaoxu (China), Cynthia Uwak (Nigeria) und Monica Ocampo (Mexiko). Vor allem Uwak punktet stark in Afrika und landet sogar vor der bei den Top-Nationen hoch geschätzten Ingvild Stensland auf Rang 11. So kommt es, dass nicht etwa international unbekanntere Spielerinnen wie Ocampo oder Uwak den letzten Platz einnehmen, sondern Dänemarks Fußballerin des Jahres, Cathrine Paaske Sörensen. Auch im vergangenen Jahr übrigens hatte die Kopenhagenerin schon die rote Laterne getragen. In Europa bleibt die Dänin bis auf Spanien ohne Stimme und wird stattdessen von den Spielführerinnen aus Surinam, Mali und dem Trainer Dschibutis auf magere 11 Punkte gehievt.

Werbung in eigener Sache zu machen, das ist offenbar vor allem Renate Lingor gelungen. Mit Bjarne Berntsen (Norwegen), Yury Bystritskiy (Russland), Hope Powell (England), Anna Signeul (Schottland) und Pietro Ghedin (Italien) haben gleich fünf Trainer von Mannschaften, gegen die die deutsche Nationalmannschaft in jüngster Vergangenheit antrat, die Frankfurterin auf Platz 1 gesetzt. Bei den Spielführerinnen sind es mit der Schweizerin Prisca Steinegger und der Engländerin Faye White zwei, wobei Ane Stangeland (Norwegen) und Kristine Lilly (USA) die deutsche "10" auch schon an zweiter Stelle nennen. Ähnliches gelang möglicherweise auch der Chinesin Han Duan, die US-Coach Greg Ryan ganz vorne sieht. Silke Rottenberg sehen die chinesische Kapitänin Pu Wei, die italienische Spielführerin Patrizia Panico und Frankreichs Trainerin Elisabeth Loisel auf Rang zwei. Hope Powell, Thomas Dennerby (Schweden) und die russische Kapitänin Elena Fomina setzen die deutsche Torfrau an die dritte Stelle.

Malin Moström

Im Endergebnis Neunte, wäre sie jedoch Vierte, würden nur die Verantwortlichen der 30 Bestpplatzierten der Weltrangliste abstimmen: Malin Moström aus Schweden, die in dieser Woche ihre Karriere beendet hat.

Foto: Nora Kruse

Kommen wir nun zum Abstimmungsverhalten der TrainerInnen und Spielführerinnen der ersten 15 bzw. 30 Nationen der FIFA-Weltrangliste. Auf den ersten drei Plätzen tut sich bei modifizierter Berechnungsgrundlage nichts, sie werden von Marta, Kristine Lilly und Renate Lingor - auch in dieser Reihenfolge - eingenommen. Marta, die im offiziellen Endergebnis 87 Punkte (5 für den ersten Platz, 3 für den


zweiten, 1 Punkt für den dritten Platz im Votum der Wahlberechtigten) vor Lilly liegt, ist mit der US-Amerikanerin nach der Entscheidung der Top 15-Trainer und Spielführerinnen allerdings gleichauf: 41 Punkte. Nimmt man nur die ersten 10 Nationen, zieht Lilly mit 36 zu 32 Punkten sogar an der Weltfußballerin vorbei, was aufgrund der niedrigen Zahlenwerte allerdings nicht mehr als eine Spielerei darstellt. Denn bei den Top 30 liegt Marta mit 84 gegenüber 73 Punkten von Lilly schon deutlicher in Front. Allerdings noch dicht gefolgt von Lingor mit 66 Punkten, die am häufigsten auf Platz 1 gesetzt wird (10mal).

Silke Rottenberg

Deutschlands Stammtorfrau Silke Rottenberg kam auf einen guten sechsten Platz.

Foto: Nora Kruse

Schon auf Platz fünf bei den Top 15 und auf Platz vier bei den Top 30 landet die Schwedin Malin Moström, die in dieser Woche gerade erst ihren Rücktritt bekannt gab. Mit Kristine Lilly und Cheryl Salisbury (Australien) sehen sie gleich zwei Kapitäne der Top 15-Nationen an erster Stelle, Christine Sinclair (Kanada) und Faye White in ihr die zweitbeste Spielerin der Welt. Auf 7 bei den Top 15-Nationen und auf 10 bei den Top 30-Nationen käme die am Ende auf Rang 13 rangierende Norwegerin Ingvild Stensland, die auch bei den Wahlberechtigen aus Deutschland hoch im Kurs steht. Birgit Prinz und Silvia Neid entscheiden sich beide für Lilly auf Platz eins, gefolgt von Stensland. Für Italiens Coach Ghedin ist die mit einem Wechsel zu Kopparbergs/Göteborg liebäugelnde norwegische Defensivspielerin gar die Nummer eins der Welt. Auffällig ist also vor allem die herausragende Platzierung von Malin Moström bei den führenden Nationen, die in der Endabrechnung nur fünf Punkte vor Schwedens Fußballerin des Jahres Lotta Schelin liegt, bei den Top 30 mit 48 gegenüber sechs Punkten ihrer Nationalmannschafts-Kollegin aber weit enteilt ist.

Hier die Ergebnisse unter Einbeziehung der 1.) Top 15-Nationen laut FIFA-Weltrangliste und 2.) Top 30-Nationen laut FIFA-Weltrangliste: PDF-Datei

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