1. Bundesliga

"Ziel kann mit dieser Mannschaft nur das Triple sein"

Sandra Albertz und Patrizia Barucha vom 1. FFC Frankfurt im Interview

Text und Bilder von Jochen Ditschler

16.8.2005    Der 1.FFC Frankfurt hat sich trotz des beein- druckenden Auftritts in der letzten Saison, als die Meisterschaft mit 21 Siegen in 22 Spielen gewonnen wurde, weiter verstärkt und jetzt eine potentielle Ersatzbank, die für manch anderen Bundesligaclub komplett auf dem Rasen stehen würde. Jochen Ditschler sprach für FanSoccer mit zwei Spielerinnen, die meist nicht ganz so im Rampenlicht stehen:

Die 22-jährige Patrizia Barucha, bei der Frankfurter Uni-Klinik bis Ende 2006 in Ausbildung stehende Physiotherapeutin, vielfache U-Nationalspielerin und U18-Europameisterin des Jahres 2000, spielte bereits von 2002 bis 2004 beim FFC, bevor sie nach einigem Verletzungspech in der vergangenen Saison zur lokalen Konkurrenz an den Bornheimer Hang wechselte. Nach dem Auseinanderbrechen des FSV zum Ende der vergangenen Saison wechselte sie zusammen mit ihren drei Vereinskolleginnen Smisek, Holl und Bartusiak wieder zurück ans Brentanobad. Mit ihren gerade mal 1,62 Meter wird sie aber auch in der neuen Saison wieder einige Abwehrreihen kräftig durcheinander wirbeln.

Patrizia Barucha in einer Spielszene der letzten Saison im Trikot des FSV Frankfurt

Auch Sandra Albertz kommt ursprünglich vom Bornheimer Hang, spielt aber bereits seit 2003 beim FFC. Die 30jährige Polizei- kommissarin machte in der ver- gangenen Saison als beste Einwechselspielerin der Liga Furore, als sie in 18 Spielen, oftmals nicht über die volle Distanz, mit 17 Treffern gerade mal ein Tor weniger als Birgit Prinz erzielen konnte. Als klassische Mittel- stürmerin will die routinierte Kämpferin natürlich auch in diesem Jahr möglichst viele entscheidende Tore schießen, wenn sie von ihrer Rückenverletzung wieder genesen ist.

Sandra Albertz schoss in der letzten Saison für den FFC Frankfurt 17 Tore und entschied damit einige wichtige Spiele

Was sagt Ihr zu dem Spiel gegen den SC 07 Bad Neuenahr?

Sandra: Das Spiel war sicherlich spannender, als ich es vorher vermutet hätte und auch als es die ersten zehn Minuten erwarten ließen. Da dachte ich schon, das wird eine ganz klare Geschichte, aber dann haben wir uns das Leben unnötig schwer gemacht. Und gerade die Fehler bei Standardsituationen dürfen so einfach nicht passieren. Ich denke, da haben wir noch einiges zu tun.

Patrizia, dir muss man vor allem auch für den Assist zum 5:3 Entscheidungstreffer gratu- lieren. Du hast ja Deine fünf Minuten Spielzeit nach der Einwechslung in der 85. Minute wirklich optimal genutzt.

Patrizia: Danke! Aber es war generell ja schließlich auch das erste Spiel der Saison, und da muss ja jeder erst einmal sehen, wo er steht. Aber im Match ging es von Seiten des SC Bad Neuenahr leider auch manchmal sehr hart zur Sache. Gerade wenn von hinten mit gestrecktem Bein eingestiegen wird, das muss ja nicht unbedingt sein.

Sandra, nach der Vize-Saison 03/04 und dem Meistertitel in der vergangenen Spielzeit: Wie hoch legst Du die Erfolgslatte für Euer Team, aber auch für Dich ganz persönlich in Deiner dritten FFC-Saison?

Sandra: Mein persönlich wichtigstes Ziel ist natürlich vor allem, dass ich schnell wieder gesund werde und ich dann auch selbst meinen Teil dazu beitragen kann, dass wir die gesteckten Saisonziele erreichen. Ich kann das derzeit noch nicht abschätzen, wann ich wieder einsatzfähig bin, und selbst dann habe ich natürlich konditionell Einiges aufzuholen. Aber ansonsten muss man sich mit der Mannschaft, die wir in dieser Saison zusammenhaben, einfach das Ziel Triple stellen. Bei dem Kader wäre es Quatsch, tiefzustapeln und einen Platz im vorderen Mittelfeld anzustreben. Nach der vorletzten Saison, die ja total verkorkst mit drei Vizetiteln geendet hatte, war die Meisterschaft in der letzten Spielzeit schon ein deutlicher Schritt nach vorne, und in diesem Jahr können wir auch endlich auf internationaler Ebene wieder angreifen.

Wie weh hat eigentlich – trotz der souveränen Meisterschaft – in nachhinein die Niederlage im prestigeträchtigen DFB-Pokal- finale gegen Turbine Potsdam getan?

Sandra: Das hat schon sehr geschmerzt. Ich kann jetzt natürlich nur für mich persönlich sprechen, aber ich denke, dass es den anderen Spielerinnen da durchweg sehr ähnlich ging. Wir hatten uns alle viel vorgenommen, und als wir dann auf dem Platz standen, hat sich das so angefühlt wie im Jahr zuvor, das war schon ein sehr unschönes Déjà vu-Erlebnis. Ich weiß noch nicht einmal, woran das gelegen hat, gerade weil wir die Meisterschaft so souverän gewonnen haben.

Patrizia, so im nach hinein: Hast Du es bereut, in der letzten Saison zum FSV gewechselt zu sein oder hat Dich die letzte Saison trotz des verspäteten Einstiegs aufgrund des Formalitäten-Trubels sportlich weiter gebracht? Was waren die für Dich letztlich Ausschlag gebenden Gründe, wieder zurück ans Brentanobad zu kommen?

Patrizia: Naja, die letzte Saison hat mich zwar ein bisschen weitergebracht, andererseits aber auch nicht wirklich viel. Diese Sache mit den Formalitäten hat schwer genervt, da es wohl nur an einer nicht rechtzeitig erfolgten Geldübergabe scheiterte, auch wenn ich bis heute noch nicht weiß, wer an dieser Misere letztendlich Schuld hatte. Und gerade in der Zeit bis Anfang November, als ich deswegen nicht spielen konnte, hatte ich den Wechsel schon sehr bereut. Einer der Hauptgründe für den FSV war meine Ausbildung, die mir sehr wichtig, aber auch ziemlich anstrengend ist, und ich hatte ein bisschen Angst, ob ich jeden Tag


Sandra Albertz (links) und Patrizia Barucha (rechts) in den neuen Trikots des 1. FFC Frankfurt

Training wie beim FFC mit meiner Ausbildung vereinbaren kann. Aber das Umfeld beim FSV, sei es nun die finanzielle Schiene oder auch die Organisation drum herum, war schon manchmal schlimm. Beim FFC ist es mir einfach immer gut gegangen, deswegen wollte ich auch nach der letzten Saison wieder hierher zurück. Hier wird sich um einen gekümmert, mit den Leuten und den Spielerinnen macht das einfach Spaß, und man bekommt eine faire Chance. Zum Schluss bei Frank Fahle war das zwar auch beim FSV wieder gut, aber das kann den ganzen Trubel der Saison vorher nicht überbrücken, und deshalb war es die richtige Entscheidung für mich, wieder zurückzukommen. Zu einigen FSV-Spielerinnen habe ich aber immer noch Kontakt, und auch Frank Fahle war heute im Stadion, um zu sehen, was seine Schützlinge so machen.

Patrizia Barucha in der Saison 2003/2004, als sie mit guten Leistungen zu den drei Vize-Titeln des 1.FFC Frankfurt beitragen konnte, aber wegen Verletzungspech dann lange ausfiel, im Spiel gegen den FSV Frankfurt

Sandra, hast Du noch Kontakte zu Deinem alten Verein?

Sandra: Ich habe nicht wirklich mehr Kontakte zum FSV, eher noch über eine Berufskollegin, die dort spielt, und da unterhält man sich natürlich auch über die aktuelle Entwicklung. Aber den Großteil der Mannschaft kenne ich auch gar nicht mehr, und ich habe inzwischen den nötigen Abstand zum FSV, als dass ich mich da noch größer reinhänge.

Die FFC-Offensive ist ja in dieser Saison mehr als gut bestückt. Wie schwer, denkt Ihr, wird es da werden, sich einen festen Stammplatz im Team zu erobern?

Sandra: Ich bin da ganz ehrlich und weiß, dass es in dieser Saison sehr schwer wird. Aber wenn ich wieder fit bin, denke ich schon, dass ich meine Chance bekommen werde. Das habe ich mir, finde ich, nach der letzten Saison auch verdient, ohne mich jetzt auf den Lorbeeren ausruhen zu wollen. Aber wenn ich sehe, dass es in diesem Jahr einfach nicht reicht, bin ich bestimmt die erste, die das auch anerkennen wird, so ist eben das Leben. Das ist vielleicht auch eine Frage des Alters, ab einem gewissen Zeitpunkt zu erkennen, dass es sportlich nicht mehr weiter geht. Aber ich lasse das erst einmal ganz locker auf mich zukommen.

Patrizia: Natürlich wird es schon schwer werden, bei diesem hochklassigen Kader einen Stammplatz zu bekommen, aber wenn man sportlich dran bleibt, hat man sicherlich seine Chancen. Nicht zuletzt steht uns ja eine lange Saison ins Haus, gerade auch durch die Teilnahme im UEFA-Cup, und da werden schon aus gesundheitlichen Gründen nicht immer alle Spielerinnen zur Verfügung stehen. Aber ich bin natürlich auch realistisch genug, dass ich, wenn alle fit sind, nicht automatisch in der Startelf spielen werde.

Sandra, mit 17 Treffern warst Du in der vergangenen Saison nicht nur die zweiterfolgreichste FFC-Stürmerin, sondern auch die beste Einwechselspielerin der Liga. Was überwiegt da: Stolz über die vielfach spielentscheidende Joker- Funktion oder auch manchmal etwas Unwillen, nicht immer fest in der Startelf gesetzt gewesen zu sein?

Sandra: Klar ist man stolz, wenn man in ein Spiel eingewechselt wird und dann das eine oder andere vielleicht sogar spielentscheidende Tor macht, gerade weil jeder, der selbst Fußball spielt, weiß, wie schwer es ist, in ein laufendes Spiel noch reinzukommen. Zu Beginn meiner Karriere war ich eine sehr schlechte Einwechselspielerin, aber offensichtlich hat sich das mit dem Alter geändert. Aber natürlich bin ich auch ehrgeizig genug, dass ich lieber schon gleich auf dem Platz stehe, und der Ruf, dass ich nur Tore schieße, wenn ich eingewechselt werde, der stimmt so einfach nicht.

Auch am Ende dieser Saison würde Sandra Albertz gerne den Meistertitel feiern, wie hier im Mai 2005 mit Katrin Kliehm.

Sandra, mit 30 gehörst Du ja schon zu den routinierten Spielerinnen, hattest aber bei Tina Theune-Meyer nie so wirklich eine Chance, in die Nationalmannschaft rein zu rutschen. Hoffst Du, dass Du bei der neuen Trainerin Silvia Neid bessere Karten hast, gerade im Hinblick auf die WM 2007?

Sandra: Die WM 2007 ist einfach zu weit weg, zum einen zeitlich, aber weil ich mir da auch gar keine Illusionen mache. Was ich in den letzten Jahren gelernt habe, ist, dass ich, egal wie gut ich jeweils spielte, eigentlich nie eine echte Chance bekommen hatte, noch nicht einmal zu Sichtungs- lehrgängen. Das letzte Mal, dass ich an so etwas teilgenommen habe, war zu einem Zeitpunkt, als ich noch Abwehrspielerin beim FCR Duisburg war. Erst einmal mache ich mir jetzt Gedanken um meine Gesundheit, und dann kann man weitersehen. Mit dem Thema Nationalmannschaft setze ich mich auseinander, falls es konkret werden würde, aber ich halte das für eher unrealistisch.

Patrizia, wie sieht das bei Dir aus? Immerhin warst Du ja schon Europameisterin, wenn auch "nur" bei der U 18 …

Patrizia: Die WM 2007 ist echt noch zu weit weg. Ich muss jetzt


erst einmal beim FFC wieder richtig Fuß fassen und mithalten, und dann kommt schon alles andere. Sicherlich hat man hier gute Voraussetzungen für eine sportliche Karriere, aber es ist nicht so, dass ich jetzt unbedingt sofort in der Nationalmannschaft spielen muss.

Gerade weil ihr nicht zu den "Medienstars" der Nationalmannschaft gehört: Seid Ihr mit dem Bekanntheitsgrad des Frauenfußballs inzwischen zufrieden? Werdet Ihr auch mal auf der Straße erkannt und wie nimmt Euer Bekanntenkreis an Eurer sportlichen Karriere teil?

Sandra: Ab und zu soll es vorkommen, dass ich auf der Straße oder im Supermarkt erkannt worden bin.

Patrizia: Stimmt, mich hat auch schon einmal jemand gefragt, ob ich nicht beim FFC spiele, aber oft passiert das nicht.

Sandra: Immerhin hat mich auch schon ein Fan am Rande eines Einsatzes auf der Hauptwache um ein Autogramm gebeten, als ich dort in Uniform und mit Barett zugange war. Aber gerade bei mir auf der Arbeit wird das ziemlich hochgepusht und innerhalb der Polizeiabteilung auch publik gemacht, dort verbindet eigentlich jeder mit meinem Namen auch Fußball.

Was müsste Eurer Meinung nach getan werden, um das Renommee der Frauenfußball-Bundesliga weiter nach vorne zu bringen?

Sandra: In Sachen Medienpräsenz beißt sich da leider die Katze in den eigenen Schwanz, weil man mit Sicherheit potenzielle Zuschauer mit Fernsehberichten dazu animieren könnte, den Weg von der Couch ins Stadion anzutreten. Andererseits sendet das Fernsehen auch nicht, wenn keine ausreichende Kulisse da ist. Insofern hilft es nichts, nur den Medien die Schuld zuzuweisen, da der Bundesliga-Alltag sehr oft einfach nicht medienwirksam ist. Aber sicherlich wäre es besser, wenn mehr Bundesliga-Spiele im Fernsehen laufen würden, ganz klar, gerade von den Spitzenspielen auch einmal live oder eine längere Übertragung und nicht nur zwei Minuten.

Patrizia: Damit könnte man bestimmt noch den einen oder anderen mehr ins Stadion locken …

Sandra: Andererseits bin ich auch lange genug dabei, dass ich schon sagen muss, dass es im Gegensatz zu früher auf jeden Fall tausendmal besser geworden ist, sowohl im Stadion als auch in der nachgehenden Berichterstattung.

Frankfurt war ja parallel zur Frauen-EM in England Austragungsstätte des Confed Cup und wird auch bei der WM 2006 eine wichtige Rolle spielen. Habt Ihr zwei in den letzten Wochen da auch schon "WM-Fieber" verspürt?

Patrizia: Ich freue mich schon total drauf, dass eine Fußball-WM in unserer Stadt stattfindet. Tickets habe ich zwar noch keine, aber ich würde mir schon gerne das eine oder andere Spiel auch ansehen.

Sandra: Gerade bei mir auf der Arbeit ist die WM schon jetzt tagtägliches Thema. Alles dreht sich um die WM, auch wenn es ja noch ein bisschen dauert, bis der erste Ball in den WM-Stadien rollt. Der Confed-Cup war sicherlich eine ganz nette Generalprobe, aber die Fans, die uns aus Sicherheitsgründen Kopfzerbrechen bereiten, waren ja noch gar nicht da, gerade wenn Engländer oder Holländer auf die Deutschen treffen sollten. Aber ich bin natürlich sehr gespannt, wie das dann im nächsten Jahr abläuft, und ich freue mich schon auf die WM, auch wenn ich jetzt noch gar nicht absehen kann, ob ich überhaupt Zeit habe, dass als Fußballfan zu genießen, da wir natürlich alle schwer im Einsatz sein werden. Ich rechne zwar schon, dass es an der einen oder anderen Ecke Probleme geben wird, aber das gehört zu meinem Beruf, und Angst wegen der Sicherheitslage habe ich jedenfalls nicht.

Was ist Euer Lieblingsplatz in Frankfurt und warum?

Patrizia: Mein Lieblingsplatz ist der Lohrberg. Man hat da eine fantastische Sicht über die Stadt, kann abends ein bisschen grillen und den Tag hinter sich lassen.

Sandra: Stimmt, der Lohrberg ist echt schön. Aber da ich ja ein sehr geselliger Mensch bin, gehe ich auch sehr gerne ans Café an der Alten Oper und trinke da meinen Latte Macchiato, gerade wenn das Wetter schön ist. Und natürlich auch ins Starbucks …

Patrizia: Ja, Starbucks ist auch toll. (Zu Sandra) Da könnten wir uns ja eigentlich gleich einmal verabreden.

Trinkt Ihr dann den Latte Macchiato mit Sirup oder natur?

Sandra: Entweder natur oder in Karamellgeschmack. Ich habe vor kurzem auch Starbucks-Tassen geschenkt bekommen und mir dann noch den Original-Sirup Karamell geholt, damit habe ich jetzt auch zuhause mein kleines Starbucks, falls ich einmal keine Zeit habe.

Patrizia: Bei mir ist es eher der White Chocolate Mocha oder die Chai-Tea Latte.

Letzte Frage: Was habt Ihr Euch feiertechnisch vorgenommen, falls Ihr in dieser Saison wirklich das Kunststück des Triples schaffen solltet?

Patrizia: Wir zwei machen noch mal die Dancing Queen, oder?!

Sandra: Stimmt, das haben wir schon auf der letzten FFC-Weihnachtsfeier gesungen.

Patrizia: Gesungen? Gerade am Ende doch eher gebrüllt … Wir waren beide etwas angetrunken, das war echt Action pur. Vielleicht schaffen wir es ja dann sogar synchron …

Sandra: Naja, das werden wir spontan entscheiden, wenn es soweit sein sollte. Die neue Saison hat ja gerade erst angefangen, und man soll ja den Tag nicht vor dem Abend loben.


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