Europameisterschaft 2005

Viel K(r)ampf, wenig Spiel

Deutschland : Norwegen 1:0 (0:0)

Von Nora Kruse

07.06.2005

Das erste Spiel bei einem Großturnier ist immer das schwerste. Man weiß nicht so genau, wo man steht und ein guter Einstieg ins Turnier ist wichtig – besonders fürs Selbstvertrauen. Bei dieser EM wartete auf die deutsche Mannschaft auch gleich ein harter Brocken: Norwegen, der Weltmeister von 1995 und Olympiasieger von 2000. Die Nordländerinnen sind für ihr körperbetontes und kämpferisches Spiel bekannt, bei dem hart zur Sache gegangen wird.
All diese Prognosen bewahrheiteten sich.

Deutschland bot keine großen Überraschungen in der Startelf und startete gar nicht schlecht. Bereits in der ersten Minute sagte Kerstin Garefrekes, nach einem gefährlichen Rückpass der norwegischen Abwehr zu Torfrau Bente Nordby, erstmals im gegnerischen Strafraum hallo – zwingend war dies jedoch nicht. Wenige Sekunden später war es Renate Lingor, die sich nach einem langen Pass durch die Mitte in den Strafraum vorkämpfte, dann aber gestoppt wurde.

Durch das Fehlen von Birgit Prinz heute mit dem Amt der Spielführerin: Renate Lingor.

Foto: Nora Kruse

Doch nach diesen beiden Vorstößen begann auch schon die Zeit von Norwegen und insbesondere die der Spielmacherin Solveig Gulbrandsen. In der dritten Minute eroberte sie sich den Ball im Mittelfeld, schaute und spielte dann rechts auf Dagny Mellgren, die die komplette deutsche Hintermannschaft abhängte und ungehindert in den Strafraum flanken konnte. Dort sprangen sowohl Ariane Hingst als auch Kerstin Stegemann am Ball vorbei. Unni Lehn kam freistehend zum Schuss und nur der tollen Reaktion von Silke Rottenberg war es zu verdanken, dass die Mannschaft nicht hier schon in Rückstand geriet.

Neben vorsichtigen Versuchen der deutschen Mannschaft, ein Weitschuss von Anja Mittag, der genau in Nordbys Armen landete und einer Flanke von Stegemann, die Garefrekes jedoch nicht richtig annehmen konnte, waren es dann wieder die Norwegerinnen in der 15. Minute, die zeigten, wie es funktioniert: Rottenberg stand zu weit vorm Tor, was Ingrid Stensland erkannte und zu einem wunderschönen Heber ansetzte. Der Ball flog nur Zentimeter am Kasten vorbei – Rottenberg wäre geschlagen gewesen.

Norwegen machte weiter Druck. Mit langen Bällen in die Spitze, häufig über die rechte Seite, stellten sie die deutsche Hintermannschaft vor große Probleme. Und was die Stärke der einen Mannschaft, ist die Schwäche der anderen: lange Bälle. Im deutschen Team waren diese unpräzise und verfehlten meist das anvisierte Ziel. Dennoch wurden sie weiterpraktiziert, denn eine andere Möglichkeit hatte das Team von Tina Theune-Meyer kaum. Im Mittelfeld klaffte ein großes Loch, genau genommen war es gar nicht da. Das führte auch zu den ein oder anderen gefährlichen Situationen:

Solveig Gulbrandsen war heute die überragende Spielerin bei den Norwegerinnen.

Foto: Beate Wolter

Querpässe vor dem eigenen Strafraum, bei denen die Ballannahme nicht immer sicher war. Die Abwehr hatte schlicht keine Anspielstationen, um das Spiel geordnet von hinten aufzubauen. Es dauerte alles zu lange, keine Spielerin bot sich an und somit wurde es dann doch wieder mit langen Pässen nach vorne versucht, um das Mittelfeld-Loch zu überbrücken – angekommen sind die Bälle jedoch selten.

Waren die Spielerinnen dann vor dem norwegischen Strafraum, war vieles überhastet. So erkämpfte sich Garefrekes in der 32. Minute den Ball, legte ihn sich dann aber zu weit vor. Auch fehlte die angesprochene Präzision, wie zehn Minuten später. Nach einer diesmal guten Kombination im Mittelfeld setzte Garefrekes zur Flanke an, die allerdings wieder direkt in den Armen von Norby landete.
Dennoch war es die Frankfurterin, die in der 37. Minute die beste deutsche Chance hatte. Nach einem guten Pass von Navina Omilade auf die linke Seite zu Conny Pohlers flankte diese in den Strafraum, wo der Ball von Mittag schön verlängert wurde. Garefrekes musste den Ball aus der Luft nehmen, weswegen die Kontrolle fehlte und der Ball rechts am norwegischen Kasten vorbeiging.

Dann war Halbzeit und man konnte nur hoffen, dass die Bundestrainerin die richtigen Worte finden würde, denn die erste Halbzeit zeigte, dass der von allen erwartete Sieg der deutschen Mannschaft noch einiges an Arbeit erfordern würde.

Der Beginn der zweiten Hälfte war ähnlich zu dem der ersten. Deutschland ließ einen hoffen, denn sie begannen offensiver. Die Spielerinnen drängten nach vorne, auch konnte sich Sandra Minnert mehr in das Spiel nach vorne einschalten, was sie eigentlich auch sollte, nur hatte sie in der ersten Hälfte mit ihrer Abwehrseite mehr als genug zu tun. In der 50. Minute dann die Möglichkeit zur Führung. Der Ball landete nach einem Getummel im norwegischen Strafraum bei Inka Grings. Die Duisburgerin hatte das jedoch zu spät registriert und konnte nicht mehr kontrolliert abschließen.

Doch als man gerade etwas Hoffnung schöpfte, waren es auch schon wieder die Norwegerinnen, die einen ihrer immer gefährlichen Konter fuhren. Der Ball wurde in der 51. Minute der deutschen Mannschaft abgenommen und da alle Deutschen in der Vorwärtsbewegung waren, zeigte sich das alte Problem: das Mittelfeld war weg. Die Norwegerinnen hatten enorm viel Raum, spielten durch die Mitte auf links und schließlich gelangte eine Flanke zu Mellgren, die den Ball rechts am Tor vorbei schoss – Glück für Deutschland.

Deutschland hatte in der 53. Minute noch eine Chance zur Führung: Nach einem Fehler der norwegischen Hintermannschaft, Marianne Paulsen köpfte am Ball vorbei, landete der Ball bei Grings, die ihn frei vor dem norwegischen Kasten an diesem vorbeischoss.


Nun übernahmen allerdings wieder die Frauen aus dem Norden das Ruder. Einen hohen Ball von Stine Frantzen fälschte Ariane Hingst ab, der Ball ging nur knapp am Kasten vorbei, auch wenn die von der Sonne geblendete Rottenberg wohl dran gewesen wäre.

Anschließend zeichnete sich die deutsche Mannschaft insbesondere durch Fehlpässe aus. Sie wurde von Norwegen in die Defensive gedrängt und hatte mehr als genug damit zu tun, die Bälle einfach nur hinten rauszuhauen.

Daher fiel die Führung für die deutsche Mannschaft in dieser Phase eher überraschend. Nach einem Abwehrfehler landete der Ball vor den Füßen von Omilade, die halblinks zu Pohlers passte. Da geschah schon der zweite Fehler, denn es war wieder Paulsen, die vorbeiköpfte. Pohlers lief frei auf Nordby zu und zog ab. Der Innenpfosten war den Deutschen freundlich gesonnen, der Ball war drin.

Zwei Spielerinnen, die das Spiel entschieden: Conny Pohlers (l.) machte den erlösenden Treffer, der auf Marianne Paulsens Abwehrfehler zurück ging.

Quelle: Eurosport
Die nächsten Übertragungen:
8.6. 19 Uhr: Dänemark - England
8.6. 21 Uhr: Schweden - Finnland
(alles live bei Eurosport)

Die Freude war groß, der Fortschritt im Spiel allerdings nicht, das Kommando hatte weiterhin die norwegische Mannschaft – und die nächste Großchance ebenfalls. Ein Freistoß in der 77. Minute erreichte Mellgrens Kopf und es war wieder Rottenberg mit einer tollen Reaktion, die den Ball auf der Linie stoppen konnte.

Die dann eingewechselte Petra Wimbersky konnte noch zwei gute Aktionen zeigen, als sie einmal Mittag gut einsetze, die sich den Ball allerdings zu weit vorlegte, und dann in der 82. Minute, als sie selber zum Weitschuss ansetzte, der den Kasten nur wenige Zentimeter verfehlte.

Es blieb beim 1:0 für die deutsche Mannschaft – was dem Verlauf des Spiel durchaus schmeichelt. Man sah ein norwegisches Team, was einen Ausgleich mehr als verdient gehabt hätte, und eine deutsche Mannschaft, bei der es auch eineinhalb Jahre nach dem Weggang von Bettina Wiegmann noch nicht gelungen ist, wieder ein Mittelfeld mit Struktur aufzubauen. Am Ende zählen nur die drei Punkte – dennoch wartet am Sonntag das Team aus Frankreich, was bei seinem 3:1-Sieg gegen Italien spielerisch überzeugte und beim Gruppensieg sicherlich ein Wörtchen mitreden wird.

Aufstellungen

Deutschland:
Rottenberg, Stegemann, Hingst, Jones, Minnert, Garefrekes, Lingor, Omilade (62. Carlson), Pohlers (80. Wimbersky), Mittag, Grings (71. Smisek)

Norwegen:
Nordby, Paulsen, Christensen, Stangeland, Folstad, Gulbrandsen, Stensland, Rönning, Mellgren, Frantzen (83. Herlovsen), Lehn (66. Klaveness)

Tor: Pohlers (61.)

Gelbe Karten: Lingor - Lehn, Frantzen, Klaveness

Schiedsrichterin: Nicole Petignat (Schweiz)

Zuschauer: 1500

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