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Europameisterschaft 2005
Kurzer Abriss der Geschichte des englischen FrauenfußballsTeil 1 | ||
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Von Matthias Behlert 31.5.2005 Die Wurzeln des Frauenfußballs liegen, ebenso wie die seiner männlichen Variante, auf der Insel - wenngleich die Ehre der Urheberschaft in diesem Fall nicht England zukommt, sondern Schottland. Nach der Überlieferung trugen im schottischen Mid-Lothian bereits im 17. und 18. Jh. junge Frauen einmal jährlich ein fußballähnliches Spiel aus. Fußballähnlich – denn von Fußball nach unserem Verständnis kann wohl frühestens seit der Einführung der Handregel im Jahre 1857 die Rede sein. Das erste historisch verbürgte Spiel von Frauen nach den Regeln der 1863 gegründeten Football Association (FA) fand 1892 auf den Shawfields' Grounds im schottischen Glasgow statt. Die Geschichte des englischen FF beginnt mit der Londonerin Nettie Honeyball, die 1894 den ersten FFC der Welt gründete, den British Ladies Football Club, welcher bald unter dem Kurznamen British Ladies zu einer gewissen Berühmtheit gelangen sollte. Im Jahr darauf fand das erste Spiel statt. Die Teams nannten sich North of England und South of England, wobei angesichts der Herkunft der Spielerinnen North of London und South of London wohl angemessener gewesen wäre. Wie dem auch sei, der Norden gewann 7:1. Dieses Spiel, wie auch noch etliche darauffolgende, wurde in gut halblangen Röcken ausgetragen. Eine grundlegende Änderung der Kleiderordnung bewirkte erst der „Hosenkongress“, den couragierte Anhängerinnen des Radfahrens 1897 in Oxford abhielten, um gegen den gesellschaftlichen Zwang des Tragens langer Kleider zu protestieren, welche ja auf einem Fahrrad nicht nur hinderlich, sondern geradezu gefährlich waren. In der Folge setzten sich auch bei Fußball spielenden Frauen rasch Kniebundhosen durch. Um die Jahrhundertwende erlebte der Frauenfußball in England eine erste kurze Blüte. Die Wettkämpfe hatten den Charakter von karitativen Show-Veranstaltungen und erfreuten sich eines immer regeren Zuschauerinteresses. Allgemein wurden die Spiele offenbar als „unschuldige kindliche“ Vergnügungen angesehen, nicht als Sport. Frauen und Sport – das war in der victorianischen Epoche unvereinbar und konnte nach dem damaligen Weltbild nur zu Vermännlichung und Unfruchtbarkeit führen. Deshalb läuteten beim Vorstand der Football Association auch die Alarmglocken, als er erfuhr, dass nun immer öfter Spiele von Frauen gegen Männer stattfanden. Am 25. August 1902 verbot die FA ihren Mitgliedern derartige Begegnungen. In der Folge ebbte offenbar auch das Zuschauerinteresse an den Spielen der Frauen ab, und es wurde für anderthalb Jahrzehnte wieder recht still um den FF. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs änderten sich auch in England die sozialen Strukturen erheblich. Der Großteil der arbeitsfähigen Männer zog an die Front, und angesichts der Tatsache, dass diese in den Fabriken und auf den Feldern ja irgendwie ersetzt werden mussten, schien die Angst vor Vermännlichung und Unfruchtbarkeit von Frauen wie weggeblasen. Nun mussten Frauen genau das tun, was ihnen zuvor stets untersagt war: Lasten schleppen, komplizierte und gefährliche Maschinen bedienen, etc. Bis zum zweiten Kriegsjahr hatten sie in den meisten Industriebetrieben de facto die Macht übernommen. Und da sie nun schon so weit in männliche Domänen vorgedrungen waren, kann es kaum verwundern, dass sie sich zunehmend auch „typisch männlichen“ Freizeitbeschäftigungen hingaben.Im Oktober 1917 trugen Arbeiterinnen der Maschinenfabrik |
Teamporträt der Dick Kerr's Ladies, aufgenommen im Cardiff Arms Park 1923. | |
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Kerr im nordwestenglischen Preston ein Fußballspiel gegen
männliche Belegschaftsmitglieder aus.
Das Ergebnis dieser Begegnung ist nicht überliefert, wohl aber die unmittelbar
anschließende Entwicklung: Als wenig später die Leitung eines örtlichen Militärhospitals mit der Bitte an sie
herantrat, ein Benefizkonzert zugunsten von Kriegsopfern zu veranstalten, entschlossen sich die Damen stattdessen
zur Austragung eines weiteren Fußballspiels. Am ersten Weihnachtsfeiertag desselben Jahres besiegten sie vor rund
10'000 Zuschauern die Arbeiterinnen einer nahegelegenen Eisengießerei mit 4.0.
Dies war die Geburtsstunde der
Dick Kerr's Ladies, eines Vereins, welcher bald darauf zur schier unschlagbaren Legende werden sollte. Der Erlös aus
dem Verkauf der Eintrittskarten – die damals sehr beachtliche Summe von gut 600 Pfund Sterling – kam dem
Miltärkrankenhaus zugute.
Etwa zur selben Zeit wurden die St. Helen's Ladies gegründet, in den Folgejahren die ernstesten Rivalinnen der
Dick Kerr's Ladies, und bald lebte die Tradition der karitativen Show-Veranstaltungen wieder auf. Kurz nach dem 1.
Weltkrieg gründeten sich auch im Westen des europäischen Kontinents, namentlich in Frankreich und Holland, erste
Frauenfußballvereine, und so ließ die Premiere eines Länderspiels nicht lange auf sich warten. Anfang April 1920
trafen die Dick Kerr's Ladies in Preston erstmals auf Femina Paris und besiegten diese vor 25 000 Zuschauern mit 2:0.
Im selben Monat spielten die beiden Teams noch drei weitere Male gegeneinander, was insgesamt von 61 000 Zuschauern
verfolgt wurde. Wenige Monate später schlug die – ausschließlich aus Spielerinnen der Dick Kerr's Ladies bestehende –
englische Auswahl die schottische 22:0.
Höhepunkt jener Epoche war jedoch das Spiel St. Helen's – Dick Kerr's vom 26. Dezember 1920. Das Stadion im Goodison
Park von Everton fasste damals 53 000 Zuschauer, doch Stunden vor dem Anpfiff waren alle Eintrittskarten verkauft,
und mehr als 10 000 Interessierte mussten enttäuscht den Heimweg antreten. Wie sich ahnen lässt, gewannen auch dieses
Spiel die Dick Kerr's Ladies, und zwar mit 4:0. Jener Zuschauerrekord von 53 000 hielt über 70 Jahre, nämlich bis 1991, als im chinesischen Guangzhhou 63 000 Zuschauer das Endspiel der ersten Frauen-WM zwischen den USA und Norwegen
verfolgten.
Im Frühjahr 1921 brach in England das „Frauenfußballfieber“ aus. Bis zum Sommer jenes Jahres hatte fast jedes Dorf ein
eigenes Team,
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und in den Großstädten gründeten sich jeweils mehere Vereine. Die durchschnittliche Zuschauerzahl bei den
Spitzenspielen übertraf
längst jene der Männervereine auf
den unteren Tabellenrängen der National League. Der Vorstand
der Firma Dick Kerr erkannte, welch großartiger Werbeträger dieser Betriebsverein war, und beschloss, ihn finanziell
zu unterstützen. Ein Jahr nach dem ersten Länderspiel England – Schottland fand in Glasgow das Rückspiel statt. Vor 6 000 Zuschauern gewannen erwartungsgemäß wieder die Dick Kerr's Ladies, wenngleich diesmal „nur“ 9:0. Anschließend unternahmen sie eine Tournee durch Schottland, wo sie vor insgesamt etwa 70 000 Zuschauern fünf weitere Partien austrugen. Im Ganzen spielten die Dick Kerr's Ladies 1921 67 mal und mussten 121 Einladungen zu weiteren Begegnungen absagen. Im Frühsommer jenes Jahres verbreiteten sich Gerüchte über Unregelmäßigkeiten in der Kasse. Der Vorwurf wurde laut, dass ein Teil der ausschließlich für wohltätige Zwecke bestimmten Einnahmen in die Taschen der Spielerinnen geflossen sei. Hierfür wurden nie Beweise gefunden, jedenfalls kam es nie zu einer Verhandlung. Die Vermutung liegt also nahe, dass es sich um gezielte Verleumdung handelte, und dies ist besonders vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass es für die Männer ja längst eine Profi-Liga gab, deren Spieler ausschließlich vom Fußball lebten. Der Vorstand der Football Association verfolgte die Entwicklung seit längerem mit wachsendem Unbehagen. Die Vorstellung, dass Frauenfußball bald genau so populär oder gar noch populärer sein könnte als Männerfußball, raubte einigen Verantwortlichen offenbar den Schlaf, und sie sannen auf eine „Lösung“ dieses „Problems“. Am 5. Dezember 1921 wurde verkündet:„Aufgrund von Beschwerden darüber, dass Frauen Fußball spielen, fühlt sich der Vorstand genötigt, seiner festen Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass das Fußballspiel für das weibliche Geschlecht sehr ungeeignet ist und nicht unterstützt werden sollte. Außerdem kamen Klagen über die Bedingungen, unter denen einige dieser Begegnungen organisiert und ausgetragen wurden, wie auch über die Verwendung der Einnahmen zu anderen als karitativen Zwecken. Der Vorstand ist darüber hinaus der Meinung, dass ein übermäßig großer Teil der Einnahmen durch Unkosten verschlungen wird und ein zu geringer Prozentsatz wohltätigen Zwecken zufließt. Aus diesen Gründen ersucht der Vorstand die zur Association gehörenden Vereine, ihre Plätze nicht länger für derartige Begegnungen zur Verfügung zu stellen.“ | |