Europameisterschaft 2005

Toller Abschied von der großen Fußballbühne

Deutschland : Norwegen 3:1 (2:1)

Von Nora Kruse

20.06.2005

Deutschland zog zum sechsten Mal in der Frauenfußball-Geschichte ins Endspiel ein, zum dritten Mal unter der Leitung von Bundestrainerin Tina Theune-Meyer und bisher hatte sie jedes ihrer EM-Spiele gewonnen. Diese Serie sollte an diesem Tage auf gar keinen Fall reißen, denn ihr Traum war es, mit diesem Titel den Abschied in ein etwas ruhigeres Fußballleben zu wagen.

Ihre Mannschaft – in der gleichen Formation wie im Spiel gegen Finnland – legte dabei erneut einen guten Start hin. Bereits in der vierten Minute spielte sich Spielführerin und Weltfußballerin Birgit Prinz durch die Mitte, Norwegens Gunhild Folstad konnte jedoch im letzten Augenblick klären. Knapp eine Minute später war es wieder Prinz, die den Weg nach vorne suchte. Diesmal flankte sie von der linken Seite, ihr Ball landete jedoch auf dem Außennetz.
Und auch die nächsten Aktionen der deutschen Mannschaft standen im Zeichen ihrer Spielführerin, die an diesem Tage ein tolles Spiel absolvierte. So auch in der 21. Minute, als sie mit einem Hammer-Schuss Norwegens Torhüterin Bente Nordby auf die Probe stellte – sie bestand diese jedoch mit Bravour.

Dann eine Schrecksekunde für die deutsche Mannschaft – Sandra Minnert lag verletzt am Boden und hielt sich das Gesicht und man konnte nur hoffen, dass nicht das gerade erst geheilte Nasenbein wieder gebrochen war. Und während man vor dem Fernseher noch um Minnert bibberte, hieß es auch schon 1:0 für die deutsche Mannschaft, das ging in diesem Augenblick etwas unter. Inka Grings zog aus einiger Distanz voll ab, der Ball sprang noch einmal auf und zunächst schien es so, als wäre Anja Mittag mit dem rechten Fuß noch am Ball gewesen. Dies wurde jedoch revidiert, das Tor gehörte Grings – Mittag hatte aber mit Sicherheit zur Verwirrung von Torhüterin Nordby beigetragen.
Und während sie alle jubelten, stand auch Minnert wieder auf dem Platz und vervollständigte die Abwehr.

Nach dem 2:0 schien man schon fast in Sicherheit...

Quelle: Eurosport

Nur zwei Minuten nach dem Führungstreffer, erhöhte Renate Lingor in der 24. Minute zum 2:0. Die Frankfurterin profitierte dabei von einer wunderschönen Vorlage Britta Carlsons, die ihren weiten Ball über die Abwehr punktgenau zu Lingor schlug. Diese vollendete, in dem sie den Ball mit der Fußspitze über Nordby hob.

Nach noch nicht einmal einer halben Stunde schien die deutsche Mannschaft also sicher in Führung zu sein. Führung ja, Sicherheit nein, denn jetzt legte Norwegen erst so richtig los. Besonders hart erwischte es dabei immer wieder Minnert auf ihrer linken Abwehrseite. Nachdem sie wenige Minuten zuvor bereits verletzt zu Boden ging, wurde sie in der 34. Minute von Dagny Mellgren förmlich abgeschossen – aus kürzester Distanz landete ihr Schuss voll im Gesicht der Abwehrspielerin. Doch Minnert stand auch hierbei wieder auf und kämpfte tapfer weiter.

Weltfußballerin Birgit Prinz machte ein tolles Spiel für Deutschland, schoss ihr 85. Tor und tat viel für den Spielaufbau.

Archivbild: Nora Kruse

Und dabei hatte sie wirklich mehr als genug zu tun, denn Mellgren lief zu Höchstform auf.

So war es auch nicht verwunderlich, dass der Anschlusstreffer für die Nordländerinnen in der 41. Minute eben durch Mellgren fiel. Sie lief der deutschen Abwehr nach einem Steilpass von Stine Frantzen davon und schloss erfolgreich ab.

Der Titelverteidiger geriet aus dem Konzept. Hatten sie die erste halbe Stunde noch dominiert oder das Spiel einfach souverän kontrolliert, machte sich jetzt allgemeine Unsicherheit breit. So saß der Schock auch tief, als Frantzen nur knapp nach dem Anschlusstreffer plötzlich ausglich – Erleichterung erst, als dieser Treffer korrekterweise wegen Abseits aberkannt wurde.
In der Nachspielzeit war es dann einmal mehr Silke Rottenberg im Tor der Weltmeisterinnen, die die knappe Führung in die Pause rettete, sie parierte einen Weitschuss der norwegischen Spielmacherin Solveig Gulbrandsen.

Vor 21.105 Zuschauern begann dann die zweite Halbzeit und die deutsche Mannschaft besann sich wieder ihres offensiveren Spiels. In der 47. legte Conny Pohlers auf links zu Grings ab, die den Ball mit der Hacke zu Prinz weiterleite – ihr Schuss verfehlte dann jedoch das Tor.

Doch die Norwegerinnen gaben nicht auf. Sie begeisterten mit einem schnellen Spiel, in dem bei Ballgewinn sofort auf Angriff umgeschaltet wurde. Im Mittelfeld gab es nur wenig Ballkontakte, schnell wurde der Weg nach vorne gesucht.
So auch in der 50. Minute. Die Norwegerinnen gewannen den Ball im Mittelfeld und Ingvild Stensland passte sofort durch die deutsche Hintermannschaft hindurch zu Lise Klaveness, die dann frei vor Rottenberg zum Schuss kam – diese verhinderte den Ausgleich jedoch mit einer tollen Parade.

Es entwickelte sich ein ausgeglichenes und tolles Fußballspiel mit Chancen auf beiden Seiten. Daran änderte auch die Vorentscheidung in der 61. Minute durch Prinz nichts. Sie zog etwa an der Strafraumgrenze voll ab, Ane Stangeland fälschte ihren Schuss noch ab und Nordby hatte keine Chance, den Führungsausbau zu verhindern.

Auch wenn man sich mit zwei Toren Vorsprung wieder etwas mehr in Sicherheit wiegen konnte, hatte man in der ersten Halbzeit ja gemerkt, wie schnell so etwas auch umschlagen konnte. Die Norwegerinnen drängten weiter aufs Tor und man hatte nie das Gefühl, dass dieses 3:1 es hätte gewesen sein können.


So hatte Norwegen auch nur fünf Minuten später durch Trine Rönning die Chance zum Anschlusstreffer. Der Ball landete als Aufsetzer im Strafraum und die eingewechselte Petra Wimbersky konnte in letzter Sekunde das Gegentor verhindern.

In den letzten 20 Minuten dann wieder Chancen auf beiden Seiten. Prinz scheiterte, genau wie Sarah Günther, noch einmal an der toll spielenden Nordby und Rottenberg musste in der 94. Minute das Ergebnis bei einem letzten Schuss von Mellgren ein letztes Mal verteidigen.

Dann der Schlusspfiff... Der Favorit aus Deutschland hatte seinen Titel erfolgreich verteidigt. Man konnte über die volle Spielzeit eine Partie sehen, die an Spannung kaum zu überbieten war. Das Halbfinalspiel zwischen Norwegen und Schweden war bereits ein super Spiel, dieses stand dem in nichts nach. Werbung für den Frauenfußball pur. Der Sieg ist deutlich und verdient, auch wenn man im Spiel nie das Gefühl hatte, Norwegen habe keine Chance. Sie boten tollen Konterfußball, schalteten blitzschnell auf Angriff um und brauchten dafür nur wenig Anspielstationen. Im Norden wächst ein junges Team heran, was bei den kommenden Großereignissen sicherlich mindestens genauso mitreden wird, wie bei der EM in diesem Jahr.

Da Deutschland vor vier Jahren den EM-Pokal behalten durfte, wurde eigens für dieses Turnier eine neue Trophäe gefertigt - doch auch diese wird für die nächsten Jahre beim DFB einziehen...

Quelle: Eurosport

Für Deutschland war es der vierte EM-Sieg in Folge. Tina Theune-Meyer, die erfolgreichste Nationaltrainerin der Welt, sagt damit alles andere als leise Servus. Nie hat sie ein EM-Spiel verloren; mit Ausnahme der WM 1999 ist sie niemals ohne eine Medaille nach Hause gefahren. Immer wieder hat sie es geschafft, ihre Mannschaft auf den Punkt topfit zu bekommen. Der Frauenfußball in Deutschland wurde durch sie fast von Anfang an geprägt. Man kann sich nur verneigen und sich für diese vielen Jahre bedanken.

Aufstellungen

Deutschland:
Rottenberg, Garefrekes, Hingst, Jones, Carlson (81. Günther), Grings (69. Smisek), Lingor, Pohlers, Mittag (59. Wimbersky), Prinz

Norwegen:
Nordby, Paulsen, Christensen, Stangeland, Folstad, Gulbrandsen, Stensland, Rönning (83. Knutsen), Mellgren, Klaveness (87. Blystad-Bjerke), Frantzen (59. Herlovsen)

Tore:
1:0 Grings (22.)
2:0 Lingor (24.)
2:1 Mellgren (41.)
3:1 Prinz (63.)

Gelbe Karten: -

Schiedsrichterin: Alexandra Ihringowa (Slowakei)

Zuschauer: 21.105

  FanSoccer-Startseite