Europameisterschaft 2005

Endet(e) die Fussballeuphorie mit dem Ausscheiden der Gastgeberinnen ?

Eine persönliche Zwischenbilanz von der Euro 2005 nach der Vorrunde

Von Martin Kochem (Text und Fotos)

14.06.2005

„Die Zukunft des Fußballs ist weiblich“ versprach FIFA-Präsident Sepp Blatter, nachdem durch die WM 99 in den USA dort ausgelösten Boom. Ähnliches vollzog bzw. vollzieht sich auch hierzulande nach dem 4 Jahre später errungenen Weltmeisterschaftstitel. Wie die Geschichte über dem großen Teich weiter ging, dürfte wohl jedermann bekannt sein… Und wie lange sich der deutsche Frauenfussball noch weiter zunehmender öffentlicher Beachtung erfreuen darf bzw. wird, vermag auch der kühnste Analytiker wohl nicht zu prophezeien… Nun hofft man selbstredend auch im Mutterland des (männlichen) Balltretens, diesen Effekt auch durch die angelaufene EM beim angeblich schwachen Geschlecht nachhaltig festzustellen. Durch das vorzeitige, wenn auch unglückliche und vielleicht auch unverdiente Ausscheiden der Frauen von der Insel ist diese erhoffte Euphorie selbstredend mehr als in Frage gestellt und es bleibt (nicht nur im weiteren Turnierverlauf) abzuwarten, ob der englische Frauenfussball vom „grauen Alltag“ eingeholt wird.

Nach meiner (zwischenzeitlichen) Rückkehr hier eine erste Zwischenbilanz:

1. Zuschauerresonanz

So wechselhaft und unterschiedlich wie das Wetter in dieser ersten Turnierwoche: 29.092 zahlende (jedoch wohl nicht anwesende) Besucher beim Auftaktmatch der Engländerinnen gegen Finnland im „City of Manchester Stadium sowie immerhin 25.964 Augenzeugen beim alles entscheidenden „Gruppenendspiel“ der Hausherrinnen gegen Schweden stehen so ernüchternden Zahlen wie jeweils 1.500 bei den ersten beiden Spielen des (immerhin) amtierenden Welt- und Europameisters Deutschland gegen Norwegen (in Warrington) bzw. Italien (in Preston) gegenüber. Die Tatsache, dass zu den weiteren Gruppenspielen des zweiten bzw. dritten Spieltages auf einmal über 3.000 und damit mehr als das doppelte an Zuschauern in die Stadien strömte, deutet darauf hin, dass insbesondere in den Kleinstädten Warrington und Blackpool entweder nochmals die Werbetrommel gerührt wurde oder aber die überwiegend guten Leistungen endlich einmal honoriert wurden.

Wenn man danach geht, müsste der Titelverteidiger und Topfavorit dieses Turniers eigentlich die meisten (neutralen) Besucher anziehen – warum dem nachweislich nicht so war, bleibt mir persönlich ebenso unerklärlich wie die für mich persönlich enttäuschende Anzahl angereister FF-Fans aus unserem Heimatlande. Die Tatsache, dass ich bei jedem der 3 deutschen Vorrundenspiele große Probleme hatte, die von mir bestellten verbilligten Gruppenkarten für 1 Pfund an die deutsche Frau bzw. den deutschen Mann zu bringen, sagt doch mehr als genug aus. In diesem Zusammenhang bleibt es mir auch nicht erspart, den DFB von Kritik herauszunehmen, welcher es jedenfalls nicht für erforderlich hielt, deutsche Schlachtenbummler mit einem solch lukrativen Angebot auf die Insel zu locken und sich offensichtlich schlicht und einfach zu bequem dafür war – „schade eigentlich“. Dass so etwas durchaus möglich ist, hat der hiesige Fussballbund eindrucksvoll unter Beweis gestellt, indem dieser für die Vorrundenspiele der U 20-Männer bei deren WM in den Niederlanden alle Kontingente auf- sowie an Interessierte weiterverkauft hat.

Bleibt die Hoffnung, dass sich das zum Halbfinale und (hoffentlich) insbesondere zum Finale noch ändern wird….

Umfangreiches Rahmenprogramm vor dem Spiel von Gastgeber England gegen Schweden in Blackburn

2. Stadien

Die für die Matches der Gastgeberinnen auserkorenen Stadien mit jeweiligen Fassungsvermögen von 48.000 (Manchester) bzw. Blackburn (32.000) waren sicherlich angebracht bzw. angemessen. Warum jedoch die anderen Gruppenspiele in Stadien ausgetragen wurden, welche entweder halbfertige bzw. offene Baustellen sind (Blackpool) oder


Volle Ränge im "City of Manchester Stadium" beim Auftaktmatch England - Finnland

aber etwas unorthodox wirken, bleibt das Geheimnis des englischen Fussballverbandes bzw. der UEFA. So stellt das Halliwell Jones Stadium zu Warrington eigentlich ein Rugby-Ground dar, welches neben einer schmucken Gegen- sowie Hintertortribüne mit Sitzschalen noch eine Haupttribüne bzw. andere Hintertortribüne mit Stehplätzen besitzt. Dass diese Stehplätze gemäß den bekannten UEFA-Statuten bei einer Europameisterschaft eigentlich gar nicht hätten verkauft werden dürfen, kann nach dem Ausscheiden der Gastgeberinnen dahingestellt bleiben. Was wäre aber bloß passiert, wenn England sich als Gruppenzweiter der Gruppe A für das dort stattfindende Halbfinale (gegen Deutschland) qualifiziert hätte ?!?

Bei den nunmehr in Warrington und Preston stattfindenden Semifinals dürfte sich die Frage nach ausverkauften Stadien eher nicht stellen… Wie voll es beim Finale in Blackburn wird, bleibt die große Unbekannte und ist wohl als erster Indiz dafür anzusehen, ob der FF-Boom in England mit dem Ausscheiden der Gastgerinnen schon wieder auf dem Rückmarsch ist.

Fußball "auf der Baustelle" Bloomfield Road in Blackpool (Spielszene Schweden-Finnland)

3. Preise und Merchandising

Die Eintrittspreise von fünf, zweieinhalb sowie ein Pfund (Gruppentickets ab 15 Personen) sind (insbesondere für englische Verhältnisse) als absolut fair anzusehen, der Preis von sage uns schreibe 5 (in Worten fünf) Pfund für das (zugegebenermaßen informative und gut gemachte) offizielle Programmheft dürfte hingegen „etwas“ überzogen sein - dies insbesondere wenn man bedenkt, dass wohl gut 70 % der Zuschauer noch kein eigenes Einkommen besitzt.

Englische Fans vor dem Match gegen Schweden...

...und schwedische Fans vor dem Match gegen England

Das Merchandising-Angebot haute mich persönlich auch nicht wirklich von Hocker:

Ein einfallsloses, weißes T-Shirt mit dem (bei jedem EM-Turnier gleichen) UEFA-Women’s Championship-Emblem gehörte jedoch (leider) zum Muss, da es sonst außer englischen und schwedischen Nationaltrikots (für 39 Pfund) nichts gab, was einem kleidungstechnisch einmal an diese Euro erinnern wird.
Hinsichtlich der offiziellen PIN-Anstecknadel dieser Euro gilt das Gleiche: silbergrau und einfallslos. Da dürfte sicherlich nur der eingefleischteste Sammler zuschlagen.


Ein kleiner Bär bzw. Löwe mit nem Logo-Shirt drüber – wem dies 11 Pfund wert ist…

Mehr Fahnen als Fans - das letzte deutsche Vorrundenspiel in Warrington

4. Gastfreundlichkeit

In den diversen Pubs wurde man (wenn man überhaupt als Frauenfussballfan geoutet, d.h. beachtet wurde) sehr freundlich und „normal“ bedient, was bei Männerveranstaltungen sicherlich doch etwas anders ausschauen würde…Ansonsten hatten die Türsteher diverser Nachtbars bzw. –clubs auch nichts gegen Rucksack oder Motto-T-Shirts einzuwenden (nur bei Turnschuhen bzw. Sportbekleidung wurde einem der Eintritt verwehrt!).

5. Stimmung und Fans

Soweit dies von mir persönlich beurteilt werden kann, zeigten sich von den Skandinaviern erstaunlicherweise die Finnen mit dem optisch größten Anhang, sodass das Halbfinale hoffentlich nicht zu einem Auswärtsspiel für unser Team werden wird.

Die Schweden-Supps werden – wie vermutlich auch die Deutschen - zu einem möglichen und von vorneherein vermuteten Finale eintrudeln. Die Dänen sah ich leider nicht und werde sie auch nicht mehr sehen können.

Applaus und ein Dankeschön an die wenigen aus Deutschland angereisten Fans

Beim englischen Anhang durften gut 3/4 noch nicht alleine in den Pub, was jedoch deren Eltern bzw. Aufsichtspersonen bei England-Spielen ausgiebig übernahmen... Die Stimmung in den beiden von mir gesehenen England-Matches gegen Finnland bzw. Schweden ist jedoch für Frauenfussball-Verhältnisse schon als einzigartig zu bezeichnen – nicht umsonst wurde in beeindruckender Manier gleich zwei mal die 20.000er-Marke geknackt, was man auch an der erzeugten Lautstärke merkte...

Zum deutschen Anhang fällt einem nur ein: „wir sind wenig, aber geil!“ Immerhin war man transparent- bzw. fahnenmäßig optisch mehr als präsent, was auch den (Noch-) Daheimgebliebenen nicht entgangen sein dürfte.

6. Sportliche Leistungen und die der Schiedsrichterinnen

Auch hier nichts Neues, wobei sich fast alle Trainer dieser Euro bis zum jetzigen Zeitpunkt einig sind, dass die Kurve der gezeigten Leistungen der Spielerinnen und die der Schiedsrichterinnen in unterschiedliche Richtungen zeigen. Frankreichs Coach Elisabeth Loisel nahm ihre letzte Pressekonferenz (nach dem Ausscheiden) sogar zum Anlass, die gezeigten Leistungen öffentlich zu kritisieren, was Kollegin Theune-Meyer naturgemäß nicht ganz so verbissen sah – warum soll man sich bei 3 Siegen und 8:0 Toren auch über Schiedsrichter-Leistungen beschweren ?!?

Mein Fazit:

Bislang eine muntere, stimmungsfrohe Euro mit weiterhin ansteigenden sportlichen Leistungen – hoffentlich bleibt das auch so und es wird sich das beste Team dieses Turniers den Titel holen, nämlich Deutschland!


 Zur FanSoccer-Startseite