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1. Bundesliga

"Da würde ich nicht mal meine Eltern auf der Tribüne beachten"

Interview mit Alexandra Gärtner (Hamburger SV)

Von Beate Wolter und Katja Öhlschläger

17.2.2006
Alexandra Gärtner kam vor fünf Jahren vom TV Jahn Delmenhorst zum Hamburger SV und ist Spielführerin ihrer Mannschaft, mit der sie bereits mehrere Hochs und Tiefs durchleben durfte/musste. Im FanSoccer-Interview spricht sie unter anderem über den bisherigen Verlauf der Saison, ihren Verein, den Ausfall von Tanja Wörle, die Entwicklung des Frauenfußballs, und blickt voraus in das Fußballjahr 2006, das für den HSV am Sonntag mit dem Nachholspiel beim FCR Duisburg beginnt. Außerdem erfahren wir, warum sich am 9. April diesen Jahres und Ende Mai 2007 zwei große Wünsche für Alexandra Gärtner erfüllen könnten.

Du bist Kapitänin und nun schon seit fünf Jahren beim HSV. Die letzten Jahre glichen ja einer richtigen Achterbahnfahrt: 2002 abgestiegen, 2004 ein tolles Jahr als Aufsteiger gespielt, 2005 dem Abstieg gerade noch mal von der Schippe gesprungen. Glaubst du, ihr habt euch jetzt mit eurem neuen Trainer Achim Feifel eine solide Basis geschaffen, um euch dauerhaft in der oberen Tabellenhälfte zu etablieren?

Ja, ich denke, wir sind auf einem wirklich guten Weg. In den letzten Monaten hat sich vieles weiter entwickelt im HSV. Alles ist professioneller geworden. Dass es sich sofort in der Tabelle positiv darstellt, damit hat keiner gerechnet.

Alexandra Gärtner

Dynamisch am Ball, den Blick schon nach vorne gerichtet.

Bild: Silvia Schmidt

Ihr habt in dieser Saison viele überraschen und auch spielerisch beeindrucken können – welchen Anteil hatte Achim Feifel an dieser tollen Entwicklung?

Unser Trainer hat sicher einen großen Anteil an dieser Situation. Wir haben viel im taktischen Bereich gearbeitet. Wir sind eine lernwillige Truppe, jeder will sich persönlich weiter entwickeln und hat das meiner Ansicht nach auch getan.

Gerade in den ersten Spielen habt ihr losgelegt wie die Feuerwehr und in Potsdam sogar einen Punkt geholt. Hat sich daraus auch eine gewisse Eigendynamik ergeben, sich plötzlich ganz weit oben in der Tabelle zu sehen?

Klar, wir hatten einen super Saisonstart und der Punktgewinn in Potsdam hat uns den richtigen Kick gegeben. Dieser Start war wie eine Befreiung, wir hatten wieder richtig Spaß beim Fußball und sind ohne Druck in die Spiele gegangen, da kamen die Siege von ganz alleine.

Woran lag es deiner Meinung nach, dass euch am Ende ein bisschen die Luft ausgegangen ist? War die erste Euphorie ein bisschen abgeebbt?

Ich denke, die Hinserie war recht lang, wir hatten viele Pausen, konnten uns in keinen Rhythmus mehr spielen. Ab September hatten

Alexandra Gärtner, Pia Wunderlich

Ein Wunsch von Alexandra Gärtner: "einmal dem FFC Frankfurt Punkte klauen." Hier beim Shakehands mit Frankfurts Spielführerin Pia Wunderlich (r.) vor der bitteren 0:9-Niederlage im Dezember letzten Jahres. Aber es gibt ja noch ein Rückspiel...

Bild: Thomas Schlimme

wir mehr Pausen als Spiele, zumindest kommt es mir im Nachhinein so vor (es kommt dir nicht nur so vor, Anm.). Das soll aber keine Entschuldigung für die letzten Spiele sein. Ein ungewohntes Bild war für uns sicher auch die Tabellensituation, dritter Platz – zweiter Platz – vierter Platz...da haben wir uns selber zu viel Druck gemacht, sind nicht mehr mit der Lockerheit in die Spiele gegangen. Klingt komisch, aber der persönliche Ehrgeiz steht einem dann doch mehr im Weg, als man glaubt!

Während ihr in Potsdam einen Punkt geholt habt, musstet ihr in Frankfurt eine bittere 0:9-Niederlage einstecken. Auch in der Vergangenheit galtet ihr als Angstgegner für Potsdam. Wie erklärst du dir das?

Ja, mit Potsdam ist es schon so eine Sache. Gerne reden wir über unsere Pokalerfolge gegen Potsdam, aber auch ein Unentschieden kann wie ein Sieg gefeiert werden. Gegen Potsdam geben wir immer 120% und scheinbar liegt uns die Spielweise der Potsdamerinnen, so dass dann dabei auch was Zählbares herausspringt. Gegen Frankfurt wollten wir auch 120% geben, schließlich hatten wir zuvor gegen Duisburg im Pokal nach 90 Minuten auch schon ein 2:2 herausgeholt, aber das ging völlig in die Hose. Es gibt ja so schwarze Tage, aber dieser war noch viel dunkler! Meine persönliche höchste Niederlage, so etwas möchte ich nicht noch einmal erleben.

Habt ihr euch sehr über diesen unschönen Abschluss der an sich so erfolgreichen Hinrunde sehr geärgert?

Selbstverständlich. Mit so einer Niederlage im Gepäck geht man nicht gerne in die Weihnachtsferien! Da kann man


Christina Cuhls, Alexandra Gärtner

Alexandra Gärtner (r.) hier mit HSV-Pressesprecherin Brigitte Krause

Bild: Beate Wolter

sich nur mit der Tabellensituation und dem bisher Erreichten trösten, aber es macht eben den ganzen guten Eindruck mit einem Mal zu nichte.

In der Winterpause hagelte es regelrecht Verletzungen, zudem müsst ihr bis auf weiteres auch auf Tanja Wörle verzichten. Bist du da ganz froh, dass ihr in der Hinrunde schon so viele Punkte geholt habt, oder siehst du der zweiten Halbserie dennoch optimistisch entgegen?

Ja, unser Kader hat sich innerhalb dieser Saison schon sehr verändert. Drei Kreuzbandrisse, das lässt sich nicht so leicht verkraften. Wir sind natürlich froh, dass wir schon ein schönes Punktepolster haben, aber dennoch wollen wir unseren Weg aus der Hinrunde weitergehen, uns technischtaktisch weiterentwickeln und möglichst viele Punkte sammeln. Uns hat der krankheitsbedingte Ausfall von Tanja Wörle (Magersucht) sehr bewegt. Habt ihr als Mannschaft davon etwas mitbekommen und habt ihr noch Kontakt zu ihr?

Natürlich bekommst du das innerhalb der Mannschaft mit. Schließlich laufen wir nicht blind durch die Welt. Aber es ist sehr schwierig, Menschen mit dieser Krankheit zu helfen. Wir haben alles versucht, aber für Tanja war es wohl persönlich die beste Lösung in ihre Heimat zurück zu kehren. Aber wer weiß, wenn Tanja wieder Lust hat Fußball zu spielen, ist sie bei uns jederzeit willkommen, aber das weiß sie auch. Uns wird sie fehlen, und das nicht nur auf dem Platz.

Alexandra Gärtner

Die Spielführerin wünscht sich viel Spaß mit ihrer Truppe - den sie augenscheinlich hat.

Bild: Beate Wolter

Eure 2. Mannschaft hat beste Chancen auf den Wiederaufstieg in die 2. Liga, muss nun aber wahrscheinlich einige Spielerinnen für die gebeutelte Erste abstellen. Wie groß werden da die Sorgenfalten bei Claudia von Lanken (Trainerin der 2. Mannschaft, Anm.)?

Für unsere Zweite wird es jetzt richtig schwierig. Mit Miriam Scheib und Vanessa Schröer kommen zwei gestandene Spielerinnen zurück in den Kader der Ersten. Damit wird sich das Team der Zweiten weiter verjüngen. Aber unsere Trainer arbeiten sehr gut zusammen und Spielerinnen, die nicht fest gespielt sind, werden soweit möglich in der Zweiten aushelfen, das ist für uns selbstverständlich.

Du bist jetzt 32. Was möchtest du (mit dem HSV) in deiner Laufbahn noch erreichen?

Erinnere mich nicht an mein Alter, ich bin ja mit Abstand die Älteste im Team (allerdings, durch Miriam ist der Abstand jetzt nicht mehr ganz so groß!!). Meine persönlichen Ziele sind eigentlich relativ überschaubar: einmal dem FFC Frankfurt Punkte klauen, am liebsten noch einmal im Pokalfinale in Berlin spielen und ansonsten reicht es mir, wenn wir viel Spaß in unserer Truppe haben.

Auf eurer Homepage www.hsv-frauen.de betreut jede eurer Mannschaften ihren eigenen „Inside-Bereich“ und versorgt die Fans regelmäßig mit vielen Bildern und Geschichten. Wie kam es zu dieser Idee, die für ein sehr harmonisches Vereins-/Mannschaftsklima spricht?

Alexandra Gärtner

Viel Grund zum Jubeln hatten die HSV-Frauen vor allem in den ersten Spielen der Saison. Hier Marion Wilmes, Silva Lone Saländer, Alexandra Gärtner und Maja Schubert (v.l.n.r.)

Bild: Beate Wolter

Ich denke, für den INSIDE-Bereich bin ich verantwortlich. Ich habe schon damals in Delmenhorst angefangen eine Internetseite aufzubauen und wollte das dann irgendwann beim HSV weitermachen. Neben den offiziellen Informationen, ist es doch auch wichtig über das Geschehen neben dem Platz zu berichten und bei uns ist immer so viel Lustiges passiert - das musste der Nachwelt einfach mitgeteilt werden. Leider bin ich in dieser Saison etwas im Rückstand mit


Informationen und Bildern, was nicht heißt, wir hätten keinen Spaß, sondern es liegt einfach an der Zeit, die mir fehlt.

Alexandra Gärtner

Alexandra Gärtner über den FF: "Es fehlt noch in vielen Bereiche an der "manpower"

Bild: Beate Wolter

Was wünscht du dir für die Zukunft des Frauenfußballs, wie beurteilst du die Entwicklung der letzten Jahre und wo müsste man vor allem ansetzen, um weiter voran zu kommen?

Für den FF wünsche ich mir, dass er den eingeschlagenen Weg weiter geht. Noch mehr Akzeptanz in der Gesellschaft erhält und dadurch höhere Zuschauerzahlen erreicht. Denn nur durch höhere Zuschauerzahlen erhalten wir eine breitere Akzeptanz in den Medien.

Ich denke, in dem Bereich Marketing ist noch vieles ausbaufähig, zumindest bei uns in Hamburg. Das Potenzial ist da, man muss es nur nutzen. Leider fehlt es da in vielen Bereichen an sog. „manpower“. Verrätst du uns, was du beruflich machst?

Ich bin kaufmännische Angestellte in einem professionellen Foto-Einzelhandel und arbeite dort im Einkauf.

Wie bringst du das mit dem Sport unter einen Hut?

Das frag’ ich mich manchmal auch!

Was tut der Verein, um euch die Doppelbelastung aus Beruf/Ausbildung und Sport zu erleichtern? Seid ihr zufrieden mit der Unterstützung durch den Verein bzw. wie hat sich diese entwickelt, seit du beim HSV bist?

Vom Verein und Trainer bekommt jeder die Unterstützung, die er braucht. Wenn Prüfungen oder Klausuren anstehen, dann kann man auch schon mal über trainingsfreie Tage nachdenken. Für mich steht mein Beruf an erster Stelle, aber zum Glück steht mein Arbeitgeber hinter mir und gibt mir für meinen Sport die passende Unterstützung. Ich denke, hier muss jeder für sich selbst eine passende Lösung finden. Der Verein kann einem nicht das Organisieren seines Privatlebens abnehmen. Grundsätzlich können wir in diesem Punkt aber mit unserem HSV zufrieden sein.

Alexandra Gärtner

Alexandra Gärtner beobachtet ihre Teamkolleginnen, wie sie den 1:0-Sieg gegen den FC Bayern München in der vergangenen Saison feiern. Drei ganz wichtige Punkte für den Klassenerhalt damals. Im Vordergrund ist ein T-Shirt vom Pokalfinale 2002 (0:5 gegen den FFC Frankfurt) zu sehen. Geht es nach der Spielführerin, dürften möglichst bald erneut solche Trikots gedruckt werden.

Bild: Beate Wolter

Hast du ein bestimmtes Ritual vor dem Spiel?

Ein Ritual würde ich das nicht nennen, aber sobald ich mit der Konzentration auf ein Spiel angefangen habe, habe ich so eine Art Tunnelblick, da würde ich nicht mal meine Eltern auf der Tribüne beachten!

Hast du dir schon Gedanken über die Zeit nach dem Fußball gemacht? Käme es für dich auch in Frage, mal Trainerin zu werden?

Klar mache ich mir Gedanken über die Zeit nach dem Fußball, das kann ja mittlerweile schneller kommen als geplant. Allerdings steht für mich nur eins fest: ich werde niemals Trainerin. Auf diesen Job hätte ich ehrlich keine Lust, aber ich werde dem Verein sicher treu bleiben und irgendwas im organisatorischen Bereich machen, da wird sich schon was Passendes finden, wenn es soweit ist.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft!

Keine Ursache!


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