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1. Bundesliga

Wird eine Tradition entsorgt?

Zur geplanten Lizenzübertragung des FSV Frankfurt nach Hanau

Von Tom Schlimme

28.2.2006   Die Männer des FSV Frankfurt, derzeit viertklassig, stehen vor dem Aufstieg in die Regionalliga. Die Frauen des FSV Frankfurt, Gründungsmitglied der Bundesliga, dritte in der "ewigen Tabelle" der Liga, dreifacher Deutscher Meister und fünffacher DFB-Pokalsieger, stehen vor dem Abstieg in die zweite Liga. Nun plant der Vorstand des FSV, Spiellizenz, Mannschaften und Trainer an den FC Mittelbuchen bei Hanau abzugeben. Frauenfußball soll es am Bornheimer Hang dann nicht mehr geben, erhalten bliebe dem FSV allein eine Mädchenfuß- ballabteilung.

"Eine Entscheidung zum Wohle des Frauenfußballs", so verteidigte Vereinspräsident Michael Görner in der Pressekonferenz nach der 0:4 Niederlage gegen Duisburg seine Pläne. In Frankfurt sei kein Platz für einen zweiten Bundesligaverein neben dem 1. FFC Frankfurt. Sponsoren würden sich alleine am 1.FFC orientieren und den FSV daneben links liegenlassen. In Hanau gäbe es sonst keine großen Sportvereine, so dass keine nennenswerte Konkurrenz existiere. Die Verhandlungen in Hanau und mit dem DFB seien noch nicht abgeschlossen, derzeit plane man zweigleisig und reiche beim DFB die Unterlagen für die Lizenz für erste und zweite Liga für die kommende Saison für den FSV ein.

Team

Auch wenn die Mannschaft oft schwer zu schlucken hatte wie hier bei der 0:13 Niederlage gegen Potsdam, rappelte sich das Team doch immer wieder auf. Duisburgs Trainer Dietmar Herhaus war voll des Lobs über den Teamgeist und die Einsatzbereitschaft dieser Spielerinnen. Doch zeigt das Präsidium des FSV gleichermaßen Solidarität und Teamgeist?

Bild: Tom Schlimme

Theoretisch könnte in der nächsten Saison also auch eine Mannschaft des FSV in der zweiten Liga Süd antreten, vorausgesetzt, der DFB akzeptiert die Unterlagen und erteilt die Lizenz. Wenn es nach Görner geht, wird diese Lizenz aber nach Hanau übertragen werden. Trainer Frank Schwalenberg erklärte in der Pressekonferenz, er sei bereit, in Hanau mit der Mannschaft weiterzumachen. Auch Mario Blechschmidt, derzeit als Aufsichtsratsvorsitzender des FSV für den Frauenfußball zuständig, könnte sich vorstellen, in Hanau beratend tätig zu werden. Als möglicher Vereinsname wurde "1. FFC Hanau" ins Gespräch gebracht. Die Gespräche mit dem DFB und dem Hessischen Fußballverband würden seit einiger Zeit laufen, die Situation sei neu und schwierig auch für die Verbände, aber Görner gab sich optimistisch, dass man seitens des DFB einer solchen Lösung keine Steine in den Weg legen werde.

Schwieriger stellt sich da die Situation in Hanau dar. Es kommen im Prinzip zwei Hanauer Vereine in Frage, der FC Mittelbuchen und der FC Hanau 93. Gegenüber der Frankfurter Rundschau erklärte Görner mehrmals, man plane die Abteilung an den FC Mittelbuchen abzugeben. Mittelbuchen ist ein kleiner Hanauer Stadtteil mit 3000 Einwohnern, abseits gelegen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht besonders gut zu erreichen. Aber es gibt hier eine gewachsene Frauenfußballabteilung (siehe http://fcmittelbuchen-damen.de.vu/ ) die in der Landesliga Gruppe Süd spielt. Volker Obel, der Abteilungsleiter Frauenfußball in Mittelbuchen, dementiert jedoch Verhandlungen mit dem FSV heftig (Siehe Eintrag Nr. 180 im Gästebuch des FC Mittelbuchen).

Der FC Hanau 93 hat derzeit eine Frauenmannschaft, die unter dem


Im Tornetz

Deniz Özer (links) und Anne Engel im Netz nach der 0:4 Niederlage gegen Duisburg. Ein Bild mit Symbolcharakter?

Bild: Peter Henkel

Namen SG Hanau 93/Neuses in der Bezirksliga F auf Platz 5 steht, ansonsten handelt es sich um einen reinen Männerfußballverein, dessen erste Mannschaft in der Bezirksoberliga Frankfurt Ost spielt. Ob beim FC Hanau 93 praktisch aus dem Nichts heraus die Infrastruktur aufgebaut werden kann, um plötzlich Frauenfußball in der zweiten Bundesliga Süd organisieren zu können, darf bezweifelt werden. Nach FanSoccer-Informationen hat der FC Hanau 93 überdies entsprechende Anfragen aus Frankfurt bereits abgelehnt. Außerdem hat der FC Hanau 93 derzeit selber genug mit eigenen finanziellen Problemen zu kämpfen. Mit welchem Verein verhandelt man also von Seiten des FSV? Wieso nennt Görner gegenüber der Frankfurter Rundschau den Namen Mittelbuchen, während von Seiten von Mittelbuchen heftig dementiert wird?

Annika Stunz

Annika Stunz, eine der ganz wenigen, die nach der letzten Saison beim FSV geblieben sind, übernimmt immer wieder Verantwortung. Gegen Duisburg sprang sie für die verletzte Anissa Holzhaus als Kapitänin ein. Doch würde Stunz auch noch einen Wechsel nach Hanau mitmachen?

Bild: Nora Kruse

Es fällt schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, als würde man beim FSV Frankfurt schon davon träumen, seine Frauenfußballteams an einen "1. FFC Hanau" abgeben zu können, bevor man in Hanau überhaupt davon weiß. Da stellt sich natürlich die Frage, wieso will man beim FSV die Frauen so schnell loswerden?

Frauenfußballvereine der ersten Liga erhalten vom DFB rund 70.000 Euro Fernsehgelder pro Verein. In der zweiten Liga fallen diese Einnahmen weg, statt dessen gibt es nur noch einen Zuschuss des DFB für die hohen Fahrtkosten. Ressourcen an Personal, Kabinen, Spielplätzen sind knapp, und angesichts des absehbaren Aufstiegs der Männer in die Regionalliga gilt es, die Kräfte zu bündeln.

Ich bezweifle, dass die Wirtschaftsmetropole Frankfurt am Main zu klein ist für zwei Frauenfußballvereine. Beim FFC sind inzwischen bei den großen Spielen alle Banden ausverkauft,


auch auf die Trikots der Spielerinnen kann man nicht unendlich viele Firmenlogos pflastern. Die Commerzbank ist Hauptsponsor, das müssen andere Sponsoren akzeptieren. Was bringt es schließlich einem am Werbeeffekt interessierten Investor, als 30igster irgendwo in einer langen Liste beim FFC genannt zu werden, wenn die gleiche Firma auch die Nummer eins beim FSV sein könnte? In den letzten Jahren hat es ja auch funktioniert. Der FSV hatte seine Sponsoren und seinen Etat. Erst die Misswirtschaft der vergangenen Saison sprengte die Mannschaft und erzeugte einen Abwärtssog, aus dem man jetzt schwer herausfindet.

Safi Nyembo

Safi Nyembo, hier eng bewacht von Peggy Kuznik und Cristiane aus Potsdam, wechselte vor dieser Saison vom 1. FFC Frankfurt zum FSV. Auch Deniz Özer, in den Vorjahren Nationaltorhüterin Uschi Holl, Patrizia Barucha und viele andere Spielerinnen kamen einmal vom FFC zum FSV und beweisen damit, dass das Wechsel- karussel in beiden Richtungen funktioniert. Kein Grund also, aufzugeben!

Bild: Tom Schlimme

Die Jahre davor haben aber ganz deutlich gezeigt, dass es in Frankfurt Platz für zwei Frauenfußballvereine gibt, sowohl was Sponsorengelder angeht, als auch, was die Rekrutierung von Spielerinnen angeht. Es gab immer einen regen Wechsel zwischen beiden Vereinen, und der FFC kann gar nicht soviele Spielerinnen in der ersten Mannschaft einsetzen, wie derzeit dort ausgebildet werden.

Ein Vorteil des FSV gegenüber dem FFC könnte sein, dass man eben auch über eine Männerabteilung verfügt. Wieso nicht Sponsoren am Gesamtverein interessieren, wieso nicht die Zweitligafrauen als Aushängeschild neben den Männern auch für Sponsoren etablieren? Wenn sich der FSV als eine Einheit präsentieren würde, wäre die Sponsorensuche längst nicht das große Problem, als das es momentan dargestellt wird.

Die Frauenabteilung des FSV Frankfurt mit ihrer großen Tradition sollte jedenfalls als Bereicherung des Gesamtvereins gesehen werden, und nicht als lästiges Übel, dessen schnellstmögliche Entsorgung man anstrebt.


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