Europameisterschaft 2005

3:0-Sieg trotz spielerischer Magerkost

Deutschland - Frankreich 3:0 (0:0)

Von Katja Öhlschläger

13.06.2005

Am letzten Spieltag der Gruppe B traf der bereits für die Halbfinals qualifizierte Titelverteidiger Deutschland mit Frankreich auf ein Team, das im Spiel gegen Norwegen schon beinahe die Qualifikation für die Vorschlussrunde in der Tasche gehabt hätte, nach dem 1:1-Endstand nun aber doch noch einmal fürs Weiterkommen kämpfen musste. Denn parallel traf Norwegen auf die bisher ohne Punktgewinn gebliebenen Italienerinnen, weshalb Frankreich zumindest ein Unentschieden gelingen sollte, um nicht zu sehr von dem Ergebnis in Preston abhängig zu sein.

Für das deutsche Team hatte der 4:0-Sieg gegen Italien nicht nur die vorzeitige Qualifikation für das Halbfinale, sondern auch den verletzungsbedingten Ausfall von Kerstin Stegemann (Verdacht auf Innenband- und eventuell auch Kreuzbandriss) mit sich gebracht. Folglich musste Bundestrainerin Tina Theune-Meyer eine personelle Umstellung vornehmen. Nachdem während des Italien-Spiels Kerstin Garefrekes von der offensiven Position auf der rechten Seite auf die rechte Seite der Viererkette gewechselt war, hätte man nun damit rechnen können, dass Theune-Meyer die Gelegenheit eines neuen Spiels nutzt und die Aufstellungen den gewohnten Positionen der Spielerinnen anpasst. Doch Garefrekes nahm erneut den defensiven Part auf der rechten Seite ein, Grings - wie auch gegen Italien nach ihrer Einwechslung für Stegemann - den offensiven Part auf der rechten Seite.
Naheliegend wäre sicher für viele gewesen, Sonja Fuss, die diese Position in der Vorbereitung schon mehrmals erfolgreich einnahm, in der Viererkette zu bringen, sodass Garefrekes ihre gewohnte offensive Position hätte einnehmen können. So aber musste neben ihr auch Grings eine Position einnehmen, die sie als Mittelstürmerin aus dem Verein nicht gewohnt ist und auf der sie in den beiden ersten Vorrundenspielen auch nicht überzeugen konnte. Da Grings’ angestammte Position in der Sturmspitze durch die im bisherigen Turnierverlauf sehr überzeugende Anja Mittag sowie Birgit Prinz aber bereits hochkarätig besetzt ist, bleibt für sie im System Theune-Meyers momentan nur die rechte Seite, auf der sie sich allerdings augenscheinlich nicht wohl fühlt.

Doch diese durch den Ausfall von Stegemann bedingte personelle Umstellung blieb im Vergleich zum Italien-Spiel nicht die einzige. Britta Carlson, die gegen Italien zu den besten Spielerinnen gehörte und zusammen mit Renate Lingor ein sehr harmonisches und kreatives Mittelfeld-Duo bildete, musste für ihre Vereinskollegin aus Potsdam, Navina Omilade weichen. Eine für mich unverständliche Maßnahme, da die gute Leistung gegen Italien nicht zuletzt auch auf das gut funktionierende Mittelfeld zurückzuführen war, das sich – in der Gewissheit der bereits gesicherten Qualifikation – für das Halbfinale weiter hätte einspielen können.

Hoda Lattaf kam erst in der 80. Minute und konnte das Ausscheiden Frankreichs nicht mehr verhindern.

Archivfoto: Nicole Tischhauser

Um es vorsichtig auszudrücken, ging von diesen personellen Veränderungen keine das deutsche Spiel belebende Wirkung aus. Doch auch die Französinnen zeigten nicht den begeisternden Kombinationsfußball, den sie in ihren zwei bisherigen Partien an den Tag gelegt hatten. So entwickelte sich ein Spiel auf bestenfalls durchschnittlichem Niveau, das von vielen individuellen Fehlern und Einfallslosigkeit im Offensivspiel – auf beiden Seiten – geprägt war. Leichte Vorteile dabei hatten die Französinnen. Sie profitierten dabei allerdings von Abstimmungsschwierigkeiten in der deutschen Abwehr, insbesondere auf der neu besetzten rechten Abwehrseite, da sich Garefrekes, wie sie es sonst gewohnt ist, öfter ins Offensivspiel einschaltete, als es ihre neue Position erlaubte.

Bei der ersten Chance Frankreichs half allerdings der Wind mit, als Camille Abily aus gut 25 Metern abzog und der Ball nur durch den Wind gefährlich auf das Tor geflogen kam, dann aber doch knapp über die Latte flog.
Kurz darauf allerdings Glück für Deutschland, als sich Peggy Provost auf der linken Außenbahn durchgesetzt hatte, die Linienrichterin aber auf Abseits entschied. Die Fernsehbilder zeigten, dass Steffi Jones näher am Tor stand als Provost, doch den Luxus der Zeitlupe hatte die Linienrichterin natürlich nicht.

Pia Wunderlich absolvierte ihr 100. Länderspiel. Herzlichen Glückwunsch!

Foto: Volker Lieberum

Nach 5 Minuten dann die erste deutsche Großchance, als Birgit Prinz aus 20 Metern abzog, der Ball aber knapp links am Tor vorbeiging. Im direkten Gegenzug ergab sich für die „Equipe tricolore“ dann eine unerwartete Chance, als die sonst erneut sichere Ariane Hingst statt den Ball aus der Gefahrenzone zu bugsieren, Marinette Pichon anschoss, diese den Ball vor lauter

Louisa Necib (FRA, l.) und Renate Lingor

Quelle: Eurosport
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Überraschung aber nicht mehr kontrollieren konnte.

Nach anfänglichen Chancen auf beiden Seiten, erarbeitete sich Frankreich mit zunehmender Spieldauer ein leichtes Übergewicht. Nicht nur das, sie zeigten auch die reifere Spielanlage. Im deutschen Mittelfeld klaffte – wie auch schon gegen Norwegen – ein großes Loch zwischen Abwehr und Angriff, weshalb der Spielaufbau weitestgehend aus hohen und weiten Pässen bestand, was aber nicht zum Erfolg führte. Weder Navina Omilade noch Renate Lingor, die beide blass blieben, gelang es, im Mittelfeld die Fäden zu ziehen. Die Französinnen hatten kaum Mühe, dieses einfallslose Spiel zu kontrollieren. Gefährlich wurde es im deutschen Angriffsspiel nur durch Einzelaktionen und Standardsituationen. So auch in der 16. Minute, als Renate Lingor einen Freistoß vors Tor zog, Birgit Prinz den Abpraller der französischen Abwehr zur Direktabnahme nutzte, die gute Torfrau Sarah Bouhaddi dann aber nicht nur hier klären konnte, sondern auch vor der einschussbereiten Pohlers, die den Abpraller verwerten wollte.

In der 22. Minute dann kam Stéphanie Mugneret-Béghé aussichtsreich im Strafraum an den Ball, doch Sandra Minnert, die heute durch ihr aufmerksames Stellungsspiel sehr positiv auffiel, klärte fair und konsequent. Mugneret-Béghé reklamierte einen Elfmeter, Schiedsrichterin Floarea Cristina Ionescu aus Rumänien hatte aber völlig korrekt entschieden, indem sie weiterlaufen ließ.

Den Torschrei auf den Lippen hatten die deutschen Fans dann in der 26. Minute bei einer von Lingor direkt aufs Tor gezogenen Ecke. Der Ball drehte sich schön aufs Tor zu, traf aber nur die Latte und nichts ins Netz. So folgte der Ecke kein Torschrei, sondern ein Fluch, der sich ähnlich wie der Spielball beim Eishockey schreibt.

Nach 30 Minuten dann musste Elisabeth Loisel aufgrund einer Verletzung einer ihrer Spitzenkräfte, Stéphanie Mugneret-Béghé hatte sich den Oberschenkel gezerrt, zum ersten Mal auswechseln. Für sie kam Marie-Ange Kramo ins Spiel. Nur drei Minuten im Spiel, fing sie sich nach einem rüden Foul an Lingor gleich eine gelbe Karte ein. Beim folgenden Freistoß präsentierte Lingor zusammen mit ihrer Vereinskameradin Prinz eine Freistoßvariante, als sie nicht vors Tor flankte, sondern auf die linke Seite zu Prinz passte, deren scharfe Hereingabe aber abgewehrt werden konnte.

Sandra Minnert zeigte heute in der Anwehr eine überzeugende Leistung und krönte diese mit ihrem sehenswerten Freistoßtor zum 3:0

Foto: Volker Lieberum

In der 39. Minute dann eine weitere Chance für Frankreich: Bompastor flankte von links, doch Marinette Pichons Fußspitze verfehlte die Hereingabe um Zentimeter. In der Nachspielzeit versuchte sich noch einmal Soubeyrand mit einem Freistoß aus gut 25 Metern, doch der Ball verfehlte das Torgehäuse um gut einen Meter.

So blieb es zur Pause bei einem Spielstand von 0:0 in einem schwachen Spiel, das zwar Torchancen zu bieten hatte, spielerisch aber alles andere als ein Leckerbissen war.

In der zweiten Halbzeit wechselte Theune-Meyer dann mit Conny Pohlers und Anja Mittag zwei Stammkräfte aus. „Zur Schonung“, wie die Trainerin nach dem Spiel erklärte. Für Pohlers kam Pia Wunderlich auf die linke Seite und feierte damit ihren 100. Länderspieleinsatz. Herzlichen Glückwunsch!
Für Mittag kam Sonja Fuss, die für Garefrekes in die Viererkette ging, sodass Garefrekes wieder die offensive Position einnehmen konnte und Grings nun neben Prinz als zweite Sturmspitze agierte.

Wunderlich fügte sich gleich gut ein und bot sich viel an, wechselte auch mal in die Mitte und sorgte so für Abwechslung im deutschen Offensivspiel. In der 52. Minute wurde sie mit einem geschickten öffnenden Pass von Lingor geschickt, doch ihr Torschuss traf nur das Außennetz.

Kurz darauf hätten die Französinnen beinahe die Führung erzielt, als Corinne Diacre eine Flanke direkt aufs Tor verlängerte, Pichon sich den Abpraller Rottenbergs schnappte, dann aber


statt sofort zu schießen noch zu einem Schlenker ansetzte und Rottenberg der französischen Top-Stürmerin so noch mit all ihrer Erfahrung den Ball vom Fuß nehmen konnte.

Der Traum vom Halbfinale platzte für die „Equipe tricolore“ dann in der 72. Minute, nachdem Garefrekes mit einer feinen Einzelleistung – ihre einzige gute Aktion in diesem Spiel - in den Strafraum vordrang, in die Mitte zu Grings flankte und deren Torschuss der ansonsten sehr gut und couragiert haltenden Bouhaddi durch die Finger glitt. Die 18-jährige Torfrau schien ob dieses Fehlers so geschockt, dass sie nur wenige Minuten später durch ein Foul an Inka Grings im Strafraum einen Elfmeter verursachte, den Lingor sicher zum 2:0 verwandelte. Tragisch für Torfrau Bouhaddi, die ein sehr starkes Turnier gespielt hatte und nun mit zwei Fehlern das Vorrunden-Aus ihrer Mannschaft besiegelte. Wollen wir hoffen, dass die erst 18-Jährige dies gut wegstecken kann.

Silke Rottenberg verhinderte mit einigen Glanzparaden den deutschen Rückstand und bleibt nach bereits drei Turnierspielen noch immer ohne Gegentor

Archivfoto: Beate Wolter

Beim deutschen Team hingegen schien jetzt der Knoten geplatzt. Nur eine Minute nach dem 2:0 flankte Prinz von der rechten Seite aus vollem Lauf auf Grings, die im Strafraum frei zum Schuss kam, aus Nahdistanz voll abzog, den Ball aber nur an die Torlatte hämmerte.
Für den 3:0-Endstand sorgte dann mit Sandra Minnert die gestern vielleicht beste deutsche Spielerin. In der Abwehr glänzte sie durch sehr konzentriertes Stellungsspiel und konsequentes Zweikampfverhalten und schaltete sich zudem erfolgreich in das Angriffsspiel ein. Das 3:0 jedoch resultierte aus einem Freistoß aus gut 25 Metern Entfernung. Mit dem Innenrist versetzte Minnert dem Ball einen schönen Drall, sodass dieser als Aufsetzer unhaltbar für Bouhaddi im langen Eck einschlug.

Insgesamt ein schmeichelhaftes 3:0 für die deutsche Auswahl, bei dem das Ergebnis nicht über die über weite Strecken miserable Leistung hinwegtäuschen darf. Nachdem sich das Team im Italien-Spiel – nicht nur auf den schwächeren Gegner zurückzuführen – gegenüber dem Auftaktspiel gegen Norwegen deutlich verbessert zeigte, war dieses Spiel wieder ein deutlicher Rückschritt. Um gegen die unermüdlich kämpfenden Finninnen mit ihren brandgefährlichen Sturmspitzen (Heidi Kackur und Laura Kalmari) zu gewinnen, muss aus dem heute über weite Strecken nicht vorhandenen ein gutes Kombinationsspiel gemacht werden. Mit der planlosen wie ausrechenbaren Taktik der hohen Bälle wird gerade gegen die sehr stabile finnische Abwehr kein Blumentopf zu gewinnen sein. Bleibt zu hoffen, dass man sich – insbesondere personell – wieder auf die Stärken aus dem Italien-Spiel besinnen kann und über das deutliche 3:0-Ergebnis nicht die zahlreichen Defizite im Spielaufbau vergisst.

Die Französinnen ereilte das selbe Schicksal wie die Däninnen am Vortag. Punktgleich mit Norwegen mussten sie – nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz – die Heimreise antreten. Dennoch werden die Fans sie aufgrund ihrer herzerfrischenden Spielweise in den ersten beiden Gruppenspielen sicherlich in guter Erinnerung behalten.

Deutschland:
Rottenberg - Garefrekes, Hingst, Jones, Minnert - Grings, Omilade, Lingor (79. Carlson), Pohlers (46. P. Wunderlich) - Prinz, Mittag (46. Fuss)

Frankreich:
Bouhaddi, Dusang, Georges, Diacre, Provost, Mugneret-Béghé (31. Kramo), Abily (80. Herbert), Bompastor, Soubeyrand, Pichon (80. Lattaf), Necib

Tore:
1:0 Grings (72.)
2:0 Lingor (77./FE)
3:0 Minnert (83.)

Gelbe Karten:
Omilade, Bouhaddi

Schiedsrichterin:
Cristina Floarea Ionescu (Rumänien)

Zuschauer:
3835

Player of the Match:
Louisa Necib


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