Europameisterschaft 2005

Jetzt lernt Simone chinesisch...

Ein Tagebuch von der EM

Von Michaela und Silvia Schmidt(Text und Fotos)

20.07.2005

Wer von uns auf die Idee gekommen ist und wann, weiß ich eigentlich auch nicht mehr so genau. Es war wahrscheinlich eine unserer genialen Gemeinschaftsideen.

Wir, das sind:
Silvia und Simone und ich, Michaela. Vielen von euch bestimmt bekannt als der harte Kern des FFC-Heike-Rheine-Fanclubs – nämlich die mit der Trommel.
Wie dem auch sei, als die Idee geboren war, ging es recht schnell. Simone als fließend englisch Sprechende wurde dazu verdonnert, die Verhandlungen mit England für Hotel, Leihwagen, Eintrittskarten usw. zu führen. Das hat so perfekt geklappt, dass ihr unser Dank für ewig sicher ist.

Silvia mal nicht hinter, sondern vor der Kamera - mit Uschi Holl (l.) und Kerstin Garefrekes

Dann kam vorher noch die Sache mit den Trikots. Am ersten EM-Montag hatten „unsere Mädels“ das erste Mal offiziell darin gespielt, Dienstag hat der DFB den Verkauf freigegeben und am Freitag hatte ich sie im Hause. Ein freundlicher Mensch hatte sich bereit erklärt, an unserem Abflugtag noch die Beflockung zu machen – wow, sah das gut aus. Nach Hause kommen, Trikots in den Koffer werfen und ins Auto steigen um zum Flughafen zu fahren, waren dann fast eins. Aber stolz wie Oskar, „wir sind bestimmt die einzigen mit den neuen Trikots“.

Wie schon fast erwartet, hatte unser Flug natürlich Verspätung, die bis Manchester auch nicht ganz herausgeholt werden konnte.
Dann der Leihwagen: Als erstes habe ich die Tür aufgerissen, hoffentlich sind wenigstens die Pedale richtig herum angeordnet. Gott sei Dank, sie sind es.
Während des Fluges hatten wir schon Verhandlungen darüber geführt, wer denn nun eigentlich fährt und über Silvias Kommentar haben wir uns fast kaputtgelacht: „ICH? FAHREN? Falsch herum? Im Leben nicht. Ich bin die Fotografin!“ Also haben wir uns so geeinigt: Silvia fotografiert, Simone bedient das Navi und lotst uns durchs Land, und ich fahre. Hm, im Parkhaus aus dem elften Stock konnte ich dann die erste schweißtreibende Übungseinheit schon hinter mich bringen. Aber wir sind heile wieder zuhause gelandet und das Auto hat es auch lebend überstanden, dann kann´s nicht so schlimm gewesen sein.

Unsere Unterkunft

Unser Motel machte von außen einen etwas abgerissenen Eindruck, typisch englisch halt, aber die Zimmer waren dann doch sauber und gemütlich – na ja – so gemütlich wie Hotelzimmer halt sein können. Aber wir haben uns doch wohl gefühlt.

Am zweiten Tag hat uns dann der erste Trip nach Liverpool geführt, dank Simones Navi-Künsten fanden wir uns auch gut zurecht, und ansonsten war der Tag wie im Flug vorbei. Wir mussten allerdings unsere Portemonnaies ziemlich festhalten, denn Einkaufen ohne Ende wäre ein Traum gewesen. Das Beatles-Museum haben wir uns dank des horrenden Eintrittspreises von sage und schreibe 9 Pfund dann aber doch gespart. Außerdem ließ das Wetter mächtig zu wünschen übrig - kalt, windig, regnerisch und so richtig, wie sich jeder das englische Wetter vorstellt.

Liverpooler Impressionen

Genauso war es auch am Tage „unseres“ Halbfinales, was uns aber in der Aufregung kaum störte. Das Football-Museum im Prestoner Deepdale-Stadion war, wie wohl alle Museen in England, kostenlos und sehr interessant.
Als dann langsam aber sicher die anderen Fans auftauchten, waren doch einige deutsche Fahnen, Fähnchen und Mützen zu entdecken, und bekannte Gesichter natürlich auch, die mit großem „Hallo“ begrüßt wurden.

Wie das Spiel ausging, darüber muss ich mich jetzt nicht im Einzelnen auslassen, das haben die Fansoccers schon in gewohnter Perfektion erledigt.
Nur soviel sei gesagt: Die Dame im weißen Trikot mit der 8 vor dem Bauch und der deutschen Fahne hinter sich, die im Fernsehen vor dem Spiel andächtig die Hymne


Deutsche Fans treffen sich in England

mitsingt, die bin ich. In Deutschland waren Familie und Freunde natürlich völlig aus dem Häuschen und mein Handy stand nicht still.

Das Drumherum beim zweiten Halbfinale war ähnlich dem beim ersten. Vergebliche Suche nach Mülltonnen – die gibt’s in englischen Stadien nämlich nicht - wegen der Bombengefahr, wie uns ein freundlicher Mensch auf englisch erklärte. Zugegeben, er hätte mit mir auch chinesisch sprechen können, ich hätte genauso viel verstanden, nämlich nix. Aber mit vereinten Kräften bekamen wir dann mit: Müll auf die Erde, wird aufgefegt - Hauptsache die bösen Buben haben keinen Platz zum Bomben ablegen.

Aber die Ordner waren sehr freundlich, wie fast alle, mit denen wir irgendwie zu tun hatten. Wir wurden aber nach dem Schlusspfiff so schnell aus dem Stadion gejagt, dass für Gespräche und Autogrammwünsche kaum Zeit blieb. Darum lungerte ein überschaubares Grüppchen Fans am Spielerinnen-Ausgang herum, um Spielerinnen, Trainerinnen, Betreuerinnen und Offizielle abzufangen. Das klappte sehr gut und keine der Betroffenen war irgendwie verärgert oder genervt. Eher das Gegenteil war der Fall. Wie schon am Tage vorher die deutschen und finnischen Damen, so waren auch die Schwedinnen und Norwegerinnen gern bereit zu Fotos und Autogrammen. Fußballherz, was willst du mehr?

Der Hai ohne "Die Drei"

Dann zwei Fußball-freie Tage bei jetzt herrlichem Wetter. Am nächsten Tag ließen wir es ruhig angehen. Das Motto hieß: Die Drei und Der Hai. Nein, eigentlich waren es sieben Haie. „Vier Mädchen und drei Jungs“, wie uns und den ca. 40 Schulkindern vor dem überdimensionalen Wasserbecken, eine nette junge Dame erklärte. Das Blue Planet ist ein Riesen-Aquarium mit einem – na ja, fast zumindest - begehbaren Meerwasserbecken, in dem besagte sieben Haie schwammen. Nebst diversem anderem Getier wie Rochen oder Thunfische. Nach diesem tollen Erlebnis genossen wir noch etwas die Sonne, es wurde gut gegessen und ausgeruht.

Blackpool - ohne Worte

Samstag: Blackpool, überdimensionale Kirmes und Spielhalle in einem. Trotzdem mussten die Füße einmal in die irische See hinein. Also Schuhe und Socken aus und – Mensch, ist das kalt. Aber schön war es doch, endloser Strand, die Sonne lacht strahlend vom Himmel, und wir drei mittendrin. Wobei von Silvia eigentlich immer nur das halbe Gesicht zu sehen war. Vor der anderen Hälfte klebte nämlich die Digi-Kamera. Das Ergebnis (ein paar der fast 500 Fotos, die sie gemacht hat) ist auf dieser Seite und auch auf www.katjes.de in der Fotogalerie zu bewundern. Dann fing sie aber doch noch an zu maulen: Warum fotografiert von euch eigentlich keine? Antwort: Weil DU die Meisterfotografin bist und nicht wir.

Die alten und neuen Europameisterinnen

Dann der Tag des Finales. Nach dem „super“ Continental-Frühstück (meine Güte, was haben die Engländer nur für eine Vorstellung, was wir Festländerinnen frühstücken? Aber, Schwamm drüber, ist ja nicht mehr für lange!) ging es los Richtung Blackburn.
Die ersten beiden Autos auf unserem gewählten Parkplatz, wie kann es anders sein, zwei deutsche. Großes „Hallo“, dann Frühstück bei Mc´Donalds, und

immer mehr deutsche Fans gesellen sich zu uns. Hinterher müssen wir leider feststellen, dass uns die Organisatoren, aus welchen Gründen auch immer, nur Kleingrüppchen-weise im ganzen Stadion verteilt haben. Kartentausch ging auch nicht. Wenn ich mir vorstelle, wir hätten alle zusammen Stimmung machen können, nicht auszudenken...!

Naja, das Ergebnis des Spieles ist hinlänglich bekannt, und wir ließen es uns nicht nehmen, auf unsere Europameisterinnen zu warten. Die Geduld wurde zunächst auch mit Siegerinnen-Kuchen, gebacken von TTMs Mutter und serviert von Zeugwartin Hiltrud Friedenstab, sowie dem Pokal aus aller nächster Nähe belohnt.

Niemals geht man so ganz - Danke Tina!

Und dann endlich „unsere Mädels“, todschick in schneeweiß und nach dem Sektbad frisch geduscht und gestylt, dass so manch eine kaum wieder zu erkennen war. Außerdem super-gut gelaunt und mit unendlich viel Geduld für Fotos und Autogramme ausgestattet, obwohl doch die große Party wartete.

Und zum absoluten Schluss, die Euro-Busse hatten sich gerade in Bewegung gesetzt, kam noch das Mega-Erlebnis. Herr Mayer-Vorfelder, seines Zeichen Teil des DFB-Vorstandes, betritt den Ort des Geschehens, ein wenig schwankend zwar, aber gut gelaunt. Der arme Mann muss ja mächtig geschafft sein? Beim Näherkommen dann die platte Erkenntnis: der arme Mann war nicht geschafft, sondern war vom Hauch einer ganzen Kiste Sekt umgeben. Silvia natürlich, gar nicht faul, hin zu ihm und wollte ihm einen goldenen DFB-Sticker abschwatzen, hat aber nicht geklappt. Wir anderen lagen fast am Boden vor Lachen, als sie ganz locker anfing, mit ihm zu diskutieren – war das eine Schau.

Das Stadion von "Manchester United"

Und plötzlich war es schon wieder Montag, der Tag unseres Rückfluges. Schnell noch in Manchester am ManU-Stadion vorbei, durch den ManU-Shop gebummelt, noch etwas geshoppt, und schon wartete unser Flieger auf uns.
Am Flughafen trafen wir dann noch einmal auf deutsche Fans, kleinere Gespräche wurden geführt, und ein etwas längeres mit Beate Wolter, die ihre Erlebnisse bei der EM auch schon zu Papier – äh – zu Bildschirm gebracht hat, und die wir hiermit herzlich grüßen wollen.

Michaela, Silvia und Simone

Die acht Tage gingen so schnell vorbei, dass ich erst nach und nach realisiert habe, was eigentlich passiert war. Ein riesengroßes Fußballerlebnis mit mega-glücklichem Ausgang, und ich war dabei.
...und auf dem Rückweg vom Flughafen nach Hause wurden schon Pläne geschmiedet: Was haltet ihr von China? Weltmeisterschaft? In zwei Jahren?
Seitdem lernt Simone chinesisch...!


 Der Reisebericht von Beate Wolter


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