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Europameisterschaft 2009

Gelingt in Finnland die Trendwende?

Teamvorstellung Russland

Text von Matthias Behlert
Bilder von Katrin Müller

08.08.2009   Der russische Meister Zvezda 2005 Perm machte in der abgelaufenen Saison im UEFA-Cup auf sich aufmerksam. In diesem Wettbewerb bezwangen die Russinnen etablierte Mannschaften wie Brøndby IF und Umeå IK, bevor sie sich dann im Finale dem FCR 2001 Duisburg geschlagen geben mussten. Stark also auf Vereinsebene, doch wie ist die russische Nationalmannschaft einzuschätzen?

Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft der Frauen ist in Russland noch etwas kürzer als in den meisten anderen europäischen Ländern. Das Premierespiel einer sowjetischen Auswahl fand erst am 26. März 1990 im bulgarischen Kazanlak statt (4:1 gegen die Auswahl des Gastgeberlandes). Als Nationalmannschaft Russlands trat erstmals am 17. Mai 1992 ein Team in Erscheinung (0:0 gegen Ungarn in Budapest). Danach ging es zunächst zügig aufwärts. 1993 gelang bei der ersten Teilnahme an einer Europameisterschaft der Vorstoß ins Viertelfinale. Da die Qualifikation hierfür bereits 1991 begonnen hatte, gilt dies als das beste Ergebnis einer UdSSR-Auswahl. Zwei Jahre später konnte die nun russische Auswahl diesen Erfolg wiederholen. 1999 schließlich konnte sich Russland erstmals für die Weltmeisterschafts-Endrunde qualifizieren und erreichte dort ebenfalls das Viertelfinale, was ihnen auch in der WM 2003 gelingen sollte.

Tatjana Skotnikova

Ob nun allein oder als Doppel-6 mit Elena Fomina: Kapitän Tatjana Skotnikova wird mit Sicherheit eine Schlüsselrolle im defensiven Mittelfeld spielen

Seither war die Erfolgsbilanz der russischen A-Auswahl jedoch eher rückläufig. Wurde bei den Europameisterschaften 1997 und 2001 noch die (1997 eingeführte) Gruppenphase der Endrunde erreicht, so kam das Aus für die EM 2005 bereits in der Relegation gegen Finnland. Auch die WM-Endrunde 2007 wurde verpasst, da es die Russinnen schon in der Qualifikation mit dem alten und neuen Weltmeister Deutschland zu tun bekamen. Die Qualifikation für die diesjährige Europameisterschafts-Endrunde gelang mit Ach und Krach über die Relegation gegen Schottland - dank der Auswärts-Torregel und eines schottischen Eigentors im Rückspiel (3:2 in Edinburgh, 1:2 in Moskau).

Einen Paukenschlag lieferte 2005 indes die russische U19-Auswahl, die bei der in Ungarn stattfindenden Juniorinnen-EM überraschend Europameister wurde (3:1 im Halbfinale gegen Deutschland, 8:7 n.E. im Finale gegen Frankreich). Mit dem 3. Platz bei der U19-EM des darauf folgenden Jahres unterstrich das Team, dass dieser Erfolg nicht ganz von ungefähr gekommen war. Neue Generationen von russischen U19-Nationalspielerinnen sind seither jedoch dreimal bereits in der 2. Qualifikationsrunde gescheitert.

Elena Danilova

Dieses Portrait weckt bei vielen Fans des deutschen Juniorinnen-Fußballs unangenehme Erinnerungen. Doch scheint Elena Danilova, die Deutschlands U19 2005 drei Tore einschenkte, nur im Gespann mit Elena Terechova zu Höchstform auflaufen zu können

Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass den Kern der aktuellen A-Nationalmannschaft acht bis neun Spielerinnen im Alter von 22 bis 23 Jahren bilden, nämlich fast die komplette Europameisterelf von 2005. Dies sind Elvira Todua im Tor, Ksenia Tsybutovitch und Anna Kozhnikova in der Abwehr, Elena Morozova, Nadezhda Chartchenko und Elena Terechova im Mittelfeld sowie Olga Petrova und Elena Danilova im Angriff. Letztere ist vielen deutschen FF-Fans noch gut in Erinnerung, da sie die Meinert-Elf vor vier Jahren mit ihrem Hattrick fast im Alleingang aus dem Turnier gekickt hat.


Frauenfußball  Nationalmannschaft Russland

Die russische Aufstellung im abschließenden Testspiel gegen Deutschland in Bochum. V.l.: Skotnikova, Kotchneva, Djatchkova, Sotchneva, Suslova, Tsybutovitvch, Fomina, Morozova, Pertseva, Savtchenkova, Kurotchkina. Nur gut die Hälfte von ihnen dürfte auch bei den Gruppenspielen in Finnland in der Startelf stehen.

Ein Fragezeichen steht noch hinter der Teilnahme der Mittelfeldspielerin Oksana Titova an der EM. Mit Ausnahme von Tsybutovitch, die im Frühjahr zum amtierenden Meister und UEFA-Cup-Finalisten Zvezda 2005 Perm wechselte, spielen alle Genannten bei Rossijanka, einem Verein aus dem Moskauer Vorort Krasnoarmejsk. Dieser Club stellt mit Abstand den größten Anteil des erweiterten EM-Kaders, nämlich etwa zwei Drittel. Praktisch jede Russin im Team von Rossijanka steht auch im Kader der Nationalelf. Etwa ein Viertel der Auswahlakteurinnen steht bei Zvezda 2005 unter Vertrag, drei bis vier Spielerinnen wird der Verein der Moskauer Leistungssportschule Ismajlovo nach Finnland abstellen.

Cheftrainer und Nachfolger von Jurij Bystritskij ist seit Mai 2008 Igor Shalimov, einst selbst sowjetischer und russischer Nationalspieler, der in den Neunzigern für mehrere italienische Vereine, für den MSV Duisburg und den FC Lugano kickte.

Igor Shalimov

Cheftrainer Igor Shalimov hat nach eigener Aussage den Frauenfußball vor zwei Jahren noch nicht ernst genommen. Doch das scheint sich gründlich geändert zu haben

Bei der Auswahl der EM-Formation stand Shalimov vor einem gewissen Dilemma. Der Verein Rossijanka („Die Russin”), welcher vom Gouverneur des Bezirks Moskau und vermutlich auch von Militärkreisen (Krasnoarmejsk = ”Rote-Armee-Stadt”) unterstützt wird, wurde 2004 mit dem Ziel gegründet, ein Eliteteam zu schaffen, welches nicht nur innerhalb des russischen Frauenfußballs eine herausragende Rolle spielen, sondern zugleich die russische Nationalmannschaft schlechthin werden sollte. Nachdem die besten Spielerinnen der bis dahin dominierenden Vereine Energija Voronezh, Lada Togliatti, VVS Samara, Rjazan-VDV und Nadezhda Noginsk angeworben worden waren, schien diese Strategie zunächst aufzugehen, denn 2005 und 2006 beherrschte Rossijanka sowohl das Meisterschafts- als auch das Pokalgeschehen in Russland.

Elena Morozova

Auch Mittelfeldspielerin Elena Morozova, hier beim Testspiel in Bochum im Zweikampf mit Babett Peter, gehört zu den U19-Europameisterinnen von 2005

Doch dann durchkreuzte ein Verein aus dem fernen Ural diese Pläne. Zvezda 2005 Perm gelang bereits ein Jahr nach seiner Gründung der Aufstieg in die erste Liga, zwölf Monate darauf wurde die erste Meisterschaft gewonnen, und spätestens seit diesem Jahr darf Zvezda als eine der besten Vereinsmannschaften Europas gelten. Shalimov musste sich also entscheiden, ob sein Team vornehmlich auf Rossijanka, insbesondere auf den seit ihrer Jugend eingespielten U19-Europameisterinnen von 2005 basieren oder ob er einen größeren Anteil von Zvezda-Spielerinnen – ergänzt um einige Akteurinnen von Ismajlovo – integrieren sollte. Das einstweilige Ergebnis deutet eher auf die letztere Option hin, wenngleich die Spielerinnen von Rossijanka


beim Testspiel gegen Deutschland am 06.08.09 nicht in vollem Umfang zur Verfügung standen, da der Verein noch zwei Tage zuvor auf Zypern um den Einzug in die K.O.-Runde der Champions League kämpfen musste. Auch aus einem anderen Grund lässt dieses Testspiel bestenfalls in der Defensive Rückschlüsse auf die Aufstellung in Finnland zu, nicht jedoch in der Offensive. Bis zu Danilovas Einwechslung in der 61. Minute stand nämlich keine einzige etatmäßige Stürmerin auf dem Platz – was offensichtlich einer gewissen Verschleierungstaktik geschuldet ist.

Valentina Savtchenkova

Beim Testspiel in Bochum war Valentina Savtchenkova zu schnell für Kerstin Stegemann. Ein ums andere Mal ließ die russische offensive Mittelfeldspielerin die deutsche Routinierin stehen

Als gesetzt dürfte die Doppel-6 Skotnikova-Fomina gelten, mit einzelnen Variationen wohl auch der Abwehrriegel Suslova-Pertseva-Tsybutovitch-Dyatchkova (Kozhnikova) – wobei hier noch mit den Rossijanka-Spielerinnen Olga Porjadina und Oksana Shmatchkova zu rechnen ist. Im Tor dürfte trotz der in Bochum sehr ansprechenden Leistung der jungen Elena Kotchneva die etatmäßige Nr. 1 Elvira Todua stehen.

Im Sturm sind Elena Danilova, Natalja Barbashina und Olga Letjushova (beste einheimische Torschützin der abgelaufenen Liga-Saison) zu erwarten, im offensiven Mittelfeld Elena Terechova, Valentina Savtchenkova, Elena Morozova oder Olesja Kurotchkina – die letztere (Schützin des 1:1 in Bochum) jedoch möglicherweise auch im zentralen Sturm. Besondere Bedeutung in der Offensive kommt dem Gespann Terechova-Danilova zu. Beide sind seit ihrer Kindheit unzertrennlich und haben stets gemeinsam den Verein gewechselt (u.a. 2006/7 FC Indiana). Terechova fungiert vorzugsweise als geniale Passgeberin für Danilova, ist sich jedoch nie zu schade, auch selbst aufs Tor zu schießen.

Der Erwartungsdruck, der auf diesem Team und dem Trainer lastet, ist hoch wie nie zuvor. Mehrere russische Zeitungen und Internetportale haben eine PR-Kampagne unter dem Motto „Fiebere bei der EURO 2009 mit den Unseren mit!” gestartet, in deren Rahmen Dutzende Prominente aus Sport, Kultur und Politik die russischen Fußballerinnen ihrer Unterstützung versichern. Dazu zählt auch der Trainer der russischen Männer, Guus Hiddink, der bei den Frauen einige Trainingseinheiten übernommen hat.
Bei der EM wird also auch mit zahlreichen Fans aus dem Nachbarland zu rechnen sein. Ein erfolgreiches Auftreten der Russinnen in Finnland könnte einen Durchbruch für das Ansehen des Frauenfußballs in Russland bedeuten – das sang- und klanglose Ausscheiden in der Gruppe hingegen würde in dieser Beziehung sicher einen lange nachwirkenden Rückschlag heraufbeschwören.
Diese Gruppe ist mit den Gegnern Schweden, England und Italien gewiss nicht ohne, jedoch sollte das Erreichen des Viertelfinales als einer der beiden besten Gruppendritten im Bereich des Möglichen liegen. Ein noch größerer Erfolg wäre nach Lage der Dinge eine echte Überraschung ...



Weitere Bilder von Katrin Müller unter:
www.kapixblog.net


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