Von Nora Kruse
23.05.2005
Vor den Länderspielen gegen Kanada hatten Sie angekündigt,
besonders auf das Mittelfeld zu achten. Welche Erkenntnisse haben Sie hier gewonnen?
Auffällig war, in welch guter Form sich Renate Lingor befindet. Sie hat
gegen Kanada bereits auf EM-Niveau gespielt. Im zentralen Mittelfeld haben
wir neben ihr Spielerinnen mit unterschiedlichen Stärken eingesetzt. Es hat sich
gezeigt, dass wir dort für verschiedene Aufgaben gleichwertig besetzt sind.
Allerdings gilt für diese Position, dass wir in erster Linie spielschnelle
und torgefährliche Spielerinnen suchen. Auch auf den Außen haben wir einiges
probiert. Vor allen Dingen offensive Varianten, bei denen die Spielerinnen
außen bei Ballbesitz weit vorne fungieren. Auch in diesem Mannschaftsteil verfügen
wir über gute Alternativen.
Tina Theune-Meyer steht der Presse, wie hier in Hildesheim,
Rede und Antwort.
Foto: Nora Kruse
Demgegenüber erwähnten Sie für die Abwehr, dass Sie sich hier keine
Sorgen machen würden, auch wenn bei den Spielen gegen Kanada noch nicht
alles optimal gelaufen sei. Wie hat hier die Arbeit in den Lehrgängen gefruchtet?
Ich bin mit den beiden Lehrgängen in Bad Sobernheim sehr zufrieden.
Gerade bei den Defensivspielerinnen habe ich gesehen, dass sie viel Biss
mitbringen. Aber nicht nur deswegen bin ich optimistisch. Wir haben erfahrene
Spielerinnen, die die DFB-Spielweise in einer flexiblen Vierer-Abwehr verinnerlicht
haben. Auch wenn sie im Verein ein anderes System spielen, werden sie sich schnell
umstellen können auf Raumdeckung und die schnelle Balleroberung. Ich denke, wir
haben Spielerinnen mit einer schnellen Auffassungsgabe und die taktisch gut geschult
sind, nicht umsonst absolvieren viele von ihnen Trainerlehrgänge. Außerdem ist bei
uns die Defensivarbeit nicht allein Angelegenheit der Abwehr, die gesamte Mannschaft
muss auf Ballgewinn aus sein.
Hat dabei die offensivere Ausrichtung des (zentralen) Mittelfelds beim Länderspiel
in Hildesheim Perspektive?
Wir haben in Hildesheim keine besondere Veränderung vorgenommen. Wir versuchen
immer offensiv zu spielen, wir wollen Tore schießen. In den vergangenen Turnieren
und den Qualifikationsrunden haben wir immer mit die meisten Tore erzielt.
Herausforderung dabei ist, eine gesunde Mischung zu finden. Zu offen wollen wir nämlich
auch nicht reagieren, weil wir dann eher anfällig sind für Konter, in diesem Punkt
war die Abstimmung zuletzt noch nicht optimal. Gerade in der Vorrunde bei der EM treffen
wir auf konterstarke Mannschaften.
Eine dieser Vorrunden-Mannschaften ist Norwegen. Das Team qualifizierte sich nur mit
Mühe für die EM, verlor in diesem Jahr bereits gegen die DFB-Auswahl mit 0:4 und
kassierte erst gerade eine Niederlage gegen England. Wie schätzen Sie diese Mannschaft ein?
Zunächst einmal darf man die Engländerinnen nicht unterschätzen. Die können sich sehr gut
vorbereiten und sind mittlerweile seit neun Spielen ungeschlagen. Das ist schon beachtlich.
Ich habe das Spiel in Barnsley gegen Norwegen gesehen. Da sind zwei gleichwertig gute Mannschaften
aufeinander getroffen, die beide bei der Euro ins Halbfinale wollen.
Trotz allem ist Norwegen wohl der vermeintlich stärkste Gruppengegner und
wartet gleich zu Beginn des Turniers. Ist dies eher ein Vor- oder Nachteil?
Die Norwegerinnen sind bei den großen Turnieren immer gut für einen vorderen Platz.
Sie haben einige Weltklasse-Spielerinnen in ihren Reihen.
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Ein Autogramm von "TTM" ist begehrt und die Bundestrainerin unterschreibt geduldig.
Foto: Nora Kruse
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Das macht die Aufgabe sicherlich nicht einfach. Aber für uns sind sie ein
guter Gegner, weil sie
mitspielen und sich nicht hinten reinstellen. Unabhängig vom Gegner ist das
Auftaktspiel immer eine richtungsweisende Partie, weil es wichtig ist, gut in
ein Turnier reinzukommen.
Im Vorfeld war zu lesen, dass Sie flexible Spielerinnen für die EM suchen.
Kann man dies als Hinweis auf wechselnde und variable Spielsysteme verstehen?
Natürlich wollen wir mit unserem Spiel unberechenbar sein. Unser System ist
auch so angelegt, dass wir variabel in allen Positionsgruppen agieren können.
Spielerinnen, die aufnahmefähig für entsprechende Aufgaben, sind gefragt.
Um Erfolg zu haben, braucht man Top-Spielerinnen, die nahezu „komplett“ sind,
Individualität zeigen, höchstes Tempo mitgehen können, sich verausgaben für eine
Mannschaft. Das ist es, was eine erfolgreiche Mannschaft ausmacht.
ARD und ZDF werden die EM nicht live übertragen. Dafür zeigt Eurosport
fast jedes Spiel live. Wie beurteilen Sie diese Situation?
Ich finde es sehr schade, dass die Verhandlungen zwischen den
öffentlich/rechtlichen Sendern und SportA zu keinem Ergebnis geführt haben.
Mit der Berichterstattung in der ARD und dem ZDF bin ich sehr zufrieden. Die
öffentlich/rechtlichen Sender haben mitgeholfen, dass der Frauenfußball so sympathisch rüber kommt.
Ich würde mich freuen, wenn es noch eine Chance geben würde, die Verhandlungen
noch einmal aufzunehmen. Aber wir sind auch bei Eurosport gut aufgehoben.
Das ist ein Fachsender, der sich auch dem Frauenfußball verschrieben hat,
der die Weltmeisterschaft, die U 19-Europameisterschaft und –Weltmeisterschaft
übertragen hat.
Tina Theune-Meyer auf dem Weg zum Spiel.
Foto: Nora Kruse
Sie werden nach der EM Ihr Amt abgeben. Wie sieht es mit den Spielerinnen aus,
wird die Mannschaft zusammen bleiben?
Ich denke schon, dass die Mannschaft zusammenbleibt. Es kommen attraktive
Herausforderungen auf das Team zu. Jede Spielerin besitzt noch genug Ehrgeiz,
bei der nächsten WM und den nächsten Olympischen Spielen dabei sein zu wollen.
Allerdings drängen viele junge Spielerinnen nach. Das ist ein gutes Zeichen. Ich
glaube, es wird in den kommenden vier Jahren auch Veränderungen geben.
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Viele dieser jungen Spielerinnen trainieren Sie in der U21 und Ihre letzte
Amtshandlung wird der Nordic Cup im Juli mit diesem Team sein. Wie sehen Sie
die Chancen Ihrer Mannschaft?
Wir haben mit Dänemark und den USA bereits zwei sehr starke Gegner in der Gruppe.
Aber ich sehe den Wert des Nordic Cups weniger in Siegen und Niederlagen, sondern
er ist eine Chance für junge Spielerinnen, sich für höhere Aufgaben anzubieten.
Bei diesem Turnier können sich Talente aufdrängen.
Zuletzt ein erfolgreiches Duo an der Seitenlinie der U21:
Tina Theune-Meyer und Silke Rottenberg.
Foto: Nora Kruse
Für die A-Nationalmannschaft haben sie mit der Titelverteidigung das EM-Ziel
klar formuliert – wie könnte es für den Nordic Cup aussehen?
Hier bietet sich den Spielerinnen die Gelegenheit mehr Erfahrung zu sammeln und
damit das eigene Niveau zu heben. Dafür haben wir genau die richtigen Gegner.
Da wir auch vier ältere Spielerinnen mitnehmen dürfen, bietet sich hier auch die
Chance für Späteinsteiger. Ich will mich bei der Formulierung eines Ziel aber auch
nicht festlegen, weil der Kader noch gar nicht feststeht, da genießt die Vorbereitung
auf die EURO und die U 19-EM derzeit ganz klare Priorität. Grundsätzlich gilt aber:
Wir wollen immer ins Finale kommen!
Das Turnier findet nur rund einen Monat nach der EM statt.
Wie intensiv ist da die Vorbereitung der U21?
Wir haben drei Lehrgänge nach der EURO geplant. Das ist ein intensives
Programm für die Sommerpause, gerade unter dem Aspekt das die
Bundesliga-Saison sehr früh beginnt. Dennoch sind solche Turniere
mit sehr guten Erfahrungen verbunden. Der internationale Vergleich
ist sehr wertvoll für junge Spielerinnen. Der DFB gehört zu den wenigen
Verbänden, die an allen großen Turnieren bisher teilgenommen hat.
Um auf diese jungen Spielerinnen zu kommen – wer sind Ihrer Meinung
nach derzeit die größten Talente im deutschen Frauenfußball?
Da kann ich einige nennen. Zu ihnen gehören zum Beispiel Celia Okoyino da Mbabi,
Anja Mittag, Simone Laudehr, Fatmire Bajramaj, Patricia Hanebeck, Lena Goeßling,
Melanie Behringer und Annike Krahn. Sie haben unterschiedliche Charaktere.
Sie besitzen Perspektive, sind gute Persönlichkeiten, sind in einer guten
körperlichen Verfassung und sind auch spielstark; sind entweder sehr kreativ
oder zeigen ein gutes Durchsetzungsvermögen.
Was fehlt ihnen noch, um ganz nach oben zu kommen?
Erfahrung, schnelles Denken, Cleverness, Zielstrebigkeit – aber das werden
sie sich alles mit der Zeit aneignen. Allerdings ist die Zeit auch ein Problem,
weil sie den Fußball mit der Schule oder der Ausbildung vereinbaren müssen.
Um so wichtiger ist die individuelle Begleitung durch den Verein und den Verband.
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