. . . .

FanSoccer

Das Frauenfußball-Magazin



Europameisterschaft 2009

„Nur wenige erwarten ein gutes Abschneiden von uns”

Teamvorstellung Norwegen

Text von Gunhild Pedersen (Oslo) / Michael Geist
Bilder von Michael Geist

23.08.2009   Norwegen kann im Frauenfußball auf große Erfolge zurückblicken. Die Mannschaft des Königreichs nahm an fünf WM-Endrunden teil und wurde 1995 Weltmeister. 1987 und 1993 wurde Norwegen Europameister, im Jahr 2000 holte das norwegische Team olympisches Gold und kann damit einen Titel vorweisen, der dem deutschen Team immer noch fehlt. Doch in der jüngeren Vergangenheit rutschte Norwegen etwas ab und belegt in der aktuellen Weltranglise der FIFA derzeit nur Rang 10.

Nachdem viele norwegische Nationalspielerinnen nach der Weltmeisterschaft 2003 aufhörten, baute der neue norwegische Nationaltrainer Bjarne Berntsen eine neue Frauenmannschaft auf. Bei der Europameisterschaft in England knapp 20 Monate später galt Norwegen als das spielerisch beste Team. Die Mannschaft um die geniale Mittelfeldstrategin Solveig Gulbrandsen verlor erst im Finale, als sie auf den deutschen Titelverteidiger traf und mit 1:3 unterlag.

Solveig Gulbrandsen

Auf Mittelfeldspielerin Solveig Gulbrandsen, die hier im Ligaspiel gegen Anja Sønstevold (Kolbotn IL) zum Flanken kommt, ruhen auch bei der EM 2009 viele Hoffnungen in Norwegen

Bei der Weltmeisterschaft 2007 in China erreichten die Norwegerinnen zwar das Halbfinale, unterlagen aber auch dort ihrem Erzrivalen aus Deutschland. Auch das Spiel um Platz drei verloren sie gegen die USA, qualifizierten sich jedoch für die Olympischen Spiele. Im Auftaktspiel revanchierte sich das Team von Trainer Bjarne Berntsen mit einem 2:0-Sieg gegen den Olympiasieger von 2004, die USA. Am letzten Gruppenspieltag erlitten sie eine 1:5 Niederlage gegen die japanische Auswahl, die sich damit die letzte Chance auf das Viertelfinale sicherte. Im Viertelfinale traf Norwegen auf den späteren Finalisten Brasilien und verlor knapp mit 1:2.

Dagegen hatte der Vize-Europameister bei der EM-Qualifikationsrunde keine Probleme: Sieben der letzten acht Spiele gewann man. Lediglich im Rückspiel gegen Russland in Moskau kam es zu einem torlosen Remis. Wie die Schwedinnen qualifizierte sich Norwegen ohne ein einziges Gegentor für die Endrunde.

Trotz des sportlichen Erfolgs kam es vermehrt zu Problemen zwischen einigen Spielerinnen und den beiden Trainern Bjarne


Berntsen und Pål Arne Johansen. Nach dem Spiel gegen Russland traten die Schwestern Marie und Guro Knutsen, Marit Fiane Christensen, Siri Nordby und Lene Mykjåland von der Nationalmannschaft zurück. Im November 2008 kam es mit dem norwegischen Verband zu einer offenen Aussprache, aber die Fronten blieben: Das Quintett schloss eine weitere Karriere bei der Nationalmannschaft aus, solange Bjarne Berntsen Nationaltrainer bleiben würde, während der 52-Jährige die Tür für die Spielerinnen offen ließ. Einige Tagen später beendeten mit Gunhild Følstad und Ane Stangeland Horpestad zwei der wichtigsten Defensivspielerinnen Norwegens ihre Karriere. Damit gingen insgesamt vier Abwehrspielerinnen und nur die erfahrenen Trine Bjerke Rønning und Camille Huse, die nach der Geburt ihres zweiten Kindes zurückkehrte, blieben der Abwehr erhalten.

Camilla Huse

Camilla Huse kehrte nach der Geburt ihres zweiten Kindes in die Abwehr der Nationalmannschaft zurück

Im vergangenen Winter verlor die norwegische Auswahl mit sieben Debütantinnen insgesamt fünf von sechs Spielen (in den Testspielen sowie dem Algarve Cup traf die Mannschaft dabei auf Schweden, Island, Dänemark, die USA und England). Die Probleme der neuformierten Abwehrkette, die 14 Gegentore in sechs Spielen hinnehmen musste, machten Bjarne Berntsen die größten Sorgen: „Uns fehlen drei der vier Stammspielerinnen und wir mussten eine völlig neue Abwehr aufbauen. Aber auch an unser Offensive müssen wir noch arbeiten.” Die aus Protest zurückgetretene National-Angriffsspielerin Guro Knutsen sah viele Gründe für den Zusammenbruch. „Ich denke nicht, dass der Abschwung geschehen ist, nur weil fünf Røa-Spielerinnen fehlten. Die Mannschaft vermisst auch ihre Kapitänin Ane Stangeland Horpestad und Gunhild Følstad”, sagte die 23-jährige. Für sie war es interessant, die verschiedenen Mannschaften zu beobachten. In Norwegen gibt es eine starke Liga wie die Damallsvenskan in Schweden. Aber es gäbe zu wenig internationale Spielerinnen in Norwegen, die die Liga aufwerten würden. So stehe das Land vor der großen Herausforderung, die stärker gewordene Konkurrenz in Schach zu halten, schätzte die West-Osloerin am Rande des Algarve-Cups die Situation ein. Doch schöpften die Nordländerinnen eine kleine Hoffnung, als sie das Spiel um Platz neun gegen Österreich mit 2:0 gewannen. „Es ist gut, aus dem Turnier mit einem Sieg herauszugehen, nachdem wir zuvor Enttäuschungen wegstecken mussten”, sagte Bjarne Berntsen.

Guro Knutsen

Guro Knutsen ist mit vier anderen Spielerinnen aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, solange Bjarne Berntsen dort noch Trainer ist, führt die aktuellen Probleme des Teams jedoch nicht auf diesen Konflikt zurück


Die Vorbereitung für die Endrunde der Europameisterschaft und das Einspielen der neuformierten Nationalmannschaft wurden erschwert durch den Terminplan der norwegischen Liga, der Toppserien. So konnten viele Nationalspielerinnen nicht an den Lehrgängen teilnehmen, weil die Spieltermine in diesem Frühjahr und im Juli (17 Toppserien-Spiele plus Pokalspiele von Ostermontag bis 07.Juli 2009) verstopft waren.

Erst vier Wochen vor dem Europameisterschaftsbeginn fingen die Fußballerinnen zusammen zu trainieren an. Doch setzt Bjarne Berntsen große Hoffnungen gerade auf seine jungen Spielerinnen aus U19-, U21- und U23-Nationationalmmanschaften. Inzwischen verfügt Norwegen über eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen Spielerinnen, wie auch die Toppserien-Klubs in dieser Saison. Am 19. August hat Norwegen mit vier jungen Spielerinnen das letzte Testspiel vor der EM-Endrunde in Enköping gegen Schweden mit 1:0 gewonnen!

In der Gruppe trifft Norwegen gleich zum Auftakt auf den amtierenden Europameister Deutschland - dieses Duell ist in den vergangenen Jahren zu einem Klassiker des europäischen Frauenfußballs geworden -, dann wartet mit den Isländerinnen ein weiterer schwerer Brocken. Ob die Revanche für die Niederlage beim Algarve-Cup gelingt? Zum emotionalen Höhepunkt könnte das dritte und letzte Spiel gegen Frankreich werden. Die Nordländerinnen warten schon seit dem 2-:0 am 20. September 2003 in Philadelphia/USA auf einen Sieg gegen Frankreich.

Bilanz: gegen Deutschland 13 – 5 – 13 / 46-50 Tore; gegen Island 4 – 1 – 1 / 19-8 Tore; gegen Frankreich 8 – 5 – 2 / 25-8 Tore

Stürmerin Lindy Melissa Wiik hofft gegen die Gegner in der Gruppe auf eine positive Überraschung. „Die anderen Teams haben uns noch nicht zusammen spielen gesehen, deshalb kennen sie unseren Stil nicht so gut”, erläutert die 24-jährige ihren Optimismus. „Das könnte unser Vorteil sein. Wir wachsen langsam zusammen und werden immer besser. Die Mannschaft ist nicht so erfahren wie die Mannschaft, die 2005 ins Finale gekommen ist, aber die jungen Spielerinnen sind wirklich gut”. Auch laste kein Druck auf den Schultern der Spielerinnen, wie die Stürmerin bestätigte. „Nur wenige erwarten ein gutes Abschneiden von uns”, erklärte Wiik in der norwegischen Presse.

Lindy Melissa Wiik

Lindy Melissa Wiik hat in 17 Ligaspielen bereits 15 Tore erzielt und hofft, dass die anderen Mannschaften das neugebildete norwegische Team unterschätzen

Der erfolgreiche Nationaltrainer Bjarne Bernsten hatte bereits im Januar bekannt gegeben, dass er nach der Europameisterschaft in Finnland seine Tätigkeit als Trainer beenden möchte. Mit Eli Landsem übernimmt erstmals eine Frau das Amt, ab 1.Oktober 2009 die norwegische Nationalmannschaft zu trainieren. Bernsten glaubt, dass es sein Team mit den neuen Spielerinnen bis ins Halbfinale schaffen kann.


Teil 2, die Spielerinnen

Zur Europameisterschaft 2009

Zur FanSoccer-Startseite