Von Nora Kruse (Text u. Fotos)
05.08.2009
Silvia Neid, Vera Pauw, Michael Käld – die Gemeinsamkeit dieser Nationaltrainer/innen ist nicht nur, dass sie sich bei der Europameisterschaft in
Finnland treffen werden, sie haben auch alle den gleichen Tipp abgegeben: mit England wird bei dieser EM zu rechnen sein. Immer dabei, aber bis auf 1984
ohne tragende Rolle, das wollen die „Three Lions“ in in diesem Jahr ändern. Gestern gab Trainerin Hope Powell ihren 22-köpfigen
Kader bekannt.
Es war schon ein Paukenschlag, für den Powell sorgte, auch twitternde Journalisten, die im Wembley Stadion der Nationaltrainerin lauschten, schickten in
die Welt: „Euro ohne Rachel Yankey. Große Überraschung.“ Doch bei näherer Betrachtung mag nur die konsequente Haltung der 42-Jährigen überraschend sein,
immerhin ist Yankey ihre erfahrenste Akteurin. Aber spielerisch war es nicht das Jahr der Rachel Yankey – in nur einem offiziellen Länderspiel stand die
Flügelflitzerin von Arsenal über 90 Minuten auf dem Platz.
Es könnte ein Wachrüttler von Hope Powell zum richtigen Zeitpunkt sein, vor zwei Jahren hat dies schon einmal funktioniert: Yankeys Rivalin um die Position
auf der linken Außenbahn, Sue Smith, durfte nicht mit zur Weltmeisterschaft. Die Enttäuschung darüber stand der damals 27-Jährigen aus Leeds ins Gesicht
geschrieben, sie legte sich danach jedoch mächtig ins Zeug. Konsequenz: Smith hat das EM-Ticket in der Tasche.
Hope Powell glaubt, die richtige Mischung aus jungen und erfahrenen Spielerinnen gefunden zu haben.
Brown oder Bardsley?
War sie fit, war sie die Nummer Eins: Rachel Brown. Die 57-fache Nationalspielerin war in der Vergangenheit der Rückhalt der „Lionesses“. Doch weit
abseits der Heimat machte in den letzten Monaten eine andere Torhüterin auf sich aufmerksam: Karen Bardsley, mit 24 Jahren Stammtorhüterin bei Sky Blue FC
in der amerikanischen Profiliga. Mit nur einem Länderspiel hat sie international wesentlich weniger Erfahrung als Brown – eine Überraschung während der
EM ist jedoch nicht ausgeschlossen.
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Wie vor zwei Jahren blieb Faye White auch vor diesem Großereignis nicht verletzungsfrei.
Wie fit ist Faye White?
Keine Überraschungen bot Hope Powell in der Abwehr auf. Als gesetzt dürften die erfahrenen Außenverteidigerinnen Alex Scott und Casey Stoney gelten, in der
Innenverteidigung bieten sich gleich mehrere Spielerinnen an, an der Spitze Kapitänin Faye White. Ist sie fit, wird sie spielen, doch die 31-Jährige blieb
in diesem Jahr von Verletzungen nicht verschont und verbrachte auch bei Arsenal viel Zeit auf der Ersatzbank. Dass sie sich zurück kämpfen kann, bewies sie
allerdings bei der vergangenen Weltmeisterschaft. Famos war ihre Leistung, obwohl sie zehn Monate zuvor noch wegen eines Kreuzbandrisses auf Krücken durch
die Stadien gelaufen war.
Die Kandidatinnen, die die Viererkette auffüllen könnten, sind Lindsay Johnson und Laura Bassett – mit Vorteilen bei Johnson, die in diesem Jahr zumeist
den Vorzug erhielt und mit 33 Länderspielen dreimal mehr absolviert hat, als die Verteidigerin von Arsenal.
4-3-3 oder 4-5-1
Problem der Engländerinnen in der Vergangenheit: das „Entweder-oder-Prinzip“. Bei einem starken Gegner stellte Hope Powell auf das defensivere 4-5-1-System
um. Unvergessen dabei die vergangene WM, bei der das englische Defensivbollwerk den Deutschen ein 0:0 abrang. Bei einem schwächeren Gegner heißt es 4-3-3.
Gefehlt hat die Fähigkeit, den Sturm nicht zu vernachlässigen und dennoch hinten sicher zu stehen.
Für ein stärkeres defensives Mittelfeld bieten sich bei den Engländerinnen Anita Asante und Rachel Unitt an, beides erfahrene Spielerinnen – Asante kickt
seit dieser Saison bei Sky Blue FC in den Vereinigten Staaten. Die 24-Jährige hat in der Vergangenheit auch schon bewiesen, in der Viererkette spielen zu
können, 2007 sprang sie für die verletzte Faye White bei Arsenal auf dieser Position ein.
Zuverlässige Kraft im defensiven Mittelfeld ist darüber hinaus Katie Chapman. Die zweifache Mutter hat bislang 67 Länderspiele absolviert, war bei jedem Großereignis
mit von der Partie und zählt zu den fittesten und zweikampfstärksten Spielerinnen.
Die Kreativkräfte im Zentrum sind ohne Frage Fara Williams und Kelly Smith,
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die als gesetzt gelten. Entscheidend ist das Zusammenspiel mit den
Außenbahnen. Durch die Nicht-Berücksichtigung von Yankey bietet sich Sue Smith für die linke Seite an. Schon in den Vergangenheit war es Standard,
eine der beiden beginnen zu lassen und nach 45 bis 60 Minuten gegen die andere auszutauschen. Alternativen auf der linken Seite könnten allerdings
schwierig werden, Spezialistinnen gibt es keine. Ob und wie Powell Dani Buet und Jessica Clarke hier integriert, bleibt abzuwarten – die internationale
Unerfahrenheit der beiden könnte auf der für sie fremden Position ein zusätzliches Risiko sein. Denkbar wäre Lianne Sanderson, die auf Vereinsebene hier
schon ausgeholfen hat.
Rechter Flügel: Karen Carney
Der Stern der Karen Carney ging bei der vergangenen EM auf, mittlerweile hat sie 48 Länderspiele auf dem Konto, gewann mit Arsenal
2007 den UEFA Cup und spielt seit dieser Saison bei Chicago in der amerikanischen Profiliga. Ihre Flügelläufe auf der rechten Seite sind konkurrenzlos im
englischen Team. Durch das Zusammenspiel mit Alex Scott in der Abwehr ist die rechte Seite ohne Frage eine der Stärken.
Unverzichtbar: Karen Carney
Junger Sturm
Mit Eniola Aluko (22), Sanderson (21) und Clarke (20) sind junge Stürmerinnen an Bord, Sanderson war in der Vergangenheit nicht
immer erste Wahl der Nationaltrainerin, obwohl sie in der Liga zu den Besten gehört. Clarke debütierte erst im Frühling im Nationaldress,
in drei Länderspielen erzielte sie ein Tor. Im Sturm sind jedoch, je nach Gegner, verschiedene Möglichkeiten denkbar, darunter
eine offensivere Ausrichtung von Kelly Smith. Denn auch, wenn England mit Sicherheit über einen talentierten Angriff verfügt, an Toren gemessen
sind die Mittelfeldspielerinnen Kelly Smith und Williams weit effektiver.
Tipp
Wenn vorher ein bisschen Glück dabei ist, was den Viertelfinalgegner angeht, ist England ein heißer Kandidat für das Halbfinale.
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