1. Bundesliga

FSV Frankfurt vor dem Zusammenbruch?

Bericht und Kommentar zur Situation beim FSV Frankfurt

Von Tom Schlimme

7.10.2005    Der FSV Frankfurt ist einer der traditionsreichsten Vereine in der Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland. Doch im Moment besteht die Gefahr, dass es mit dieser Geschichte bald zu Ende geht. Das Erstligateam befindet sich mit Null Punkten und einem einzigen geschossenen Tor bei 31 Gegentreffern auf dem letzten Tabellenplatz, die zweite Mannschaft hat größte Mühe, ausreichend Spielerinnen für die Spiele zusammenzubekommen, der Posten des Abteilungsleiters ist derzeit vakant, die Abteilung laut Aussage des Präsidiums überschuldet, und Leute, die mit anpacken, werden hände- ringend gesucht.

Jedenfalls verkündet Vereins- präsident Michael Görner immer wieder, dass die Frauenabteilung keine Überlebenschance habe, wenn nicht bald eine ausreichende Anzahl von Personen gefunden wird, die beim FSV Frankfurt, bei dem vereinsintern momentan hauptsächlich der mögliche Aufstieg der Männermannschaft in die Regionalliga das große Thema ist, im Frauenbereich mit anpacken. Doch wenn dann wirklich Menschen initiativ werden, wird es erst richtig schwierig.

Spiel gegen Potsdam

Im Heimspiel gegen den 1.FFC Turbine Potsdam kam die erste Mannschaft des FSV Frankfurt mit 0:13 unter die Räder. Im Bild links Potsdams Kapitänin Ariane Hingst, in der Mitte Vjollca Maksuti, die den bisher einzigen FSV Treffer in dieser Saison erzielte, rechts Anne Engel

Bild: Tom Schlimme

Nachdem bekannt geworden war, dass die zweite Mannschaft seit langem dringend neue Trikots benötigt, griffen die Mitglieder des unabhängigen FSV-Forums in die eigene Tasche und besorgten einen neuen Satz Trikots in den Vereinsfarben, sehr zur Freude der Spielerinnen der zweiten Mannschaft. Die Freude war schnell zu Ende, als von Seiten der Vereinsführung das Tragen dieser Trikots untersagt wurde, weil darauf ein Aufdruck mit der URL des unabhängigen FSV-Forums zu sehen ist. Inzwischen liegt ein Schreiben vom Vereinspräsident Görner vor, in dem er diesem Forum vorwirft, seit Jahren als Plattform für die Verunglimpfung von Funktionären und Sponsoren zu dienen. Das Ende vom Lied: Plötzlich sah sich der Verein dann doch in der Lage, den Spielerinnen der zweiten Mannschaft neue Trikots zur Verfügung zu stellen, wenn auch nicht in den Vereinsfarben, aber immerhin funktionstüchtig und natürlich ohne Aufdruck. Begleitet wurde diese Posse durch seitenlange hin- und hergeschickte Briefe und großem Aufruhr im Verein.

Mein Kommentar dazu: Man kann sich darüber streiten, ob es klug von den Forums-Leuten war, die Trikots mit dem Aufdruck zu versehen, ohne vorher beim Verein


Die umstrittenen Trikots

Die zweite Mannschaft des FSV Frankfurt in den umstrittenen, vom unabhängingen Forum gespendeten Trikots.

Bild: Unabhängiges FSV Forum

nachzufragen, ob er damit leben könne. Man kann genauso hinterfragen, ob es klug war von der Vereinsführung, erst lauthals um Hilfe für die Frauenabteilung zu bitten, aber jetzt einen neuen Satz dringendst benötigter Trikots wegen eines relativ dezenten Aufdrucks zurückzuweisen. Das Problem ist nur, dass ein solcher Streit niemandem etwas bringt, weil er die eigentlichen Probleme beim FSV nicht angeht, sondern eher dazu geeignet ist, diese zu verdecken.

Die eigentlichen Probleme, das ist in erster Linie die fehlende Transparenz über die Finanzen der Frauenabteilung, und das ist weiter die Frage, wie die Strukturen so aufgebaut werden können, dass sich wieder Menschen in dieser Abteilung mit Lust und Spaß engagieren. Doch der Reihe nach:

Seit Jahren steht der Vorwurf im Raum, es seien Gelder aus der Frauenabteilung durch buch- halterische Tricks in den Gesamtverein, sprich die Männerabteilung, umverteilt worden, was schließlich zum völligen Bankrott der Frauen- abteilung in der letzten Saison geführt habe. Spielerinnengehälter wurden nicht mehr bezahlt, schließlich verließ praktisch das gesamte Team den Verein. Während die Frauen als Erstligateam reichlich Fernseh- gelder bekommen, hat die Männermannschaft als Oberligist keine vergleichbaren Einnahmen. Es stellt sich aktuell die Frage, was mit den in dieser Saison rund 80.000 Euro Fernsehgelder geschieht, bei einem Kader, der praktisch vollständig aus Zweitliga- und Oberligaspielerinnen zusammenbastelt wurde und höchstens 20.000 Euro im Jahr kosten dürfte.

Hier endlich glaubwürdige Transparenz zu schaffen, ist essentiell für die Zukunft der Abteilung. Wenn die Vorwürfe stimmen sollten, dann wüßte man, wo der Hebel anzusetzen ist, um die Frauen finanziell wieder aus den Miesen zu holen. Wenn aber gezeigt werden könnte, dass wirklich kein Geld von den Frauen in den Gesamtverein geflossen ist und auch keines momentan fließt, und zwar so, dass es wohlmeinende, aber kritische


Geister nachvollziehen können, dann wäre auch wieder die Chance gegeben, Menschen für den Neuaufbau der Abteilung begeistern zu können.

Denn das ist das zweite Problem im Verein: die Stimmung ist dermaßen vergiftet, dass man sich kaum vorstellen kann, neben einem vielleicht schon noch aufzu- treibendem neuen Abteilungsleiter als "Häuptling" dann auch noch genügend "Indiander" zu finden, die Lust haben, in diesen Strukturen zu arbeiten. Wie man hört, hat Präsident Görner versprochen, sich darum zu kümmern, dass es wenigstens mal eine Versammlung der Mitglieder und möglichen Helfer der Frauenabteilung geben soll, in der neue Strukturen überhaupt erst mal aufgebaut werden müßten. Man kann einer solchen Versammlung nur mit erwartungs- voller Spannung entgegensehen. Ebenfalls sehr spannend dürfte die Mitgliederversammlung des Gesamtvereins werden, die am 21.11.2005 ansteht.

Bis dahin sollte sich das Präsidium darüber klar geworden sein, dass, wenn man eine Abteilung dermaßen in die Miesen gewirtschaftet hat, wie dies hier geschehen ist, eine Bringschuld gegenüber den Mitgliedern besteht, größtmögliche Transparenz über die Finanzen zu schaffen. Außerdem sollte man gegenüber Kritikern etwas dickfelliger und toleranter werden, denn in dieser Situation kann Kritik an der Vereinsführung unmöglich als völlig unberechtigt oder abwegig abgetan werden.

Nur wenn die Auseinandersetzung in Zukunft wieder konstruktiv und nach den Regeln einer demokratischen Gesellschaft, in der kontroverse Diskussionen als fruchtbar begriffen werden, geführt wird, besteht die Chance, die Frauenabteilung des FSV Frankfurt vor dem völligen Aus zu bewahren.


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