24.06.2005 Frischer Wind weht in Duisburg-Hüttenheim. Trainer Dietmar Herhaus steht schon mitten in den Vorbereitungen für die neue Saison. Der ehrgeizige Coach will nichts dem Zufall überlassen und bereitet sich und die Mannschaft des FCR akribisch auf die neue Spielzeit vor. Dabei sind in der Trainingsvorbereitung viele Spielerinnen „international“ unterwegs, was die Sache erheblich erschwert. Wir sprachen mit dem neuen Trainer des FCR 2001 Duisburg und stellen ihn unseren Lesern in diesem Interview einmal vor.
Guten Tag, Herr Herhaus. Vielen Dank, dass sie sich etwas Zeit für den Fansoccer nehmen. Wie geht es Ihnen, haben sie sich schon in ihrer neuen Wirkungsstätte eingelebt und wie unterscheiden sich die gegebenen Arbeitsbedingungen gegenüber ihren vorherigen Trainerstationen?
Mir persönlich geht es ganz gut. Ich freue mich auf die neue Arbeit. Sicherlich merkt man, dass die Trainingsbedingungen mit dem schönen Trainingsgelände beim FCR Duisburg ganz hervorragend sind. Einige Sachen, wie z.B. Diagnostik mit Testverfahren, die von mir durchgeführt werden, sind für die Spielerinnen neu. Daher denke ich, wird es eine spannende Zusammenarbeit.
Ganz aktuell - wie beurteilen Sie die Europameisterschaft und die Leistungen ihrer Spielerinnen Silke Rottenberg und Inka Grings?
Von der Beurteilung her ist die deutsche Nationalmannschaft verdient Europameister geworden. Weil sie schlicht und ergreifend auch die beste Mannschaft mit den besten Einzelspielerinnen war. Sie hat auch die Durchschlagskraft, die einfach nötig ist um dann die Tore zu erzielen. Von daher gibt es keine Diskussion, dass der Titel verdient war.
Inka Grings und Silke Rottenberg haben beide eine souveräne und gute Europameisterschaft gespielt. Von der Silke ist man das schon gewohnt. Für Inka freut es mich ganz besonders. Dass sie bei einem so großen Turnier nicht nur mit dabei war, sondern es auch mit ihren Toren mitprägen konnte. Ich denke, dass beide Spielerinnen zufrieden sind und ich bin es natürlich auch.
Nach Großereignissen kommen immer wieder von Funktionären die Statements pro Frauenfußball. Mal im Ernst, was denken Sie, wie der Frauenfußball ein Stück nach vorne kommen könnte? Besonders, was halten Sie von den „Inspirationen“ mancher UEFA-Herren, die Trikots der Damen denen der Beach-Volleyballerinnen anzupassen?
So was geht sicherlich am Thema vorbei. Solche Leute sollten aufhören, Frauen- mit Männerfußball zu vergleichen. Der Frauenfußball lebt von der Schönheit des Spiels. Dadurch, dass das Tempo gegenüber den Männern ein wenig niedriger ist, kann man die Schönheit besser entdecken. Ich denke, der Frauenfußball bietet genügend Dinge, wo er sich positionieren kann und wo er seine Attraktivität und die damit verbundene Sympathie gut rüberbringen kann.
Dietmar Herhaus und Co-Trainer Thomas Obliers (r.)
Als letzte Saison Ihr Name als neuer Trainer bekannt gegeben wurde, schüttelten viele Fans den Kopf, weil kaum jemand mit dem Namen Herhaus etwas anfangen konnte. Stellen Sie uns Ihre sportlichen Stationen bitte vor.
Ich habe eine lange Zeit im Verbandsbereich beim Fußballverband Mittelrhein gearbeitet. Da aber auch im Hochleistungsbereich für die U 18 und U 20. Da habe ich im Herrenbereich mit Spielern, die in Leverkusen und Köln gespielt haben und noch spielen, trainiert. Zum Beispiel mit Lukas Podolski vom 1.FC Köln.
Im Frauenbereich bin ich vor zwei Jahren bei TuS Köln rrh. gelandet. Weil ich auf hohem Niveau im Meisterbetrieb was machen wollte und mich das gereizt hat. Ich denke, dort habe ich keine schlechte Arbeit gemacht. Ich habe in zwei Jahren drei Titel geholt. Zweimal den Verbandspokal und in dieser Saison überlegen und souverän die Regionalliga-Meisterschaft. Damit ist TuS Köln rrh. in die zweite Liga aufgestiegen. Von daher denke ich, dass ich mich im Frauenbereich ethabiliert habe.
Der FCR Duisburg hat in der abgelaufenen Saison die Fans mit tollem Angriffsfußball verwöhnt und wurde Vizemeister. Nun kommt ein neuer Trainer - wie wird Ihr System aussehen?
Wir wollen attraktiven und modernen Fußball spielen. Wir müssen das Fußballsystem gar nicht neu erfinden. Man muss sicherlich sehen, dass die Bundesliga ausgeglichener wird, was ich sehr hoffe. Dass unter Umständen nicht mehr so hohe Ergebnisse zu Stande kommen, wie man es in der letzten Saison hatte. Mein Prinzip ist es, dass wir nach vorne spielen wollen und die 0““ nicht unbedingt stehen muss. Unser Ziel ist, Tore beim Gegner zu erzielen - mehr Tore zu schießen als der Gegner.
Seit wann konkret bereiten Sie sich auf Ihre neue Aufgabe vor? Welche Gedanken gehen dabei in Ihnen vor?
Konkret nach dem 22.März, nach der Vertragsunterschrift. Die Arbeit beim TuS Köln rrh. hat im Vordergrund gestanden. Trotzdem habe ich seitdem sehr intensiv, immer fortwährend und regelmäßig hier an der Vorbereitung für die neue Spielzeit mitgearbeitet.
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Der neue Duisburger Trainer stand uns Rede und Antwort
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Mit Herrn Oster, Herrn Vesper oder auch mit dem Trainerstab, Herrn Birker und Herrn Hart, gesprochen. Die Vorbereitung hat schon sehr vorzeitig begonnen.
Sie fangen jetzt mit der Vorbereitung für die neue Saison an. Aber zum Start fehlen gleich Rottenberg und Grings (EM-Urlaub), van Bonn, Thompson, Hauer, Laudehr, Oster, Bajramaj, Hanebeck (weilen fortweg bei den U21/U19 Mannschaften, Lehrgänge, Nordic Cup und U19-Europameisterschaft). Kann man da von einer gezielten Vorbereitung überhaupt noch sprechen?
Diese Frage ist sicherlich berechtigt. Eine gezielte Vorbereitung wird stattfinden und findet statt. Der FCR 2001 Duisburg lebt und ist geprägt von seiner sehr guten Nachwuchsarbeit. Die Vorbereitung wird so aussehen, dass neben den erfahrenen Spielerinnen (die nicht international unterwegs sind) halt Nachwuchsspielerinnen hochgezogen werden. Diese Spielerinnen haben dann Gelegenheit sich zu zeigen. Sie können sich dann halt auch den Nationalspielerinnen zeigen, wenn sie wieder zurückkommen: Du musst an mir vorbei.
Auf der anderen Seite habe ich auch die Verantwortung, die Spielerinnen, die zurückkommen, nicht zu überfordern. Und nicht mit Volldampf in den Meisterbetrieb zu werfen. Von daher denke ich, ist es eine gute Situation, den Nachwuchsspielerinnen eine Chance zu geben. Auf der anderen Seite ist die Situation nicht so, wie ich sie mir gewünscht habe, da ich gerne diesen hochqualifizierten Kader beisammen hätte.
Wie beurteilen sie ihre Neuzugänge?
Flacke, Mpalaskas .Wie sehr stört Sie die Verletzung von Neuzugang Verena Hagedorn (Fansoccer wünscht eine baldige Genesung und alles Gute) und das spekulative Karriereende von Linda Bresonik? Wird eventuell noch einmal nachgebessert?
Fakt ist, dass wir einen sehr guten Kader aus der letzten Saison haben. Mit Iris Flacke und auch mit der sehr jungen Verena Hagedorn sind auch erfahrene Bundesligaspielerinnen dazugekommen. Hagedorn kann leider erst in der Rückrunde spielen (Kreuzbrandriss), daher stört und trifft uns diese schwere Verletzung sehr. Stephanie Mpalaskas ist sicherlich auch nicht nur eine Ergänzung für das Mittelfeld, sie steht dem Team insgesamt gut zu Gesicht. Da haben wir nun sehr gute Alternativen. Christa Schäpertöns wird den Verein verlassen, sie wechselt nach Ratingen. Sie kann durch ihr Studium nicht regelmäßig trainieren, um ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.
Insgesamt ist der Kader noch ausgeglichener. Es wird noch mehr Druck da sein und auch ein bisschen mehr Erfahrung.
Zum Thema Bresonik muss man die Entscheidung akzeptieren – so, wie sie ist. Allerdings habe ich mich mit dafür entschieden, dass der Vertrag nicht aufgehoben, sondern ruhen gelassen wird. Um da der Zeit genüge zu tun, bis der Kopf richtig frei ist. Der Spielerin muss man die Gelegenheit geben, wieder zurückzukommen und sich dann wieder im Team zurechtzufinden.
Die Transferfrist wird man sich auch noch offen halten, um eventuell auf der einen oder anderen Position noch mal aufrüsten zu können. Auch ausländische Spielerinnen können für den Verein interessant sein.
Dietmar Herhaus auf dem Trainingsgelände des FCR
Der FCR 2001 Duisburg hat eine Regionalliga-Mannschaft und ein starkes U 17-Team. Werden sie auch versuchen, Talente in die Bundesliga-Mannschaft miteinzubinden?
Die schon angesprochene Situation der Abstellungen für die Nationalmannschaften lässt uns aus der Not eine Tugend machen. Da rechne ich schon mit, dass sich die ein oder andere Jugendspielerin oder Spielerinnen aus der zweiten Mannschaft oben festbeißen werden.
Sie haben selber ja auch einige Bundesligaspiele des FCR verfolgt. Haben Sie trotz der starken Saison auch Schwächen im Team gesehen?
Schwächen kann man das jetzt nicht nennen. Was den taktischen Bereich angeht, sehe ich Dinge, die wir noch verbessern können. Jede einzelne Spielerin - allein durch das Alter - ist ja noch nicht ausgereift und ausgereizt. Von daher ist das eine sehr interessante Aufgabe, jede einzelne Spielerin noch weiterzubringen. Auch die
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Mannschaft als Team und von der Taktik her zu optimieren und entsprechend auch die Ziele zu erreichen, die wir uns gesteckt haben.
Wenn Sie eine Wunschspielerin frei hätten, welche Spielerin würden sie sofort nach Rumeln holen?
(lacht) Die Antwort auf diese Frage fällt mir wirklic schwer. Weil ich mit dem Kader der Spielerin, die ich hier habe, auch wenn ich mit der Mannschaft noch nicht lange gezielt zu tun hatte, sehr zufrieden bin. Die Mannschaft besticht als „Team“ und da jetzt irgendeine Spielerin hervorzuheben, würde mir spontan sehr schwer fallen. Ob man da jetzt eine Marta nennt oder eine Gulbrandsen, das ist für mich eine suggestive Frage.
Ich sehe hier ein starkes Team mit unheimlich viel Potential. Die Mannschaft besticht dadurch, der Star zu sein.
Dietmar Herhaus (vorne) beim Interview mit FanSoccer-Korrespondent Heinz Günter Sporkel
Jürgen Krust war acht Jahre Trainer beim FCR. Er hinterlässt einen langen Schatten. Wie werden Sie persönlich damit umgehen?
Die Ansage geht in die Richtung, nach vorne zu schauen - wir schauen nicht zurück. Der Leistung des Herrn Krust muss man vollen Respekt zollen. Ich sehe jetzt hier meine Chance und werde die mit der Mannschaft und meinem Trainerteam wahrnehmen. Der Grundsatz ist - wenn man in Fußstapfen anderer Leute tritt, kann man dieselben halt nie überholen.
Ich bin schon so ehrgeizig, dass ich sage: “Zweite Plätze mag ich nicht“.
Wichtig ist beim FCR auch die Akzeptanz der Fans. Werden sie auch ab und an Gespräche mit den Fans führen oder denken Sie, dass, wenn auf dem Platz die Leistung stimmt, alles andere von selbst kommt?
Der Kontakt zu den Fans ist sehr wichtig! Da muss man mir sicherlich Zeit geben. Wenn jetzt die Arbeit richtig losgeht, dann gehören diese Termine bei den Fans auch fest zu den Terminen, die für mich sehr, sehr wichtig sind. Da spielt die Entfernung keine Rolle, das können die Leute bestätigen, mit denen ich schon beim FCR zu tun habe, dass mir da kein Weg zu weit ist. Ich werde diese Dinge wahrnehmen, weil sie schlicht wichtig sind. Eine Mannschaft kann noch so gut spielen - wenn der Kontakt zu den Fans nicht da ist, dann ist das nur eine halbe Sache.
Wie bereiten Sie sich persönlich auf die Bundesliga-Gegner vor und wie informieren Sie sich über die Bundesliga allgemein?
Wir haben schon in der vorherigen Saison einige Spiele aufgezeichnet. Ich persönlich habe, auch durch die Trainerlehrgänge in Deutschland verteilt, in der Nähe der Bundesliga-Standorte Kollegen sitzen, die sich bereit erklärt haben, dass ein oder andere Spiel zu sichten und mir Informationen zu geben. Es werden sich auch Kontakte zu den Kollegen der anderen Vereine aufbauen. Ich denke, wir sind gut gerüstet.
Auch ein neuer Trainer braucht sicherlich Anlaufzeit. Welche Saisonziele haben Sie sich und der Mannschaft gesetzt?
Was für uns und für mich persönlich an erster Stelle steht, ist, dass wir ein gutes Team werden. Das habe ich der Mannschaft bei der ersten Besprechung gesagt, dass für mich als erstes Ziel gilt, das beste Team der Welt zu haben. Nicht unter der Maßgabe, jedes Spiel zu gewinnen. Sondern dass jeder, der von außen zuschaut und sieht was hier abläuft, dass der sagt: „Ja - da möchte ich gerne dabei sein“. Dass jeder, der hier mitmacht, sich einbringt und sagt: „Das ist klasse!“.
Bei den sportlichen Zielen der Saison müssen wir bedenken, dass wir eine junge Mannschaft sind. Wir wollen weiterkommen. Ein realistisches Ziel ist das Pokalendspiel in Berlin, das wir ansteuern wollen und werden. Die anderen Dinge - da setze ich mal darauf, dass die Bundesliga ausgeglichener und spannender wird. Dass wir die Chance haben, bis zuletzt den Sprung nach oben zu schaffen.
Wann hält der FCR wieder einen Pott – egal, ob DFB-Pokal oder Meisterpokal - in den Händen?
Ich hoffe, zu Beginn der nächsten Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land.
Wir bedanken uns bei Trainer Herhaus für das ausführliche Interview und wünschen ihm auf seinem Weg, den FCR 2001 Duisburg und sein junges Team nach vorne zu bringen, alles Gute.
Ich selber freue mich schon sehr auf die Zusammenarbeit mit dem sympathischen Trainer.
Das Gespräch mit Trainer Dietmar Herhaus führte Heinz Günter Sporkel. Bilder: Andreas Krahforst
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