Gutes Mannschaftsklima versetzt (bayerische) Berge

Interview mit Sissy Raith

Von Nora Kruse

22.06.2005

Nachdem der FC Bayern nach der Hinrunde in der Saison 2003/2004 sogar gegen den Abstieg spielte, übernahm Ex-Nationalspielerin Sissy Raith zur Rückrunde den Trainerposten und führte die Mannschaft noch auf den 5. Platz. Ein Ergebnis, was in der darauffolgenden Saison sogar noch gesteigert wurde.

Nach der eher mäßigen Hinrunde in der Saison 2003/2004 spielte Ihre Mannschaft eine sehr gute Rückrunde. Was haben Sie anders gemacht?
Wir haben das Abwehrverhalten trainiert. Ergebnis: in der Rückrunde gab es nur noch 9 Gegentore!

  • Selbstvertrauen gestärkt durch Einzelgespräche
  • Schon kleine Erfolgserlebnisse im Training geschaffen
  • Gute Mischung zwischen Lob/Anerkennung und konstruktiver Kritik
  • Personelle Umstellungen vorgenommen und das System von 4-4-2 auf 4-5-1 geändert
  • Sonja Spieler vom offensiven ins defensive Mittelfeld
  • Sandra de Pol aus der Innenverteidigung ins defensive Mittelfeld
  • Carmen Roth (Bankdrücker) in die Innenverteidigung
  • Janine Partzsch (2. Mannschaft) in die Innenverteidigung
  • Simone Laudehr (Bankdrücker) ins offensive Mittelfeld
  • Tanja Wörle vom defensiven ins offensive bzw. zentrale Mittelfeld
  • Trotz dieser Rückrunde kürzte der FC Bayern München Ihnen zur Saison 2004/05 die Mittel. Welche Auswirkungen hatte dies auf die Saisonvorbereitung?
    Der Kader wurde auf 18 Spielerinnen reduziert. Das galt nicht nur für die Vorbereitung, sondern für die komplette Saison 2004/05. Jedoch bekamen durch diese Kürzungen drei Spielerinnen aus der zweiten Mannschaft die Möglichkeit, sich in die 1. Bundesligamannschaft zu spielen. Felicia Notbom und Bianca Eder profitierten von den Ausfällen und fügten sich quasi nahtlos ins Team ein. Bei Kathleen Krüger dauerte es etwas länger. Aber auch sie zeigte ansteigende Leistungen im Training, sodass sie mehrfache Einsätze hatte.

    Mit ihren Spielerinnen, hier Sandra de Pol, hat Sissy Raith nach Amtsantritt viele Einzelgespräche geführt.

    Foto: Nora Kruse

    Abgesehen von diesen Mittelkürzungen – wie sieht die Zusammenarbeit mit den Männern beim FC Bayern aus?
    Da wir in Aschheim (ein kleiner Vorort östlich von München) trainieren, und dort auch unsere Spiele austragen, haben wir kaum Kontakt zu Ballack, Kahn und Co. Wenn ich in der Geschäftstelle bin, gibt es sicherlich mal einen Small-Talk mit Trainern der Jugendmannschaften. Janine Partzsch trainiert derzeit in der U15. Sie bereitet sich auf die Maßnahmen der U21-Nationalmannschaft vor. Auch in der neuen Saison wird es so sein, dass einige Spielerinnen bei der Jugend mittrainieren.
    Vorbereitungsspiele gegen Jugendteams im eigenen Verein bestreiten wir eher weniger. Die sind uns „eine Nummer zu groß“. Wir tragen öfters Spiele gegen B- und A-Jugendmannschaften umliegender Vereine aus.

    Sissy Raith bei einer Pressekonferenz in Frankfurt.

    Foto: Jochen Ditschler

    Ihre Mannschaft machte dann zur neuen Saison förmlich da weiter, wo sie aufgehört hatte. Welche Erklärung haben Sie für diese gute Leistung – auch gerade unter Berücksichtung der vielen Abgänge innerhalb der Mannschaft?
    Die Abgänge waren nicht das Problem. Das konnte ich einplanen. Eher waren es die unvorhergesehenen Ausfälle durch Leistungsträgerinnen wie Nina Aigner, Sandra de Pol, Janine Partzsch, Angelika Seidl, Johanna Loistl, Carmen Roth, Sabine Loderer und Melanie Fischer.
    Dennoch - oder auch trotzdem - hatte ich den Eindruck, je mehr wir zu verkraften hatten, desto näher rückte die Mannschaft zusammen. Alle „Übriggebliebenen“ haben Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat weit über 100% Leistung und Bereitschaft gezeigt, für die Mannschaft alles zu geben. Hinzu kommt, dass wir ein unglaublich und außergewöhnlich gutes Mannschaftsklima haben. Und das versetzt bekanntlich Berge – gerade was die bayerischen betrifft :o))

    Der Saisonverlauf drehte sich dann im Vergleich zur Vorsaison fast um. Einer guten Hinrunde stand jetzt eine eher mäßige Rückrunde gegenüber. Was war passiert?
    Die Platzierung zeigt keinen Einbruch.
    Dennoch haben wir in der Rückrunde nur 13 im Vergleich zur Hinrunde von 20 Punkten eingespielt. Für uns war die lange Winterpause durch die vielen Spielabsagen – und den damit nicht vorhandenen Wettkampfcharakter – entscheidend. Wir hatten vor dem DFB-Pokalspiel gegen Potsdam nur ein Pflichtspiel. Dazu kam, dass sich die Mannschaft von den Fehlentscheidungen und dem damit verbundenen Ausscheiden im DFB-Pokalhalbfinale erst einmal erholen musste. Wurden wir doch um den verdienten Lohn (Einzug ins Finale) gebracht. Eine der schwersten Aufgaben, die wir zu lösen hatten.

    Insbesondere fiel die fehlende Konstanz beim FC Bayern auf. Gegen "schwächere" Mannschaften, wie den FSV Frankfurt, gab es eine Heimniederlage, gegen Potsdam dagegen einen Auswärtssieg. Welche Gründe kann es dafür geben?
    Für uns ist es in der Regel einfacher, gegen vermeintlich stärkere Gegner, wie zum Beispiel Potsdam oder auch Duisburg, zu spielen.
    Trotzdem machte sich die Müdigkeit, und da speziell in den Köpfen, bemerkbar. Wenn eine Spielerin immer an die Leistungsgrenze gehen muss/will, kann sie sich irgendwann - und möglicherweise genau gegen „schwächere“ Gegner – nicht mehr 100% konzentrieren bzw. motivieren. Gegen Teams, die ganz oben stehen, hatten wir in unserer Schwächeperiode sowieso nichts zu verlieren. Da spielten wir dann frei auf. Hat doch ohnehin keiner mit uns gerechnet – wie eben der 4:3-Sieg gegen Potsdam oder der 3:3-Erfolg gegen Duisburg zeigt.


    Wie würden Sie die abgelaufene Saison insgesamt bewerten? Das zum einen aus der Sicht Ihres Vereins, aber auch generell. Der Abstiegskampf war selten so spannend und auch an der Tabellenspitze sah es doch etwas anders aus, als von vielen zuvor vermutet.
    Unser Ziel war, den Tabellenplatz aus der vorausgegangenen Saison zu wiederholen. Unter Anbetracht der Gesamtsituation haben wir die Erwartungen mit dem 4. Tabellenplatz weit übertroffen.
    Ja, der Abstiegskampf war sehr spannend. Und mit dem VfL Wolfsburg habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Gerade mit den Verstärkungen in der Winterpause dachte ich, die „Wölfinnen“ schaffen das.
    An der Tabellenspitze gab es für mich keine Überraschung. Aufgrund der Mehrfachbelastung auf Seiten der Potsdamer war es abzusehen, dass dieses Jahr nicht alle drei Titel an Turbine gehen würden. Aber ich möchte Bernd Schröder ein großes Kompliment aussprechen. Er hat wieder einmal alles richtig gemacht und mit seinen Aufstellungen und Ein- bzw. Auswechslungen jederzeit das „richtige Händchen“ bewiesen. Das erste Mal als Landesmeister im UEFA-Cup dabei zu sein und dann gleich den Titel zu holen, ist eine beachtenswerte und respektable Leistung von ihm und dem ganzen Team. Glückwunsch noch einmal aus der Isar-Metropole. Auch zum gewonnenen DFB-Pokal.

    Platz 4 gab es in der abgelaufenen Saison - und auch in der nächsten möchte Sissy Raith mit ihrem Team in der oberen Tabellenhälfte mitspielen.

    Foto: Nora Kruse

    Geben Sie uns einen Ausblick auf die kommende Saison. Der FC Bayern hat bereits diverse Neuverpflichtungen bekannt gegeben, es werden aber auch wertvolle Spielerinnen den Verein verlassen. Was sind Ihre Ziele für die nächste Saison, wie sieht die Vorbereitung aus?
    Ja, wir müssen erst einmal sehen, ob wir die Abgänge Wörle, Grießemer, Loistl und Loderer gleich im ersten Jahr kompensieren können. Junge, „hungrige“ und motivierte Spielerinnen rücken nach, zwei von ihnen durften bereits internationale Erfahrungen sammeln. Dazu kommt die langjährige Bundesliga-Erfahrung von Melanie Soyah. Entscheidend werden wieder die ersten Spiele nach der Sommerpause für uns sein. Wenn es uns gelingt, einen erneut guten Start hinzulegen, kann es abermals mit einem Platz in der oberen Hälfte der Tabelle klappen. Darüber hinaus hoffe ich sehr, dass wir in dieser Saison von großen bzw. langfristigen Ausfällen verschont bleiben.
    Unsere Vorbereitung wird eine Mischung aus Freude und Spaß sowie strukturiertem und konzentriertem Arbeiten sein. Hinzu kommt wieder das eine oder andere Schmankerl, wie in der letzten Sommervorbereitung (der/die Berg/e rufen...). Eine Veranstaltung, welche auch für unseren Teamgeist sinnvoll ist. Frau darf gespannt sein!!!

    FanSoccer-Startseite