Von Johannes Huber 4.2.2006
Kurz vor dem Ende der Hinrunde der Frauenbundesliga traf ich mich mit Alena Thom zu einem Gespräch und bin dabei auf eine junge Frau gestoßen, die wirklich für ihren Sport lebt - nicht weil sie Millionen damit verdient, sondern einfach spielen will. Dafür geht die US-Amerikanerin fernab ihrer Heimat sogar an ihr Erspartes. Ich sprach mit Alena Thom über Gott und die Welt und natürlich über Fußball.
Alena Thom, Jahrgang 1981, spielt seit Januar 2005 beim SC Freiburg in der Erstligamannschaft und belebt dort die Offensive.
Der Weg zum SC Freiburg
Wie kam es dazu, dass Du zum SC gekommen bist?
Ich habe in Amerika mit einer Spielerin gespielt, die aus Ulm kam, die hat mich gefragt ob ich nicht in Deutschland spielen will, und ich habe mir gedacht, ja vielleicht mach ich das, dann hab' ich im Internet geschaut, ein paar Mannschaften gefunden und E-Mails geschrieben, gefragt, ob sie vielleicht eine Spielerin brauchen. Von ein paar hab' ich Antworten bekommen, dann bin ich im Oktober mit meinem Vater hierher gekommen, habe ein paar Probetrainings gemacht und Freiburg gefiel mir.
Die Initiative nach Deutschland zu kommen kam also von Dir?
Ja, zum einen wegen Fußball, zum anderen wollte ich eine andere Kultur und Sprache kennen lernen. Dafür war seinerzeit der richtige Zeitpunkt.
Ist die Kultur arg unterschiedlich?
Ein bisschen. Es ist nicht so unterschiedlich wie eine asiatische Kultur, aber insbesondere die Sprache ist sehr schwer. Anfangs habe ich so gut wie gar nichts mitbekommen, vor allem dann, wenn Mitspielerinnen auch noch Dialekt gesprochen haben.
Konntest Du vorher überhaupt Deutsch?
Ja, ich habe es an der Uni studiert, aber fast alles wieder vergessen. Ich habe nie geübt und dann vergisst man es eben wieder. Ich bin aber darum bemüht, meine Deutschkenntnisse aufzubessern.
Du wolltest eine andere Kultur kennen lernen - hätte es beispielsweise auch Frankreich werden können; oder sollte es für Dich schon immer Deutschland sein?
Mein Interesse galt schon immer Deutschland. Meine Verwandten kommen aus Deutschland, mit denen habe ich auch noch Kontakt. Sie wohnen in Reutlingen. Meine Urgroßeltern waren Deutsche aus Thüringen. Deswegen wollte ich nach Deutschland kommen. Und es gibt hier auch guten Fußball. Ich war fertig mit der Uni. Wenn man an einer Uni vier Jahre gespielt hat, darf man dort nicht mehr spielen. Es gibt keine Profiliga mehr für Frauen in den USA, so dass ich einfach irgendwann nicht mehr dort spielen konnte.
Die Profiliga gibt es gar nicht mehr?
Nein, die haben kein Geld mehr, aber ich glaube und hoffe, dass sie in ein paar Jahren wieder kommen wird, da wir so viele gute Spielerinnen haben, die zur Zeit nicht mehr spielen können und derzeit gibt es nur die Uni-Meisterschaft.
Wie bist Du in der Mannschaft aufgenommen worden. Du bist während der Saison in ein bestehendes Mannschaftsgefüge hineingekommen - wurdest Du dort gut aufgenommen?
Ich glaube, ich habe anfangs sehr wenig verstanden, wusste nicht, was es für Probleme gab oder was los war - aber auf jeden Fall sehr nett, aber diese Saison ist es schon etwas ganz anderes, weil ich die Leute kenne und die Leute kennen mich. Das ist schon cool. Es war auch schwer, irgendwie nicht zu wissen, wie man spielen kann, da ja auch ein anderer Stil als in Amerika gespielt wird. Anfangs wusste auch niemand, wenn ich einen schlechten Tag hatte, dass ich es eigentlich besser kann. Aber es wird immer besser, auch auf dem Platz habe ich schon den Eindruck, dass es deutlich besser geworden ist.
Und ich habe gemerkt, was wichtig ist - es ist nicht nur der Fußball, sondern auch die Leute. Wenn man gute Beziehungen zu den Mitspielerinnen hat, versteht man sich auf dem Platz auch ohne Worte. Es gab anfangs einfach viele Sachen, die ich nicht gewohnt war.
Abgesehen von der Sprache, war es ein Problem, dass Du Ausländerin bist?
Nein, nein, das war kein Problem. Ein paar Spielerinnen haben am Anfang während dem Training übersetzt, manchmal habe ich auch einfach gesagt: "ja, ja, ich verstehe, ich verstehe". Schon ein paar Sekunden später mussten wir alles stoppen, weil ich überhaupt nichts verstanden hatte.
Der neue Trainer
Was hat sich durch den Trainerwechsel anfangs der Saison geändert?
Ich wusste nicht, was mit dem alten Trainer alles los war, aber mit dem neuen Trainer ist die Stimmung deutlich besser und ich glaube, anfangs haben sich alle gefreut, dass es einen neuen Trainer gibt.
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Alena Thom im Spiel beim FSV Frankfurt in der letzten Saison. Links Julia Kiesewalter.
Bild: Thomas Schlimme
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Haben sich die Trainingsmethoden geändert?
Dietmar kümmert sich um die individuelle Leistung jeder Spielerin. Über das Jahr machen wir Leistungstests, um zu schauen wie wir uns geändert haben und auch zu schauen ob wir mit unseren Trainingsmethoden richtig liegen. Andere Sachen haben sich auch geändert, aber der Unterschied von Amerika hierher war deutlich größer.
Was ist der Unterschied zwischen Amerika und hier im Training?
In Amerika haben wir viel länger trainiert. Es gab nicht so viele Pausen. Es ist schon stark hier, aber wir trainieren hier nicht so lang und machen auch viel weniger Lauf- und Sprinttraining, als ich das aus Amerika gewohnt war. Es sind einfach andere Trainingsmethoden.
Wie oft trainiert ihr hier?
Vier mal die Woche. Montags machen wir 90 Minuten lang Kraft- und Lauftraining, die anderen drei Tage trainieren wir draußen. In Amerika haben wir immer sechs Mal die Woche zwei Stunden lang trainiert.
Die Hinrunde
Wie hast Du die Hinrunde persönlich erlebt?
Ich glaube, dass ich in der Vorbereitung mit einer ganz guten Form angefangen habe. Irgendwann bin ich müde geworden. Bei den ersten Spielen war ich nicht da, ich hatte das Gefühl, dass ich nicht schlechter hätte spielen können. Am Anfang habe ich ein paar Spiele in der Mitte gespielt, was nicht meine Lieblingsposition ist, aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich nun wieder so gut spiele, wie ich eigentlich spielen kann. Ich fühle mich jetzt besser. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich inzwischen mehr mache am Tag, früher hatte ich überhaupt nichts zu tun, was für mich schlimm war.
 Alena Thom (r.) wird von Sandra Smisek angegriffen
Bild: Thomas Schlimme
Und die Vorrundenbilanz aus Mannschaftssicht?
Unser Saisonziel war der 5. Platz - im Moment sind wir auf dem 7. Platz. Ich glaube, wir können das besser.
Wenn man sich die Tabelle so anschaut, werdet ihr mit dem Abstieg nichts zu tun haben, da kann man ja eigentlich nur noch nach oben schauen?
Ja, das machen wir auch. Es ist immer besser nach oben zu schauen [lacht].
Und der gesamte Saisonverlauf aus Mannschaftssicht? Ich hatte den Eindruck, dass ihr relativ schwach in die Saison gestartet seid. Einige Spielerinnen, die ich in der letzten Saison sehr stark gesehen habe, sind neben sich gelaufen. Wird so etwas in der Mannschaft thematisiert?
Ich glaube, es kommt immer darauf an, was so passiert - nicht nur im Fußball, sondern auch sonst im normalen Leben. Manchmal hat man ein gutes Spiel, manchmal eben nicht. Ich weiß nicht wirklich, warum das so ist. Eigentlich wollten wir in den Spielen immer agieren aber anfangs haben wir das nicht gut gemacht und warteten oft auf die anderen Mannschaften. Vielleicht hatten wir zu wenig Selbstvertrauen oder haben einfach Zeit gebraucht um als Mannschaft besser zu werden. Im Spiel gegen den FCR Duisburg sind wir mit der Haltung rausgegangen "wir machen was" - das war zwar nicht ausgesprochen, aber alle hatten das Gefühl und wir hatten keine Angst. Und das war schon ein besseres Gefühl für alle, glaube ich.
Die eigene Situation
Bevor Du zum SC gekommen bist, hast Du in den USA ziemlich viele Tore geschossen, in dieser Saison erst eines (im letzten Spiel gegen den FCR Duisburg), wenn auch ein sehr wichtiges, woran liegt's?
Im letzten Spiel habe ich mich freier gefühlt, weil ich auf der rechten Außenbahn gespielt habe.
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In den Spielen davor, habe ich im zentralen Mittelfeld gespielt, wo man mehr Defensivaufgaben hat, wobei man nicht zu so vielen Chancen kommt. Aber von Natur aus bin ich einfach eine Außenspielerin.
Bist Du auf rechts festgelegt, also kannst Du nur mit rechts schießen?
Nein, ich bin zwar von Natur aus rechts, aber ich war mal rechts angeschlagen und habe deshalb meinen linken Fuß oft trainiert, so dass ich mit beiden Seiten fast gleich gut bin. Es ist also egal, ob rechts oder links - aber auf der Außenbahn fühle ich mich einfach am wohlsten. Wenn ich Freiheiten nach vorne habe, bin ich einfach besser.
Als Du nach Deutschland gekommen bist, war es da schwierig, sich von Familie und Freunden zu trennen?
Es war nicht so schwierig, weil, als ich an der Uni studiert habe, war ich auch 14 Autostunden von meiner Familie entfernt (ich komme aus Missouri und habe in North Carolina studiert). Meine besten Freunde aus der Uni wohnen zwischenzeitlich auch in anderen Staaten und ich habe sie sowieso nicht oft gesehen. Ein bisschen schwer war es schon, weil ich niemanden kannte und die Sprache nicht sprechen konnte, aber so schwer dann auch wieder nicht.
Der Weg zum Fussball
Wie kamst Du zum Fußball und wie alt warst Du, als Du angefangen hast?
Meine Schwester war in einer Fußballmannschaft - sie ist vier Jahre älter als ich - und ich dachte, ich könnte das auch machen. Sie war ganz schlecht, sie ist immer vor den Ball gelaufen oder selbst um den Ball gelaufen. Mir hat es ganz gut gefallen, da war ich fünf oder sechs und seither habe ich immer gespielt.
Auf welcher Position hast du angefangen?
Als ich richtig in einem Verein angefangen habe, habe ich immer außen (rechts oder links) gespielt, oder im Sturm, aber immer offensiv. An der Uni habe ich ein Jahr Außenbahn, zwei Jahre auf der Außenverteidigerpostition und ein Jahr Sturm gespielt. An der Uni ist es immer anders weil es jedes Jahr eine ganz andere Mannschaft geben kann.
Aber Abwehr ist nicht Deine Lieblingsposition?
Meine Lieblingsposition ist es nicht. Es ist einfach ganz anders. Ich glaube es ist eine Frage des Stolzes, weil Du da keine Tore schießen, nur verhindern, kannst.
Musst Du diese Haltung in der Offensive nicht auch haben, man sagt ja immer, die Abwehr beginnt bereits im Sturm?
Ja, das stimmt schon, aber man hat in der Offensive einfach mehr Freiheiten und die Aufgabe ist einfach ein bisschen anders. Man hat mehr Möglichkeiten, etwas Neues zu probieren.
Das Leben neben dem Fussball und die Heimat
Was hast Du studiert?
Sportwissenschaften.
Und was machst Du jetzt?
Jetzt? Eigentlich nicht so viel, weil es so schwer ist, einen Job zu finden. Das ist das eigentliche Problem. Anfangs war ich in eine Sprachschule, jetzt gebe ich noch zweimal die Woche Training bei der Freiburger Turnerschaft.
Kannst Du davon leben?
Hm - nicht so richtig. Ich habe in den USA schon gearbeitet und habe noch ein bisschen Geld gespart, aber das geht nicht für eine lange Zeit. Irgendwann muss ich eine richtige Karriere anfangen.
Du kommst aus Missouri, dort ist die höchste Erhebung ungefähr 500m; im Steckbrief auf Deiner Website, steht als sportliches Minus "im Schnee spielen"?
Als ich im Januar hergekommen bin, gab es sehr viel Schnee und es war richtig schlimm, wir waren immer draußen, konnten nicht spielen, nur immer laufen. Wir haben ein bisschen gespielt und es war so komisch und ich war es nicht gewohnt, im Schnee zu spielen, das fand ich gar nicht gut. Dann haben wir Spinning und Wasseraerobic gemacht, anstatt Fußball zu spielen. Dies fand ich auch nicht gut, weil ich Fußball spielen wollte - deshalb hab' ich das damals auf meiner Website geschrieben.
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